Die Stärke des Buchs liegt sicherlich in seinen vielen Fallbeispielen, die den Begriff der hochfunktionalen Depression plastisch machen. Jedoch mäandert der Text an vielen anderen Stellen zwischen Pseudolebensphilosophie, allgemeinen Betrachtungen zur Gesellschaft - die dann eher qualitativ als quantitativ plausibilisiert werden - und der Propagierung der eigenen Therapiemethode. Besonders störend sind die vielen subjektiven Evaluationen, die keineswegs verallgemeinerbar sind und nicht ausreichend gegen andere Argumente abgewogen werden. Warum z.B. gerade Personen, die an einer hochfunktionalen Depression leiden, besser auf Psychotherapie ansprechen sollen, wird nicht weiter motiviert. Vielmehr könnte auch das Gegenteil wahr sein, nämlich dass solche Patienten Angebote scheuen, gerade aus ihrer vermeintlichen "Funktionsfähigkeit".
Kurz und gut: Als Weisheitensammlung taugt das Buch allemal, aber keineswegs als wissenschaftlich fundierte Untersuchung über den Begriff der hochfunktionalen Depression. Viele Fragen bleiben offen oder werden erst gar nicht gestellt: Gibt es im DSM oder ICD eine Kategorie dafür? Wer prägte den Begriff? Woraus ergibt sich überhaupt die Notwendigkeit einer "Aufklärung"? Welche Probleme hat die etablierte Psychotherapie mit ihren Konzepten? Warum ist das Leiden gerade "übersehen", wie der Untertitel es formuliert? Weil die Institution der klinischen Psychiatrie nicht damit umgehen kann? Weil es Genderaspekte gibt, die eine Behandlung erschweren? Weil die Diagnose vielleicht der Normalfall in einer kapitalistischen Warengesellschaft ist?
Darüber hätte man sich Aufklärung erhofft; aus den Fallbeispielen jedenfalls werden einige Aspekte deutlich