Ich habe noch nie etwas von Liz Rosen gelesen und bin relativ unbedarft an den ersten Teil gegangen. Und nun ja, was soll ich sagen ... auf 270 Seiten passiert einfach nicht viel, und das, was passiert, ist dafür teilweise so unfreiwillig komisch, dass ich laut gequietscht habe vor Lachen.
Aber der Reihe nach. Der eher dünne Plot der ganzen Geschichte ist, dass die Schwester eines Dämons getötet wurde und die Dämonenfamilie dafür Rache an dem (vermeintlich) verantwortlichen menschlichen jungen Mann nimmt. Dabei wird systematisch seine ganze Familie ausgelöscht und es scheint, dass der verantwortliche Dämonenvater der jungen Dämonenfrau Biela selbst in Erwägung zieht, auch seine eigenen Söhne Belial und Behemoth mit auszuradieren. Als letztes Familienmitglied aus der menschlichen Familie ist nur noch die junge Studentin der Medizin Heredia übrig, die von den Brüdern wechselnd beobachtet wird.
Warum? Ja, da kommen wir schon zum ersten Knackpunkt des Buches. Die ganze Logik, warum jetzt dieser Rachefeldzug notwendig ist, fällt mit der Auflösung des Plots völlig in sich zusammen. Erstmal, Bielas, Belials und Behemots Vater wird soweit ich mich erinnere nie namentlich benannt, was ich schon mal schwach finde. Da er selbst seine Tochter getötet hat, erschließt sich mir nicht, warum er auf diesem Rachefeldzug besteht. Denn der sorgt für Spannungen in der Unterwelt und lässt ihn schlecht dastehen. Außerdem scheint er den Anlass zu benutzen, seine Söhne loszuwerden. Aber warum sollte er sie dann über den wahren Grund für Bielas Tod belügen? Um Zeit zu schinden?
Im Rest der Handlung passieren dann jedenfalls vier Dinge:
- Heredia lernt Belial kennen
- Heredia trifft Belial erneut, er beißt sie und sie haben Sex
- Sie reisen in die Hölle, um dort A&A zu treffen
- Belials Vater taucht auf, Belial bringt ihn um
Dazwischen mäandert die Geschichte viel herum, seitenlange Gespräche mit nicht endenwollenden Gedankengängen, die einem wirklich nichts Neues verraten. Das ist einfach zu dünn für 270 Seiten und es gibt keine überraschenden Wendungen irgendeiner Art. Vater wird dann undramatisch innerhalb von ein paar Seiten entsorgt, nachdem er genau drei Auftritte in der Geschichte hatte, einer davon eine Traumrückblende und einer nur angedeutet. Wir wissen nichts über den Mann, nicht mal wie er aussieht! Dass der Klimax daraus besteht, dass er hinter einem LED-beleuchteten Sofa hervorspringt wie eine besonders große und wütende Hausspinne, ist urkomisch und völlig absurd.
Generell tut sich die Geschichte mit Beschreibungen extrem schwer. Weder der Campus, noch die Brücke, noch Heredias Wohnung, noch die Hölle werden so beschrieben, dass man sich wirklich ein Bild machen kann. Es bleiben urkomische Versatzstücke. So zum Beispiel die absurde Diskokugel in der Hölle oder das mehrfach erwähnte Sofa mit LED-Beleuchtung. Handlungen wiederum werden teilweise in abstrusem Detail beschrieben ala "Ich drückte den Knopf auf der Fernbedienung, der dafür gedacht war, das Gerät auszuschalten, bis der Bildschirm dunkel wurde." anstatt "Ich schaltete den Fernseher ab." Hätte man all diese Beschreibungen rausgekürzt, hätte man vermutlich ein paar Seiten gespart.
Recherchetechnisch muss ich dem Buch leider auch völlige Unkenntnis des Unilebens attestieren. Heredias Uni wirkt wie eine Mittelschule, wo es drei Klassenzüge gibt und sich alle kennen. Es gibt einen Partykeller statt mehrere Clubs, in denen sich Student*innen rumtreiben, und im Wohnheim sind natürlich ALLE Student*innen völlig unabhängig von Stundenplan, Prüfungen und Studienrichtung zur gleichen Zeit fertig und außer Haus zum Feiern. Überhaupt werden Prüfungen auch gar nicht erwähnt, obwohl es das Semesterende ist. Heredia müsste völlig platt vom Lernen und Prüfungen schreiben sein. Außerdem sollte es genug Student*innen geben, die ihre komische beste Freundin gar nicht kennen. Was die studiert, erfahren wir auch nicht, oder wie Heredia ihr da helfen kann. Ich erwarte nicht, dass man den ganzen Studienplan eines spezialisierten Medizinstudiums kennt, aber ein kleines Bisschen sollte man doch wissen, wovon man schreibt.
Was jetzt Heredia dazu bringt, sich in Belial zu verlieben außer seine traurige Vergangenheit, kann ich beim besten Willen nicht sagen. Die beiden haben Sex und kuscheln mal miteinander, aber sie führen meiner Erinnerung nach immer nur Gespräche, die die dünne Handlung betreffen. Es wird nie darauf eingegangen, was die zwei jetzt so gut aneinander finden außer, dass Kuscheln schön ist und sie guten Sex haben. Ich könnte keine einzige Charaktereigenschaft nennen, die Heredia an Belial mag.
Der Sex ist okay beschrieben, aber doch recht banal. Dafür, dass das Vorwort so vollmundig davon erzählt, wie düster diese Geschichte ist, findet man hier eigentlich nur Vanilla Sex und eine relativ einfach gestrickte und wenig komplizierte Beziehung. Beides ist natürlich völlig okay, aber Abgründe tun sich hier nicht wirklich auf. Es ist eine grundsätzlich nette und harmlose Liebesgeschichte.
Die Charaktere bleiben leider insgesamt auch sehr blass. Heredia ist offensichtlich am Kämpfen, aber man erahnt nicht einmal, was ihr früher Freude bereitet hat. Es erscheint unrealistisch, dass sie früher gern auf Partys gegangen ist, also was hat sie gemacht? Man erfährt einfach keine Vorlieben, lediglich ihr Wunsch Ärztin zu werden ist irgendwie präsent. Aber wenn es dann um Verletzungen geht oder anatomisch interessante Dinge passieren, ist es ihr auch total egal. Man bekommt nicht das Gefühl, dass sie an irgendetwas wissenschaftlich herangeht, obwohl sie als Ärztin auch Wissenschaftlerin ist. Und die Erkentnis über Belials Vater hat sie auch nur durch einen praktischen Traumflashback, Detektivarbeit muss sie also auch nicht leisten.
Belial wiederum scheint einfach nur gern Sex zu haben und das wars. Ich habe keine Vorstellung davon, welche "Arbeit" er für die Zwillinge gemacht haben soll. Er scheint in nichts irgendeine herausragende Kompetenz zu haben außer Frauen wegzuknallen, und selbst das zeigt er nicht wirklich. Er wird praktisch von Minute 1 an als monogam an Heredia interessiert gezeigt. Der von ihm versprochene wilde Sex ist dann ein bisschen Fingern und ein bisschen Vaginalsex. Übrigens hat er sich in seine Hose gespritzt und die dann nie gewechselt. Hm, Würstchen in Soße!
Insgesamt kann man diesen ersten Teil schnell weglesen, aber das Pacing ist langatmig, die Charaktere sind so lala, und außer einer Romanze mit einigen abstrusen Details wird einem nicht viel im Gedächtnis bleiben. Vielleicht hätte man auch aus drei Teilen einen machen und viel mehr zwischendurch kürzen können, um das Pacing zu retten. So bleibt es beim "Es war okay".