Wie findet ein Mensch zu sich selbst? Soll er sich der Welt und ihren Ansprüchen ergeben? Oder muss er ausbrechen und kämpfen? Jürgen Teipel, Autor des Kultbuchs Verschwende deine Jugend, erzählt die Lebensgeschichte eines sensiblen Menschen, der sich von Kindheit an falsch fühlt. Seine Geschichte ist geprägt von Subkultur und Punk, von der süddeutschen Provinz in den grauen Siebzigern. Er erzählt von einer einsamen Kindheit, von überforderten Eltern und verrückten Künstlerfreunden, von gescheiterter und geglückter Liebe, aber auch von großer Widerstandsfä Immer wieder zieht er sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf. Durch die Musik und das Schreiben, durch Meditation und die Natur, vor allem aber mit menschlichen Begegnungen. Aber ich kann fliegen ist ein Entwicklungsroman, der versöhnlich nachhallt. Ein Künstler- und Lebenskünstlerroman, dessen Lakonie und Ehrlichkeit bewegt.
Jürgen Teipel hat mit "Verschwende deine Jugend" (VdJ) das vielleicht beste deutschsprachige Musikbuch geschrieben bzw. komponiert. Ich habe die Musik von Fehlfarben oder DAF nach dessen Lektüre im Jahr 2001 noch einmal mit anderen Ohren gehört. Ohne VdJ wäre der Roman "Aber ich kann fliegen" vermutlich nicht veröffentlicht worden. Bei seinem Doku-Roman hat Teipel mit der Sprache seiner Interviewpartner gearbeitet und daraus eine grandiose Oral History gebaut. In seinem neuen Roman zeigt sich deutlich die Schwäche seiner eigenen Sprache.
Jürgen Teipel erzählt mit einer funktionalen, von kurzen Sätzen dominierten Sprache, die abweisend auf mich wirkte. Es entsteht kein schlüssiges Ganzes. Es gibt gelegentlich gelungene Abschnitte. Das sind vor allem die Beschreibungen der Musik und ihrer Bedeutung für den Autor. Diese Teile werden dann aber scheinbar willkürlich durch weniger gelungene Abschnitte mit anderen aus dem Nichts kommenden Erzählungen und Gedanken abgelöst. In der zweiten Hälfte des Buches ist die Musik fast vollständig verschwunden und das Lesen wurde für mich immer mühseliger.
Es ist eine autobiografische Erzählung, in dessen Mittelpunkt das Gefühl des Falschseins steht. Zu der Geburt seines Bruders Olli schreibt der Autor: "Er war der Beweis dafür, dass ich falsch war; mit meinem ganzen Sein." Der Bruder ist nicht der Grund für dieses Gefühl. Es geht in diesem Moment nicht um Neid oder Aufmerksamkeit. Das Gefühl war schon vorher da und ist nun bewiesen. Später heisst es: "Die Leute mochten mich. Aber ich mochte mich selber nicht.". Dieser Roman ist eine Selbstanalyse in kaum miteinander verbundenen Szenen.
Teipel schreibt über verschiedene Phasen seines Lebens von der Kindheit über den Zivildienst bis zur Gegenwart. Die Zeit als Journalist und Autor kommt genauso vor wie die Zeit der Therapien. Mir ist gerade dieser letzte Teil und auch der Teil über das Altern seines Vaters zu persönlich. Das geht mich nichts an. Ich frage mich, ob die Texte während seiner Therapien entstanden und aus finanziellen Gründen veröffentlicht worden sind. An einer Stelle weist Teipel darauf hin, dass ihm das Geld für seine Therapien ausgeht. Ich wünsche ihm als Mensch alles Gute. Trotzdem konnte ich mir diesen Roman nicht schönlesen.
In diesem autobiografischen Roman erzählt der Autor in lose zusammenhängenden und nicht chronologisch geordneten Episoden von seiner Entwicklung von einem kränklichen, ängstlichen Kind zu einem jugendlichen Punk zu einem immer noch relativ ängstlichen, aber selbstreflektierteren Erwachsenen. Ich habe eine ganze Weile gebraucht um in das Buch hereinzukommen und fand den Schreibstil zu Anfang eher unangenehm zu lesen. Es geht viel um Normalität und Abnormalität, um psychische Gesundheit und Krankheit, um Therapie und Heilung, alles Themen, die mich als Psychologe sehr interessieren. Zunächst erschien mir der Protagonist recht unverständlich und seltsam, irgendwie selbstbemitleidend und unsympathisch. Dieses Gefühl hat sich auch nicht vollkommen aufgelöst. Im Verlauf hat mich das Buch dann aber doch etwas mehr abgeholt und gegen Ende fand ich die Selbstreflexionen des Autors phasenweise ganz interessant und teilweise rührend. Ich hätte die kurzen Einschübe zwischendurch (Träume?) nicht gebraucht. Die Beziehung zur Mutter des Protagonisten ist mir auch nicht klargeworden und kam für mich zu kurz, möglichweise weil sie noch lebt?