Ich glaube eine Review und Sternevergabe ist mir noch nie so schwer gefallen wie bei diesem Buch. Normalerweise hat man ja so ein gewisses Bauchgefühl, welches einem sagt 'JA' oder eher 'NEIN'. Hier hab ich nichts. Ich kann nicht sagen, find ich es gut oder find ich es wirklich schlecht.
Nüchtern betrachtet gibt es hier also Vor- und Nachteile:
Mila Olsen schreibt sehr sehr bildhaft, einnehmend und melodisch. Ich konnte mich bei diesem Schreibstil wirklich fallen lassen und mitnehmen lassen. Es waren ganz viele Stellen dabei, die wirklich wirklich wundervoll geschrieben waren und wo Sätze einfach so prägnant schön oder klar oder dramatisch ausgedrückt wurden, dass es mich dazu verleitet hat sie mehrfach zu lesen.
Louisa ist genau das was ich von einer 16 jährigen erwarte. Sie ist noch in vielerlei Hinsicht ein kleines Mädchen, sie ist zickig, mitten in der Pubertät und verhält sich nicht übertrieben viel reifer, als es ihrem Alter entsprechen würde.
Atmosphäre und Setting bestechen. Mila Olsen gelingt es sehr glaubhaft ein Bild von der Umgebung zu erschaffen - sowohl die positiven und schönen Seiten wie der Sommer an sich und wie alles blüht und wie warm es ist, bishin zu den negativen Seiten - Regen, Sturm, Kälte. Einsamkeit. Es trägt die Geschichte ganz wundervoll voran und ist dabei nie wirklich beschönigend - es wirkt nicht so als würde die Umgebung romantisiert werden, oder als würden manche Dinge unausgesprochen gelassen werden, damit eklige, hässliche Dinge nicht im Kopf des Lesers auftauchen.
Negativ aufgefallen sind mir aber auch so einige Dinge.
Zum einen Brendan. Ich will nicht sagen er wäre nicht gut ausgearbeitet, oder unlogisch ... fernab der Realität oder so - weil bestimmt gibt es solche Menschen wie ihn (Ich hab in einer Psychatrie Praktikum machen dürfen - ich sollte es wissen). Was mich irgendwie an ihm stört ist nicht sein Verhalten an sich - denn er ist psychisch krank, er hat offenbar Probleme, wenn er ein junges Mädchen entführt - sondern eher das manchmal die Szenen, in denen er diese Probleme zeigt, sehr kurzatmig sind und schnell verfliegen und es wirkt so als könnte Liebe alles heilen. Und das ist schlichtweg nicht so. Es ist so als wäre die Nähe zu Lou alleine genug um ihn auf den Boden der Tatsachen zurück zu bringen, und das mag natürlich helfen, aber das ist realitätsfern, denn so leicht lassen sich solche Ausbrüche nicht unterdrücken. Zumindest wirkt es auf mich so als wäre es eher ein Mittel zum Zweck um die Geschichte und vor allem die Beziehung zwischen den Beiden voran zu treiben. Da hätten ein paar mehr Seiten und mehr Tiefe nicht geschadet.
Die Geschichte an sich finde ich interessant und ich finde, dass es durchaus gut widerspiegelt, was in dem Kopf des Mädchens vorgeht und wie sich langsam aber sicher aus der Angst, Verbundenheit entwickelt und dann auch die Beziehung zwischen den Beiden.
Zum Ende hin wurde es aber sehr schnell, es wirkte sehr überstürzt - was irgendwie seine Berechtigung hatte, immerhin erklärt Brendan selbst wieso alles so kommt wie es kommt - aber es wirkte auf mich, als sollte das Buch schnell zum Schluss kommen, damit man mit einem Cliffhanger enden kann.
Was ich wiederum NULL begreife und das ist was persönliches und weniger technisch-stilistisches sondern eher zum Plot: Ich verstehe nicht wie Lous Bruder Jay sich am Ende verhält. Ich begreife es nicht. Und ich will es nicht begreifen und ich bin um ehrlich zu sein richtig sauer auf ihn. Wäre er echt, würde ich ihm die Ohren lang ziehen.
SO.
Mein Wort zum Dienstag:
Handwerklich gut, atmosphärisch, tolle Ich Perspektive mit einer glaubwürdigen Protagonistin - aber zweifelhafte psychische Lage beim männlichen Protagnisten im Sinne von stellenweise unglaubwürdige Auflösung seiner 'Anfälle' und das überspitzte, schnelle, zu überstürzte Ende, welches darauf schließen lässt, dass man einfach die Verkaufszahlen des nächsten Buches anheizen will.
Kein Must Read, aber definitiv ganz nett. Sollte man sich mit einem solchen Thema befassen wollen. Hier ist natürlich auch immer die Frage ob man sich da identifizieren kann, ob man eine sehr gefestigte Meinung zu dem Thema hat oder ob man immer noch so flexibel ist in manchen Momenten zu sagen - okay vielleicht gibt es gewisse Ausnahmen.
Ich kann das Buch definitiv keinem Empfehlen, der nicht zumindest etwas Flexibilität in seinen Prinzipien, Idealen etc hat, weil der wird es einfach nur anstößig, wahnsinnig, wahrscheinlich auch problematisch finden. Aber das ist ja manchmal der größte Reiz - sich mit den Dingen zu befassen, mit denen man sich ungerne befassen will.