Zugunruhe, das ist die Rastlosigkeit von Vögeln im Vorfeld ihrer Migration, die nächtliche Sehnsucht, das Gefühl, dem Lockruf der Ferne kaum noch widerstehen zu können – was im Umkehrschluss heißt: Nichts hält mehr an diesem Ort, der zusehends unwirtlich wird. Und unwirtlich, geradezu verloren erscheint dem Protagonisten in Levin Westermanns Debütroman die Welt – und was die Menschen in ihrem Fortschrittssturm daraus gemacht haben. Flankiert von Katastrophenmeldungen, von Berichten über Pandemie und Klimakrise, von Weltraumkolonialisierungsträumen, streift er durch Landschaften der Schweiz und Deutschlands, vorbei an Raketenstationen und misstrauischen Blicken, und protokolliert die ungezügelte Zerstörungswut der Menschen, einer Spezies außer Rand und Band, die vergessen hat, dass sie nicht allein ist auf diesem Planeten, dass sie umgeben ist von Leben, und die allen Warnungen zum Trotz nicht aufhört, jenen Sturm noch weiter anzufachen. So erweist sich die Unruhe letztlich als Ausdruck der Verfallsgeschichte von Natur und Kultur, die Westermann am Kipppunkt einzufangen weiß, als ein Aufbegehren im Angesicht des drohenden Untergangs.
„Zugunruhe“ des Autors Levin Westermann wurde 2024 im Matthes & Seitz Verlag veröffentlicht. Der Schriftsteller, welcher 1980 in Meerbusch geboren wurde, studierte zunächst Philosophie und Soziologie an der Uni Frankfurt, zog dann aber später in die Schweiz, um an der Hochschule der Künste in Bern zu studieren. Er erhielt bereits mehrere Literaturpreise für seine Werke (2020 Clemens-Brentano-Preis, 2021 Schweizer Literaturpreis, für den Ingeborg-Bachmann-Preis stand er 2020 auf der Shortlist)
Wir haben einen Protagonisten, der in Notizen blättert, Zug fährt, durch den Wald läuft und es geht vornehmlich um seine inneren Bewegungen. Die inneren Denkbewegungen eröffnen gleichzeitig eine ganze Welt. Dieser Text ist geschrieben vor dem Hintergrund den wir alle kennen, dass wir Menschen durch unsere Lebensweise, unseren Lebensraum zerstören. Das wissen wir alle und er erzählt eigentlich von der kognitiven Dissonanz, dass das Wissen da ist und trotzdem nichts passiert. Die konkrete Situation dieses Textes ist, dass er einen Auftrag bekommt, über Landschaften zu schreiben. Und die Frage eben immer größer wird, wie das eigentlich gehen soll, über Landschaften zu schreiben. Bei diesem Versuch zu schreiben, aus dem Fenster zu schauen, zu beschreiben was da zu sehen ist, zu erzählen, was er gerade liest, spielen auch seine Lektüren eine große Rolle und es entwickelt sich eine Dynamik in diesem Text. Die Landschaften werden irgendwann welche, in die die Geschichten der Gewalt der Historie auch eingeschlossen sind. Es geht irgendwann über in die Frage: Was ist der Mensch? Ich würde die Antwort hier finden, jemand der Beziehungen durch Macht definiert. Dann geht es zu den Tieren, die Gewalt gegen die Tiere, die auch eine ist, die schnell umschlägt in Gewalt gegen Menschen. Es ist ein essayistischer Text, der tastend sich diesen Fragen annähert. Gleichzeitig ist er ein sprachlich sehr genauer Erzähler, der sehr genau mit Motiven arbeitet. Am Anfang haben wir nämlich im ersten Teil auch den Schwindel, am Ende haben wir Kopfschmerzen. Am Anfang haben wir die Trauer, am Ende die Wut. Und das sind auch Bewegungen, die in diesem Text stattfinden, die ich sehr mich auf eine eigenartige Weise reingezogen haben und auch beschäftigen, weil sie durch so vieles agieren, was im Moment in der Luft liegt. Er bezieht sich auch mehrfach auf Marlen Haushofers „Die Wand“, was dazu geführt hat, dass ich diesen Text gleich im Anschluss gelesen habe, um seine Aussagen besser im Zusammenhang zu verstehen (was aber im Prinzip nicht nötig ist für das Textverständnis, er hatte einfaches ein enormes Interesse meinerseits an der „Wand“ geweckt). Der Pathos mit dem das Buch endet, funktioniert nur, weil er diese Dichotomie aufmacht, zwischen dem bösen Menschen auf der einen Seite, der in die Natur eingreift, narzisstisch und arrogant ist, der immer nur sich für den Mittelpunkt der Welt hält und auf der anderen Seite ist die Unschuld der Natur, ohne den Menschen gewissermaßen, organisch und ganz bei sich, ohne den Menschen würde sich alles zu einem harmonischen Biotop sortieren.
Es gibt eine Szene, die von Indigofinken handelt, auf welche sich auch der Titel „Zugunruhe“ bezieht. Sie behandelt die Frage: warum fangen die Vögel irgendwann an sich zu sammeln und loszufliegen? Da gibt es ein schreckliches Experiment an Indigofinken, die eingesperrt werden in einem Planetarium und man schaltet ihnen die Sterne aus. Die Indigofinken versuchen loszufliegen, sie werden mit Tinte markiert um anschließend zu schauen, in welche Richtung sie starten wollten. Er macht einen Satz und daran sieht man die ganze Qualität dieses Autors und warum es ihm um die Wut geht, er sagt, man hat den Indigofinken die Hoffnung genommen. Hier spricht jemand, der dieser Indigofink ist, der in der Welt keine Hoffnung mehr sieht - das ist das Herzstück des Textes.
Der Text hat mich sehr stark an W.G. Sebald erinnert, der berühmt dafür war, Fotografien in seine Texte zu integrieren, was auch Westermann hier gemacht hat. Es erinnerte mich auch an den gewissen Sebald-Sound, eine Melancholie aufgrund der unglaublichen Zerstörung der Naturgeschichte und der menschlichen Geschichte. Das was wir einander antun und was wir unserer Umwelt antun, geologisch, aber auch den Tieren. In diesem Text gibt es eine wunderbare Szene, wo er beschreibt, dass im 19.Jh in einem britischen Auktionshaus an einem Nachmittag einmal die Gefieder von 400.000 Kolibris versteigert wurden, die man für die Modeindustrie nutzte. Wo 400.000 Vögel gestorben sind dafür. Und er artikuliert seine Melancholie, seine Trauer darüber. Andererseits mündet diese Melancholie in Wut und der Text wird aktionistisch.
Der Autor hat auch einen Preis für Nature Writing bekommen und das leuchtet einem sofort ein. Diese Art, wie er diese Idylle in ihren einzelnen Sedimenten, Ablagerungen von Erdgeschichte, von menschlicher Geschichte, beschreibt und die großen Zeiträume zusammenführt, ist sprachgewaltig.
Die Zugunruhe beschreibt die Rastlosigkeit von Vögeln im Vorfeld ihrer Migration: Sie ist, romantisiert ausgedrückt, eine Sehnsucht nach der Ferne. Levin Westermann hingegen bleibt mit seinem Roman hier, in der Schweiz und in Deutschland. Eine Naturbetrachtung.
Wer häufig in, um oder über Olten pendelt, dürfte unter Zugunruhe zunächst vielleicht etwas anderes verstehen. Mit unserem liebsten öffentlichen Verkehrsmittel hat Levin Westermanns Roman allerdings wenig zu tun (obwohl er tatsächlich an einem Bahnhof beginnt). «Die Landschaft zur Sprache bringen» hatte der Erzähler auf der Website eines Projekts gelesen, für das er nun einen Text schreiben wollte.
In der Folge streift er durch verschiedene Landschaften, lässt sich und seine Gedanken treiben. Überall trifft er auf Spuren, die der Mensch seit Jahrhunderten hinterlässt: Er formt die Landschaft nach seinen Bedürfnissen, nutzt und unterwirft sie – und zerstört sie dabei nicht selten nachhaltig. Kriege und Wohlstand, Pandemien und die Klimaerhitzung schreiben sich in seine direkte Umgebung ein. Dass er seinen Lebensraum mit anderen Lebewesen teilt, blendet er gekonnt aus.
Wer häufig in, um oder über Olten pendelt, dürfte unter Zugunruhe zunächst vielleicht etwas anderes verstehen. Mit unserem liebsten öffentlichen Verkehrsmittel hat Levin Westermanns Roman allerdings wenig zu tun (obwohl er tatsächlich an einem Bahnhof beginnt). «Die Landschaft zur Sprache bringen» hatte der Erzähler auf der Website eines Projekts gelesen, für das er nun einen Text schreiben wollte.
In der Folge streift er durch verschiedene Landschaften, lässt sich und seine Gedanken treiben. Überall trifft er auf Spuren, die der Mensch seit Jahrhunderten hinterlässt: Er formt die Landschaft nach seinen Bedürfnissen, nutzt und unterwirft sie – und zerstört sie dabei nicht selten nachhaltig. Kriege und Wohlstand, Pandemien und die Klimaerhitzung schreiben sich in seine direkte Umgebung ein. Dass er seinen Lebensraum mit anderen Lebewesen teilt, blendet er gekonnt aus.
«Zugunruhe» ist ein Buch der inneren Bewegungen. Gleichzeitig eröffnet der Gedankenstrom eine ganze Welt. Von der Frage, wie über Landschaft zu schreiben ist, geht er über zum Wesen des Menschen, zu Machtverhältnissen, zu Unterwerfung und Gewalt an Tieren. Der Text tastet sich langsam vor, versucht, zu verstehen. Verdeutlicht werden die Erkenntnisse durch Fotografien aus dem Fundus des Autors, ergänzend zur essayistischen Herangehensweise.
Trotz allem wirkt der Text nicht anklagend, sondern vielmehr mitfühlend. Der Erzähler reflektiert das menschliche Verhalten und verspürt dabei nicht selten Wut – und Scham. Anders als mit kognitiver Dissonanz ist unser Verhalten kaum zu erklären. Und doch soll sie keine Ausrede sein.