Kann und darf man sich für die Liebe verbiegen? Ein Lesevergnügen mit farbigem Zeitkolorit der Goldenen 20er-Jahre und die Wiederentdeckung einer schillernden Autorin! Ihre Freunde nennen sie Jack. Die Männer, mit denen sie amouröse Abenteuer hat, auch. Sie ist bezaubernd, sie ist flatterhaft, und die Herzen, die sie schon gebrochen hat, kann sie kaum zählen. Jacqueline Mamroth ist schlichtweg für ein freies Leben gemacht – bis sie Michael Thomas trifft. Er ist der erste Mann, in den sie sich ernsthaft verliebt. Er ist jedoch altmodisch, hat strenge Moralvorstellungen und mag die Frauen nur, wenn sie das genaue Gegenteil von Jack unschuldig und sittsam. Da sie in Paris, London, Berlin einen gewissen Ruf hat, würde Michael sich nie in sie verlieben, wenn sie ihm offenbaren würde, wer sie ist. Jack überredet ihre schüchterne jüngere Schwester June, die Rolle von Jack anzunehmen, und gibt sich Michael gegenüber als June aus. Fortan ist sie sittsam. Sie kommen zusammen. Aber wer ist Jack nun? Und was geschieht, als die Schwester sich auch in Thomas verliebt? Diese in vielen Genres produktive und erfolgreiche Autorin ist eine großartige Dieser Roman ist seit 1930 erstmals neu aufgelegt.
Weil der Roman von 1930 ist (und jetzt neu aufgelegt), waren die Sprache und der Umgang mit Themen wie Geschlecht sehr spannend. Ich fand es faszinierend, wie Jacqueline sich selbst als moderne Frau sieht, die tut, was sie will und sich dann doch völlig unreflektiert in den Fängen des Patriarchats wiederfindet oder diesen vielleicht nie wirklich entkommen ist. Wie sie für Michael ein Lügenkonstrukt aufstellt, um ihm zu gefallen, war schlimm zu lesen, weil es ihr letztendlich immer um die Bestätigung dieses konservativen Mannes ging. Trotzdem oder grade deshalb war ich fasziniert davon, wie sehr sie sich einredet, dass das schon funktionieren wird. Nebenbei konnte man auch einen queeren Subtext rauslesen, wenn bspw. beschrieben wird, wie Jack ihre beste Schulfreundin hinter einem Baum küsst oder sie über lesbische Liebe nachdenkt: "Er könnte fast eine Frau sein, dachte sie oft, wenigstens stellte ich mir Liebe zwischen zwei Frauen so vor, so zart und still." Gerne hätte ich allerdings noch mehr über ihre Schwester erfahren.