Na ja. "Kindheit auf St. Pauli" klingt natürlich krass. Allerdings verlässt die kleine Tanja schon mit sechs Jahren ihre geliebte Reeperbahn: Kurz nach der Einschulung zieht ihre Mutter mit ihr nach Ottensen, das sie dann erst zum Studium verlässt... aber das macht sich auf dem Cover halt weniger knackig als der Verweis auf das ach so verruchte Rotlichtviertel.
Diese Diskrepanz zieht sich auch durch das Buch an sich. Im selben Maße, in dem Tanja sich von ihrer (durchaus illustren) Familie freischwimmt, büßt die Handlung notgedrungenermaßen an Farbe und Schwung, um nicht zu sagen Interesse ein.
Großmutter Klasina bringt soviel Geschichte mit, dass sie genaugenommen ein eigenes Buch verdient hätte. Auch Mutter Barbaras Leben gibt einiges her -- von der Heim-Ausreißerin zur alleinerziehenden Jungmutter mit Arbeitsplatz auf dem Kiez, später zur Taxiunternehmerin und schließlich traurigen Alkoholikerin, da ist viel passiert in diesem Leben.
Erzählerin Tanja dagegen hat es vergleichsweise leicht gehabt. Klar, ihre Mama kocht nicht und trägt auch keine Schürze. Aber alles in allem unterscheidet sich Tanjas 70er Jahre-Kindheit nur in Details von der anderer Altonaer Kinder aus vergleichbarer sozialer Schicht.
Das Buch las sich für mich wie ein weiteres Beispiel einschlägiger Ich-schreib-mal-mein-Leben-auf-Reminiszenzen, die als persönliches Projekt begannen und irgendwann für allgemeinrelevant, soll heißen verkaufsträchtig erklärt werden. Dabei fehlt mir hier einfach der Fokus. Das Buch möchte viel, liefert aber letztlich nur wenig. Früh-Kindheit auf dem Kiez, Lebensgeschichte der Oma, Lebensgeschichte der Mutter, Beschreibung einer Mutter-Tochter-Beziehung, die von sehr eng zu völliger Zerrüttung wechselt, Jugendleben in den 80ern, Schilderung des persönlichen sozialen Aufstiegs inklusive jeder Menge Selbstreflektion und Überlegungen zu Gesellschaft im Großen wie im Kleinen und der eigenen Stellung darin/Position dazu, dieses Buch will einfach alles, schafft aber (logischerweise) von allem nur ein bisschen.
Entsprechend kommt es zu Brüchen und erzählerischen Lücken, die mich als Leser ratlos zurückgelassen haben -- so wird etwa lang und breit erzählt, wie schrecklich die Kindheit der Großmutter in ihrer lieblosen Familie war, von der sie sich so früh (und so komplett) wie möglich losgesagt hat... später dagegen ist die Rede von häufigen und innigen Besuchen bei ebendieser schlimmen, schlimmen Familie, mit der Oma Klasina sich offensichtlich irgendwann in der Zwischenzeit ausgesöhnt hat. Wann, wie, warum, man erfährt es nicht.
Auch die diversen beruflichen Wendungen, die Mutter Barbara so macht, bleiben für mich schlecht nachvollziehbar und nur flüchtig hingeworfen, eben noch macht sie dies, jetzt macht sie auf einmal das, ein paar Seiten darauf ist auch diese Episode bereits Vergangenheit, warum es so ist, was da stattgefunden hat -- keine Ahnung.
Diese erzählerische Sprunghaftigkeit tut dem Buch nicht gut, ich hatte das Gefühl, nie wirklich ein Gesamtbild zu sehen zu kriegen. Es blieb immer beim Splitter, bei einem kurzen Schlaglicht. Dadurch fehlt es dem Buch leider dann auch an Tiefe. Komplett raus war ich im letzten Viertel, in dem Erzählerin Tanja zunehmend in Soziologiejargon und, sorry, Geschwafel verfällt. Wenn ich eine Abhandlung lesen möchte, dann suche ich mir eine; hier war mir (Auto-)Biographisches angekündigt worden.
Stilistisch ist das ganze weitgehend solide, mit ein paar kurzen Abstechern ins Absurde ("Ihre verbrauchten Augen umarmen mich kurz und herzlich"), anstrengend wird es in erster Linie, wenn die Autorin so richtig profund werden möchte:
"Mein Schweigen wird zu meinem unsichtbaren Beschützer. Es schraubt sich hoch bis an die Zimmerdecke und wirft mir ein rettendes Tau zu. Ich ergreife es und schwinge mich zu ihm auf. Von dort beobachte ich uns, Mama und mich. [...] Ich gehe den Weg, den meine Mutter zurückgelegt hat, um hier zu landen, in diesem Zustand; ich gehe ihn zurück, von hier oben."
Na ja. Mir persönlich ist das ein bisschen zu exaltiert und gleichzeitig zu diffus... schwafelig halt.
Wer tatsächlich etwas über eine Kiez-Kindheit in den 70ern und 80ern lesen möchte, ist IMO mit Michel Ruges Bordsteinkönig (Knaur) deutlich besser beraten.
Meinen Dank an Netgalley und den Verlag für das Rezensionsexemplar -- kann nur sagen, schade um das Potenzial, das dieses Buch gehabt hätte.