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Da soll vor etwas gewarnt werden aber was das sein soll, wird nicht benannt. Es wird nicht beschönigt, denn sonst brauchte davor ja nicht gewarnt zu werden. Es wird das, was jemand einem antun kann, beschwiegen. Als sei es unanständig, es auszusprechen - anstatt die Tat zu unterdrücken, wird das Reden über unterdrückt.
So wird nicht die verbrecherische Handlung tabuisiert, sondern das Sprechen. Von Anfang an. So unterwandert die Erwartung nicht der, der Gewalt ausübt sondern jene, die davon erzählen wollen. Die sprachliche Verdrängung verschiebt die Last der Rechtfertigung. Es kommt sich falsch oder schmutzig vor, wer über etwas sprechen will, über das nicht gesprochen wird.
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Was ist das für eine Vorstellung: dass Menschen durch die Welt gehen und immer und jederzeit antizipieren sollen, Objekt eines anderen zu sein. Wie sollen das Eltern ihren Kindern vermitteln, wie haben das Generationen von Müttern (oder Vätern) vermittelt? Was für eine Aufgabe: Alle Eltern möchten, dass ihre Kinder ohne Angst durch die Welt gehen, dass sie sich geschützt fühlen und frei, aber sie möchten auch nicht, dass ihre Töchter (oder Söhne) ahnungslos bleiben im Hinblick auf das, was andere in ihnen sehen oder was andere ihnen antun wollen. Generationen sind aufgewachsen mit diesem unpräzisen Wissen um ihre Verletzbarkeit - und das begleitet uns durch das Leben hindurch.
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Sie wollte, dass nicht geschehen war, was geschehen war, wollte nicht darüber sprechen, als ob es mit dem Sprechen erst wahr werden würde, als ob es sich dann nicht mehr leugnen ließe.
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In der Küche konnten wir sprechen. Die Küche als geschützter Raum.
Klassiker.
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Vielleicht trifft es der Begriff queer deswegen am besten, weniger als Adjektiv, sondern eher als Verb, to queer or to queer something: etwas unterlaufen, durchkreuzen, vereiteln, vermasseln. Das Essentialisierende, identitär Verklumpende, das, was wieder Regeln, Bedingungen, »Echtes« und »Unechtes« , »Authentisches« und »Nichtauthentisches« definieren will - das vermassel ich immer. Gar nicht mit böser Absicht. Sondern ganz von allein.
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Ohne die Fähigkeit und Möglichkeit des Nachdenkens jenseits der eigenen Bedürfnisse, jenseits der eigenen Gruppe, Klasse, Lebensform, ohne das Entwickeln von Begriffen und Vergleichen zwischen unterschiedlichen Erfahrungen kann keine Gerechtigkeit, keine Anerkennung, keine Freiheit gedacht werden.