In ihrem dritten Roman bleibt Stefanie vor Schulte ihrem knappen, poetischen Stil und ihrer märchenhaften Erzählweise treu. Dieser deutsche Kleinstadtwestern leuchtet verklärt durch die Sprache und ist doch klar und zeitlos geschrieben.
Aria Schulman ist eine Krankenpflegerin, die sich um kranke Kinder kümmert. Diese reagieren seit einer Weile plötzlich allergisch auf die Erwachsenen, die ihre Kinder wiederum plötzlich vergessen. Eines Tages entscheiden sie und ihre Kollegin Marion sich, mit den Kindern abzuhauen. Die öffentliche Ordnung ist aus nebulösen Gründen zerfallen, die jetzt kinderlosen Erwachsenen feiern unentwegt und die Kinder fallen hinten runter, niemand will sie mehr. Das kann Aria nicht akzeptieren.
Sie finden sich nahe Einstadt in einem Badehotel ein, lernen die (ehemalige) Prostituierte Heyden kennen und versuchen dort ein neues Zuhause aufzubauen.
Doch in Einstadt ist nicht alles Idyll. Die Leute dort leben in sehr festen Geschlechterrollen, die Männer benehmen sich wie Cowboys und die Frauen haben nicht viel zu melden. Aria gerät immer wieder mit dem herrschenden Patriarchen Brandt aneinander, dessen Macht selbst bereits brüchig ist. Grund für die Reibereien ist ein dünnes Pferd, das am Stand plötzlich aufgetaucht ist, und das dort wahrscheinlich nicht überleben kann. Aria will es retten ...
So viel zum Inhalt. Was dieses Buch mit "Junge mit schwarzem Hahn" gemeinsam hat, ist wie verklärte, manche wurden sagen: sentimentale, Beschreibungen mit Grausamkeiten aufeinandertreffen. Diese Balance macht einen großen Teil des Reizes aus. Dazu kommen hier nun Themen aus aktuellen Diskursen, wie Mutterschaft, Geschlechterrollen und Umweltverschmutzung, die aber nicht dokumentarisch, sondern in Form einer kompetent erzählten Geschichte verarbeitet werden, auf eine zeitlose, märchenhafte Art. Das ist, was ich an vor Schultes Schreiben sehr schätze. Ein bisschen mehr Alice im Wunderland könnte viel Gegenwartsliteratur vielleicht gut tun.
Dem vorigen Roman "Schlangen im Garten" hat sicherlich ein bisschen die dunkle Seite gefehlt und kam damit allzu süßlich daher. Wer von dem enttäuscht war und das Debüt aber mochte, sollte diesem Buch hier eine Chance geben. Überhaupt wirkt es auf mich runder und reifer. Stefanie vor Schulte werde ich weiter im Auge behalten.