In diesen knapp 1000 Seiten handelt es sich um eine subjektive Erzählung über die deutsche Politik der letzten 50 Jahre von einem Stammspieler der ersten Reihe.
Diese Erzählung zeigt eindrucksvoll, dass Politik von Menschen gemacht wird. Das bedeutet einerseits, dass private Ereignisse, Sozialisierung und persönliche Erlebnisse Politiker ebenso beeinflussen wie jeden anderen Menschen. Andererseits verdeutlicht es, dass die Entscheidungen einzelner Personen das Leben von Millionen Menschen prägen. Anhand verschiedener Beispiele wird deutlich, dass viele Politiker verstehen, dass in einer repräsentativen Demokratie kleinere Fehler oft unbestraft bleiben. Die Wahlentscheidung der Bürger wird nicht selten von größeren, besonders frischen Fehlern anderer beeinflusst.
Die Erkenntnis, dass Politiker letztlich auch nur Menschen mit all ihren Stärken und Schwächen sind, wird in dieser Erzählung besonders deutlich, wenn Wolfgang Schäuble berichtet, wie er die Geschäftsordnung des Bundestags geschickt nutzte, um Debatten in die Richtung seiner Partei zu lenken. Solche Aussagen wecken zu Recht Misstrauen, doch gleichzeitig tritt Schäuble in verschiedenen Momenten als Staatsmann auf und erinnert daran, warum er die deutsche Politik fünf Jahrzehnte lang entscheidend mitprägen konnte. Besonders ein Zitat zeigt dies gut:
“Wir sollten uns diese Stärke der repräsentativen Demokratie vor Augen halten: nicht immer dem Wind von Umfragen und Politbarometern folgen zu müssen. Wir wollten innerhalb des durch den Wähler verliehenen Vertrauens wohlüberlegte und gewissenhafte Entscheidungen treffen können.”
Ein Beispiel dafür nennt er den NATO-Doppelbeschluss, den er als eine der größten Leistungen Helmut Kohls ansieht. Unabhängig davon, was man von diesem Beispiel hält, ist die demokratietheoretische Aussage dahinter aktueller denn je.
Schäuble steht stellvertretend für die gesellschaftliche Entwicklung der Bundesrepublik. An zahlreichen Stellen würdigt er die Leistungen seiner Frau – sei es ihre Care-Arbeit, ihr Ehrgeiz oder ihr akademischer Erfolg trotz familiärer Verantwortung. Er berichtet auch von familiären Problemen, die durch seine Vernachlässigung entstanden, da er sich auf die Stärke seiner Frau verließ, die seinen Platz ausfüllen musste. Schäuble scheint diese Erkenntnis nicht erst nach 50 Jahren Politik gewonnen zu haben, er zog allerdings kaum Konsequenzen daraus. Er gibt an, dass ihm seine Frau oft leidtat – als wäre der Auslöser etwas Äußeres und nicht er selbst. Interessant ist auch seine Bemerkung, dass er "als unterbewusste Kompensation" im Ausschuss für Familie und Soziales lange Jahre tätig war, was den Leser fragen lässt, wie Schäuble die Gesellschaft verändern wollte, wenn er es selbst nicht schaffte, seine eigenen Ansprüche zu erfüllen.
Dieses Buch ist die erste Autobiografie, die ich je gelesen habe, und oft fragte ich mich, was ich für bare Münze nehmen kann und was nicht. Aufgrund fehlender Erfahrung und weil ich die politischen Ereignisse nicht selbst miterlebt habe, fällt es mir schwer, bestimmte Aussagen einzuordnen. Dennoch wirken Schäubles Schilderung seiner Rolle in der CDU-Spendenaffäre befremdlich und unangenehm. Einerseits betont er seine Scharfsinnigkeit und Standhaftigkeit, andererseits distanziert er sich von jeglicher Verantwortung mit dem Argument: “Ich wusste es nicht, und ich wollte es auch nicht wissen.”
Trotzdem bietet das Buch wertvolle Einblicke in das Leben eines der wichtigsten Politiker der Nachkriegszeit – abgesehen von den Bundeskanzlerinnen und -kanzlern. Besonders ernüchternd sind die ehrlichen Erzählungen über die Ressortverteilung im Kabinett Kohl, die fast an die feudale Herrschaft deutscher Fürsten im 18. Jahrhundert erinnern.
Andererseits ist es fast berührend, wie Schäuble über das Attentat spricht, bei dem er schwer verletzt wurde, und über die persönliche Zäsur, die seine Lähmung bedeutete. Offen spricht er über seine Gefühle und Ängste im Krankenhaus und während der Rehabilitationszeit – ungewöhnlich offen für jemanden, der als ein solches politisches Urgestein gilt. Auch seine Krebserkrankung, die er während seiner aktiven Zeit verschwiegen hatte, thematisiert er. Schäuble erklärt an verschiedenen Stellen, dass er sich zwar nicht als Vorbild für Menschen mit Behinderung sehe, doch wisse, dass viele ihn so wahrnehmen. Für ihn war es daher eine Pflicht, das richtige Maß zu finden: seine Behinderung nicht zu verstecken, ohne den Eindruck zu erwecken, politisches Kapital daraus schlagen zu wollen. Es zeigt Würde und Größe, dass er es ablehnte, die “Mitleidskarte” zu spielen, und dass er seine politischen Gegner lobend erwähnt, die ihn nach seiner Rückkehr so behandelten (und vor allem politisch attackierten), als säße er nicht im Rollstuhl.
Die beiden Co-Autoren, die Schäubles Memoiren niedergeschrieben haben, beschrieben die Entstehung des Buches als “Wettlauf gegen die Zeit”. Ziel war es, Schäubles politisches Vermächtnis zu dokumentieren. Er war nicht nur Zeitzeuge, sondern einer der Hauptakteure wichtiger Meilensteine der deutschen Geschichte: die Westbindung Deutschlands, die Wiedervereinigung, die Euro-Rettung und die Wahl Berlins als Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschlands. Schäuble betont an verschiedenen Stellen seine Wertschätzung für politische Gegner, selbst bei inhaltlichen Differenzen. Es überrascht nicht, dass die meist zitierte Phrase aus diesen knapp 1000 Seiten die in Jürgen Habermas Theorie des kommunikativen Handelns oft beschriebene These des “ zwanglosen Zwang des besseren Arguments”.
Mit dieser Haltung sollte man das Buch lesen. Auch wenn man Schäuble in vielen Punkten nicht zustimmen mag, bleibt unterm Strich, dass er ein bemerkenswerter Politiker und Demokrat war. Zweifelsohne mit vielen Fehlern, dennoch sind seine Erfolge und Errungenschaften für das Land nicht wegzudenken.
Die Bewertung bezieht sich auf das Buch und nicht auf den politischen Werdegang oder die politischen Entscheidungen, und da hat das Buch 5 Sterne verdient. Absolute Leseempfehlung!