Ein Sachbuch über prekäre Arbeitsbedingungen, soziale Ungerechtigkeit und Gewerkschaftsarbeit, verknüpft mit der persönlichen Geschichte des Autors? Funktioniert das? Ja, es funktioniert – und zwar so gut, dass das Buch innerhalb von 2 Tagen gelesen war. Selten lese ich ein Sachbuch so schnell. „Ausgeliefert“ (der doppelte Wortsinn passt perfekt!) braucht keine hochgestochene, intellektuelle Sprache, sondern vermittelt verständlich und greifbar, weshalb der Kampf um faire Arbeitsbedingungen uns alle angehen sollte. Statt unser schlechtes Gewissen mit Trinkgeldern freizukaufen, lädt Orry Mittenmeyer uns ein, uns konkreter damit zu beschäftigen, was es für Menschen bedeutet, von Konzernen um ihre Arbeitskraft ausgebeutet zu werden. „Prekäre Arbeitsbedingungen und die Kämpfe um Gerechtigkeit und ums Überleben, die mit ihnen einhergehen, sind meiner Meinung nach viel zu selten Thema. (…) Arbeit im Niedriglohnsektor ist vor allem eine Arbeit, die vereinsamt und isoliert.“ Dem Buch gelingt es trotz des vermeintlich trockenen Themas, die LeserInnen zu berühren, weil es anhand Orrys Biografie aufgezogen wird: als Schwarzes Kind mit einer Hörbehinderung in einem weißen Umfeld macht er schon früh die Erfahrung, von Menschen auf mächtigeren Positionen in seine Schranken verwiesen zu werden. Wir begleiten seinen stetigen Kampf, sich von den niedrigen Erwartungen Anderer zu lösen und auf die eigenen Fähigkeiten und Ressourcen zu vertrauen. Nach Erfahrungen als Rider bei Foodora und Deliveroo gründete Orry mit MitstreiterInnen den ersten Betriebsrat in dieser Branche und setzt damit den Beginn eines Kampfes um demokratische Mitbestimmung. Besonders gut gefiel mir das beständige intersektionale und solidarische Denken, das sich durch das gesamte Buch durchzieht. Wir verändern die Gesellschaft nicht, indem wir auf andere Gruppen abzielen, die Benachteiligungen erfahren, sondern indem wir uns nach oben ausrichten, wo Geld und Macht sitzen. Wenn wir nur für uns denken, sind wir verloren.
Danke an @kiwi und @netgalley für das Leseexemplar.