Wie würdest du dich entscheiden, wenn du mehrere Persönlichkeiten in dir hättest und nur eine überleben könnte? Welcher Teil von dir würde als Sieger hervorgehen? Würdest du die Welt retten, auch wenn deine eigenen Überlebenschancen dabei nicht gut aussähen? Ein Glück, dass unsere Helden mehrere Versuche haben, diese Frage zu beantworten. In der titelgebenden Geschichte erfahren wir etwas über eine Krankheit und warum es so seltsam ist, dass die Sterne am Himmel auf uns herab leuchten. Und hast du schon mal darüber nachgedacht, wie man mit dem Mond Werbung machen könnte? Wie weit würdest du gehen, um deinen in die Jahre gekommenen Androiden zu retten und was versteht man überhaupt unter »Normalität«? Wie würdest du reagieren, wenn plötzlich eine Einladung der NASA in dein Postfach geflattert käme, dem Erstkontakt mit einer unbekannten Spezies beizuwohnen? Dieses Buch vereint zum ersten Mal sieben beeindruckende Erzählungen südkoreanischer Science-Fiction-AutorInnen und gibt uns neue Einblicke in die faszinierende Literaturszene des Landes.
»Die erste Anthologie koreanischer Science Fiction in deutscher Sprache«, so heißt es auf dem Klappentext. Diese Anthologie ist ein tolles Projekt und präsentiert sieben SF–Geschichten aus Südkorea. Ich denke, dafür brauchte es ein engagiertes Team und das hat Sylvana Freyberg hier versammelt. Das Buch erscheint neben dem eBook als Klappenbroschur in »Memoranda–Qualität« mit schönen Zeichnungen von Daniel Lozano und lohnt sich als Einstieg in südkoreanische SF.
Gleich die erste Geschichte »Die Sterne leuchten am Erdenhimmel« von Kim Bo–Young hat mir sehr gut gefallen. In ihr schreibt die Ich–Erzählerin einen Brief an ihren Bruder. Sie leidet an Nekrolepsie, einer Krankheit, die umgangssprachlich »Schlafkrankheit« genannt wird, und fällt regelmäßig in Ohnmacht. Die Geschichte nimmt eine sehr überraschende Wendung, bei der der Titel eine wichtige Rolle spielt. Dieser Titel ist nämlich der Text einer Radiobotschaft, deren Interpretation überrascht. »Nightfall« und das »Olberssche Paradoxon« fielen mir als Stichworte ein und mehr soll wirklich nicht verraten werden. Eine sehr schöne Geschichte mit einer überzeugenden Erzählerin. »Pentagon« von Djuna hat mir anfangs Probleme bereitet: Da waren zu viele Personen, mit deren koreanischen Namen ich Probleme hatte. Die Beziehungen untereinander waren mir unklar, es gab verworrene Andeutungen und kaum klaren Weltenbau. Die Geschichte wirkte irgendwie wie ein Krimi. Nach und nach lichtete sich dann der Nebel und ich verstand, dass es um ein in der SF gern unterschätztes Problem geht: Unser Ich besteht eben nicht nur aus Daten im Gehirn und die Extraktion und Speicherung dieser Informationen ist erst der Anfang, wenn man eine menschliche Persönlichkeit übertragen will. Mit dem Ich–Erzähler wurde ich allerdings nicht warm. Seine seltsame Persönlichkeit ist aber Teil dieser guten Geschichte um ein spannendes Thema. Lee Sanhwa schrieb mit »Neustart« eine Geschichte, bei der es schwierig ist, nicht zu viel zu verraten, weil das den Lesespaß verderben würde. Zwei Astronauten stürzen beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre ab und geraten in eine Zeitschleife. Dadurch erleben sie den Absturz immer wieder neu und sie versuchen immer verzweifelter, aus ihrer Lage zu entkommen. Schnell stellt sich heraus, dass es um viel mehr geht: Die gesamte Menschheit ist bedroht und um die Zeitschleife gibt es ein größeres Geheimnis. Es war faszinierend, den Versuchen und Gedanken der beiden zu folgen, das las sich wie eine klassische SF–Story, die schon vor etlichen Jahren verfasst hätte werden können. Dabei konzentriert sich die Geschichte auf die Problemlösung mit einer gewissen Charakterisierung der beiden Figuren und ihrer Rollen. Gefehlt haben mir tiefere Gedanken und Formulierungen, die hängen bleiben könnten. Die Suche nach einer Lösung des technischen Problems steht verständlicherweise stark im Vordergrund. Die Konsequenzen aus den Gedanken zur grundlegenden Ursache ihrer Situation werden aber vernachlässigt. Zum Ende sage ich nichts, fand es aber gelungen. Die Ich–Erzählerin in Lee Seoyoungs »Ein Hauch von Vintage« hat Probleme mit ihrem Sexroboter. Interessant fand ich den Anfang: Dort diskutiert sie mit einer Freundin über die Unterschiede zwischen ihrem alten Modell und den neueren Modellen. Später testet sie verschiedene neue Modelle aus. Letztlich geht es um den Unterschied zwischen »echten« Erfahrungen, »echten« Berührungen und bloßer »Gehirnwellen–Stimulation«. Für mich eine schwächere Geschichte, bei der ich keine Beziehung zur Ich–Erzählerin aufbauen konnte und die mich eher gelangweilt hat. In »Eine ganz normale Ehe« von Bora Chung stellt ein Mann fest, dass seine Frau anders ist, sehr anders. Die Geschichte ist spannend und unterhält. Allerdings ist die Sicht des Mannes auf seine Frau befremdlich und wirkt auf mich altmodisch. Er beschreibt sie gern als »niedlich«. Andere Verhaltensweisen, wie das übermäßige Trinken beim Geschäftsessen, und auch die Art und Weise, wie die Beiden sich kennenlernen, fand ich seltsam. Hier liegen wahrscheinlich kulturelle Unterschiede vor und mir fehlen Kenntnisse der südkoreanische Gesellschaft. Von Park Seolyeons »Sisff« hatte ich mir mehr versprochen. Die Ich–Erzählerin wird als koreanisch sprechende Schriftstellerin ausgewählt, mit einem zur Erde geflüchteten Außerirdischen zu kommunizieren. Sie ist dabei nicht allein, viele Schriftsteller treffen sich mit dem Außerirdischen. Breiten Raum nimmt die Beschreibung der Umstände ein, bis es zum Kontakt kommt. Dabei waren die Schilderungen des Außerirdischen, seiner Gestalt und Sprache faszinierend, das eigentliche Gespräch ist aber etwas enttäuschend. Vielleicht war es die Zurückhaltung der Ich–Erzählerin und der mangelnde Weltenbau, die mich etwas enttäuscht haben. Für mich hört die Sammlung genauso gut auf, wie sie begonnen hat: In »Genesis« von Jeon Samhye nimmt eine Person Abschied, Abschied von den Menschen, Abschied von der Erde und Abschied von ihrer Liebe. Lia ist allein auf dem Mond, der von den Menschen auf eine besondere Art und Weise umgestaltet wurde. Die Geschichte hat eine überraschende Idee zum Mond und erzählt eine berührende Liebesgeschichte.
Der überwiegende Anteil der Geschichten wurde übrigens von Autorinnen geschrieben. SF–Kurzgeschichten–Fans haben die Gelegenheit, einmal über den Tellerrand zu schauen und sollten sie nutzen. Es sind originelle Geschichten aus einem Land, aus dem sie bestimmt noch nicht viel gelesen haben.
Als jemand, der stark an Film und Fantastik aus Süd-Korea interessiert ist, war diese Anthologie für mich ein Muss. Aus Gründen, die wenig mit den Stories zusammenhängen, tat ich mich schwer, in sie hineinzukommen. Liegt es an der doch fremden Gedankenwelt Koreas, die sich auch in der Herangehensweise an den Stoff äußert? Ich habe zum Beispiel die Grundidee der titelgebenden Geschichte "Die Sterne leuchten am Erdenhimmel" lange nicht erfasst. "Pentagon" war ziemlich abgefahren und hinterließ bei mir einen wirren Eindruck. "Neustart" hingegen enthielt mehr bekannte Erzählmuster. Eine spannende Zeitschleifen-Geschichte. In "Ein Hauch von Vintage" geht es um die Beziehung zu einem Liebesroboter. Die Ich-Erzählerin erzählt recht freimütig von ihren Erfahrungen, was sehr kurzweilig war, nur der Einstieg in die Geschichte war holprig. Es ist eine Welt, in der Männer eine eher unerfreuliche Randerscheinung sind. "Ein ganz normale Ehe" ist dazu ein klug gesetzter Kontrast. Ein Mann erzählt von seiner Ehe mit einer Frau, die sehr viel telefoniert und ihm dann etwas offenbart, das seinen Horizont übersteigt. Denn er ist ein eben ein ganz normale Mann. Die innere Spannung ist stark. Die Geschichte ist eigentlich tragisch, aber der Mann ist eher eine lächerliche Figur, ich hatte jedenfalls kein Mitleid mit ihm. "Sisff" erzählt von einer Begegnung mit einem sehr fremdartigen außerirdischen Flüchtling. Die Geschichte geht der Frage nach, was aus einem solchen Kontakt folgen kann, auch auf der persönlichen Ebene. Die Spannung ergibt sich aus der realistisch-ernsthaften Kontaktumständen und der Haltung der Erzählerin, einer Autorin, die so gar nicht enthusiastisch erscheint. "Genesis" ist sehr elegisch. Liebe, Weltuntergang, Einsamkeit an der Schwelle des Erwachsenwerdens und an der Schwelle zur interplanetaren Zivilisation. Aber was ist von einer Menschheit zu halten, die in die Mondoberfläche Werbesprüche graviert? Die Aufmachung ist sehr gelungen. Zu jeder Geschichte gibt es eine eigens angefertigte Illustration. Hinzu kommen noch Informationen zu den Autor*innen. Bemerkenswert hier, dass es außer einem Autor un einer AutorX überwiegend Autorinnen sind. Fazit: Die Antho erfüllt ihre Rolle als Einblick in die koreanische SF-Szene mit ihrer Vielfältigkeit sehr gut.
»Die Sterne leuchten am Erdenhimmel« ist eine Anthologie mit 7 Kurzgeschichten aus Südkorea, herausgegeben von Sylvana Freyberg, Alexandra Dickmann und Jaewon Nielbock-Yoon.
Anders, als bei der Schwerstern-Anthologie »Über den Wolken«, mit SF KGs aus der Türkei, gibt es hier kein Vorwort, keine einleitenden Worte. Wir starten also gleich mit der ersten Kurzgeschichte.
Kim Bo-Young | Die Sterne leuchten am Erdenhimmel | 5/5 In der einleitenden und titelgebenden Geschichte geht es um eine Frau, die einen Brief an ihren jüngeren Bruder schreibt. Sie hat Narkolepsie und will sich nicht behandeln lassen. Sie erzählt von ihrer Krankheit, aber auch von dem Satz »Die Sterne leuchten am Erdenhimmel«. Erst nach und nach wird klar, dass sie Frau kein Mensch ist und nicht auf der Erde lebt. Diese KG spielt mit unseren eigenen Vorstellungen. Wir lesen von einer Frau, die von ihren Problemen berichtet, also denken wir, weil die Umgebung uns bekannt vorkommt, dass sie auf der Erde lebt. Es ist großartig, immer mehr zu bemerken, dass diese KG in einem komplett anderen Setting stattfindet als anfangs angenommen.
Djuna | Pentagon | 2/5 Die zweite KG beschäftigt sich mit einer Gruppe von Menschen, deren Körper tot sind und deren »Ich« in andere Körper transferiert wurde. In diese KG bin ich gar nicht reingekommen. Alles zieht sich sehr in die Länge, die Gruppe geht von einem Schauplatz zum anderen und der Hass auf die neuen Körper zeigt sich immer wieder in z.B. fettfeindlichen Aussagen. Erst auf den letzten 3 Seiten wird es wirklich spannend und die Story verdichtet sich. Gerade nach der hervorragenden ersten KG, konnte diese mich gar nicht abholen.
Lee Sanhwa | Neustart | 3/5 Zwei Piloten, gefangen in einer 4-minütigen Zeitschleife vor Absturz ihres Raumschiffes. Und die Frage: Was müssen sie tun, um der Situation zu entkommen? Gut und dicht erzählt, mit viel Stoff zum Nachdenken. Jedoch auch nicht die neuste Idee.
Lee Seoyoung | Hauch von Vintage | 2/5 Die KG fängt vielversprechend an. Humanoide S*x-Roboter und KIs, die lernen, was ihre Benutzer im Bett wollen. Leider ist auch diese KG viel zu lang, verheddert sich in Nebensträngen und kommt irgendwie zu keinem wirklichen Ergebnis.
Bora Chung | Eine ganz normale Ehe | 3/5 Diese KG wird aus der Sicht eines Mannes erzählt, der glaubt, seine Frau sein ein Alien. Was sich im ersten Moment nach Schwurbelei anhört, stellt sich jedoch als Fakt heraus. Auch diese Story entwickelt sich langsam, dafür ist der Spannungsbogen stets gespannt! Außerdem bietet diese KG einen kleinen Einblick in das Leben eines südkoreanischen Ehepaares.
Park Seolyeon | Sisff | 4/5 Eine spannende KG über ein geflüchtetes Alien, das auf der Erde Zuflucht sucht und mit einigen Autorinnen und Autoren in Kontakt kommen möchte. Eine sehr aktuelle Thematik, erzählt aus der Sicht der einzigen südkoreanischen Autorin, die für dieses Treffen ausgewählt wurde. Diese Geschichte gibt nicht nur kleine Einblicke in das südkoreanische Leben, sondern auch in die Literaturwelt aus der Sicht einer Autorin, die kein Bestseller geschrieben hat.
Joen Samhye | Genesis | 5/5 Die letzte KG holt noch mal alles raus. Sie ist in der Du-Perspektive geschrieben und richtet sich von einer 17-jährigen auf dem Mond, an die gleichaltrige junge Frau, die sie liebt, auf der Erde. Sie sitzt auf dem Mond fest, während vor ihren Augen etwas Schreckliches passiert. Diese KG ist ein Rückblick, ein Drama, eine zarte Liebesgeschichte und richtig schlechtes Timing des Schicksals.
Es folgt ein Nachwort der Herausgeberin Sylvana Freyberg, in dem sie erzählt, wie es zur Idee dieser Anthologie kam, welche Wege gegangen wurden, wie die Zusammenarbeit mit der südkoreanischen Agentur, den Übersetzenden und dem Illustrator zustande kam. Dieses Nachwort hätte ich mir eher als Vorwort gewünscht, aber das ist wohl meine persönliche Präferenz.
Alles in allem ist diese Anthologie definitiv ein Erlebnis, auch wenn manche der KGs sich für meinen Geschmack etwas zu sehr in die Länge gezogen haben. Ich kann sei in jedem Fall allen empfehlen, die einen Blick auf den südkoreanischen SF Markt werfen möchten und hoffe, dass der Memoranda Verlag auch weite Anthologien aus anderen Ländern veröffentlichen wird.
Mindestens drei richtig gute Storys und die anderen hatten Momente.
Meine drei Lieblinge: Die Sterne leuchten am Erdenhimmel von Kim Bo-Young Wirklich schöne Botschaft, zwei vermeintlich nicht zusammenhängende Themen (die "Narkolepsie" der Ich-Erzählerin und die Botschaft der Erde, die entschlüsselt wurde und zunächst rätselhaft sind, die werden super zusammengewebt. Toll!
Pentagon von Djuna Actionreich, sehr drastisch, geniale Idee, wirklich stellenweise fies (Body-Shaming inklusive), bleibt definitiv in Erinnerung. Hat sicherlich das Potenzial, beim zweiten oder dritten Lesen noch mehr preiszugeben.
Genesis von Jeon Samhye Sehr tragisch, sehr schöne Stimmung, schöne Idee des Moonwriters, ein paar sprachlich wirklich tolle Momente. Die bildet den perfekten Abschluss für die Anthologie (die Reihenfolge ist insgesamt perfekt, finde ich).
Die Ich-Erzählerin ist sympathisch, insgesamt ist die Story für mich (vor allem gegen Ende) angenehm feministisch, wenn auch eher subtil.
Ihre Art, mit ihrer Situation umzugehen (sie ist in einer sehr hoffnungslosen Situation), ist tapfer, aber auch glaubwürdig.
Natürlich ist dieser Trope "Ich bin alleine auf einem Mond/Planeten/Raumschiff" nicht neu, aber das macht nichts. Der Weg dorthin, der spezielle Weltenbau, die Idee des Moonwriters - es gibt genug Neues, was mir hier geboten wird.