Vor 70 Jahren erschienen, ausgezeichnet mit dem Prix Goncourt, jetzt in neuer Ü «Die Zeit ist reif für eine Wiederentdeckung. Das Epische, Politische, Zwischenmenschliche in Zeiten des ein großartiger Text!» (Nicole Seifert)
Paris nach dem Zweiten Die Mandarins, das sind die Caféhaus-Intellektuellen, die sich über Politik und Literatur die Köpfe heiß Wie kann ein gesellschaftlicher Neubeginn aussehen? De Beauvoir skizziert das Klima im Nachkriegsfrankreich mit stilistischem Geschick und Einfühlungsvermögen und lässt die wichtigsten Persönlichkeiten dieser Zeit lebendig werden, Camus, Sartre, Nelson Algren – und natürlich sich selbst. Anhand ihrer Hauptfigur, der Psychologin Anne Dubreuilh, lotet sie den schmerzhaften Riss aus, der zwischen öffentlichem und privatem Raum verläuft und so etwas wie die Grunderfahrung weiblichen Erlebens war – und immer noch ist? Die Aktualität dieses vielseitigen Buches ist kaum von der Hand zu die Neuordnung der Linken, die Zeit der großen politischen Umbrüche und vor allem des Feminismus in einer Zeit, in der patriarchale und nationalistische Tendenzen wieder erstarken und sich auch im Privaten widerspiegeln.
Ein erstaunliches Werk von intellektueller Beweglichkeit, aber auch eine Liebesgeschichte von großer Leidenschaft und Tiefe.
Works of Simone de Beauvoir, French writer, existentialist, and feminist, include The Second Sex in 1949 and The Coming of Age, a study in 1970 of views of different cultures on the old.
Simone de Beauvoir, an author and philosopher, wrote novels, monographs, political and social issues, essays, biographies, and an autobiography. People now best know She Came to Stay and The Mandarins, her metaphysical novels. Her treatise, a foundational contemporary tract, of 1949 detailed analysis of oppression of women.
4 Sterne nur aufgrund einiger Längen und sporadischer Redundanz
Wer sind sie, die titelgebenden Mandarins von Paris? Es sind die Pariser Intellektuellen, die sich aufrieben in ihren Debatten rund um Literatur und Politik vor 70 Jahren. Unter ihnen Anne Dubreuihl, die zwar als Akademiker gerne gesehen war in diesen Kreisen, aber noch lieber wäre sie ihnen wahrscheinlich als Mann gewesen in den in der Nachkriegszeit vorherrschenden patriarchalen Strukturen. Für dieses Werk wurde Simone de Beauvoir 1954 der Prix Goncourt verliehen, doch hinsichtlich der Ablehnung, die sie zuvor erfuhr aufgrund ihres Romans „Das andere Geschlecht“ - hielt sie sich bezüglich der Nominierung und Verleihung des Preises eher im Hintergrund, denn die Häme rund um den Skandal saß tief.
Eine Woche habe ich gelesen an dem über 1000 Seiten langen Wälzer in Neuübersetzung. Doch hat es sich gelohnt?! Für mich ganz klar: „Ja“! Es war mein erstes Buch der Autorin und der Wälzer hab mir die Möglichkeit tief einzutauchen in die Romanwelt de Beauvoirs‘.
Drei Protagonisten bilden das Herz des Romans: Der Publizist Henri Perron, dem ich eine Ähnlichkeit mit Albert Camus zuschreiben würde; die Psychologin Anne Dubreuilh und der Philosoph Robert Dubreuilh - die eine enge Freundschaft verbindet und deren Parallelen zu Simone de Beauvoir und Jean Paul Satre nicht von der Hand zu weisen sind.
Der Roman beginnt mit Ende des Zweiten Weltkriegs, als die Alliierten 1944 auf Paris vorrückten und bildet den Zwiespalt und die Konflikte zwischen links und rechts in der französischen Nachkriegsgesellschaft ab. Doch auch autofiktionale Verknüpfungen sind in dem Roman verarbeitet, wie die Affäre Anne Dubreuihls (Simone de Beauvoir) mit dem Chicagoer Schriftsteller Lewis Brogan (Nelson Algren).
Wem würde ich denn nun empfehlen, den Kampf mit dem 1024 Seiten langen Wälzer aufzunehmen? Ich würde „Die Mandarins von Paris“ allen Leser*innen empfehlen, die sich mehr mit den damaligen zeitgeschichtlichen Zusammenhängen, dem Literaturmilieu, aber auch den politischen Umbrüchen, Feminismus und dem Werk und Leben von Simone de Beauvoirs auseinandersetzen möchten. Es gilt ja durchaus als Schlüsselroman und ich fand es spannend die autobiografischen/ bzw. autofiktionalen Elemente zu erkennen und weiter zu recherchieren.
Für mich war „Die Mandarins von Paris“ der Einstieg in die Literaturwelt de Beauvoirs‘ und ich freue mich weitere ihrer Werke literarisch zu entdecken. Auch nicht unerwähnt lassen möchte ich die grandiose Übersetzungsarbeit von Claudia Marquardt und Amelie Thoma - an alle, die „Die Mandarins von Paris“ lesen möchten ein kleiner Tipp: Lest unbedingt das Nachwort von Nicole Seifert, hier zum Abschluss ein kleiner Auszug von Simone de Beauvoirs Worten zur Veröffentlichung ihres eigenen Romans:
„Ich wollte ganz darin aufgehen, ich wollte mein Verhältnis zum Leben, zum Tod, zur Zeit, zur Literatur, zur Liebe, zur Freundschaft, zum Reisen beschreiben. Ich wollte auch andere Menschen schildern und vor allem die fiebrige, von lauter Enttäuschungen begleitete Geschichte der Nachkriegszeit erzählen.“
"Die Mandarins von Paris" von Simone de Beauvoir (dt. von Claudia Marquardt und Amelie Thoma) ist ein erstklassiker Epochenroman und eine Milieuschilderung der Pariser Intellektuellen der unmittelbaren Nachkriegszeit. Ich habe die 1000 Seiten der deutschen Übersetzung innerhalb einer Woche fieberhaft verschlungen und finde so schnell keine klugen Worte für dieses Erlebnis. Es ist ein süffiges, sinnliches, kluges, problematisches, stellenweise pathetisches Buch, in dem ich viele Diskussionen wiedererkannte, mich an der Genauigkeit der Schilderung selbiger erfreute, mit den exakt dargestellten Figuren mitlebte, mich über sie ärgerte, oft laut gelacht habe. Es ist ein Buch voller Tragödien, ein wertvolles Zeitdokument, ein Pageturner. Dieser Roman hat mit Sicherheit mehr in mir angestoßen, als ich gerade noch ahnen kann, und er und die Kämpfe seiner Hauptfiguren Henri Perron, Anne und Robert Dubreuilh werden mich weiter beschäftigen. Ich muss mir auf alles einen Reim machen. Auf Anhieb eines meiner Lieblingsbücher. _________________ Wie soll man schreiben, wenn um einen herum die Welt aus allen Fugen bricht, jede Überzeugung verunsichert wird, jeder Glaubenssatz in Frage gestellt werden muss? Zwischen der Befreiung Frankreichs und dem unvermeidlich scheinenden neuen Krieg zwischen den USA und der UdSSR stellen sich Robert Dubreuilh und Henri Perron diese Fragen; zwei Schriftsteller, die in der Résistance aktiv waren, beide überzeugte Linke, die aber auch keine Kommunisten sind, und deren Freundschaft durch das Auftauchen von Berichten über Internierungslager in der Sowjetunion auf die Probe gestellt wird. Allein das scheint genug Stoff für einen 1000seitigen Roman zu sein, doch in Simone de Beauvoirs „Die Mandarins von Paris“ (feinfühlig, flüssig und nur ganz sporadisch etwas zu modern neu ins Deutsche übersetzt von Amelie Thoma und Claudia Marquard) ist dieser Konflikt, sind diese Fragen nur ein Teil eines facettenreichen Panoramas des Pariser Intellektuellenmilieus unmittelbar nach der Libération. Genau genommen nimmt die Geschichte Henri Perrons ungefähr die Hälfte dieses Romans ein – die andere Hälfte gehört der Ich-Erzählerin Anne Dubreuilh, die bedeutend jüngere Frau Roberts. Sie ist Psychoanalytikerin und beteiligt sich ebenso rege an den Diskussionen um diese Fragen wie ihr Mann und dessen Freunde, doch treibt sie (ebenso wie die Männer) noch anderes um: In ihrem Fall ist das ihre Tochter Nadine, eine eigen- und starrsinnige junge Frau, die schwer traumatisiert durch den Verlust ihrer ersten großen Liebe ein neues Leben nach dem Krieg versucht und sich dabei an verschiedene Männer hält. Außerdem verliebt sich Anne im Laufe der Romanhandlung selbst – in einen US-Schriftsteller. Diese Liebe kann aufgrund der Distanz und der Umstände, in denen Anne verhaftet ist, nur scheitern und tut es schlussendlich auch. Davor aber gelingen de Beauvoir herzzerreißend schöne Szenen zwischen ihrer Ich-Erzählerin und ihrem Geliebten. Überhaupt, Szenen: Simone de Beauvoir ist eine Meisterin der literarischen set pieces. Ihre Gesellschaftsszenen (Empfänge, Salons, Partys, Abendessen – der Roman wimmelt davon) stehen denen Leo Tolstois in nichts nach. Sie sind schnell, gewandt, enthüllend – und vor allem sehr oft auch witzig. Dank ihnen fliegen viele der 1000 Seiten der „Mandarins“ nur so vorbei – es ist ein rasantes Buch. Getragen werden diese Szenen von Dialogen, in denen die eingangs erwähnten Fragen Länge mal Breite diskutiert werden, immer wieder, immer gibt es einen Anlass, und nie werden sie einem langweilig, denn Simone de Beauvoirs’ Charaktere sind so intelligent wie ihre Autorin und parlieren in schwindelerregenden Höhen, ohne je ins Unpersönliche, Abgehobene abzurutschen. Es sind nachvollziehbare Leute, ihre Entscheidungen detailliert erklärt – oder nein, nie erklärt: Als Leser*in begleitet man die Protagonist*innen bei der Entscheidungsfindung, der Prozess des Entscheidens wird gezeigt, und mit ihm alle Zweifel, über die sich wiederum komplexe Persönlichkeiten offenbaren, die zu ambivalent sind, um sie nicht in ihrer Menschlichkeit anzuerkennen. Das verbietet einem aber nicht, über viele ihrer Entscheidungen zu urteilen – Simone de Beauvoir zeigt Alternativen auf, zeigt auf, dass ihre Figuren diese Alternativen kennen, und erlaubt ihren Leser*innen so, sich ein eigenes Bild zu machen, sich zu überlegen, ob man selbst so gehandelt hätte, ob man gutheißt, wie die Figuren handeln. Nicht bloß einmal geht es in diesen Entscheidungen um Leben und Tod, an ihnen hängt unerträglich viel, und alle sind sich meistens auch dessen bewusst. Trotzdem hat mancher Entschluss dann doch fatale Folgen, und man befindet sich selbst in einem Dilemma, denn man versteht allzu sehr, wie es zu diesem Tod kam und ist sich viel zu unsicher, ob man ihn verhindert hätte, wäre man in der Position des Schuldigen gewesen. Wobei ein einzelner Schuldiger selten auszumachen ist. Was diesen Roman abgesehen von seiner schieren Lesbarkeit und seinem Unterhaltungswert heute so großartig macht, ist, dass er einem eine Welt zeigt, die nicht so weit zurückliegt, die unsere bedingt, und die doch so grundlegend andere Voraussetzungen als unsere hat. In den „Mandarins“ streiten Linke darüber, ob man Informationen über die Straflager Stalins an die Öffentlichkeit bringen soll – heute, hier, streiten Menschen, die sich selbst als links bezeichnen, darüber, ob es nicht doch sinnvoll sei, wenn sich die BRD mal wieder so richtig hochrüste, natürlich an der Seite der USA. In diesem Roman zögern nichtmal die nichtkommunistischen Linken, wenn man sie vor die Wahl stellt: USA oder UdSSR. Sie wählen ausnahmslos, alle, immer, die UdSSR, selbst als sie schon von den Straflagern wissen. Ihr Glaube an den Sozialismus ist unerschütterlich, sie stellen ihr ganzes Schreiben in den Dienst der Weltrevolution und wissen: ohne die UdSSR kein umfassender Sieg über die Menschenfeinde. Mancher schwankt manchmal, mancher möchte doch lieber nur Geplänkel schreiben oder fern von allem am Mittelmeer liegen. Doch am Ende bleibt man dann doch in Paris und tut, was man kann. Denn es gibt eben diese Hoffnung, dass das Schreiben doch etwas bringt, wenn man es der richtigen Sache aneignet – in Russland hatte es schließlich funktioniert, warum nicht auch in Europa, warum nicht auch heute. „Die Mandarins von Paris“, dieser Wälzer, drückt allein durch seine Existenz schon diese Hoffnung, diesen Glauben aus – und ist ein kaum zu entkräftendes Argument für den Stellenwert einer Literatur, die sich der Welt annimmt.