"In ihrer unreflektierten (Verbots-) Variante ist die Kritik der Appropriation dem hegemonialen Diskurs der neoliberalen Fragmentierung und Entsolidarisie-rung näher, als sie es sich eingestehen will. Dagegen wäre eine Ethik des Appropriierens zu setzen, die um die Ursprungslosigkeit aller kulturellen und Selbst-Verhältnisse weiß; eine Ethik, die das Fremde im Eigenen freudig umarmt - und der die Solidarität im Diversen wichtiger ist als der Kampf aller gegen alle."
Das Buch beschäftigt sich mit der Debatte um "Kulturelle Aneignung", eine Praxis die laut vielen angeblich rassistisch sein sollte. Der Autor erklärt wie schwachsinnig das ist, auch wenn das intuitiv gut gemeint sein sollte. Er erzählt die Geschichte von Blackfacing, von Jim Crow und den historisch ersten tatsächlich auf Rassismus basierten Aneignungen. Er spricht über Karl Mays Bücher und deren Platz fürs deutsche Selbstverständnis in der Nachkriegsgeschichte. Er schlägt einen Bogen zur heutigen Zeit und unterstreicht, wieso die Debatte heutzutage deplatziert und überzogen ist.
"Appropriation ist ein umkämpfter Begriff, geradezu ein begrifflicher Knotenpunkt der kulturellen Kämpfe in unserer Gegenwart, Wer kulturelle Aneignung, »cultural appropriation«, betreibe, der macht sich - einem vielerorts verbreiteten Verständnis zufolge - eines Vergehens schuldig:
Angehörige einer herrschenden Kultur beuten Erzeugnisse marginalisierter Kulturen aus, um sich damit zu schmücken, ohne den Erzeugern und Erzeugerinnen den nötigen Respekt zu erweisen.
Gegen diese Kultur der raubenden Aneignung hat sich breiter Protest erhoben. Er zielt darauf, Ap-propriation zu ächten und zu verbieten." Der Im-puls, der hinter diesem Protest steht, ist, wie ich gezeigt zu haben hoffe, leicht nachzuvollziehen.
Es ist intuitiv richtig, dass Weiße sich nicht mit
»blackfacing« als Schwarze kostümieren sollen, ebenso wie es unmittelbar einsichtig ist, dass sich in der weißen Ausbeutung schwarzer Musik - seit Al Jolson und Elvis - ungerechte Machtverhältnisse spiegeln und zementieren. Ebenso nachvollziehbar ist indes das intuitive Unbehagen daran, kulturelle Aneignung generell zu ächten. Denn es ist schlechterdings keine Kultur denkbar, die sich nicht aus der Aneignung vorangegangener kultureller Formen ergibt. Wer Appropriation prinzipiell zu einem Vergehen erklärt, das es zu verbieten gilt, raubt letztlich der Kultur jede Beweglichkeit und jedes Leben."
Der Autor erkennt zu recht, dass eine Kultur noch nie einen einzelnen Ursprung hatte. Dir suche nach einem einzelnen Ursprung sei so vergeblich wie die Suche nachdem Ursprung des Lebens. Kulturen waren schon immer hybrid, schon Jahrtausende vor der Globalisierung.
"Dass kulturelle Appropriation in den Debatten unserer Gegenwart vor allem im Modus des Verbots diskutiert wird, spiegelt den Willen zum Widerstand gegen eine als hegemonial empfundene Kultur der ausbeutenden Aneignung der Kultur von Minderheiten. Wer sich dergestalt zum Fürsprecher marginalisierter Gruppen erhebt, begibt sich und drängt diese indes, wie etwa der post-koloniale Theoretiker Homi K. Bhabha zu Recht kritisiert, nicht nur unweigerlich in die Position schwacher Opfer ohne eigene Handlungsfähigkeiten. Sondern appropriiert für »seine« Kultur gerade jenen Zustand der Authentizität, der ihr von den weißen Appropriateuren früherer Generationen in ausbeutender Absicht zugewiesen wurde. Diese Kritik der Appropriation beruht also ihrerseits auf einer Verkennung. Nicht zufällig erfreut sie sich gerade so großer Beliebtheit in einer historischen Phase, in welcher der Austausch, die gegenseitige Durchdringung und Hybridisierung - oder wie Edouard Glissant sagen würde: die Kreolisierung - aller Kulturen globale Ausmaße angenommen hat.
Es handelt sich um ein Abwehrgefecht; doch um eines, das in der Abwehr des Anderen die konstitutive Hybridität des Eigenen verkennt.
Es gibt kein Außerhalb der Macht, so hieß es einst bei Michel Foucault. Es gibt kein Außerhalb der Appropriation - so könnte man anschließend daran formulieren; es ist sogar so, dass jede emanzipatorische Form der Kultur notwendig eine diverse, also appropriierende ist. Eine Ethik der Appropriation müsste sich also nicht in der Form des Verbots konstituieren, sondern vielmehr in der Form des Gebots: Appropriiere!
Aber tue es richtig"
Das Buch habe ich von der Seite der BPB erhalten, und ich hatte bereits befürchtet, dass es ein weiteres Werk sein könnte, das zur fortschreitenden Banalisierung des antirassistischen Diskurses beiträgt. Doch das tat es nicht – und das freut mich sehr.
Das vom Autor verwendete Beispiel des amerikanischen Hip-Hops ist äußerst gelungen, denn es unterstreicht, wie eine ursprünglich „schwarze“ Musikrichtung es an die Spitze der Musikindustrie geschafft hat. Ich schreibe diese Rezension zwei Tage nach der Superbowl-Halbzeitshow, bei der Kendrick Lamar Hunderten Millionen weißer Zuschauer seine Worte, seinen Slang und seine Gefühle zum Nachrappen brachte.
Natürlich könnte man argumentieren, dass diese Zuhörer niemals wirklich wissen können, wie es sich anfühlt, ein schwarzer Mensch zu sein – und das stimmt auch. Aber Kendrick Lamar schafft es dennoch, Millionen von Teenagern zu inspirieren. Viele von ihnen würden gerne so sein wie er, nach Hunderten von Jahren der Unterdrückung. Millionen weißer Kinder bewundern brillante schwarze Rapper wie Kendrick Lamar. Was für eine inspirierende Geschichte!
Im deutschen Diskurs ist es ähnlich: Jahrelang lachten viele über Musiker wie Haftbefehl, Celo und Abdi – wegen ihrer „komischen“ Betonungen, ihrer ungewohnten Wortwahl und vielleicht auch wegen ihres Aussehens. Doch heute reicht ein kurzer Blick auf TikTok, um zu sehen, wie viele durchschnittliche „Bio-Deutsche“ ihre Texte nachrappen. Es ist cool, Haftbefehl zu hören – und es ist längst kein Grund mehr, auf der Straße schräg angeschaut zu werden, wenn seine Musik laut aus den Autoboxen dröhnt.
Wenn das kein riesiger Beitrag zur Emanzipation und zum Kampf gegen Rassismus ist, dann weiß ich nicht, was es sonst sein könnte. Natürlich kann man argumentieren, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen nicht genau wissen, welche Kämpfe ethnische oder kulturelle Gemeinschaften führen müssen, um ihre Kultur frei auszuleben. Aber als Kurde freue ich mich, wenn ich Jugendliche mit kurdischen Tüchern sehe. Ich freue mich, dass der Slogan „Jin, Jiyan, Azadî“ (Frauen, Leben, Freiheit) zu einem Symbol der feministischen Bewegung geworden ist.
Ja, manchmal wirkt solche Aneignung befremdlich oder unauthentisch, aber sie ist keineswegs rassistisch – im Gegenteil.
Leseempfehlung: 5 von 5 Sternen.