Die Katastrophe beginnt auf dem Bundesplatz in Berlin-Wilmersdorf. Die angehende Biologin Natalie entdeckt auf ihrem Weg zur U-Bahn zwischen den Pflastersteinritzen zarte Halme in einem hellen, intensiven Grün.
Das Gras vermehrt sich rasant, bald drückt es den Asphalt der Straßen, die Steine auf den Gehwegen hoch, erobert angrenzende Stadtteile, zerstört Fahrbahnen, Bürgersteige und Hausfundamente. Das Schlimmste: Gegen bekannte Herbizide erweist sich das Gras als resistent. Für Natalie, die Behörden und die Wissenschaft beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit.
Unfall oder Verbrechen, Manipulation oder Mutation? Bernhard Kegel erzählt in diesem Berlin-Roman eine Geschichte von Katastrophe und Hoffnung.
geboren am 23. Dezember 1953 in Berlin wohnhaft in Berlin und Brandenburg Studium der Chemie und Biologie an der Freien Universität Berlin, Diplombiologe, Forschungstätigkeit, Arbeit als ökologischer Gutachter und Lehrbeauftragter
1986-1991 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Biologie der TU Berlin, Arbeitsschwerpunkte Zoologie (Insekten, Käfer) und Ökologie, Lehrtätigkeit
1991 Promotion zum Dr. rer. nat. mit einer agrarökologischen Arbeit über Nebenwirkungen von Pflanzenschutzmitteln auf Bodentiere, zahlreiche wissenschaftliche Veröffentlichungen
1992-1995 Koordinator und Bearbeiter einer zoologischen Bestandsaufnahme („Monitoring“) aller Naturschutzgebiete von (West-)Berlin im Auftrag der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz Seit Mitte der Siebziger Jahre Gitarrist in diversen Berliner Jazzbands, u.a. Riff, Acoustic Guitar Orchestra Berlin, Elefanten, UTE KA Band, Animato, Sitarstudium bei Ustad Imrath Khan, produzierte 5 LPs/CDs 1993 erschien als erste Buchveröffentlichung der Roman Wenzels Pilz, danach weitere Romane und Sachbücher, mehrere Preise, seit 1996 freier Autor und Wissenschaftspublizist
Dieser Roman hat mir wirklich Spaß gemacht! Nicht nur, dass ich lange genug in Berlin gelebt habe, um die Orte wiederzuerkennen und den Lokalkolorit von zur Bahn hetzenden Menschen und Mini-Döner mit scharfer Soße zu schätzen. Auch organisatorisch kennt hier jemand unsere Hauptstadt und ihre Einwohner sehr genau, um ein glaubhaftes, sehr mitreißendes Szenario zu entwerfen.
Außerdem bewundere ich die Art des Autors, sich glaubhaft in eine junge Master-Studentin, seine Hauptfigur Nathalie, hineinversetzen zu können.
Worum geht's? Auf dem Weg zur Uni entdeckt Nathalie auf dem Bundesplatz zwischen den Ritzen ein unbekanntes Gras. Als Biologie-Studentin auf dem Weg zum Master-Abschluss kennt sie sich eigentlich mit Pflanzen aus? Aber was ist das für ein Gras?
Zunächst beachtet niemand außer ihr das fremde Gewächs, doch das ändert sich, als es höher und höher wächst und schließlich die Betonplatten nach oben drückt und letztendlich Straßen unpassierbar macht.
Dieser Roman ist aus mehreren Blickwinkeln sehr interessant. Einmal kann ich es als einen Roman über ein unbekanntes Gewächs lesen, "Invicto", ein unbesiegbares Gras, das alles einnimmt, sich überall verbreitet und damit die Infrastruktur der Hauptstadt zerstört. Es wird mannshoch, sofern man es nicht abschneidet und lässt sich mit Herbiziden immer nur für kurze Zeit bremsen.
Es gibt einige Ideen, wie das Gras überhaupt auf den Bundesplatz in Berlin-Wilmersdorf gekommen sein könnte, aber es bleibt viel auch meiner Vorstellung und Spekulationskraft überlassen.
Ich kann den Roman auch lesen als einen starken Berlin-Roman. Wie geht die Hauptstadt mit dem Problem um? Wann gibt sie auf? Was muss dafür passieren? An welchen Stellen halten die Menschen zusammen, an welchem Punkt geraten sie gegeneinander?
Doch ich kann den Zirkel auch enger um die Hauptfigur Nathalie ziehen, aus deren Sicht zu 95% erzählt wird, was macht diese Entdeckung und Entwicklung mit ihr? Wie reagiert sie? Welchen Stellenwert hat das Gras für sie? Warum bleibt sie in der Hauptstadt, obwohl es gut möglich ist, dass das Endzeitszenario örtlich auf Berlin begrenzt ist?
Obwohl sie sich an vielen Stellen völlig anders entscheidet, als ich selbst es mit Sicherheit getan hätte, bleibt es doch glaubhaft.
Der Roman denkt vieles zu Ende oder geht zumindest so weit, dass ich mir den Rest selbst zu Ende denken kann. Er eröffnet Räume, spielt bestes "Was-wäre-wenn?" mit meinem Kopf, so wie beste Science-Fiction es vermag.
Die Figuren Es gibt nur zwei Szenen, die nicht aus Nathalies Sicht verfasst sind. Während ich der Szene mit dem Dönerladen-Besitzer noch einiges abgewinnen kann (auch wenn sie für den Roman nicht zwingend notwendig ist), fand ich die mit dem fliehenden Familienvater deutlich under-achieved.
Sehr gelungen für mich sind jedoch die zwei oder drei eingestreuten Zeitungsartikel, da die auf den Punkt kommen und vor allem der letzte noch mal eine andere Sichtweise erlauben, die Nathalie in Richtung einer unzuverlässigen Erzählerin drängen (aber nur ganz leicht).
Nathalie fand ich glaubhaft, auch wenn punktuell vielleicht mehr gegangen wäre, in der Hauptsache durch ihre Beziehungen zu anderen Figuren, wie ihrem Freund Nick. Doch Nick ist eine Figur fast komplett ohne eigene Agenda, und auch der Allergiker, der mit ihnen in der WG wohnt, bekommt nur eine eindrückliche Szene.
Besser geschildert ist das Verhältnis zu ihrer Doktor-Mutter, oder zu dem alten Nachbar Armin, oder, der unvermeidliche Fiesling in einer Apokalypse, Rattke, der selbstverständlich nicht nur kleine Auftritte hat.
Doch noch deutlich besser, ausbalancierter und ambivalenter schildert der Autor mir die Beziehung zu dem Kind Marie. Da kennt sich jemand mit Kindern aus! Kinder sind nicht still, nur weil Lautstärke Gefahr verursacht. Und auch die Szenen mit dem jungen Elefantenbaby sind gelungen und ziehen mich emotional mit. Das war eine sehr schöne Idee und ein Gewinn für den Showdown des Romans.
Prämisse und Fazit Über die Prämisse müsste ich noch etwas nachdenken und diskutieren, aber nicht, weil der Roman zu vage ist, sondern eher, weil er viele Türen auf eine angenehme und auch ambivalente Weise öffnet. Er zeichnet einen interessanten Raum für mich, in dem ich gern länger verweilen und noch etwas nachdenken würde.
Könnte es in die Richtung gehen, dass gewisse Dinge nicht (sofort) besiegbar sind? Dass wir Konsequenzen ziehen müssen, auch wenn sie uns nicht gefallen?
Wie stark muss der Druck werden, bis du deine Heimat verlässt?
Oder auch, dass niemand sicher davor ist, seine Heimat zu verlieren, selbst nicht die Menschen in der größten Stadt Deutschlands?
Ein außerordentlich interessanter, gut geschriebener Roman. In der Qualität bekomme ich das in unserer Science-Fiction-Szene eher selten geboten. Der Autor ist aber auch definitiv keiner, der auf unser Genre festgelegt ist. Wie schön, dass er mal einen Ausflug in apokalyptische Plots gemacht hat!
Berlin ist von einem in rasantem Tempo wachsenden Gras okkupiert worden. Was auf dem Bundesplatz zunächst wie winziges Unkraut in den Pflasterritzen wirkte, hat das Leben in der Stadt unmöglich gemacht. Wer schon einmal im eigenen Garten ein einziges Ziergras entfern wollte, kann sich die Situation vermutlich vorstellen. Unscheinbare Gräser können in kurzer Zeit verholzen, Steine komplett umschließen und sich wie Tunnelbohrer in Querrichtung ausbreiten. Die Biologin Natalie nennt ihre Entdeckung einer invasiven Art Invicta/unbesiegt. Das Gras wird an die 2 Meter hoch, so dass das Anlegen von Trampelpfaden in Schwerarbeit ausartet. Im betroffenen Berlin hebt Invicta jeglichen Straßenbelag an und bringt damit den Straßenverkehr zum Erliegen. Auf die Idee, die rasant wuchernde Landplage zu ernten und sie zum Heizen und für Bauarbeiten zu nutzen, sind die Hauptstädter offenbar nicht gekommen. Die Stadt wird schließlich in weiten Teilen evakuiert; Natalie bleibt als Chronistin und eine der wenigen Bewohner:innen zurück. In Rückblicken entsteht ein beunruhigendes Bild des Eindringlings und der Menschen, die ihm durch ihre Lebensweise den Weg bereitet haben. Noch können kleine, effektive Nachbarschaften durch gegenseitige Hilfe überleben.
Bernard Kegels Icherzählerin lebt in der Gegenwart auf dem ehemaligen Gelände eines Supermarkts in einem winzigen Kabuff und betreut die kleine Marie. In der nahezu menschenleeren Stadt müssen sie verwilderte Hunde meiden, sich aus gutem Grund vor versprengten männlichen Bürgerwehren hüten und im brütend heißen Sommer mit dem Versiegen von Regenwasser rechnen. Natalie kann sich der Faszination durch die Pflanze schwer entziehen und will ihre Fachkenntnisse sinnvoll einsetzen. Ihr sachlicher Blick als Wissenschaftlerin kombiniert mit profanen Fragen des Überlebens hat mich sofort in die Handlung hineingezogen. Natalies und Maries Berlin ähnelt in beängstigender Weise der aktuellen Situation westlicher Staaten kurz nach der Corona-Pandemie. Den Ton geben nicht etwa Experten und Aktive der Nachbarschaftshilfe an, sondern Verschwörungstheoretiker und Krisen-Profiteure wie Natalies Wohnungsnachbar, die schon immer das Recht des Stärkeren für sich beanspruchten. Am Schauplatz Berlin wecken Unbewohnbarkeit, gigantische Evakuierungs-Maßnahmen und zunehmende Rücksichtslosigkeit höchst unangenehme Erinnerungen an Ereignisse vor 80 Jahren.
Mit ironischen Seitenhieben auf eine Gesellschaft, die dabei ist sich selbst auszurotten, wirft Bernard Kegel mit seinem dystopischen Szenario die Frage auf, ob ein erzwungenes Ende unserer Anspruchskultur denkbar ist. Die Kombination aus Natalies Sichtweise als Botanikerin, großstädtischem Schauplatz und dystopischem Setting wird Fans dieser Gattung gefallen.
Spannend und informativ; das ganze ist zum Glück keine Dystopie. Neben dem aktuellen Überlebenskampf in einem verlassenen versteppten Berlin wird parallel auch die Historie des Sieges des Grases über die Stadt erzählt, begleitet von eingestreuten Hintergrundinformationen zu Biologie und Klimawandel. Insgesamt eine gelungene Mischung.
"Aber die Situation in der Natur war katastrophal. ... Alle einschlägigen Kurven zeigten nach unten, schlimmer hätte es eigentlich kaum kommen können. Und das war allein unser Werk ." (S. 31)
"Im Rückblick waren diese Wochen vielleicht die schönsten, die ich in Berlin bis dahin erlebt hatte - ... Plötzlich zogen alle an einem Strang. Alt stand neben Jung, Rechte neben Linken, Migranten neben Alteingesessenen. Wann hatte es das zuletzt gegeben?" (S. 102)
"Alles Mögliche hätten sie sich ausmalen können, hieß es, Pandemien, Hitzewellen, Bombenanschläge, sogar Krieg, aber dass einer Millionenmetropole wie Berlin einmal ein simples Gras zum Verhängnis werden könnte, das habe weit jemseits ihrer Vorstellungskraft gelegen." (S. 182)
"Dem Universum ist es vollkommen egal, wenn eine aggressive und in ihrer Gier unersättliche Spezies wie der Homo sapiens das Leben auf einem seiner Himmelskörper zugrunde richtet. ... und wie schon so oft in der Geschichte der Erde wird sich die Organismenwelt auch diesmal wieder erholen, wenn nötig ohne uns, ohne diesen machohaft auftretenden Emporkömmling." (S. 351)
1. Satz - Heute hätte es uns fast erwischt.
letzter - Aus einem Bericht von Leutnant Detlef Ungureit, Stadtrandpatrouille, Abschnitt West
3.5 Sterne. Ich mochte die Idee sehr, dass Berlin durch ein wucherndes, nicht kaputt zu kriegendes Gras unbewohnbar wird. Gar nicht mal so unwahrscheinlich, dass die Natur irgendwas entwickelt, das wir Menschen nicht bekämpfen können. Warum die Hauptfigur aber in der Stadt bleibt, wurde mir nicht so ganz klar, und auch nicht, wie sie tatsächlich 4 Jahre lang hat überleben können und warum niemand - keine Freunde, Familie - sich bemüht hat, sie zu überzeugen, aus Berlin auszuziehen. Das war für mich die größte Schwachstelle. Sonst aber hat das Buch mich gut unterhalten und bietet eine gute Kombination aus Umweltthriller, Dystopie und Roman.
Ein super spannendes Konzept und ungewöhnliche Herangehensweise an eine Dystopie. Der Stil gefällt mir auch und man merkt, dass Kegel Ahnung von der Materie hat und sich nicht einfach absurde Dinge ausdenkt. Allerdings ziehen sich einige Passagen und das Ende ist mir zu konstruiert und voller unglaubwürdiger Zufälle.
Die Story ist spannend erzählt, auch wenn der Autor sich einige Shortcuts erlaubt. Nur ein Stern Abzug für die überflüssige Gewaltszene mit dem bewaffneten Familienvater... zu nah am Dystopien-Klischee. Immer wieder schön, ein Buch von Dörlemann zu lesen - die sind handwerklich einfach gut gemacht.