Literatur muss frei sein, wild, darf böse sein und muss auch weh tun können, sonst verliert sie ihren Reiz, sagt Melanie Möller. Sie muss ein Freiraum bleiben für ungeschützte Gedanken und scharfe Worte. Dafür liefert die Autorin einen wilden Ritt durch mehrere Jahrhunderte Literaturgeschichte im Kampf für die Freiheit des Worts.
Bibelverbot für Schulen in Utah, Verbannung von Klassikern aus Lehrplänen und Schulbüchern, glättende Übersetzungen, zensierte Klassiker, politisch korrekte Vorgaben für Literatur, Sensitivity-Reading, Triggerwarnungen, Verbot ›schwieriger‹ Vokabeln: Ein Verhängnis!, sagt Melanie Möller und warnt davor, den Leser zu unterschätzen. In Sachen Kunst darf es keine Abstriche geben. Wer verwässert, entmündigt den Leser – und der ist schlauer, als man denkt.
»Was fehlt, ist ein leidenschaftlicher Kampf für die Autonomie der Literatur, der diese schützt wie eine bedrohte Minderheit – und zwar kompromisslos«, so die Autorin. Melanie Möller führt ihn.
Ich glaube, ich bin reingefallen. Als ich den Titel samt Untertitel („Für die Freiheit der Literatur – eine Streitschrift“) dieses Sachbuchs entdeckt habe, hab ich sofort gedacht: „Das Buch musst du lesen!“ Ich hatte mir so sehr ein Werk gewünscht, dass sich wissenschaftlich mit sensiblen Inhalten, veränderten Texten und diversen Sichtweisen kritisch auseinandersetzt. Der Klappentext versprach, dass uns Melanie Möller mitnimmt, auf einen wilden Ritt durch mehrere Jahrhunderte Literaturgeschichte das Literatur frei, wild und böse sein darf und auch weh tun kann, dass das geschriebene Wort Freiraum bleiben muss für ungeschützte Gedanken und scharfe Worte. Mich hat wirklich interessiert, wie die Autorin das analysiert und in die Gegenwart transferiert.
Melanie Möller ist Philologin, setzt sich also hauptsächlich mit Texten aus der Antike auseinander und genau das bekommen wir hier auf fachlich sehr hohem Niveau serviert. Sie setzt in jedem Kapitel einer Person aus der Antike, z.B. Ovid, Vergil oder Sappho einen Autoren, eine Autorin, aus anderen Epochen gegenüber, wie z.B. Brodsky, Goethe, Ernaux und Lindgren. Sie führt diese zusammen und gibt dann beispielhaft wieder, welche „woken“ Themen die beiden gemein haben und wie die Gesellschaft heute damit umgeht. Das könnte kurzweilig sein, wenn Frau Möller ihre Expertise nicht dermaßen ausufernd breitgetreten, eine Unmenge an Fremdwörtern eingefügt und Bezüge nieder geschrieben hätte die weit hergeholt sind. Oft konnte ich gar nicht erkennen, warum sie die beiden jetzt gerade zusammengebracht hat und was eigentlich das Problem ist.
Das Fazit ist eigentlich jedes Mal: Finger weg, lasst die Texte, wie sie sind! Meckert nicht rum und akzeptiert es! Und eigentlich seid ihr alle viel zu empfindlich!
Ich dachte ja, es geht um die Freiheit von Sprache und Literatur, darum, dass sich Dinge verändern können, aber nicht müssen. Am Anfang gab es durchaus einige wenige Passagen, bei denen ich Frau Möller noch zustimmte („Wer identifikatorisch lesen mag, darf das natürlich gerne tun, die Lektüre ist frei. Wer aber dabei die Grenzen zwischen Kunst und Leben verwischt und sich selbst mit seiner Biografie derart ins Textgeschehen hinein dringt, dass er die Beeinträchtigung eben jener Texte fordert, der möge am besten die Augen – und vor allem die Finger – von der Literatur lassen.“)
Mit ihren langen Textpassagen über antike Texte, die heutzutage Durchschnittsleser nicht mehr erreichen, hatte sie mich aber relativ schnell verloren. Ich hab’s gelesen und ganz selten das Gefühl gehabt, dass ich irgendwas Neues und vor allem Interessantes lerne, dafür war es einfach zu abgehoben. Und dann wurde es sogar richtig schlimm. Anstatt wissenschaftlich an neue sprachliche Strömungen ran zu gehen und sie zu widerlegen, wenn sie sie schon infrage stellt, ging sie dazu über Plattitüden einzufügen und driftete dabei meiner Meinung nach mehrmals in rechtspopulistisches Gejammer ab (wenn auch auf akademischem Niveau). Sie glaubt zum Beispiel (mit viel Ironie), dass sich keine Schauspieler mehr finden würden, die Casanova oder Catullus spielen würden. Weil beide weiße Männer sind die sich erotischen Leidenschaften verschrieben haben. Ich glaube ja, Netflix findet immer jemanden, der es macht, alles eine Frage des Geldes😅 …Sie mutmaßt, ganz unwissenschaftlich, dass ja wohl alle nicht jüdischen Zeitgenossen Goethes antisemitisch waren (Subtext:normal eben🤷🏼♀️) und weil das mit der Sprache alleine ja nicht reicht mobbt sie in einem Kapitel über Kleist und Vergil „… und der Herr Professor bemerkte dazu, noch in Unkenntnis der panischen Penetranz heutiger Klimabesorgter, nicht viel mehr als das Folgende…“ warum dieser gehässige Einschub? Der sollte wohl irgendwie noch untergebracht werden. Ab und an stellt sie Bezüge zur Pop Kultur her, zitiert die Gruppe K.I.Z und benutzt an, meinem Empfinden nach, unpassenden Stellen Worte wie „Bitch“ um vielleicht jünger zu wirken, als sie ist. Dabei weiß selbst ich, dass das so 2010 ist😜 So macht sie sich mit diesen Anbiederungen an die Jugendkultur vergangener Zeiten lächerlich. Das hätte sie als renommierte Philologin gar nicht nötig.
Ich war ja durchaus bereit, über meine Positionen bezüglich Literatur und Sprache nachzudenken, mich überzeugen zu lassen oder einen kontroversen inneren Dialog mit Möller zu führen. Aber ich hatte nicht den Eindruck, dass ich das muss. Alle Einlassungen über die Überempfindlichkeit der heutigen Gesellschaft waren ohne Konzept, unprofessionell und in weiten Teilen sehr populistisch, aber auf jeden Fall nicht der Rede wert. Die letzten beiden Kapitel, wo sie Pippi Langstrumpf an ihren Zöpfen herbeizieht und die dicke Elke der Ärzte auch noch dazu holt, haben mir etwas mehr Verständnis für ihre Meinung und Reflektionen abverlangt. Aber das hat den Rest dann auch nicht mehr fundierter wirken lassen. Der reißerische Titel (so muss ich es leider im Nachhinein einordnen) ist ein Eye-Catcher, hält aber null was er verspricht! Um genau zu sein: Ich glaube, dass Möller ein großes Problem hat die Freiheit von Literatur und damit auch die Möglichkeit von Diskussion und Reflektionen zu akzeptieren und sie hat eine Wutschrift verfasst die ihre ganz persönlichen Gefühle wiedergibt und in der Analyse der Überempfindlichkeit unserer heutigen Gesellschaft, jeglicher wissenschaftlicher Grundlage entbehrt.
Rezensionstitel: Von der Anmaßung einer Literatursäuberungswelle Kurzmeinung: Hab mich durchgebissen, weil mich das Thema interessiert. Melanie Möller, Professorin für Latinistik an der FU Berlin und wünscht sich „einen leidenschaftlicher Kampf für die Autonomie der Literatur, der diese schützt wie eine bedrohte Minderheit – und zwar kompromisslos. Denn wo kämen wir da hin, wenn jeder seine mehr oder weniger berechtigte Befindlichkeit erwartungsvoll an sie herantrüge?“.
Der Kommentar: Die geneigte Leserin ist ganz bei der Vortragenden. Wohl kaum eine andere Nation denunziert und diffamiert die eigene Sprache im In- und Ausland in vorauseilendem Gehorsam und aus Angst vor woker Kritik so wie die Deutschen es tun. Sie versehen die eigene Sprache mit Warnlabels und mit Triggerwarnungen, so geschiehts auf den Homepages vieler Goetheinstitute weltweit, wenn Tabellen "verdächtiger" Worte aufgestellt werden und man sich quasi im Vornhinein dafür entschuldigt, dass unsere Sprache unsere Sprache ist, denn „die rassistischen Wurzeln vieler deutscher Wörter lägen in der Zeit des Kolonialismus und wirken bis heute“. Natürlich trägt Sprache die Geschichte der Menschheit mit. Das muss sie auch. Soll man die Geschichte rückwirkend glätten? Tatsächlich ist der Angriff auf die Literatur, auf die Kunst und die Sprache alt. Das macht Melanie Möller klar, „früher“ wurden unliebsame Autoren verbannt oder entsorgt, heute entschärft man sie „nur“. Der Gedanke an das Attentat auf Salman Rushdie sollte jedoch klar machen, wie weit zu gehen auch heute noch Menschen bereit sind, um unliebsame Literatur und ihre Urheber einzuschüchtern. Die woke Ideologie ist nur einen kleinen Schritt von solchen Zuständen entfernt, zur Zeit übt sie Gewalt nur auf psychischer Ebene aus, doch Gewalt bleibt Gewalt. Dabei bleibt der Spaß an Literatur und ihre von den Autoren gewollte Anstößigkeit auf der Strecke. Humor ist eine zuweilen beißende Angelegenheit, dieses Bissige ist ein Ärgernis für die woke Ideologie. Ihre Angriff gegen die Satiriker unser Tage sind bekannt, ob Oliver Welke, Harald Schmidt, Dieter Nuhr, und viele andere – keiner ist vor rassistischen oder sexistischen Vorwürfen verschont und am liebsten würde man sie ganz zum Schweigen bringen. Ist Kunst frei und was darf sie? Alles. Die woke Ideologie will dieses „Alles“ nicht hinnehmen und die sprichwörtlich gewordene Axt von Franz Kafka, die das gefrorene Meer in uns aufbrechen soll, stumpf machen.
Wie die Säuberungs – und Überschreibungswelle heutzutage im Einzelnen funktioniert zeigt Melanie Möller, ganz ihres Faches gerecht, an literarischen Beispielen (an ollen Kamellen), wobei sie jeweils einen oder mehrere antike Autoren – das ist nun einmal ihr Berufsfeld - einem (oder mehreren) modernen Autoren gegenüberstellt. Dabei geht sie für meinen Geschmack zu tief auf einzelne Werke ein. Das ist zu fachspezifisch und wird den „normalen“ Leser nicht interessieren und nicht erreichen. Denn es ist (leider) langweilig. Klar wird dennoch, dass die Autorin dafür plädiert, auszuhalten, was die Literatur dem Leser zumuten will und es dem Leser zu überlassen, was er daraus macht. Auf Triggerwarnungen können wir verzichten, eine Sprachkontrolle/Zensur/Polizei braucht es nicht. Der Leser ist schon groß. Einen Text zu entschärfen, ihn umzuschreiben und glättend zu übersetzen, ist ein Vergehen am Geist der Literatur, ja am Geist der Kunst überhaupt: „Beim Übersetzen sollten Anpassungen an den Zeitgeist unterbleiben.“ So ist es. Dem habe ich nichts hinzuzufügen.
Fazit: Leider ist der Text von Melanie Möller reine Fachliteratur und gehört in den einschlägigen Fachjournalen publiziert und diskutiert. Demgemäß ist auch die Sprache fachspezifisch und schwer aufzuschlüsseln. Einige allgemeine Ableitungen und Bemerkungen sind dennoch höchst bemerkenswert.
Kategorie: Fachbuch. Literatur Verlag: Galiani Berlin ein Imprint von Kiepenheuer & Witsch, 2024
„Also bitte gar keine Kompromisse, keine Änderungen an den Texten, schon gar nicht bei toten Autoren, die sich nicht wehren können. Wer etwas nicht lesen möchte, darf es gerne lassen oder entsprechend kommentieren.“ (Zitat Pos. 260)
Thema und Inhalt Eine Streitschrift für die Freiheit der Literatur, so nennt die Autorin dieses Fachbuch. Schon das Cover zeigt aussagekräftig, worum es geht. Es ist ein eindringliches Plädoyer für die Freiheit der Kunst, hier die Freiheit der Literatur, und gegen alle zeitgeistigen Wokeness-Bestrebungen, Ecken und Kanten in aktuellen Texten zu entschärfen, klassische Texte nachträglich umzuschreiben. Derartige Eingriffe, die von den Lesern selbst nicht gewünscht werden, sind Versuche, so Marlies Möller, aus mündigen unmündige Leser zu machen. „In Sachen Kunst darf es keine Abstriche geben. Wer verwässert, entmündigt den Leser – und der ist schlauer, als man denkt.“ (Zitat Pos. 95)
Umsetzung Melanie Möller ist Professorin für Latinistik an der Freien Universität Berlin. Daher stellt sie in neun Kapiteln jeweils einen griechischen oder römischen Autor der Antike einem klassischen oder modernen Autor oder Autorin gegenüber. Wobei das erste Kapitel hier eine Ausnahme macht, denn hier geht es um die großen Epen Homers einerseits und die Bibel andererseits. Es sind generell spannende und ungewöhnliche Gegenüberstellungen, wie zum Beispiel Catull und Casanova, Euripides und Annie Ernaux. Besonders interessant ist natürlich die jeweilige Begründung und Herleitung der Kombination und das Aufzeigen der literarischen und thematischen Gemeinsamkeiten. Mein persönliches Highlight ist das Kapitel 9: Sappho und Astrid Lindgren. Mit Textbeispielen stellt Melanie Möller in allen Kapiteln, durchaus ironisch, die theoretisch-rhetorische Frage, ob nicht doch an den Zeitgeist angepasst werden sollte, besonders auch, was das Frauenbild betreffe, um zu begründen, warum genau das falsch wäre. Ihre Argumente und Ausführungen belegt sie durch Textzitate und fachlich fundierte Einblicke in das Leben, die Gesellschaft und die Gedankenwelt jener Zeit, in welcher die besprochenen Werke jeweils entstanden sind. Immer wieder erinnert sie daran, das reale Leben des Schriftstellers von seinem fiktiven Werk und den ebenso fiktiven Figuren zu trennen. So ergibt sich auch ein sehr interessanter Streifzug durch die Welt der Literatur und zum Beispiel auch die Problematik, die entsteht, wenn wir mit dem heutigen Wissensstand und Denkart literarische Frauenfiguren, Ausdrücke, Wortwahl, Sprache aus längst vergangenen Zeitaltern und völlig anderen Kultur- und Gesellschaftskreisen woke interpretieren wollen.
Fazit Das vorliegende Buch ist kein Sachbuch, sondern definitiv ein Fachbuch. Es ist sicher eine Herausforderung für Leser wie mich, bei denen Latein und die Werke des klassischen Altertums (mit einer Ausnahme, Homers Illias, da mich der Themenkreis Troja nach wie vor fasziniert) mit dem Ende der Gymnasialzeit geendet haben. „Die Studie bemüht sich lediglich um einen weiträumigen Gang durch die Zeiten, um der Geschichte der Gewalt gegen die (in diesem Fall primär literarische) Kunst historische Tiefe und Breite zu verleihen.“ (Zitat Pos. 306). Dies ist der Verfasserin mit dieser lesenswerten Streitschrift gelungen.
Ich lese zu viele dieser Bücher. 2018 fing es mit der Entfernung von Eugen Gomringers Gedicht Avenidas von der Hauswand einer Berliner Hochschule an, dass das Phänomen ‚Cancel Culture‘ (damals noch nicht unter diesem Begriff) im deutschen Feuilleton und deutschen Verlagen verhandelt wurde – beispielsweise bei Hanno Rauterbergs Wie frei ist die Kunst? oder Nikola Roßbachs Achtung, Zensur. Wo Roßbach noch wirklich um ein klärendes Gespräch bemüht ist und sich auf eine Argumentation einlässt, ist sechs Jahre später scheinbar in der deutschen Debatte nichts mehr davon übrig. Wie so viele der Bücher zum Thema ist Melanie Möllers Der entmüdigte Leser ein nutzloses Buch, da es sich explizit nur an die richtet, die eh schon zustimmen. Wer würde sich auch davon überzeugen lassen, wenn zu Beginn die Gegenseite als per se narzisstisch bezeichnet wird („[M]an könnte meinen, man sei fast ausschließlich von Narzissten umgeben, die alles und jeden persönlich nehmen.“ S. 13). Ganz zu schweigen davon, dass Möller den Narzissmus-Vorwurf dann selbst später wieder besagter Gegenseite zuschreibt: „Der Vorwurf des Narzissmus gehört womöglich zu den populärsten in den unguten Bewertungszirkeln unserer Tage.“ (S. 95) Eigentlich müsste man jetzt sagen, dass Möller Teil dieser Zirkel zu sein scheint.
Möller macht leider auch immer wieder den gleichen, unfassbar langweiligen Fehler, den all diese Bücher machen: Sie stellt die Argumente der (um den kategorisch undefinierten Begriff zu verwenden) „Woken“ in der immer dümmsten Version dar, um bloß nicht sinnvoll argumentieren zu müssen. Wenn dann noch Begriffe wie „links-wokisch“ (S. 41) oder „in woken Zeiten“ fallen, muss ich mich schon sehr anstrengen, nicht die Augen zu verdrehen. Literaturwissenschaftlich fragwürdige Methoden sind an dieser Stelle fast schon erwartbar. So habe ich mich beim Lesen gefragt und tue es immer noch: Was ist denn eine „weiblich motivierte[] Forschung“ (S. 87)? Möllers hingeworfene Kritik an der leichten Sprache (S. 99f.) ist auch nicht wirklich nachvollziehbar. Zumindest frage ich mich wirklich, wem leichte Sprache besonders in institutionellen Kontexten schaden soll. Um zu wissen, dass man nicht mit vollkommenem Sprachverständnis auf die Welt kommt, braucht man nun wirklich keine Professur.
Um diese Rezension nicht noch weiter ausarten zu lassen [was sie natürlich dennoch tut], fokussier ich mich jetzt auf das für mich Wesentliche: Möller beklagt durchgehend „unmündig-sensible Leser“ (S. 116). Mündig werden sie aber sicherlich nicht in der Weise, die Möller hier fordert. Unendlich ist meine Sympathie für das Kafka Zitat, das an den Beginn des Buches gestellt ist: „Wir brauchen aber die Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, […] ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“ Den Schockzustand, den Kafka hier beschreibt, kann man denke ich umstandslos damit identifizieren, dass mit Deleuze / Guattari über Kafka gesprochen eine Schwelle überschritten wird – etwas also anders erkennbar wird. Möller verwechselt dies jedoch mit einem bloßen sprachlichen Angriff: ‚Literatur muss weh tun, sonst bringt sie dir nichts!‘ scheint Möller zu rufen. Sinnvolle Diskussionen scheinen jedenfalls ausgeschlossen, wenn man dieser Haltung folgt, die in ihren Extremen fasst einer schwarzen Pädagogik ähnelt. Zumindest nehme ich bei Kafka eine andere Haltung war, die auch für mich deutlich anschlussfähiger an die literarischen Gewaltexzesse bei bspw. Kathy Acker oder Pierre Guyotat wäre, die ohne eine Zensurvermutung an jeder Ecke auskommt.
Gerade beim siebten Kapitel zum Theater kommt man aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus: Erstens weil Möller keinen Unterschied zwischen Text und Aufführung macht (in den Theaterwissenschaften ein Fehler, den nur Erstsemester machen und der ganz besonders beim antiken Theater problematisch ist). Zweitens weil sie scheinbar über kein Wissen über theaterwissenschaftliche Debatten verfügt, besonders zu der in den letzten Jahren nochmal aktiver stattfindenden Forschung zu Invektiven. Dann noch zu schreiben, dass „blackfacing und Co. […] verpönt [sind]“ ist schon fast peinlich. Da ist die Debatte deutlich belebter, als Möller das hier darstellt. Da geht sie aber natürlich nicht drauf ein, weil sie scheinbar keine Ahnung von zeitgenössischer Forschung zu der Thematik hat. Und noch nebenbei: Das Statement im Theater-Kapitel „Selten war so viel Bevormundung.“ (S. 152) lässt gerade im Kontext der deutschen Theaterzensur seltsam anmuten. Apropos Bevormundung: Dass Möller ganz am Schluss Farin Urlaub die Haltung zum eigenen Song vorschreiben will, lässt mich in diesem Kontext doch schmunzeln. Wenn alles so bleiben soll, wie es ist, ist es ja keine Bevormundung.
Final muten Möllers Beschreibungen zu Astrid Lindgren so naiv an, dass ich mich wirklich frage, wie sie darauf kommt. Dass sie beim „N*könig“ vieles assoziiert, aber „Hautfarben sind [mir] dabei noch nie aufgefallen“, ist schon extrem irritierend. Wenn eine habilitierte Literaturwissenschaftlerin etymologisch belegbare Verbindungen nicht herstellt, will man etwas vielleicht auch nicht sehen. Man möchte ein von Möller zitiertes Sprichwort anhängen: Es kann nicht sein, was nicht sein darf.
Dass wir produktiven Streit brauchen, würden denke ich die wenigsten verleugnen. Möller hat daran nur leider keinen Anteil. Zumindest fallen auch die Seitenhiebe auf die beliebten Punching Bags konservativer Literatur für die Gesamtargumentation eher nutzlos aus, wenn beispielsweise von der „panischen Penetranz heutiger Klimabesorgter“ (S. 111) gesprochen wird. Und natürlich immer wieder Möllers Irritation über Transphobie, ganz besonders nervig formuliert an dieser Stelle: „Beide Autorinnen [Lewitscharoff und Rowling] gelten mittlerweile aufgrund einiger kritischer Äußerungen zu akademischen Trends [sic] als »transphob« (was immer das heißen soll: gemeint ist wahrscheinlich eine – unterstellte – Angst vor Transsexuellen, wörtlich bedeutet es so viel wie »jenseits der Angst«; schwierige Sache mit dem differenzierten Sprachgebrauch und den Fremdwörtern).“ Dass Möller sehr genau weiß, was transphob heißen soll, ist denke ich allen klar. Dass sie es selbst mit dem differenzierten Sprachgebrauch nicht so hält, habe ich jetzt hoffentlich ausreichend gezeigt.
Wenn man sich wirklich für Themen sprachlicher Verletzung interessiert, kann ich hier nur eine Auseinandersetzung mit dem oben genannten Buch von Nikola Roßbach (zumindest eingeschränkt) empfehlen. Auch Joan W. Scotts Texte zu ‚academic freedom‘ machen differenziertere und klügere Argumente als Möller. Und zuletzt Judith Butlers Excitable Speech macht schon 1997 eine genaue (und natürlich auch ausbaubare) Analyse der Funktionsweise potentiell verletzender Begriffe. Damit würde sich beispielsweise auch der hanebüchene Vergleich zwischen der verletzenden Kraft des N-Wortes und dem Wort „Weib“, den Möller anstellt, erübrigen. Butler würde sogar noch eine Position für eine kritische Gegenlektüre solcher Wörter anbieten. Auch Möllers (ausnahmsweise mal berechtigte) Kritik an einem Versuch der Fixierung von Bedeutung würde sich auch mit Butler besser analysieren lassen, als Möller selbst es tut.
Abschließend möchte ich einen Auszug aus einem Interview Michel Foucaults mit Paul Rabinow anhängen, in dem Foucault unter dem Begriff der Polemik und der Beschreibung seines Problems damit für mich sehr einfängt, warum Bücher wie Möllers eigentlich doch schnell wieder zugeklappt werden können (Hervorhebungen von mir):
„Paul Rabinow: Why is it that you don’t engage in polemics?
Michel Foucault: I like discussions, and when I am asked questions, I try to answer them. It’s true that I don’t like to get involved in polemics. If I open a book and see that the author is accusing an adversary of “infantile leftism” I shut it again right away. That’s not my way of doing things; I don’t belong to the world of people who do things that way. I insist on this difference as something essential: a whole morality is at stake, the one that concerns the search for truth and the relation to the other. In the serious play of questions and answers, in the work of reciprocal elucidation, the rights of each person are in some sense immanent in the discussion. They depend only on the dialogue situation. The person asking the questions is merely exercising the right that has been given him: to remain unconvinced, to perceive a contradiction, to require more information, to emphasize different postulates, to point out faulty reasoning, and so on. As for the person answering the questions, he too exercises a right that does not go beyond the discussion itself; by the logic of his own discourse, he is tied to what he has said earlier, and by the acceptance of dialogue he is tied to the questioning of other. Questions and answers depend on a game — a game that is at once pleasant and difficult — in which each of the two partners takes pains to use only the rights given him by the other and by the accepted form of dialogue. The polemicist, on the other hand, proceeds encased in privileges that he possesses in advance and will never agree to question. On principle, he possesses rights authorizing him to wage war and making that struggle a just undertaking; the person he confronts is not a partner in search for the truth but an adversary, an enemy who is wrong, who is harmful, and whose very existence constitutes a threat. For him, then the game consists not of recognizing this person as a subject having the right to speak but of abolishing him as interlocutor, from any possible dialogue; and his final objective will be not to come as close as possible to a difficult truth but to bring about the triumph of the just cause he has been manifestly upholding from the beginning. The polemicist relies on a legitimacy that his adversary is by definition denied.“
Die Latinistin Melanie Möller setzt sich mit der „bildungspolitischen Minderheit“ von Aktivisten auseinander, die z. B. durch Sensitivity-Reading oder Glättung von verletzendem Sprachgebrauch Minderheiten Respekt verschaffen wollen. Das Glätten einiger Ausdrücke genügt heute jedoch oft nicht. Jahrzehntealte Einstellungen erfordern wachsenden Erkläraufwand, so dass umfangreiche Fußnoten und Nachworte nötig sind, um z. B. „nur“ 50 Jahre alte Romane zu vermitteln. Letztlich führt das Korrigieren rassistischer oder misogyner Begriffe, das die Autorin als Entmündigung kritisiert, zu der Frage, welche Anforderungen denn an einen zeitgemäßen, kultursensiblen Literaturkanon zu stellen sind. Möller stellt in ihrem Aufruf, Literatur zu lassen, wie sie ist, Texte gegenüber u.a. von Ovid und Brodsky, Catull und Casanova, Aristophanes und Shakespeare, Euripides und Erneaux, sowie Sappho und Astrid Lindgren.
Als Literaturvermittlerin denke ich häufig über kulturelle und persönliche Grenzen meiner Zielgruppe nach, ehe ich Bücher empfehle. Schließlich will ich erreichen, dass Kinder und Erwachsene das Lesen lieben. Möllers Forderung, sich im Umgang mit Texten selbst nicht so wichtig und nicht alles persönlich zu nehmen, verhallt bei mir leider ungehört, da es in der Literaturvermittlung nicht um mich geht, sondern um Schüler, Beschenkte oder Diskussionsteilnehmer. Die Gräben zwischen mir als Literatur vermittelnde Leserin und Kritikern der Glättung von Texten konnte „Der entmündigte Leser“ leider nicht einebnen.
Eigentlich hatte ich mich für das Buch entschieden, weil ich mal wieder etwas außerhalb meiner Bubble lesen wollte. Mir war bewusst, dass es nicht meine Meinung vertritt. Jedoch erhoffte ich mir eine differenzierte Sicht und eine logisch verfolgbare Argumentationslinie. Dahingehend wurde ich enttäuscht.
Im Untertitel wird vermerkt, dass es sich um eine Streitschrift handelt, aber es ist eine reine Hassschrift. Frau Möller hat einfach kein Verständnis für aktuelle sprachliche Begebenheiten und Änderungen. Fazit: Sprache ist frei und muss nicht geändert werden. Jedes Individuum hat die Deutungshoheit über eigene sprachliche Äußerungen.
Abgesehen von ihrer Borniertheit ergibt der Aufbau des Buches für mich keinen Sinn. Jedes Kapitel stellt antike und späterlebende Autor:innen gegenüber. Teilweise fehlt mir hier der Zusammenhang. Die antiken Schriften werden viel besprochen. Das ist das einzig Interessante an dem Buch, hat aber mit der eigentlichen Thematik nichts zu tun. Zudem werden Verweise angestrengt, die schwer nachvollziehbar sind. Mein Lieblingsbeispiel: In einem Kapitel wird Goethe behandelt. Die Autorin kommt dann von Goethe zum Goethe-Institut. Dieses schreibt auf der Internetseite in einfacher Sprache, wie Sprache heute sensibel angewendet werden kann. Ziel dieser Darstellung ist es, dass sich die Autorin darüber aufregen kann und dem Goethe-Institut Anmaßung vorwirft (Die Deutungshoheit liegt beim Individuum).
Fazit: Ein Buch, welches Denis Scheck sofort die Rampe runterwerfen würde ;) Es bietet im Diskurs keinen Mehrwert, da es undifferenziert und dementsprechend eindimensional ist.
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Nachdem ich auf den Geschmack gekommen bin, Streitschriften zu lesen, viel mir dieses Buch in die Hände und ich freute mich auf eine haarscharfe und von allen Seiten durchleuchtete Analyse unseres heutigem Umgangs mit Literatur. Was ich stattdessen bekam war eine fachnahe Analyse antiker Literatur gespickt mit leicht spöttischen, pauschal gehaltenen Kommentaren zwischendurch.
Vielleicht war dieser Schreibstil einfach nichts für mich, vielleicht interessiert mich antike Literatur nicht genug aber eine solide Argumentation konnte ich leider auch nicht herauslesen.