Wir kennen und lieben sie: die Erfolgsgeschichten von steilen Karrieren, Aufstiegen und unbegrenzten Möglichkeiten für all diejenigen, die etwas leisten im Leben. Doch wie viel Wahrheit steckt hinter dem Mythos gleicher Chancen – vor allem für Frauen?
Entlang der Biografie ihrer Mutter erzählt Marlen Hobrack von einem Leben, das in politischen Debatten gerne ausgeblendet wird: Die unfreiwillige »Fallschirmmutter«, alleinerziehende Ostdeutsche und »Frau ihrer Klasse«, die trotz harter Arbeit ihre Rechnungen nicht bezahlen konnte. Ein T-Shirt für zehn Mark ist für Marlen als Kind absoluter Luxus, Restaurantbesuche ein Ding der Unmöglichkeit. Wie wirken Milieu und Mythen ihrer Herkunft auf Marlens eigene Biografie als Journalistin, die mit 19 Mutter wurde? Und wie erlebte sie ihre persönliche Befreiung von Klassenscham und Ausgrenzung?
"Zu meiner Identität gehören die ungezählten Abende, an denen meine Mutter, meine Schwester und ich gemeinsam Wrestling im Fernsehen schauten und dabei Eistorte verdrückten."
"Klassenbeste" von Marlen Hobrack ist eine persönliche Geschichte in Verbindung mit einer gesellschaftspolitischen Analyse. Es geht um die Geschichte der Familie der Autorin. Es ist eine Arbeiterfamilie, die vor allem durch Mangel an Geld und Zeit geprägt war. Die Mutter hat als Jugendliche mit Erwerbsarbeit begonnen. Nach über 50 Jahren Arbeit ist der Rücken kaputt. Dennoch arbeitet sie nach ihrer Pensionierung als Putzfrau. Ohne Arbeit ist ihr Leben leer. Die Mutter ist nach Erscheinen der gebundenen Ausgabe des Buches im Alter von 69 Jahren verstorben.
Marlen Hobrack beschreibt dieses Leben, das sich zunächst in der DDR und dann im wiedervereinigten Deutschland abspielte. Die persönlichen Erfahrungen dienen auch als Ausgangslage für die Analysen der Autorin zu Themen wie Klassismus, Feminismus, Ost/West, Bildung, Aufstiegschancen, Erwerbsarbeit, Care-Arbeit, Kapitalismus, Rente, usw.
Bei ihren Analysen stützt sich Frau Hobrack nicht nur auf ihre eigene Familiengeschichte sondern auch auf Fachliteratur. Es ist allerdings eine erwartbare Auswahl, die dem Anspruch einer wissenschaftlichen Analyse nicht gerecht werden würde. Das ist vermutlich auch nicht das Ziel des Buches. Es ist eher ein journalistischer Ansatz, bei dem persönliche Geschichte und Analyse erzählerisch verbunden werden. Das ist hier sehr gut gelungen. Es ist eine Erzählung mit hohem Identifikationspotenzial für viele Menschen. Es ist ein überaus lesenswertes Buch.
Dies ist ein gutes und wichtiges Buch, aber es ist ein Sachbuch. Das sieht man schon an dem ausführlichen Literaturverzeichnis und den zahlreichen Quellenangaben (163). Die Autobiographie der Autorin und ihrer Mutter dient (lediglich) dazu ihre Analysen und Thesen zu unterfüttern.
Nachdem ich meine anfängliche Enttäuschung darüber verwunden hatte, dass es sich nicht um einen autobiographischen Roman in Stile Annie Ernauxs handelt, konnte ich mich auf Marlen Hobracks Gedankengänge einlassen. Diese bewegen sich im Dreieck zwischen marxistischer, klassischer feministischer und aktueller „woker“ Gesellschaftstheorie. Alle drei Denkweisen sind mir fremd, aber ich habe viele interessante Gedanken und Einsichten gefunden, was sich meinen zahlreichen Unterstreichungen ablesen lässt. Ich habe den Begriff der weiblich dominierten „Care-Arbeit“ als Gegensatz zur (männlichen) Lohnarbeit kennengelernt und die Untergrabung männlicher Identifikationsmuster durch das Verschwinden körperlicher Berufe und die gleichzeitige Verselbstständigung der Frauen auch in Westdeutschland – im Osten war sie schon gang und gebe.
Die Autorin versucht den Gegensatz zwischen klassenzentriertem und identitätszentriertem Handeln und Interessen aufzuheben und arbeitet die neue klassenübergreifende Identifikation mit dem „Stamm“ (der Ostdeutsche, der Sachse, der Vogtländer etc.) als eine Grundlage für den Zulauf populistischer rechter Organisationen heraus. Allerdings scheitert sie – und das haben wir auch in unserer Lesegruppe festgestellt – an ihrem eigener Einsicht, das eine Sprache, die nur wenige Wissende verstehen, nicht konkret verändern kann. Um als Anstoß zu dienen, ist ihre Darstellung viel zu akademisch.
Mit Klassenbeste formuliert Marlen Hobrack die Klassenfrage aus einer weiblichen Perspektive neu – klug, analytisch und zugleich persönlich verankert. Wer aufgrund des Klappentextes eine rein autobiografische Erzählung in Romanform erwartet, wird zunächst überrascht sein: Der Text ist keine klassische Lebensgeschichte, sondern verbindet autobiografische Erfahrungen mit einem deutlichen theoretischen Unterbau. Doch genau das macht die besondere Stärke des Buches aus.
Hobrack reflektiert ihre Herkunft aus prekären Verhältnissen, ihren sozialen Aufstieg und das Leben als ostdeutsche, alleinerziehende Mutter nicht nur individuell, sondern ordnet diese Erfahrungen strukturell ein. Dabei räumt sie prägnant mit Mittelklassemythen von Chancengleichheit und meritokratischem Aufstieg auf. Ihre Gedanken sind scharf formuliert, erhellend und oft unbequem – aber nie selbstmitleidig oder anklagend.
Besonders interessant ist die Perspektive: Viele Bücher zur sozialen Herkunft handeln von der männlicher Sicht. Hier jedoch wird deutlich, wie eng Klasse und Geschlecht miteinander verwoben sind. Auch die DDR-Sozialisation verleiht dem Text eine zusätzliche Tiefe und erweitert die Debatte um eine wichtige Dimension.
Klassenbeste ist kein leicht konsumierbares Memoir, sondern ein reflektiertes, theoretisch fundiertes Buch, das zum Weiterdenken zwingt – und gerade dadurch nachhaltig beeindruckt.
Dies ist ein Sachbuch. Die Geschichte der Mutter aus der Arbeiterschicht dient als Grundlage und wird mit Literatur belegt um Klassenunterschiede zu beschreiben und wie unsere gesellschaftliche Herkunft uns prägt. Ich fand das Buch sehr spannend und obwohl ich keine Solziologin bin gut lesbar. Es öffnet mir die Augen und regt zum Nachdenken an. Man sollte allerdings linken Ideen nicht abgeneigt und zu konservativ sein um das Buch zu genießen. Die Autorin verweist an vielen Stellen auf Marx und andere eher linke AutorInnen