Ohne Angst können wir nicht überleben. Aber viele Frauen und Mädchen haben mehr Angst, als ihnen guttut. Woran liegt das? Die Psychologin Barbara Voigt und die Ärztin und Journalistin Beate Wagner unternehmen anhand von Studien, Berichten von und Betroffenen eine Reise in die Erfahrungswelt von Frauen und Mädchen mit Ängsten. Sie klären auf über die biologischen, psychischen, sozialen, kulturellen und feministischen Aspekte von weiblicher Angst und betrachten u.a. den Einfluss von Hormonen, Psyche, Erziehung, Vorurteilen oder prekären Situationen wie Altersarmut. Ihr Buch bietet viele praktische Erkenntnisse, wie Ängste durch Selbsthilfe mit z. B. Bewegung und Meditation, gesellschaftlichen Veränderungen sowie mit medizinischer und therapeutischer Hilfe angenommen, gelindert oder überwunden werden können.
Prinzipiell ein guter Einblick bzw. eine gute Kombination von verschiedenen Themengebieten: Angst und damit verwandten oder anderen einhergehenden Krankheiten, Gendermedizin, generelle Betrachtungen der Lebenswelt von Frauen in verschiedenen Lebensphasen. Für mich war gefühlt nicht viel Neues dabei und z.B. ist mir am Anfang viel zu kurz gekommen, dass Männer in der Regel nicht so oft zum Arzt gehen, dh. vermutlich unterdiagnostiziert sind - das wird aber später noch detaillierter aufgegriffen. Von mir gibts insgesamt drei Sterne.
Das Buch ist insgesamt sehr zugänglich geschrieben, fast schon zu zugänglich. Es arbeitet stark mit Generalisierungen und vereinfacht viele Zusammenhänge, die eigentlich deutlich komplexer sind. Am Anfang liefert es noch ein paar interessante Denkanstöße und grundlegende Erklärungen, aber ziemlich schnell kippt das Ganze in Richtung Selbsthilfebuch. Ab da fängt für mich das Problem an: Statt tiefer in medizinische oder wissenschaftliche Perspektiven einzusteigen - gerade im Bereich Gender-Medizin, was extrem spannend gewesen wäre - bekommt man eher praktische Tipps, Verweise auf Webseiten und Meditationsübungen. Das ist nicht per se schlecht, aber es wirkt wie ein Bruch im Anspruch des Buches. Es verspricht implizit Analyse, liefert dann aber eher Anleitung. Eventuell war es einfach mein Erwatungsbereich, der in Richtung "Unsichtbare Frauen" ging. Für Leserinnen ohne Vorwissen kann das durchaus hilfreich sein, weil viele Themen niedrigschwellig erklärt werden. Für mich persönlich war es allerdings zu oberflächlich. Ein Großteil der Inhalte war mir bereits bekannt, und ich hatte mir deutlich mehr Tiefe und neue Erkenntnisse erhofft. Gerade wenn man Bücher wie Unsichtbare Frauen kennt, die strukturelle und wissenschaftliche Perspektiven sauber aufarbeiten, wirkt dieses Buch fast ein bisschen dünn. Unterm Strich: kein schlechtes Buch, aber auch keines, das wirklich hängen bleibt oder intellektuell fordert. Es fühlt sich eher wie ein Einstieg oder Begleiter an als wie eine fundierte Analyse. Wer sich ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzen will, wird hier wahrscheinlich nicht weit genug gehen.
Oh to be a woman. Ich habe viel gelernt. Nicht nur über Ängste, aber allgemein darüber wieviel Frauen und Männer sich doch unterscheiden. Es war wieder einmal eine ernüchternde aber wichtige Erkenntnis.