»Was macht eigentlich das Unterschichtskind auf dem Roten Teppich?«, fragt eine Besucherin auf dem Münchner Filmfest in meine Richtung. Ja, was macht sie da?
Sie ist auf einer Mission. Die Tussi suggeriert durch ihre Erscheinung ein grenzüberschreitendes Begehren. Es geht um Kitsch, Glamour, Trash, es geht um Camp. Es geht um Körper, Identitäten. Es geht um Strass, um Klasse und um künstliche Fingernägel.
PLEASURE ist eine atemberaubend eloquente Tour de Force durch die Luxus-Triade Schlaf (meterlange Hotelbett-Laken!), Nahrung (Schlemmermaus!) und Kleidung (Dior, aber fake!). Anhand von aufschlussreichen Anekdoten aus der Kunstwelt stellt Jovana Reisinger die verdeckten Normen eines vermeintlich liberalen Milieus, bricht eine Lanze für den Kitsch, für die Völlerei und das Rumliegen. „Unterschichten-Ästhetik" ist nicht nur ein politisches Signal, sondern auch ein Weg zu individueller Freiheit. Für Jede von uns.
»Jovana Reisingers Erkundungen beweisen, dass der Kontinent der weiblichen Lust schon lange nicht mehr dunkel ist. Vielmehr beschreibt sie höchst amüsant und intelligent das feministische Lebensgefühl einer neuen Generation, die sich ein Recht auf Widersprüche vorbehält.« Katja Eichinger
Reisinger offers a theory of something like a 21st century female dandy: Here, the woman of pleasure is not bound to serve men, but to fulfill her own appetite for sex, food, fashion, and sleep. The author grew up in an Austrian tavern, then the family moved to Germany, where they struggled to make ends meet. Now Reisinger, who worked her way into the cultural industry as a writer and artist, ponders the societal implications of pleasures and how they are judged and attributed: Habitus and belonging, high class and trash, fine dining and simple treats, subtle codes and blatant cliches, marriage and free sexual exploits. I particularly enjoyed the connections she makes to other feminist thinkers like Eva Illouz, Stefanie Sargnagel and Ciani-Sophia Hoeder.
Sure, the whole books lacks stringency, it's a proper meandering mess, but it's also opulently entertaining, which is, let's face it, a case of form follows function: Pleasure is all about indulging in anbundance and creative chaos. There are parts that are reminiscent of the pop lit boys who have been provoking critics everywhere with their obession with style codes and pop references, and Reisinger adds and re-appropriates the codes of the lower classes to elevate the fun. In both cases, the critics who point out that this is some kind of elite project are missing the point: The subversion is not in the capitalist consumption, it's in the refusal to partake in virtue-signaling, the joy beautiful things create, and the sense of belonging provided in self-expression via codes.
So to complain that Reisinger's lifestyle is not relatable enough is kind of silly: She constantly hammers home that she lives beyond her means to partake in pleasure, so it's not a manual telling the kids to overspend or some nonsense, it's more complex and thus interesting than that. Its feminist approach lies in questioning male dominance in the fields of pleasure. A very fun little book, let's see what Reisinger comes up with next.
✨ Bavarian Gossip Girl (angelinkst): pleasurable Lästerei inkl ein, zwei Fehlanalysen ✨
“Pleasure - warum Luxus politisch ist”, kündigt parkxullstein Jovana Reisingers neues Buch an. Reisinger ist eine Starkolumnistin und hat jetzt, nach mehreren Essays, Romanen, Theaterprojekten dieses Projekt hingelegt, vermutlich etwas zwischen Manifest und Autobiographie und Plädoyer für das schöne Leben (1). Die Formulierung “xy ist politisch” ist immer ein bisschen richtig und ein bisschen falsch. Warum ich große Reibungspunkte mit Reisingers Verständnis vom “Politischen” habe und die Lektüre mich dennoch gecatcht und inspiriert hat.
Reisinger - selbstbezeichnetes Arbeiterinnenkind, Floskel hin oder her - versteht Pleasure als Haltung und als Kampfansage “von unten”. Aber was heißt denn hier “unten”? Meiner Meinung nach passiert ihr hier ein Fundamentalfehler, und zwar Klassismus als Analysekategorie zu verwenden. Im ganzen Buch geht es um Klasse, Klassenunterschiede, Klassenhass, aber problematisiert wird hier - finde ich - meistens eher die Abwertung der Styles, des Habitus, der Berufe der “Unterschicht” durch die “Oberschicht”; weniger die Unerhörtheit der Existenz einer Klassengesellschaft generell. Überhaupt - ich bin selbst überhaupt keine Expertin in aktuellen Klassendiskursen, aber die Begriffe Oberschicht/Mittelschicht/Unterschicht oder Arbeiter:innenklasse finde ich dann doch manchmal einen zu groben Pinsel, der ein wenig aus der Zeit gefallen wirkt. Da Klasse ein zentraler Dreh-und Angelpunkt des Werkes ist, hätte Reisinger sich in diesen Ausführungen sicherlich mehr auf bereits bestehende Literatur stützen können, wie sie es bei anderen Themenkomplexen in diesem Buch auch getan hat. Reisingers eigene Erfahrungen als Jugendliche im Sozialbau in Bayern oder die scheiternde Gastro der Eltern in Österreich, das alles geht einem dabei als Beschreibung von Klassenverhältnissen durchaus nahe; unter anderem Vorzeichen könnte man all das aber auch als einen gewöhnlichen Aufstiegsroman lesen, eine Autobiographie, die unten beginnt und im Luxus endet, so oder so ähnlich schaffen das auch apolitische Deutschrapper:innen. Für ein sich als gesellschaftskritisch positionierendes Werk fehlen mir da die Tiefe und der Rückbezug auf Theorie.
Ein weiterer Kritikpunkt bezieht sich auf eine zentrale, die wohl zentralste Anekdote des Werkes (laut Reisinger auch Schreibanlass für dieses). Auf einem fancy Event wird über sie, ein kurzes “billig aussehendes Kleid” tragend, gelästert - “Was macht denn die Prostituierte auf dem roten Teppich?”, hört sie eine anwesende Frau laut fragen. Reisinger handelt dann im Folgenden vor allem ihre eigene Verletzung durch die Äußerung aus. Dass man ihr die Zugehörigkeit auf einem schicken Kulturevent abspricht, dass sie noch immer als Arbeiterinnenkind gelesen wird. Ein bisschen selbstbezogen ist das schon. Als sie dann irgendwann doch tatsächlich über Prostituierte als konkrete Menschen und nicht als Beleidigungen spricht , kritisiert sie vor allem das gesellschaftliche Stigma und Abwertung, unter dem Frauen in der Branche leiden - richtigerweise, aber blendet dann völlig die tatsächlichen Lebensrealitäten des Großteils der Prostituierten in Deutschland aus, die eben fernab von Rotem Teppich und Glamour und Escorting stattfinden. Eine eklatante Lücke, irgendwie, oder zumindest die verpasste Gelegenheit, eine wichtige Verknüpfung der Achsen Geschlecht und Klasse zu analysieren.
Alle Fundamentalkritik zum Trotz - ich habe das Hörbuch dennoch nicht weglegen können, und zwar, weil es einfach unglaublich Pleasure bereitet, Reisinger zuzuhören. Sie schreibt lustig und selbstironisch , was verhindert, dass es sich in die manchmal doch sehr langweilige Pinselführung von ähnlichen Autor:innen wie Şeyda Kurt und Konsorten einreiht. Ich habe mich erinnert gefühlt an meine Lektüren der Gossip-Girl-Romane als Teenagerin: auch dort werden Namen gedroppt, mit Red-Carpet-Events geflext, Beschreibungen luxuriösen Essens geliefert, die genauen Marken der getragenen Kleidungsstücke erwähnt (bei Reisinger: rosa Vintage La-Perla-Kleid, Strassohrringe, es hört einfach nicht auf). Reisinger ist dabei stets spielerisch und kokettiert auch damit, ein wenig die Münchner Carrie Bradshaw zu sein oder zumindest sein zu wollen. Sie ist auch gewitzt ehrlich mit manchen weniger glamourösen Dingen: eklige Breakups, Gewalterfahrungen, aber auch Über-die-Verhältnisse-Leben, als Jugendliche die Stromrechnung nicht bezahlen können, während ihrer Studizeit lieber Geld für Designerkram als für Fixkosten ausgeben. Und wenn man dieses Buch als bayrisch-berlinerisches Gossip Girl in Form eines Personal Essay liest und nicht als politisches Manifest, kann man dem durchaus viel abgewinnen. Denn ungeachtet meiner Bauchschmerzen damit, wie Reisinger Gesellschaft und Klasse begreift, finde ich viele ihrer Gedanken spannend:
- ihr Schreibprozess , oft vom Bett ausgehend; die Anekdote, wie sie eine renommierte Literaturresidenz dafür benutzt, auszuschlafen und zu nappen, statt zu hustlen, war köstlich-amüsant und ein bisschen ernst zugleich (ernst wegen Reisingers naheliegenden Schlussfolgerung: guter Schlaf gelingt nicht mit Gimmicks und Entspannungstechniken, sondern vor allem dann, wenn eine Art UBI es einem ermöglicht, Aufträge und Arbeit abzusagen und auszuschlafen, wie es das Herz begehrt…) - Gedanken zu Heteropessimismus im Privaten und Politischen (eines meiner Steckenpferde (2)), hierbei sehr erfrischend, dass sich eine bisexuelle Frau auch offen dazu bekennt, eher männerzentriert zu daten und sich ihr “Heterosexual Privilege” eingesteht - Ambivalenz zum Reclaiming des Begriffs “fotzig” ; auch wenn sie selbst ein positives Fazit zu dieser Methode der Sprachpolitik zieht (anders als ich), legt sie auch ihr stellenweises Unbehagen damit offen - ❤️ den Gastrotalk
Auf die an mehreren Stellen (!) präsenten romantisierenden Dolce-Vita-Postkarten-Beschreibungen von Urlaub in Italien hätte ich vielleicht verzichten können; schön wäre es, Italien weniger als ästhetische Kulisse zu begreifen, sondern als realen Ort, an dem reale Menschen reale Probleme haben.
Aber abgesehen davon, ganz ehrlich: ich liebe Essen, schöne Kleidung, Chillen und Sex, Jovana Reisinger tut das auch, also bei allem Dissens, ein paar gemeinsame Nenner haben wir. Sie hat mich auf jeden Fall dazu inspiriert, auch eines Tages hoffentlich mal eine Schreibresidenz mit Ausschlafen verbringen zu können - drückt mir die Daumen 🤝
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(1) Mischformen dieser Art könnten zeitgeisty-er nicht sein. Carmen María Machado hatte mit “In The Dream House” als Mischung aus Theorieversuch und Memoiren vorgelegt (Thema: Gewalt in lesbischen Beziehungen), im deutschsprachigen Raum ist “Muskeln aus Plastik” vom Selma Kay Matter (Thema: Long Covid) ein neueres Beispiel. Meine Prognose: in den nächsten Jahren werden wir uns vor Buchprojekten, die gleichzeitig Prosa und Essay und wissenschaftliche Abhandlung und Formexperiment sein wollen, kaum retten können ;)
(2) von Reisinger nicht erwähnt oder zitiert, aber hier mal wieder als Weiterführung durchaus passend: Compulsory Heterosexuality von Adrienne Rich!
meine Enttäuschung des Jahres. Auszüge aus meiner notizapp:
(doch kein) luxus für alle oder auch: die leiden der jungen cis frau - danke, ich habe eigene probleme.
ich wollte dieses buch so gerne mögen.
bei spitzenreiterinnen dachte ich, die schablonenhaftigkeit der protagonistinnen ist ein stilmittel, jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher.
reisinger ist keine schlechte autorin. sie schreibt zugänglich und das schätze ich mehr als vieles andere. aber was bringt zugänglichkeit, wenn der inhalt schwächelt?
Nur weil viel romance und das vor allem Frauen schreiben und lesen, heißt das noch lange nicht, dass das eine gute Sache ist.
Sollte es wirklich das Ziel sein, sich zu einer Marke stilisieren
lieber mehr über Männer reden weil es ganz sicher noch nicht genug über Männer gibt
wenn ich weiblich gelesen höre bluten mir die ohren
ja es hat neben loops und redundanzen auch viel bedenkenswertes, scharfzüngiges und kluges darin, insbesondere zu mode und ästhetik, aber dieser working class maderl to self hyping barbie feminismus bleibt halt doch irgendwo im individualistischen girl boss sand der 2010er stecken, inklusive role models wie paris hilton. einfach nicht meine sorte bubble tea.
Mein erster Gedanke nach der ersten halben Stunde im Audiobuch (recht unreflektiert, also zufällig auf Spotify begonnen) war: Wo bin ich denn da wieder rein geraten?
Nun, (schon seit ein paar Tagen mit Pleasure fertig) bin ich hin- und hergerissen zwischen "Oh, schade, schon fertig" und "Was will dieses Buch?". Pleasure ist mir in einer kleinen hyperaktiven Phase passiert und hat diese schön unterstrichen. Es geht in Pleasure um Konsum als Lifestyle, was selten mein Ding ist. Aber: Was genau ist hier das Politische, das irgendwo im Klappentext angekündigt wird? Reflexion von Klassenunterschieden? Okay, aber das macht den gefrönten Luxus nicht politisch. Feministische Themen? Ja, aber das macht den dargestellten Konsum nicht politisch. Positiv ins Bild gesetzter Konsum als Konsumkritik? Würde ich jetzt so auch nicht sehen. Selbstoptimierung? Ja, schon. Aber deswegen Luxus politisch? I don't get it. Im Wesentlichen zerbrechen wir uns hier den Kopf über eine Kunstfigur. The artist is the message. Aber, dieses Buch gibt unterhaltsame, oft lustige Einblicke, soziologische Betrachtungen und kleine Milieustudien einer Welt, die nicht meine ist, die aber zum Greifen nahe ist und in die man sich zuweilen schon mal reinbewegt, mit einem Besuch bei den Nachbarn, Essen mit der Verwandtschaft, Projektreisen, …
"Klasseninzest zur Konfliktvermeidung" "Weil wir nicht aufhören können mit unserer Ereignisgeilheit." "Finanzstarke Genussklientel"
ist schon bisl unfotzig gewesen. mir kommt es so vor, als wäre dieses Buch für Menschen gedacht, die nicht selbständig denken können. Das Hörbuch hat sich ein wenig so angehört wie eine taff Reportage.
Interessanter Einblick in eine absolut talent- und begabungsfreie Schreiberin / politisch willfährige Erfüllungsgehilfin des Zeitgeistes (wohl ohne sich dessen bewusst zu sein?). "Erfrischend" all dieses identitätssynthetische poststrukturalistische Aktivistengeschwätz (mit einer Prise Mode-und-Restaurant-Faible) in einer derartigen Dichte präsentiert zu bekommen. Ein Blaupausen-Studienstück par excellence für zukünftige Generationen, die sich gefragt haben werden (insbesondere Forscher der Ideengeschichte), was die Leute seinerzeit geritten haben mag - ähnlich wie wir heute auf mythischen Aberglauben blicken. Insofern: Danke!
I really wanted to love this. Und ich glaube dass diese Stimme die so unapologetic und in love with life ist auch irgendwas mit mir gemacht hat und mich auf ne Art begleiten wird. Aber ich fand es auch absolut fad an so vielen Punkten und wow so so unsympathisch I can’t help it. Unser taste geht auseinander and I can respect that 🤭 Dieses Buch will viel zu viel, so viele sooo große Themen einfach nur anzureißen lässt mich orientierungslos und frustriert zurück. Die Erwartungshaltung die aufgebaut wird ist ein Manifest für pleasure, ein Manifest jedoch ist klar und deutlich in dem was es kann und will. Relativ stacksig werden hier manchmal große Namen zitiert, tolle Ansammlung aber ich hinterfrage den Wert davon, wenn nicht tiefer reingegangen wird. Alles in allem sehr gemischte Gefühle aber der Frust überwiegt 🫠
Das Buch hinterlässt bei mir gemischte Gefühle. Einerseits liefert Jovana Reisinger interessante Aspekte und Ansätze, andererseits wird ihr Exkurs in die Themen Konsum und Genuss durch ständige Wiederholungen ermüdend. Ihr Buch Enjoy Schatz konnte mich mehr begeistern.
DNF Ich kann mich mit dem Lifestyle der Autorin nicht identifizieren. Über die Wichtigkeit von "Pleasure" im Leben zu reden, dabei aber über rote Teppiche und Luxusartikel zu sprechen, ist nicht mein Vibe.
Shoppen, Essen, Schlafen - Für Jovana Reisinger sind das die persönlichen Säulen des Luxus, der Völlerei und des Pleasure. In ihrem Buch zeichnet sie sehr schön die verschiedenen Weisen auf die das moderne Individuum / die moderne Frau konsumiert und genießt. Sie verbindet große soziopolitische Thesen mit ihrer eigenen Biographie und ihrem Klassenaufstieg. Das ist sehr schön gemacht, vor allem ihre innere Rückkehr zu den Konsum-Symbolen ihrer Jugend, die sie so lange verdrängt hatte. Auch ihre Ansätze über die verschiedenen Arten des Luxus im Körper, bei den Klamotten, beim Essen und beim Schlafen gefallen mir gut. Allerdings muss ich sagen, dass ich häufig innerhalb der Kapitel den Faden verloren habe. Es wird versucht auf sehr viele Aspekte des Lebens und der (Klassen-)Gesellschaft einzugehen, sie springt daher zwischen essayistischen und autobiographischen Erzählweisen hin und her und dabei kann man ihr förmlich beim Denken zusehen. Das hat in sich auch seine Qualität, aber ich hätte mir manchmal noch tiefere Analysen ihrer aufgestellten Thesen gewünscht.
habs gehört, deswegen nicht ganz so intense alles mitgenommen
war toll das es von ihr gelesen wurde !!
Inspirierend und viele gute Punkte, aber schon auch viel Konsum, aber halt pleasure hehe
Und echt funny und schon Hammer Gedanken und Zusammenhänge die sie formuliert und dann die Worte dafür findet und so auf den Punkt und trz ausgeschmückt <3
Ich hab’s schon von mehreren gehört und leider muss ich mich anschließen. „Pleasure“ war leider kein Pleasure für mich.
In drei Abschnitten erzählt Jovana Reisinger über ihr Leben, ihre Interessen, ihr Liebesleben, ihre Vorlieben und den Luxus, den sie genießt. Obwohl es einige Stellen gab, die mir gut gefallen haben, las es sich irgendwie wie eine Bachelorarbeit… Die Anekdoten aus ihrem Privatleben und ihre persönlichen Erlebnisse gemischt mit den Zusammenfassungen der Werke anderer Autorinnen ist eigentlich interessant. Bin dennoch unentschlossen, wie ich es finde.
Stellenweise kamen bei mir auch Fragen auf. Warum definiert sie sich auf der einen Seite so krass als Arbeiter*innenkind und beschreibt es als ihre Identität und dann schreibt sie in einem Kapitel über die Beziehung zu ihrer Heimat und ihren Eltern, wie stolz sie ist, als ihre Eltern sie sprachlich nicht mehr verstehen, weil sie sich eine „höhere“ Sprache angeeignet hat? Fand ich irgendwie echt schlimm zu lesen, wie sie es darauf anlegt, sich von ihrer Herkunft und ihren Eltern loszusagen und als was Besseres fühlt… Ich bin auch lost mit crush und lover und irgendwie fehlte mir hier Struktur…
Insgesamt fiel es mir einfach zu schwer, mich in die Story reinzufühlen und ich fand es null relatable. Das liest aber sicher wieder jede anders und ich habe auch schon einige positive Kommentare gelesen. :)
This entire review has been hidden because of spoilers.
hat mir sehr gut gefallen! spannende takes und theorien gepaart mit storytelling und persönlicher lebensrealität, sodass es echt Spaß gemacht hat zu lesen
Jovana Reisingers "Pleasure" ist kein Wohlfühlbuch. Es ist ein vielschichtiger, genreübergreifender Text, der scheinbar Alltägliches – Essen, Schlaf, Sprache, Trauer, Körper, Liebe, Bett, Humor, Konsum, Klasse und Gewalt – als Brenngläser für gesellschaftliche Machtverhältnisse nutzt. Was harmlos beginnt – mit Gedanken über Geschmack oder das Alleinsein – entpuppt sich schnell als präzise Analyse davon, wie patriarchale und kapitalistische Systeme selbst in intimsten Momenten mitwirken: auf unseren Tellern, in unseren Beziehungen, auf unserer Zunge.
Ein feministischer Blick auf Genuss und Herkunft
Reisinger entlarvt Genuss als Klassenprivileg. Wer was isst, wie darüber spricht, oder wo einkauft, ist niemals neutral. Selbst einfachste Speisen – wie eine Knoblauchsuppe oder ein Achterl Wein – werden je nach Kontext zu Insignien von Distinktion oder sozialer Herkunft. Das Buch zeigt: Genuss ist performativ. Er wird nicht nur erlebt, sondern vor allem dargestellt – über Kleidung, Sprache, Gesten. Besonders schmerzhaft ist das für Menschen, die „zwischen“ Klassen aufgewachsen sind, deren Körper und Zunge beides kennen, aber in keiner Umgebung ganz dazugehören.
Schreiben als Widerstand
Literatur ist in "Pleasure" kein elitäres Medium, sondern ein Werkzeug gegen das Schweigen – auch wenn sie als „Zeitverschwendung“ markiert wird. Reisinger denkt Schreiben radikal körperlich: Schreiben ist Anstrengung, Verzicht, Verweigerung. In einer Welt, die auf Produktivität und Optimierung ausgerichtet ist, wird jede Form des Innehaltens – Lesen, Denken, Verarbeiten – zum politischen Akt.
Diese Perspektive stellt auch die Erzählform infrage: Der Text ist fragmentarisch, springt zwischen Essay, Memoir, autofiktionalem Tagebuch – genau wie das Denken selbst, das sich nicht linear entwickelt. Dadurch entsteht Nähe, nicht Distanz.
Körper, Schlaf und Trauer: Politik des Privaten
Das Buch macht deutlich, wie stark selbst unser Rückzug in die eigenen vier Wände politisch aufgeladen ist. Schlaf, Trauer, Krankheit, Rückzug – all das, was nicht verwertbar ist – wird marginalisiert oder pathologisiert. Aber Reisinger beansprucht genau das als Raum weiblicher Würde. Ihr Bett wird zum Gegenentwurf zur Außenwelt: ein Ort, an dem sie denken, lieben, hassen, schreiben kann – aber eben auch scheitern darf.
Trauer wird nicht romantisiert, sondern physisch durchlitten. Der Körper wird zum Ort des Widerstands, aber auch der Verletzlichkeit. Und genau das verleiht dem Text eine kraftvolle Authentizität, fernab von therapeutischem Empowerment-Sprech.
Sprache, Klassenherkunft und der Zwang zur Selbstinszenierung
Ein zentrales Thema ist, wie Sprache zur sozialen Eintrittskarte wird – und gleichzeitig zur Falle. Die Protagonistin wechselt zwischen Hochsprache, Dialekt, Ironie und Slang – nicht aus Stilwillen, sondern aus Notwendigkeit. Wer sich „nach oben“ arbeiten will, muss nicht nur Leistung bringen, sondern klingen, essen, wohnen und lachen wie die anderen. Dabei wird deutlich: Das Klassensystem wirkt subtil, aber brutal.
Auch Konsum – Clean Eating, Ozempic, Designerkleider – wird nicht als Lifestyle, sondern als Zwang zur Selbstoptimierung sichtbar. Was nach Selbstfürsorge aussieht, ist oft bloß Anpassung an ein System, das weibliche Körper klein, leise und kontrolliert will.
Feministische Wut ohne Klischees
Was "Pleasure" besonders macht, ist die kluge, nicht belehrende Art, feministische Wut zu artikulieren. Es geht nicht nur um die Gewalt durch Männer, sondern um die strukturelle Abwertung weiblicher Selbstständigkeit – in Beziehungen, Karrieren, oder der Sprache selbst („Ex-Frau“, „Versagerin“, „alleine im Bett“).
Gleichzeitig kritisiert Reisinger auch die internalisierte Frauenfeindlichkeit, etwa wenn ältere Frauen junge kritisieren, weil sie „aufgeben“, statt zu kämpfen. Dabei stellt das Buch die richtige Frage: Warum wird weiblicher Rückzug als Scheitern gewertet – und nicht als Konsequenz auf dauerhafte Überforderung?
Fazit
Alles in allem ist "Pleasure" ein komplexes, forderndes, wütendes und dabei enorm kluges Buch. Es verwebt persönliche Erfahrung mit struktureller Analyse, ohne sich in Theorie zu verlieren. Jovana Reisinger schafft es, Gesellschaftskritik spürbar zu machen – in Sprache, Körper und Alltag. Das Buch ist nichts für Leser:innen, die lineare Erzählungen oder einfache Lösungen suchen. Aber es ist ein Geschenk für alle, die wissen wollen, wie tief Klassenverhältnisse und patriarchale Strukturen in unsere intimsten Lebensbereiche eindringen – und was es bedeutet, sich ihnen mit Sprache, Stil und Sturheit zu widersetzen. Von mir gibt es 4 von 5 Sternen.
In Reisingers aktuellem Essayband „Pleasure“ geht es vor allem um eines: fotzigen Luxus. Sie beginnt die Ausführung ihrer alltäglichen Lusterfahrungen mit der Beschreibung des selbstbewussten Tragens von (gefälschten) Designerteilen und künstlichen Nägeln, die sie bereits während ihres Termins im Nagelstudio zu einer genüsslichen Haltung des Nichtstuns zwingen. Dazu reihen sich Erfahrungen über Sex, Schlafen und Schlemmen, die allesamt schon allein durch die knappe, aber an den richtigen Stellen immer hinreißend ausgeschmückte, manchmal dialektale, manchmal anglizismenreiche, Schriftsprache verzücken und Leser*innen in eine Welt des Glamours entführen. Doch das Buch hat, wie von Reisinger gewohnt, auch vor allem eine politische Botschaft, nämlich ein aktives Genusserleben als subversive Praxis. Beginnend bei ihrem sozialen Hintergrund als Tochter von Wirtshausbesitzern in der Arbeiterklasse schildert die Autorin, dass die aktive Suche nach Lust- und Luxuserfahrungen für sie einen emanzipatorischen Möglichkeitsraum darstellt. Dabei wirkt der Blick in eine offen luxus- und genussorientierte Lebensweise oft befremdlich, insofern man selbst kein It-Girl ist und das Verspeisen von Austern in einem Luxusrestaurant eher wie ein Blick auf ein gänzlich fremdes Leben anmutet. Der Gedanke, dass das Einladen und die Fokussierung auf diverses Lustempfinden im Alltag eine Praxis sein kann, um feststehende Hierarchien zu entlarven und aufzuweichen, mag ein interessanter sein. Ob es wirklich eine Subversion darstellt, mag allerdings bezweifelt werden, genauso wie die Annahme, dass eine freie Genussausübung innerhalb kapitalistischer Strukturen überhaupt revolutionär wirken kann.
Jovana Reisinger ist einfach eine absolute QUEEN. ✨ Das empfinde ich nach der Lektüre von Pleasure nur umso mehr.
Pleasure umkreist die von Reisinger aufgestellte Triade der Luxus- und damit Pleasure-Manifestation, bestehend aus Mode, Essen/Trinken und Schlafen.
Dabei mischt sie ihre eigenen Erfahrungen mit soziologischen und feministischen Konzepten und Betrachtungen, um die Möglichkeiten und Spielarten von Pleasure aufzuzeigen. Das tut sie auf sehr unterhaltsame und oft geschickte Art und Weise.
Besonders die Essays zu den Themen Essen und Trinken waren für mich ein Hochgenuss (ich muss nun endlich mal in Berlin zu Rogacki zum Austern essen) und auch Konzepte wie der beschriebene Heteropessimismus wirken nach Beenden des Buches noch nach (werde ich wie eine andere Rezensentin hier schrieb in meinen Sprachgebrauch aufnehmen).
Inwiefern Pleasure, inwiefern dieser Luxus nun politisch sein soll, ist mir nicht durchweg klar geworden, an einzelnen Stellen ja, aber mir fehlte der übergeordnete Bezug. Dennoch gibt es von mir fantastische 4 ⭐️.
Nachdem alle einen Roman über ihren sozialen Aufstieg geschrieben haben, hat jetzt auch Rovana Reisinger einen geschrieben, nur geht es in ihrer Geschichte wenig um den Aufstieg, Scham oder Bildung, sondern 350 Seiten lang um strategische Konsumanpassung (Fashion und Essen). Weder bietet das Buch eine neue Perspektive auf den Wechsel zwischen Klassen, noch ist es das versprochene Plädoyer für "Pleasure". Stattdessen liest es sich wie eine Zurschaustellung ihres (aufregenden) Lifestyles und wirkt dadurch teilweise wie ein etwas wirres Tagebuch und ein permanentes Betonen, dass sie in den Kreisen der Kulturelite verkehrt. Gegen Ende kommen dann noch einige zusammenhanglose dreiseitige Kapitel über Gewalt gegen Frauen oder Gender Pay Gap. Wäre das ein Artikel, würde ich sagen: schlecht redigiert. Eines dieser Bücher, die ich der Debatte wegen gekauft und ehrlich gesagt auch nur deshalb zu Ende gelesen habe.
Schreibstil, very camp. In "Pleasure" schwadroniert (im positiven Sinne!) Jovana Reisinger über den oft alles einnehmenden Genuss. Stets mit Witz und einer großen Prise Selbstironie unterteilt sie ihre essayhaften Texte in die Kategorien Kleidung, Essen und Schlaf. Dabei hat mir manchmal der kritisch reflektierende Gedanke gefehlt, dass übermäßiger Luxus und Konsum sich nicht mit unserer Welt, wie sie durch die Menschheit bisher ausgenutzt und zerstört wurde, vereinen lässt. Ich liebe aber eben auch den Gedanken mehr zu genießen und ebendiesen Genuss besonders wertzuschätzen. Wie auch Reisinger schreibt, mag dies für manche heißen "in elitäre Räume einzudringen", für andere "ungestörter Schlaf, [...] Limonade auf der Dachterrasse und für die nächste die Markenklamotte". Am besten haben mir übrigens das Essiggurken und die Wirtshaus Kapitel gefallen! Und Notiz an mich Selbst: Musst jetzt auch unbedingt mal zu Rogacki!
Horizonterweiterung in Buchform! In Abschnitten versinkt der Text in konsumzelebrierender, Banalität und die Beschreibung der Gastwirtschaft (eher Kneipe) der Eltern und das Leben als Arbeiterkind ist häufig nicht glaubwürdig, da sie oberflächlich und oft widersprüchlich beschreibt, was sie erlebte und fühlte. Ihr Text an sich ist allerdings keinesfalls banal: Sie schreibt oft reflektiert und bietet einige interessante Denkanstöße. Als Arbeiterkind der gleichen Altersgruppe hat mir aber einiges gefehlt in ihren Beschreibungen, was mich wünschen lässt, dass sie in der Zukunft ein sozialkritischeres, frecheres Buch schreibt, in dem sie mehr von sich zeigt statt der materiellen Aspekte ihres Lebens, die eher Mittel für Pleasure als der eigentliche Genuss sind. Ich wünsche mir von ihr Texte zu Sinnlichkeit statt Lust und Verletzlichkeit statt Prahlerei.
part I (zur Mode) fand ich sehr anstrengend, zu gewollt, zu konstruiert. Ich glaube das Problem ist, dass es anfängt mit einer Art Anspruch (oder habe nur ich den falsch verstanden?) auch eine politische Analyse zu sein, und ich sag mal so: das ist ein deutlich zu hoch gegriffenes Ziel für dieses Buch. Später hat man den dann entweder vergessen, oder Reisinger hat sich selbst davon verabschiedet, und die Abschnitte Essen und Schlafen fühlen sich passender an. Am ehesten subversiv ist das Buch eigentlich darin, das narrativ um seine eigene identität und Ästhetik so sorgfältig und öffentlich zu konstruieren und mystifizieren, wie man es sonst nur von männlichen Künstlern gewohnt ist. Bei denen ist das allerdings auch oft unangenehm mitanzusehen, deshalb hätte es diesen emanzipationsversuch für mich erstmal nicht gebraucht.