Vor dem Lesen dachte ich, es würde sich um einen weiteren Ratgeber zur Selbstoptimierung handeln, doch ich wollte dem Buch eine Chance geben. Diehl beeindruckte mich dann tatsächlich direkt im ersten Kapitel mit einer kritischen Interpretation von Irmgard Keuns "Gilgi". Hier wurde ich allerdings auch das erste Mal stutzig: Keun zählt zu den wichtigsten deutschen Schriftstellerinnen; ihre Bücher waren Bestseller in den 30er Jahren und lebten ab den 60ern bis heute noch einmal auf. Sie als "in Vergessenheit geraten" (19) zu bezeichnen, ist daher schlichtweg inkorrekt.
Solche Ungenauigkeiten ziehen sich weiter durch das Buch. Wenn Diehl bspw. in "Muße und Faulheit" eine direkte Verbindung von Luthers Arbeitsethos zur Rassifizierung und Unterdrückung der Menschen im Kolonialismus zeichnet, fehlen hier nicht nur Quellenangaben, sondern vor allem eine Darstellung die der Komplexität dieses Diskurses gerecht wird. So ein Thema lässt sich nicht in ein bis zwei Absätzen abhandeln.
Genauso problematisch empfinde ich die Idealisierung der Eremitinnen und Mystikerinnen, die sich durch den gesamten Text ziehen. Deren Lebensweise außerhalb der Gesellschaft wird extrem romantisiert und entzieht sich den realen Lebensumständen dieser Frauen. Während Mechthild von Magdeburg bspw. höchstwahrscheinlich einer adeligen Familie entstammte (Quelle: Wikipedia u.a.), eine hohe Bildung genossen hatte und sich freiwillig dem Eremitinnendasein hingab, dürften andere Frauen eher Opfer gesellschaftlichen Ausschlusses geworden sein, was sie zu einem Leben im Kloster oder in Einsamkeit verdammte. Die Entscheidung, sich zurückzuziehen und allein im Wald zu leben, wird in den meisten Fällen wohl eher Flucht vor einer misogynen Umwelt gewesen sein, statt "selbstgewähltem Alleinsein".
Damit komme ich auf meinen größten Kritikpunkt zu sprechen: Dieses Buch strotz vor unreflektierter Privilegiertheit und wirkt dadurch an vielen Stellen komplett entpolitisiert trotz scheinbar politischer Thematik. Obwohl Diehl in der Einleitung und im ersten Kapitel fordert, dass mehr Perspektiven von Frauen Beachtung geschenkt werden sollte (15-16), bezieht sie sich dann im Großteil des Buches trotzdem auf die Arbeiten weißer, alter Männer. Diehl beweist Ignoranz gegenüber strukturellen Problemen wie Rassismus und Klassismus—da hilft es auch nicht mehr eine Handvoll Schwarzer Autor*innen oder Autor*innen of Color zu benennen. Sie schreibt das Buch für eine (weibliche, weiße) Zielgruppe, der die Ressourcen zur Verfügung stehen, sich der Leistungsgesellschaft mit all seinen Facetten von 40-stündiger Lohnarbeit bis zur Carearbeit zuhause zu entziehen. Die Beispiele, die Diehl im Laufe des Textes heranzieht, beschreiben dann fast ausschließlich außerordentlich privilegierte Lebensrealitäten. Praktische Handlungsanweisungen zum "Alleinsein" könnte es im Rahmen dieses Buches daher gar nicht geben.
So reiht sich der Text in eine Gruppe von Büchern ein, die letztendlich nur der Selbstdarstellung dient. Um Verwirrung von Vornherein zu vermeiden, hätte das Buch eher "Das Privileg, allein zu sein" heißen sollen. Die Frage, die sich mir zum Schluss stellte, ist, ob "Alleinsein" denn wirklich das Ziel sein sollte. Oder ob es eher darum geht, in Zeiten von gesellschaftlicher Entzweiung und Isolation "bei sich zu sein", um dann unterstützend in der Gemeinschaft wirken zu können.