Asal Dardan begibt sich in „Traumaland“ auf eine Spurensuche nicht nur in der Zeit, sondern auch im Raum und erstellt eine sehr persönliche, bewusst beliebige Topographie deutscher Traumata. Die Kulturwissenschaftlerin beginnt ihre Suche vor der eigenen Haustür, in Berlin Schöneberg. Erinnern an die Shoa im öffentlichen Raum durch Stolpersteine, Gedenktafeln etc.: wie ist die Gleichzeitigkeit auszuhalten, wenn diese Orte der Erinnerung an ausgelöschte Leben auch als PokéStops genutzt werden? Kann es überhaupt angemessen sein, wie in Berlin unterschiedliche öffentliche Erinnerungsorte für die Opfer des Nationalsozialismus zu haben oder ist diese Trennung inklusive der damit verbundenen Hierarchisierung zynisch? Und: wie wird heute mit den Nachfahren der Opfer nationalsozialistischer Vernichtungsstrategien umgegangen?(Spoiler: unmenschlich.) Was bedeutet Erinnerung ohne Gerechtigkeit, Aufklärung und Konsequenzen? Komplexe Fragen, die Dardan intelligent, mitfühlend und solidarisch betrachtet.
Auch mit ihrem eigenen Leben in der Diaspora beschäftigt sie sich: als in Teheran Geborene blickt sie, durch die Ermordung Jina Aminis veranlasst, genau auf ihre persönliche Familiengeschichte und auch auf die Geschichten anderer geflohener Menschen, denen die deutsche Mehrheitsgesellschaft mit ihrer vermeintlichen Erinnerungskultur oft die Täterperspektive aufdrücken will.
Thematisch und sprachlich alles andere als ein leicht lesbarer Text, mäandert „Traumaland“, manche Gedankensprünge sind schwer nachvollziehbar. Dennoch: dieses Sachbuch ist Pflichtlektüre. Viele Sätze Dardans wünsche ich mir in Lehrveranstaltungen besprochen.
„Widerstand ist Praxis, ist Handlung. Sich innerlich zu distanzieren, sich in ein imaginiertes inneres Exil zu versetzen und Abscheu zu empfinden, ist kein Widerstand, höchstens ein Festhalten an der eigenen Menschlichkeit. Im Zentrum muss aber die Menschlichkeit anderer stehen, die Bewahrung des Menschlichen für alle.“
„Lediglich zu betrauern, was der Mensch dem Menschen antun kann, negiert die sozialen und politischen Dimensionen von Gewalt und kann ihr deshalb auch nichts entgegensetzen, das bleibt und wirkungsvoll ist.“
„Dinge werden sagbar, damit die Tat machbar wird. Erneut.“
„Sich also Zeit zu nehmen, um der Bedeutung des Verlusts nachzuspüren. Zu wissen, dass es keinen Weg zurück in einen Zustand gibt, in dem dieser Schmerz, diese Ungerechtigkeit, diese Gewalt ungeschehen gemacht werden können. Das ist, was Trauerarbeit bedeutet, das ist der Weg, um nach vorne zu gehen.“