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Zuhause

War dies tatsächlich das weihnachtliche Zuhause, auf das Lárus Lúðvigsson sich so gefreut hatte? Wie verändert dieses Jahr alles war. Schon das Einwohnerregister hatte ihn als „tot“ ausgespuckt. Dann hatte Matilda, die alte Freundin, ihm gleich nach seiner Ankunft aus Deutschland eröffnet, dass sie sich von Svend getrennt hatte. Lárus selbst trauerte Milan hinterher, der ihm in Hamburg den Laufpass gegeben hatte. Zu allem Überdruss hatte ihm auch noch ein gewisser „dj différance“ ein festlich blaues Auge geschlagen, nachdem Lárus im „kaffi gógó“, seiner Lieblingsdisco, die Plattenlegerqualitäten des Franzosen mit einem soliden Flaschenwurf kommentiert hatte. Island konnte schon ganz schön düster sein!

Wie düster und eisgrau, dies schildert Kristof Magnusson in seinem Romanerstling mit einer sprachlichen Präzision und einem Humor, die schlicht staunen machen. Ganz Reykjavík und Umgebung gerät bei ihm zur matschig frostigen, von Neonröhren kalt bestrahlten Dramenbühne, die, wie der Autor selbst bemerkt, durchaus an David Lynch-Filme denken lässt. Auch das Personal lässt an Skurrilität keine Wünsche offen. Auf Lárus und Matildas nächtlichen Streifzügen stoßen sie auf den mysteriösen Dagur, einen ehemaligen Mitschüler. Merkwürdig genug, rettet der Spross der reichsten Familie Islands aus seiner brennenden (!) Wohnung fieberhaft Gegenstände, darunter die zerschlissene Ausgabe einer alten Einwanderer-Saga.

Fast unmerklich lässt Magnusson in sein isländisches Nocturne -- neben den großen existentiellen Fragen nach Liebe und Sinnhaftigkeit des Lebens -- eine Thrillerhandlung einfließen. Matilda beschließt, in Dagurs WG zu ziehen. Verzweifelt hofft sie, zwischen allerlei Globalisierungsgegnern und attac-Leuten eine Heimstatt zu finden. Auch Lárus findet diese, allerdings im Bett von Dagur, dem Verschlossenen. Dann tost die winterliche Dramenbühne und Lárus stößt auf eine uralte Familiengeschichte und ein düsteres Geheimnis!

Die nacherzählte Handlung gibt den inneren Reichtum des Werkes nur unzureichend wieder. In Magnussons Debüt dominieren Stimmungen und Bilder. Seine treffsicheren Metaphern, der fein gesponnene Humor und die Schilderung einer Welt, in der „der Weihnachtsschmuck auf der Vesturgata auch um halb elf noch heller leuchtete als der Morgen“ zählen zum Feinsten, was in diesem Herbst auf den Büchertischen anzutreffen ist. --Ravi Unger

314 pages, Hardcover

First published August 31, 2005

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Kristof Magnusson

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1 star
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Displaying 1 - 3 of 3 reviews
Profile Image for Klaus Mattes.
898 reviews20 followers
July 2, 2024
Reykjavík, Island, in einem Dezember zu Beginn der 2000-er Jahre; Genre: verschmitzt melancholischer Familien- und Liebeskummerroman.

Im Großraum Reykjavík leben mit gut 200.000 Menschen nicht ganz so viele wie in Freiburg (Breisgau). Das ist allerdings schon etwas mehr als die Hälfte der Gesamtbevölkerung des von dort aus regierten Staates, der kein EU-Mitglied ist, aber in der NATO und der EFTA.

Dieser „isländische“ Roman ist keine Übersetzung, sondern wurde auf Deutsch verfasst. Kristof Magnusson, Jahrgang 1976, ist als Sohn eines aus Island kommenden Lehrers und einer deutschen Mutter in Hamburg aufgewachsen, lernte zuerst den Beruf eines evangelischen Kirchenmusikers und hat am Literaturinstitut in Leipzig das Bücherschreiben erlernt. (Sein Buch ist stilistisch makellos und insgesamt locker und leicht lesbar.) Dann hat Magnusson sich aufs Genre unterhaltsame Theaterstücke und das Thema Männlichkeit verlegt, sodass in Berlin auch Bastian Pastewka und Christoph Maria Herbst in seinen Stücken gespielt haben. Allerdings scheint sich das mit der Zeit erschöpft zu haben. Wofür wohl auch „Männerhort“ stehen kann, eines von diesen deutschen Filmlustspielen von Filmemacherinnen, in denen, aber immer, Detlev Buck, Elyas M'Barek, Cosma Shiva Hagen und Christoph Maria Herbst ein bissel kasperten.

Zwischendurch legte der nach Berlin verzogene Hamburger Isländer npch ein paar Sachbücher vor, so „Gebrauchsanweisung für Island“ oder „Pet Shop Boys“. Und er übersetzt, alte Isländer, von denen einer in diesem Roman eine große Rolle spielt. Zuletzt scheint er wieder eher schwul geworden zu sein. Deutschlands schwule Buchhändler lobten auf ihrer Internetpräsenz; das Buch „Ein Mann der Kunst“, in dem es um eine Burg am Mittelrhein und einen Großkünstler vom Schlage Baselitz, Lüpertz, Kiefer, Richter geht, sei gelungen und amüsant. (Wenn es nicht so wäre, würden sie das auch schreiben.)

Dieses „Zuhause“ ist nicht unnett und man will auch ständig wissen, wie das weitergeht: Dabei geht da drin ja nicht so viel. Sondern es ist mehr so die schluffige, slackerige Coming-of-Age-Geschichte der späten neunziger Jahre bzw. eine Heimatfindungsgeschichte.

Der ich-erzählende Protagonist Lárus hat in etwa das Geburtsjahr des Autors, zwei isländische Eltern, der Vater ist Tierarzt, und in der Nähe Hamburgs, wo er mittlerweile wohnt, auf einer Insel, ist er als norddeutscher Migrant aufgewachsen. Während der echte Magnusson (Wir erfahren hier im Buch, dass die Isländer sozusagen keine Familiennamen führen, sondern jeweils nach dem Vornamen ihres Vaters benannt werden, sodass Vater und Sohn in der Mehrzahl aller Fälle zwei verschiedene -son in ihrer Unterschrift haben, auch bei den Frauen wird der Vatersname genommen, aber eine -dottír angefügt, so etwa wie in Björk Gudmundsdottír, die hier im Buch auch mal nebenbei erwähnt wird, wie überhaupt viele Popmusiker der neunziger Jahre), während also Magnusson während seiner Kindheit regelmäßig die Sommer in Island bei der Oma verbrachte, ist der Romanprotagonist Lárus bis ins Alter von neun Jahren noch ständig in Island gewesen und wurde dort von den Gleichaltrigen und Mitschülern als Freak erlebt. So hat er damals weit über ein Jahr hinaus behauptet, er könne nicht recht laufen, und ist ständig mit einer Krücke erschienen.

Das war insofern ein ungünstiges Vorzeichen, als ihm nun im Roman, in dem er in der Vorweihnachtszeit zur besten Freundin nach Reykjavík fliegt, übel mitgespielt wird und es nicht lang dauert, bis er so eine Gehhilfe tatsächlich wieder benötigt. Auch jener schicksalshafte Tag, an dem er als Einziger seiner Klasse von Dagurs Geburtstagsfeier ausgeschlossen wurde, kehrt ins Gedächtnis zurück. Dagur, mittlerweile ein geistig wohl nicht ganz gesunder, korpulenter Vollbartträger mit grausigen Aggressionsschüben, erweist sich als schwul wie Lárus und ist, wie in Reykjavík eigentlich alle wissen, der Schandfleck seiner Familie, den Eigentümern des größten isländischen Mischkonzerns. Die meisten Lebensmittelmärkte und Nahrungsproduktionsstätten, fast alles Mineralwasser Islands, aber auch Schiffe, Telefongesellschaften und so weiter gehören diesen Leuten, denen der abtrünnige Sohn Dagur eine mörderische, brutale Familientradtion andichtet. Lárus hat feststellen müssen, dass er sich mit seiner Kreditkarte nichts kaufen kann, denn für die isländischen Meldebehörden ist er längst tot. Ein Computerfehler, der leider nicht bereinigt werden kann. Dagur klärt ihn auf: „Die stecken dahinter. Niemand sonst in Island arbeitet so.“ „Die“, das ist vor allem sein Vater.

Man stelle sich das Buch als eine so nach und nach von einer kauzigen Komödie sich in einen Kriminalroman verwandelnde, dann zur Rachegeschichte mutierende, zuletzt eher mystisch, melancholisch auslaufende Familiensache vor.

Lárus kommt jährlich in den in fast endlosen Adventsnächten nach Reykjavík, brachte zuletzt stets seinen deutschen Freund mit, um mit der Jugendfreundin Matilda aufs Fest zu warten. Unter der sorgfältigen Einnahme von nicht geringen Quanten von Hochprozentigem an Locations, die Indierock spielen, die Katastrophen von Matildas Liebesleben aufzuarbeiten. Erst wenn Lárus ihr einen Stoß gegeben hatte, konnte sie sich jeweils dazu entschließen, sich mit einem Mann einzulassen, findet dann aber alle paar Jahre heraus, dass sie sich ganz falsch entschieden hat. In diesem Jahr läuft die Sache anders, denn sie ist schon länger Single, ist in eine WG gezogen, hat eine brillante Geschäftsidee entwickelt, an die Lárus nicht glauben kann, und verliebt sich jetzt in einen Ausländer, den Lárus nicht ausstehen kann. Lárus ist alleine aufgetaucht und weigert sich ein paar Tage, Matilda zu sagen, dass sein Hamburger Freund mit ihm gebrochen hat, ohne einen Grund zu nennen In der schwachen Hoffnung, das könnte rückgängig gemacht werden, solange sie es nicht weiß.

Die Atmosphäre kann man sich vorstellen, wenn man sich an einen der früheren, mit mythologischer Geheimniskrämerei aufgeladenen Romane Haruki Murakamis erinnert und dies mit dem Tempo und dem Styling der populärsten Filme von Aki Kaurismäki kreuzt. Obwohl im Schriftbild letztlich dann doch viele Passagen mit wörtlicher Rede erscheinen, legen es die meisten von Magnussons Figuren darauf an, möglichst lange ihre Zähne nicht auseinander zu bringen und eher schwer verständliche Oneliner von sich zu geben. Und irgendwann haben sie so viel Gin intus, dass sie vom Hocker rutschen und in die WG zurück befördert werden müssen.

Adäquates Personal sind deren Mitbewohner, ein Alt-Nordistiker aus Russland und eine Vulkanologin auf der Slowakei. Bei dieser Gelegenheit und obwohl in diesem Buch nicht oft und viel gearbeitet wird, noch die Info, wovon Lárus eigentlich lebt. Er filmt Vögel und bekommt auf diese Auskunft hin von allen, die er trifft, die Frage, ach so, Nuturfilmer? zu hören, was ihn nervt, die Leute können sich nie vorstellen, dass man meditative Filme mit Vögeln über der Stadt macht. Es entspricht dem Humor des Romans, dass das mit dem Nicht-Naturfilmer darin öfter vorkommt. Kann man sich vorstellen, was ich mit Kaurismäki-Stimmung meinte?

Ich kam zum Buch offenkundig Jahre zu spät, vor allem, weil es der mir persönlich bekannte Inhaber des schwulen Buchladens in Stuttgart, Thomas Ott, der außerdem der einzige Mensch ist, der mir jemals Geld für eine literarische Lesung gezahlt hat, es nach Erscheinen auf die Liste seiner Lieblingsbücher gesetzt hat, wo man es heute noch sehen kann, wenn man die Erlkoenig-Stuttgart-Site besucht. Man sollte sich aber nicht täuschen lassen, bzw. vorher wissen, dass es als schwules Buch zu jener Sorte gehört, wo alle Figuren, die da schwul sind, genauso gut heterosexuell hätten sein können. Es würde sich dadurch nichts ändern und das Buch würde auch ohne einen einzigen Schwulen funktionieren. (Was man von einem Stricherroman nicht sagen könnte. Schwule Prostitution läuft anders als heterosexuelle.)

Es scheint nunmehr eine Art grimmig-ruppige Liebesgeschichte zwischen den Zwei zu werden, die sich mit Neun als Klassenkameraden verpasst hatten, Lárus und Dagur. Matilda taucht mit dem französischen Techno-und-Electronica-DJ unter, der Lárus verprügelt hat. Aber Kristof Magnusson will weiter hinaus, will tiefer in Islands Geschichte und Literatur einsteigen. Dagur überlebt nicht lang genug für eine Liebesgeschichte. Als er tot ist, sieht es immer mehr so aus, als wären seine Eltern tatsächlich Kriminelle und im Besitz einer Art Geheimzauber, der die Macht von einem der ersten Anführer der Wikingerstämme im alten Island herleitet: Egill, kriegerischer Held einer von Snorri Sturluson hinterlassenen hochmittelalterlichen Saga.

Magnussons Manie, in seinem Roman andauernd die seinerzeitigen Lieblinge einer nicht mehr wirklich jungen, sich aber in ihrem Indie-Lifestyle auf befriedigende Weise schräg und alternativ vorkommenden Hip-Schicht herbeizuzitieren, schon das Getränk Gin, dann die Kargheit und Lakonie der Filme von Jarmusch und Aki Kaurismäki, vor allem aber die Popmusik, namentlich deren schwule Darlings, The Smiths, Morrissey, Rufus Wainwright, Stephin Merritt, Conor Oberst, David Bowie, die heute alle nicht mehr so sakrosankt sind wie vor 20 Jahren, hat mich auf fast befriedigende Weise an ein kleines privates Erlebnis aus der Zeit um 1990 erinnert. Damals hatte ich, vorübergehend und vornehmlich für sexuelle Zwecke, einen gut zehn Jahre Jüngeren bei mir, der angesichts der reichen CD-Sammlung nach einer musikalischen Untermalung verlangte, dann geradezu entsetzt zurückwich, als er merkte, dass ich von The Smiths nicht eine einzige Aufnahme im Hause hatte, sondern nur mit Dylan, Stevie Wonder oder Traffic dienen konnte.

Das Buch ist so. Es war mal cooler, als es heute noch ist.
Profile Image for Steven Lawrie.
Author 6 books3 followers
August 11, 2014
Not an altogether successful work. Some elements of the plot stretch reader credulity well beyond breaking point. Some melodramatic incidents. Plot seems directionless.

The author's familiarity with Icelandic culture is reflected in this novel, and the insights into that culture provide some respite.

No English translator has yet taken on this work. It seems improbable that any English version will appear.
Profile Image for Steffi.
13 reviews
December 28, 2010
Wenn das letzte Kapitel nicht gewesen wäre, hätte ich vielleicht sogar 5 Sterne vergeben.
Displaying 1 - 3 of 3 reviews