Ich bin zehn Jahre nach der friedlichen Revolution geboren, in Ostdeutschland. Ich hatte nie direkten Kontakt zur DDR - und doch begreife ich mich heute als „ostdeutsch“ sozialisiert.
• Bis zur letzten Sportstunde meines Abitur begann der Unterricht mit „Und wir beginnen unseren Sportunterricht mit einem kräftigen… SPORT FREI“.
• Mit dem schlüsselbundwerfenden Lehrer hatte auch ich das Vergnügen.
• Ich esse Ost-Lebensmittel und Süßigkeiten, die in Städten wie Bremen & Co schlicht nicht verkauft werden.
Ich bin darauf nicht besonders stolz, aber schäme mich dafür auch nicht. Wofür ich mich aber schäme: Die leider medial sehr präsenten „Brüll-Ossis“, die gegen alles und jeden sind und für mich nicht nachvollziehbare politische Standpunkte einnehmen.
Jessy Wellmer versucht sich in diesem Buch an einer Erklärung, oder eher: einer Vermittlung. Es ist eine lockere Erzählung von vielen Beobachtungen und Erfahrungen, die auch ich so aus der Generation meiner Eltern und Großeltern kenne. Wer hier Studien oder handfeste Ratschläge zur Überwindung von Differenzen zwischen „Ost und West“ sucht, sollte allerdings nicht zu viel erwarten.
Ich gehe mit einigen Thesen inhaltlich nicht mit. Die Wichtigste: Dass die Bürger*innen der ehemaligen DDR diese nicht zurückhaben will. Das erlebe ich persönlich anders - und macht mir auch Sorgen. Dass Menschen so überfordert, so ängstlich oder frustriert sind, dass ihnen eine sozialistische Diktatur lieber wäre als eine (zugegebenermaßen anstrengende) Demokratie.
Ja, es ist auch 35 Jahre nach „der Wende“ wichtig, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Es gibt eine Entfremdung, eine Distanz, zwischen Stuttgart und Greifswald und diese hinzunehmen ist eine Gefahr für unser aller Wohlergehen.