Das Weinen eines Babys löst universal bei allen Menschen die gleichen Emotionen aus. Aber ein Weinen bedeutet nicht immer Hunger, Schmerz oder Einsamkeit. Das Weinen der Babys ist eine geheime Klangwelt. Seit mehr als 40 Jahren untersucht Kathleen Wermke auf fast allen Kontinenten vorsprachliche Babylaute – sie hat einzigartige Melodien, Intervalle und rhythmische Akzentuierungen gefunden. Und obwohl die Babygesänge zwar in gewisser Weise anderen Natursängern wie Walen, Delfinen oder Singvögeln ähneln, ist ihr Singsang der einzige, aus dem sich später Sprache entwickelt. In ihrem ersten Buch belegt die »Babyflüsterin« mit vielen Hörbeispielen eindrucksvoll, wie aus melodischem Singsang Sprache wird und dass zum Beispiel japanische Babys ganz anders klingen als italienische.
Die evolutionäre Entwicklung der Sprache ist immer noch ein Geheimnis. Die Erforschung der menschlichen "Gesänge" von der Geburt bis zum Artikulieren erster semantischer Klänge, der sich die Autorin ein Leben lang gewidmet hat, lässt auf einen "musikalischen" Ursprung schließen. Sprache könnte sich aus Melodie und Rhythmus als vorsprachlicher Urausdruck von Emotion herausgebildet haben. Als Musiker fasziniert es mich schon immer, dass aus Melodien Gefühle werden, und es ist offenbar eine uralte Intuition, mit der Modulation der Stimme (oder mit Instrumenten) Gefühle anzuregen. Jedenfalls ein weiterer Puzzlestein in einem noch sehr rätselhaften Gebiet.