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Die Vulnerable Gesellschaft: die neue Verletzlichkeit als Herausforderung der Freiheit

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Viele der gegenwärtig sehr heftig geführten Debatten sind Ausdruck einer schleichenden Werteverschiebung. Sie verändert unsere Gesellschaft grundlegend, ist uns aber kaum bewusst. Mehr und mehr scheinen wir bereit, Einschränkungen unserer individuellen Freiheit hinzunehmen, um einem gesteigerten Sinn für Verletzbarkeit gerecht zu werden. So verwandeln wir uns langsam in eine Gesellschaft von »Vulnerablen«. In ihrer mitreißenden Untersuchung macht uns Frauke Rostalski auf diesen neuen Konflikt zwischen Freiheit und Verletzlichkeit aufmerksam – und plädiert für ein offenes Gespräch: Wieviel Vulnerabilität möchten wir uns auf Kosten der Freiheit zugestehen?

189 pages, Paperback

Published March 9, 2024

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8 (11%)
Displaying 1 - 6 of 6 reviews
Profile Image for Mila Runnwerth.
36 reviews1 follower
May 6, 2024
Die Prämisse und viele Überlegungen sind lesenswert. Leider hält sich die Autorin nicht an ihren eigenen Anspruch, die Fallbeispiele nicht zu bewerten. Dann erliegt sie der Versuchung, vulnerabel mit demokratiekritisch oder gar -feindlich zu verwechseln. Und schließlich ist sie bei der Diskurstheorie ein bisschen schlampig und vereinfachend, sodass der Ausstieg aus einem Diskurs wegen mangelnder faktischer Grundlage ins mimosenhafte kippt. Sie diskutiert leider unzureichend, dass Vulnerabilität - wie sie es nennt - die Gesetzgebung gesamtgesellschaftlich gerechter für alle gemacht hat.
Profile Image for Wandaviolett.
487 reviews70 followers
June 2, 2024
Kurzmeinung: Sehr gut formuliertes Essay über die Wertegesellschaft!
Rezensionstitel: Demokratie ist die Lösung!
Die Rechtswissenschaftlerin Frauke Rostalski zeigt auf, wie eine immer mehr sensibel auf Vulnerabilität reagierende Gesellschaft dabei ist, die Grundlagen unserer Gesetzgebung zu verändern. Sie stellt den Grundsatz der Vulnerabilität (Verletzlichkeit) des Einzelnen oder einer Gruppe dem Grundsatz der individuellen Freiheit gegenüber. Schutzbedürfnis und Freiheitsverlangen stehen immer in einem Spannungsverhältnis, denn der Schutz des einen schränkt die Freiheit des anderen ein. Je mehr Vorschriften, desto weniger Freiheit/en. So einfach ist das.
Frauke Rostalski gibt zu bedenken, dass jede gesetzlich geregelte Schutzvorschrift die Eigenverantwortlichkeit der Bürger schwächt und zwar aller Bürger, nicht nur derjenigen, die direkt von der neuen Vorschrift betroffen wären, denn die Summe (aller neuer Schutzvorschriften) macht es letztlich aus, es wird immer mehr Verantwortung an den Staat abgegeben, der dadurch aber auch immer mehr an Autorität gewinnt. „Alle verlieren Freiheit, auch die Vulnerablen (Verletzlichen), sobald der Staat eingreift“. Sie zeigt dies alles wertneutral auf und macht lediglich darauf aufmerksam, dass und welche Probleme für die Demokratie entstehen.
Besonders besorgt muss man sein, wenn die Diskussion darüber, wohin sich die Wertegesellschaft entwickeln soll, dadurch behindert wird, dass schon der Diskurs per se als unangemessen, als Angriff oder als verletztend betrachtet wird (Diskursvulnerabilität). „Auch die Demokratie ist verletzlich. Und zwar insbesondere dann, wenn es um ihr Herzstück, den freien Diskurs geht“. Demokratie lebt vom Streiten, vom Austausch, vom gemeinsamen Aushandeln von Interessen und Demokratie ist nicht immer bequem.
Die Autorin spricht von Konformitätsdruck, der eine echte Auseinandersetzung verhindert, das heißt, eine gesamtgesellschaftliche, eine, in der alle Positionen gehört werden, auch die unbequemen, die konträren, die, die man persönlich vielleicht als unzumutbar empfindet. Gesamtgesellschaftlich muss dies ausgehalten werden. Resilienz ist erwünscht. Wer fordert, dass von vorneherein bestimmte unliebsame Meinungen oder Personen des runden Tisches verwiesen werden, verhält sich autoritär. „Einzelne beanspruchen vor dem Hintergrund ihrer Weltanschauung und ihrer politischen Ziele, festlegen zu können, welche Fragestellungen, Themen und Argumente (moralisch) verwerflich sind. Wer nicht mitspielt, muss damit rechnen, diskreditiert zu werden.“ Das Wesen einer Demokratie ist anders.

Das Leseeerlebnis:
Frauke Rostalski formuliert glasklar. Keine Schachtelsätze. Man ist schnell auf Stand, was die neuesten Entwicklungen in punkto Gesetzgebung und Rechtsprechung betrifft. Der große Wert des Essays ist es, den Zusammenhang aufzuzeigen von berechtigten/unberechtigen Schutzinteressen und berechtigtem/unberechtigem Freiheitsausübungsanspruch. Der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit führt zu einem Ausgleich zwischen beiden, dieser Ausgleich muss aber in einem gesamtgesellschaflichen Diskurs ausgehandelt und ausdiskutiert werden, von dem keiner, der sprachmächtig ist, ausgeschlossen werden darf. Demokratie ist manchmal eine Zumutung und trotzdem die Lösung und nicht das Problem, weil keiner, auf das Ganze gesehen, benachteiligt wird, wenn alle gehört werden. Weil eine adäquate Interessensabwägung unter Einbeziehung aller langwierig und anstrengend sein kann (und wie gesagt, sogar ärgerlich), sagen nämlich manche, dass der demokratische Prozeß ein Hindernis sei, einge dringend anstehenden Probleme zu lösen, doch das ist ein Trugschluss. Noch einmal: Demokratie ist nicht das Problem, sondern die Lösung.

Fazit: Es ist natürlich unbequem, Interessenskonflikte öffentlich und gemeinsam auszutragen, ohne jemandem das Wort zu verbieten. Doch in einer Demokratie muss man das aushalten.

Kategorie: Sachbuch. Politik und Jurisprudenz
C.H. Beck, 2024
Nominiert für den Deutschen Sachbuchpreis 2024
Profile Image for Tim.
204 reviews8 followers
April 10, 2026
Die Argumentation in diesem Buch ist so notdürftig zusammengetackert, dass es mir schwerfällt, mit "Sachargumenten", die Rostalski penetrant einfordert, darauf zu reagieren. Ich will es einmal versuchen! Rostalskis Argumentation hat zwei Stränge.

Im ersten Strang geht es um Vulnerabilität als einem Trend- und Modewort, bei dessen Verwendung Rostalski eine Abfolge von typischen Schritten sieht:
(a) Vulnerabilitätszuschreibungen an sich selbst oder an andere nehmen zu ("Steigerungslogik"). Als vulnerabel gelten längst nicht mehr nur Randgruppen, sondern Formen der Vulnerabilität werden weiten Teilen der Gesellschaft oder sogar der Gesellschaft als Ganzes zugeschrieben. (Ist das ein langfristiger Trend oder nicht schon längst wieder vorbei!?)
(b) Vulnerabilitätszuschreibungen gehen mit Rufen nach besserem Schutz einher, wobei der Adressat dieser Rufe der Staat ist. (Es gibt aber durchaus Beispiele, in denen die Betroffenen alleine oder gemeinsam Resilienz selbstwirksam erarbeiten wollen und können!?)
(c) Der Statt reagiert mit Freiheitseinschränkungen und zwar wird die Freiheit von allen beschnitten, auch die Freiheit derer, die ursprünglich geschützt werden sollten. (Das Verbot von Gewalt in der Erziehung schränkt also nicht nur die Freiheit der Eltern und Erziehenden ein, sondern auch die Freiheit der Kinder, weil sie nicht mehr von einer vielleicht doch situativ angemessenen Ohrfeige profitieren können!?)
Ob die Vulnerabilitätszuschreibungen plausibel sind und ob die resultierenden Freiheitseinschränkungen angemessen oder überzogen sind, will Rostalski dabei bewusst nicht beurteilen; sie will lediglich eine ihres Erachtens notwendige Debatte anstoßen. Beispiele, die sie nennt, sind: Äußerungsdelikte, Verletzung der sexuellen Selbstbestimmung (von Vergewaltigung in der Ehe bis Catcalling), Gendern, Sterbehilfe, Gehsteigansprachen (im Kontext Schwangerschaftsabbruch) und Pandemiepoltitik. Beispiele, die sie nicht anspricht, sind dementsprechend die eigentlichen politischen Großfragen unserer Zeit, wie Klimawandel (erwähnt werden lediglich die angeblich demokratiegefährdende Letzte Generation), Sozialsysteme (Krankenversicherung, Rente, Bürgergeld), Schuldenbremse und Zerfall der Infrastruktur, Kriegsgefahr und Wehrpflicht, Kinderarmut, Mangel an (bezahlbaren) Wohnraum oder die (vermeintliche) Verletzlichkeit des Staates angesichts "grüner und linker Spinner" oder gar Buchhandlungen.

Im zweiten Strang geht es Rostalski um eine bestimmte Form der Vulnerabilität, nämlich Diskursvulnerabilität. Diese besteht darin, dass Menschen sich bereits durch gesellschaftliche Diskurse verletzt fühlen. Es ist eine Sache, ob die Existenz besonders vulnerabler Menschen eine Maskenpflicht rechtfertigt. Eine ganz andere Sache ist, ob die Existenz besonders vulnerabler Menschen ein Beendigung der Debatte um eine Maskenpflicht rechtfertigt. Diskursvulnerabilität sei problematisch, weil sie zur Verrohung des Diskurses beitrage oder gar in Diskursverweigerung gipfele.

Rostalskis Buch liest sich wie ein einzige Aneinanderreihung von *confirmation biases*. Rostalski sucht nicht systematisch nach Beispielen, die ihre These widerlegen könnten, sondern beschränkt sich auf wenige Themen, die ihr ins Narrativ passen. Es gibt Beispiele für Vulnerabilitäten, bei denen nach staatlichen Regelungen gerufen wird (siehe oben), aber auch Vulnerabilitäten, bei denen das gerade nicht geschieht (Überwachung linker Gruppen, Kollapsbewegung und ihr Konzept des *social prepping*). Es gibt Diskurse, die an fehlender "Meinungsfreiheit" kranken (wenn damit gemeint ist, dass Meinungen auch mal sehr grundsätzlich kritisiert werden und wenig Gehör finden), aber auch Diskurse, die an Desinformation, Desinteresse, Einflussnahme durch Partikularinteressen usw. scheitern. Es gibt politische Debatten, auf die Rostalskis Diagnose einer Steigerungslogik der Vulnerabilitäten passt, aber auch Beispiele, bei denen ihre Diagnose überhaupt nicht in Gang kommt.

Das Buch leidet aber auch unter Rostalskis selbstaufgelegter Neutralität. Sie betreibt damit Diskursverweigerung: *Einerseits* sei ein offener Diskurs essentiell für die Demokratie, *andererseits* will Rostalski tunlichst nicht in diesen Diskurs einsteigen. Einen Diskurs anmahnen, in dem man dann selbst nicht Farbe bekennt, ist ein gefährliches Spiel. Man blockiert damit Lösungen, da man Diskurse offen hält, ohne sie voranzubringen. Einen Diskurs anmahnen ohne eigene Position sollte man nur, wenn eine Gesellschaft sich einer Debatte hartnäckig verweigert. So kann man anmahnen, dass D sich seiner kolonialen Vergangenheit stellen müsse, ohne selbst eine Position vertreten zu müssen. Aber man kann nicht anmahnen, dass wir die Einführung der Kindergrundsicherung weiter diskutieren und verschieben müssen, weil erst einmal andere (aber nicht man selbst) vielleicht noch einen Einwand vorbringen möchten (den man aber nicht benennen kann, das müsse man dem Diskurs überlassen). Wir erfahren nicht einmal, welche Gesichtspunkte und Kriterien in dem Diskurs "Schutz vor Verletzungen" vs. "Freiheit und Eigenverantwortung" ihres Erachtens maßgeblich sein sollten. Die Ratschläge "das müssen andere (aber nicht ich, ich bin neutral) in Ruhe abwägen" und "mehr Sachargumente" sind völlig nichtssagend. Was müsste in unseren gesellschaftlichen Debatten geschehen, damit Rostalski anerkennen würde, dass "sachlich" und ohne "Sprechverbote" diskutiert wird und unsere Demokratie wieder einwandfrei funktioniert? In ihrem Buch verrät sie es jedenfalls nicht.
Profile Image for Buchdoktor.
2,440 reviews195 followers
May 14, 2024
Frauke Rostalski befasst sich aus der Perspektive der Juristin und Rechtsphilosophin mit dem Konflikt zwischen zunehmend wahrgenommener Verletzlichkeit bestimmter Gruppen, der daraus resultierenden Einschränkung der Freiheit der gesamten Gesellschaft und von „Diskursvulnerabilität“, der generellen Ablehnung bestimmter Themen in Debatten und der Personen, die sie vertreten. Die Wahrnehmung des Konflikts und des Begriffs Vulnerabilität seien laut Rostalski während der Corona-Pandemie intensiviert worden; die Annahme von Vulnerabilität führe generell zu Werteverschiebungen. Als besonders verletzlich und damit schützenswert sieht die Autorin aus der Erfahrung der Pandemie außer Alten, chronisch Kranken, Kindern, Jugendlichen und Nutzern des digitalen Raums einerseits Bevölkerungsgruppen wie Geflüchtete oder Gewaltopfer, aber auch arme Staaten, Lebensphasen und die kritische Infrastruktur.

Rostalski betont, dass sie nicht inhaltlich diskutieren und ihr Thema unabhängig von der eigenen Rechtsauffassung vermitteln wird. Sie setzt den Rahmen, der von ihren Leser:innen selbst mit Beispielen auszufüllen ist. Auf der Basis, dass Vulnerabilitäten grundsätzlich Einfluss auf die Rechtsprechung haben, geht sie der Frage nach, ob der Schutz von Minderheiten generell eine Benachteiligung der Mehrheit verursachen muss und ob die Vorstellung eines Verteilungskonflikts/Nullsummenspiels überhaupt zielführend ist. Schließlich warnt Rostalski davor, dass staatliches Eingreifen stets den Verlust von Freiheiten aller Beteiligten bedeutet, auch der vulnerablen Gruppe, die durch eine Sonderregelung ursprünglich geschützt werden sollte. Die Autorin sieht in wachsender Wahrnehmung von Schutzwürdigkeit das Risiko abnehmender Autonomie und Resilienz gegenüber Risiken bei zunehmender Forderung nach staatlichen Eingriffen, die jedoch wiederum zur Ablehnung des intervenierenden, schützenden Staates führen. In der vulnerablen Gesellschaft seien Einzelne unfähig, persönliche Risiken selbst zu bewältigen.

Interessanter als den Einstieg (der sich im Kreis zu drehen scheint) fand ich die Themen Debattenkultur und Diskursvulnerabilität, hier besonders Konformitätsdruck auf Studierende und Lehrende an Hochschulen. Zur Einschränkung des freien Diskurses nennt die Autorin u. a. die Themen Pandemie, Ukrainekrieg, Klimawandel und diverse Fragen des Universitätsalltags. Sie verdeutlicht, dass inzwischen nicht mehr kontroverse Themen relevant seien, sondern Emotionen, die sie hervorrufen, und Personen, die sie vertreten. Den in der Demokratie essenziellen Diskurs und die Demokratie an sich sieht Rostalski gefährdet, wenn Themen und ganze Gruppen gecancelt/ausgeschlossen würden.

Fazit
Ihre Einschätzung, wir befänden uns mitten in einem Kulturkampf, in dem Menschen immer weniger bereit seien, Rücksicht zu nehmen, ist m. A. Grund genug, sich mit Rostalskis Buch näher zu befassen.
Profile Image for Pwyllugh.
267 reviews10 followers
July 9, 2024
Mir gefiel die Neutralität des Textes sehr gut. Ein schönes Plädoyer für eine pluralistischen Gesellschaft, in der die Meinung anderer akzeptiert werden muss. Dass sie im Grunde allen Mitgliedern Diskursvulnerabilität "unterstellt" fand ich ein interessanter Ansatz. Auch fand ich es schön nochmals vor Augen geführt zu bekommen, dass diese Diskurse überhaupt erst möglich sind, eben weil wir in einer Demokratie leben.
Ansonsten war der Text ziemlich eintönig und er wiederholte sich oft. Dafür war er aber auch sehr klar geschrieben.
Profile Image for Matthijs.
175 reviews8 followers
January 3, 2025

"Wij" vinden anderen en onszelf kwetsbaarder dan voorheen. De overheid is er om die anderen en ons daarin te beschermen. Daarom nieuwe wetten en toenemend aantal rechtszaken. Dat gaat weer ten koste van individuele vrijheid.
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