Alles beginnt mit einer Kopfnuss. Während Deutschland bei der WM 2006 von seinem Sommermärchen träumt, findet der vierzehnjährige Vincent in denen, die ihn verprügelt haben, neue Freunde. Bald schon nennt er sie Brüder, raucht mit ihnen Shisha, hängt auf der Straße ab – und hockt doch jeden Abend wieder im Einfamilienhaus seiner Eltern. Als es ernst wird, muss er feststellen, dass bisher alles nur ein Spiel war. Zumindest für ihn. Während er sich Bräunungscreme ins Gesicht schmiert, fällt Ali nach einem Sprung aus dem Fenster ins Koma, Tarek ist nicht mehr zu erreichen – und eine Realität schlägt zu, in der es Probleme gibt, die Vincent sich bisher nicht vorstellen konnte.
Ein rasanter, eindringlicher Roman über Freundschaft und Zugehörigkeit.
Richtig gute Coming-of-Age-Geschichte mit distinkten Charakteren, klarer Stimme und Anspruch (verschiedene Zeitebenen, Meta mit Musik). Auch der Plot ist toll - Junge aus "gutem Hause" findet neue Freunde, die den Eltern nicht passen. Luca Kieser, für mich eine der literarischen Entdeckungen 2023, hat mich erneut überzeugt, da bleibe ich auf jeden Fall dran.
Mehr zum Buch in unserer ausführlichen Besprechung @ Papierstau Podcast: #308:Vaginaneid
"Pink Elephant" von Luca Kieser! Ein persönlicher Rat von mir: Beginnt es nicht mit müden Augen vorm Schlafengehen zu lesen! Mir zumindest ging es so, dass ich einige Seiten gebraucht habe, um mich in Kiesers wechselnden Zeitebenen und Stil zurechtzufinden. Aber dann, sah ich die Rückblenden des Protagonisten Vincent, mit wechselnder Farbgebung wie in Filmen vor meinem geistigen Auge. Ich denke, dass der Autor uns LeserInnen selbst draufkommen lassen wollte und lustigerweise halfen mir die Länderspiele der WM, um zu checken "ah warte, war Deutschland vor zwei Seiten nicht bereits im Achtelfinale". Fand das irgendwie ganz amüsant und frage mich, ob Kieser die WM als Sinnbild des deutschen Patriotismus herangezogen hat, oder um Vincents Abneigung seiner deutschen Identität gegenüber, besser veranschaulichen zu können? (I have a lot of questions by the way...auch die Tatsache, dass wir Nordafrikaner, sehr gerne zu Mannschaften halten, die uns zwar vor einigen 100 Jahren kolonialisiert haben, aber ein arabischer, muslimischer Spieler reicht, um Frankreich anzufeuern😅we are so funny). Ok genug über die Fußballpolitik!
Als ich begonnen habe zu lesen, dachte ich mir ala Yellowface-like, "Ist Luca Kieser, als weißer Mann, der Richtige, um über den Alltag von migrantendeutschen Jugendlichen zu schreiben?" Meine Antwort lautet jetzt: JA! Gerade er! Er hat es tatsächlich geschafft das pauschalisierte Label "Migranten Jugendlicher" wertfrei aufzuspalten und die verschiedenen familiären Hintergründe aufzuzeigen und eben auch zu beleuchten, weshalb "das Ghetto" auch deutsche junge Burschen aus "gutem Hause" anzieht, wie das Licht die Motten.
Vincent sehnt sich nach Freundschaft, Brüderlichkeit, Zusammenhalt und vor allem nach Aufmerksamkeit und Loyalität, was er in seinen eigenen vier Wänden nicht finden kann. Teilweise bedrückend, aber authentisch, real und literarisch super stark geschrieben! Eine große Leseempfehlung für all diejenigen, die hinter die Fassade der "problematischen Migranten Jugendlichen" blicken wollen und die verstehen möchten!
Luca Kieser gehört für mich seit seiner FM4-Wortlaut-Gewinnergeschichte zu den spannendsten jungen Stimmen der deutschsprachigen Literatur. Ich fand seinen Debütroman "Weil da war etwas im Wasser" gewagt und grandios, und die beiden Gedichtbände, die auf diesen folgten, abwechslungsreich und formal spannend. Über seinen ersten Roman habe ich dann sogar meine Bachelor-Arbeit geschrieben. Entsprechend aufgeregt habe ich seinem zweiten Roman entgegengefiebert. Jetzt ist er da und heißt "Pink Elephant". Ähnlich wie mit "Weil da war etwas im Wasser" wagt Kieser auch hier wieder Einiges: Auf formaler Ebene sind es die zwei Zeitebenen, die sich abwechseln und fließend ineinander übergehen. Das funktioniert sehr gut - man verliert nie den Überblick. Inhaltlich ist es die Thematik, die ein Wagnis darstellt: Als weißer Autor eine Geschichte über migrantische Jugend in Deutschland bzw. unsere postmigrantische Gesellschaft zu schreiben. Das birgt Gefahren, die Kieser aber (meist) geschickt zu umschiffen weiß: Ali und Tarek, die beiden Freunde des weißen Ich-Erzählers Vincent, sind eben keine klischeehaften Jungs mit Migrationshintergrund mit austauschbaren Eigenschaften. Kieser weiß genau, dass es keine homogene migrantische Community gibt. Ali und Tarek haben grundverschiedene Familienhintergründe, und Kieser macht deutlich, wie absurd es ist, dass beide unter ein Label fallen, das sie zu einem Teil einer anonymen Masse macht. Wie in seinem Debüt spielt Kieser auch hier wieder mit Intertextualität. Dieses Mal sind es vor allem deutschsprachige Hip-Hop-Texte, die direkt zitiert oder referenziert werden. Aber auch ein offensichtliches Vorbild dieses Buches, Wolfgang Herrndorfs wundervoller Roman "Tschick", wird direkt zitiert. Und zwar so, dass Herrndorfs Worte Vincent in den Mund gelegt werden, zu einem Zeitpunkt, als es diese Worte noch gar nicht gab: "Pink Elephant" spielt 2006, "Tschick" erschien 2010. Ein schönes Easter Egg. "Pink Elephant" hat mich zwar nicht so begeistert wie "Weil da war etwas im Wasser", aber das liegt mehr an mir als an dem Buch. Es ist eindeutig ein selbstsichereres, handwerklich versierteres Buch als das Debüt, und besser zu lesen ist es auch. Ich persönlich schätze einfach mehr Experimentierfreudigkeit - noch mehr Wagnis. Die Prosa in dem Buch ist so einfach wie sie es sein muss, da die Geschichte von einem 14 jährigen erzählt wird. Aber dadurch, für mich, etwas weniger aufregend als Kiesers originelle Art und Weise, das Welterleben einer Riesenkalmarin darzustellen. Ich glaube, "Pink Elephant" könnte vor allem auch Jugendlichen gut gefallen, die so alt oder ein bisschen älter als die drei Protagonisten sind. Vielleicht wäre es als Schullektüre ein gutes Komplementästück zu "Tschick". Das kann man dem Roman mindestens wünschen. Und uns allen kann man wünschen, dass Luca Kieser schon am nächsten Buch arbeitet - ich bin sehr gespannt auf die Richtung, die er einschlagen wird.
Vincent erzählt diese Geschichte, Einzelkind, pubertierend, Sohn eines erfolgreichen Arztes und einer Mutter, die Assistentin für einen aufstrebenden Politiker ist. Das Leben in dem gepflegten Einfamilienhaus mit den Lavendelbüschen drumherum ist Vincent zu öde, auch in der Schule gibt es nichts Aufregendes zu erleben, bis eines Tages Ali und Tarek in sein Leben treten und ihn verprügeln. Was auf der Polizeiwache und beim Täter-Opfer-Gespräch beginnt, entwickelt sich bald zu einer Freundschaft, bei der Vincent Grenzen testet und aus seinen anerzogenen Mustern ausbricht. Man kifft, prügelt, schmeißt Scheiben ein oder schaut zusammen Pornos. Vincent will nicht mehr der typisch "Weiße" sein, kauft sich Bräunungscreme für einen abendländischen Teint, will Arabisch lernen und rebelliert gegen Eltern, Lehrkräfte und Mitschüler*innen. Und schon bald geschieht eine Katastrophe, die Ali ins Koma bringt...
Narratologisch ist der Roman interessant, denn es braucht entsprechende Aufmerksamkeit, um die unterschiedlichen Zeitebenen auseinander zu halten. Die Kapitel sind mit Songtexten oder Gedanken beschriftet, die diese Umbrüche erzeugen. Zwischen Vorstadthochhäusern, Kleinkriminalität, "wallah"- und "Bruder"-Sprech probieren sich hier drei Jungs aus, die nicht so recht wissen, wo sie eigentlich hingehören. Das ist stellenweise urkomisch und manchmal auch ziemlich peinlich, mitunter auch dumm und unreflektiert. Eine Dynamik wie bei "Sonne und Beton" kommt aber nicht auf, gleichzeitig wirkt es etwas deplatziert, dass ein Junge wie Vincent (aus der Feder des Autors) sich so blümerant ausdrücken kann. Vieles wird angedeutet oder offen gelassen, an anderer Stelle weiter erzählt, was den Lesenden viel Raum lässt. Der Funke sprint aber nur gelegentlich über.
Bin irgendwie in einem Leseloch und vielleicht deswegen bisschen unfair gegenüber den Buch. Hat mich irgendwie an vielen Stellen angestrengt zu lesen wegen der ganzen Zeitsprünge und finde man merkt, dass das Buch 10 Jahre lang geschrieben wurde. Macht vieles irgendwie „aus der Zeit gefallen“ aber in a bad way.
Trotzdem war ich auf im Alltag immer mal wieder im Kopf bei den 3 Jungen, es hat mich also schon irgendwie beschäftigt. Hätte es mir vielleicht einfach ein bisschen moderner und strukturierter gewünscht?
Mit "Pink Elephant" erzählt Luca Kieser die Geschichte eines Jugendlichen, der während der Fußball-WM 2006 in Deutschland zwischen Freundschaft, Zugehörigkeit und den unsichtbaren Grenzen der Gesellschaft seinen Platz sucht. Der 1992 in Tübingen geborene Autor lebt in Wien und wurde bereits mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Wortmeldungen Förderpreis. Sein Debütroman" Weil da war etwas im Wasser" erhielt große Aufmerksamkeit und war für den Deutschen Buchpreis nominiert. In diesem - seinem zweiten Roman - greift Kieser wieder gesellschaftlich relevante Themen auf und kombiniert sie mit einer eindringlichen Erzählweise.
Worum geht’s genau?
Vincent ist 14 Jahre alt, wächst behütet in einem Einfamilienhaus auf und wird eines Tages von einer Gruppe Jugendlicher zusammengeschlagen. Statt sich zurückzuziehen, schließt er sich ihnen an und nennt sie bald Brüder. Er raucht Shisha, verbringt die Tage auf der Straße – und kehrt abends doch ins sichere Elternhaus zurück. Die Jugendlichen um ihn herum kämpfen jedoch mit einer Realität, die Vincent zunächst fremd bleibt. Als einer von ihnen ins Koma fällt, wird Vincent klar, dass er ein Spiel spielte, während die anderen ums Überleben rangen. Der Roman zeigt die Herausforderungen von Freundschaft, Identität und Rassismus in einer von Gegensätzen geprägten Welt.
Meine Meinung
Der Klappentext von "Pink Elephant" hat mich sofort angesprochen, und als ich es dann als Rezensionsexemplar entdeckt habe, konnte ich nicht widerstehen. Der Einstieg in den Roman fiel mir leicht, da die Kapitellängen angenehm und der Schreibstil sehr zugänglich sind. Luca Kieser versteht es, mit einer klaren, aber intensiven Sprache zu schreiben, die Leser:innen sofort in die Geschichte hineinzieht.
Inhaltlich wirkt die Geschichte glaubwürdig, und die Figuren sind realistisch und vielschichtig dargestellt. Vincent und seine Freunde sind so geschrieben, dass man ihre Lebensrealität nachvollziehen kann, auch wenn man selbst vielleicht eine ganz andere Perspektive hat. Besonders beeindruckend fand ich, wie sensibel der Autor Themen wie Rassismus und Zugehörigkeit behandelt. Es sind nicht die großen, dramatischen Momente, sondern die scheinbar alltäglichen Szenen – etwa beim Ladendetektiv oder in der Schule –, die das Thema greifbar machen - Stichwort Alltagsrassismus.
Das Buch greift außerdem Themen wie Jugend, Pubertät, sexuelle Identität, Schuld und Freundschaft auf. Besonders gut gefallen hat mir das Nachwort des Autors, in dem er seine eigene Perspektive sichtbar macht. Gerade bei einem Thema wie Rassismus ist es wichtig, die eigene Position zu reflektieren, und Kieser zeigt sich hier sehr sensibilisiert und reflektiert.
Trotz der vielen positiven Aspekte hatte ich jedoch auch Schwierigkeiten. Die verschiedenen Zeitebenen, zwischen denen der Roman wechselt, waren für mich verwirrend. Hier hätten Zwischenüberschriften mit Datumsangaben geholfen, um die Orientierung zu erleichtern. Auch hatte ich zu Beginn etwas Mühe, die Charaktere auseinanderzuhalten, was meinen Lesefluss beeinträchtigte.
Die Idee mit den Songtexten, die im Buch immer wieder eingebaut werden, fand ich nett, aber für mich persönlich hat sie nicht funktioniert. Ich kannte kaum einen der erwähnten Songs, sodass mir die Anspielungen nichts sagten und mich eher aus der Geschichte herausrissen. Insgesamt hat mich der Roman nicht völlig gefesselt. Obwohl die Themen interessant und gut aufbereitet sind, fehlte mir der Sog, der mich dazu bringt, ein Buch nicht mehr aus der Hand legen zu wollen.
Fazit
"Pink Elephant" ist ohne Frage ein gut geschriebenes Buch mit wichtigen Themen, das Leser:innen zum Nachdenken anregt. Es überzeugt durch eine realistische Darstellung der Charaktere und eine reflektierte Autor:innenperspektive, hat jedoch Schwächen in der Struktur und im Spannungsaufbau. Trotz dieser Kritikpunkte werde ich wahrscheinlich wieder zu einem Buch von Luca Kieser greifen, da seine Erzählweise Potenzial zeigt. 3,5 von 5 Sternen.
Vincent wäre gern mehr wie seine Freunde. Weniger „Kartoffel“ und mehr wie Ali und Tarek. Und doch erlebt er mit, wie Fremdenfeindlichkeit, Vorurteile und Missstände in unserer Gesellschaft ein Problem für Jugendliche mit Migrationshintergrund sind. Aber das hält ihn nicht ab, sich Bräunungscreme ins Gesicht zu schmieren, die seine Haut nicht verträgt. Nimmt Mutproben an, die Narben hinterlassen. Was an diesem Roman faszinierend ist, ist die Tatsache, dass man bis zum Schluss nicht herausbekommt, was wirklich passiert ist, warum einer der Freunde im Krankenhaus landet. Schichtweise wird die Vorgeschichte abgetragen. Als m��sste Vince sich seinen Lesern erst langsam öffnen, Vertrauen aufzubauen. Was für mich sehr zu den Teenagern passt. Allerdings hat es mich ein wenig gestört, dass es in der Zeit immer wieder hin und her springt. Zwar ist auch das authentisch, schließlich berichtet man im Alltag auch nicht immer nach kontinuierlichen Zeitsträngen, da einem erst nach und nach auch wieder alles einfällt, dennoch hat es mir die Story etwas erschwert. Aber ein eindrucksvoller Roman, der gelesen werden sollte, mit der Kulisse des Sommermärchens 2006.
Hab das aus Neugier gelesen, weil der Autor und ich zur gleichen Zeit in der gleiche Stadt groß wurden, Überschneidungen im Freundeskreis hatten und ‚Pink Elephant‘ von diesen Freundschaften und dieser Zeit inspiriert ist. Und ich muss sagen, dieser Roman hat mich - bumm! - zurück in meine Jugend mit Kaliskaya Wodka katapultiert. In manchen Reviews ist davon die Rede, dass der Roman das Struggeln eines weißen Deutschen mit seiner Kartoffeligkeit zum Thema hat. Für mich war das definitiv nicht das Main Theme, sondern eher Freundschaft - und vielleicht auch, das langsame Begreifen einer nicht von Rassismus Betroffenen Person, was Rassismus bedeutet. Okay, auf jeden Fall Leseempfehlung!
ein schönes coming of age buch, sehr realistisch, summer vibes, über die prägendste und beeinflussbarste zeit des erwachsenwerdens, rassismus und dazugehörigkeit sehr außergewöhnliche kapitelführung (zwischenüberschriften?)
In seinem zweiten Roman Pink Elephant setzt sich Luca Kieser mit Fragen von Zugehörigkeit und Identität auseinander. Aus der Perspektive seines jungen Protagonisten verknüpft er Themen wie Privilegien und Außenseitertum auf persönlicher und gesellschaftlicher Ebene.