Abrechnung mit Nürnberg!
Kurzmeinung: Wenig Roman und viel Vorlesung!
In der Nähe von Nürnberg ist die großbürgerliche Schulmöbelfabrikantenfamilie Finck zuhause (Schul- und Büromöbel). Auch Faber-Castell hat dort seinen Sitz.
Irgendwann einmal, um 1935 haben sich die Fincks die mit ihnen konkurrierende Steinsche Firma, die die modernere Sparte an Sitzmöbeln fabrizierte, nämlich die fürs Büro und nicht für die Schule, unter den Nagel gerissen. Günstig erworben, einfach fusioniert, behaupten sie, indem sie mit dem preiswerten Firmenkauf der jüdischen Familie Stein sogar noch einen Gefallen taten, die emigrierten und die Firma ja nicht mitnehmen konnten. Ins Konzentrationslager etwa? fragt Nick, der rebellierende, erwachsene Sohn des Hauses, spöttisch. Nick Fink war immer schon etwas anders, hochbegabt und als Kind und Jugendlicher misstrauisch seinen Eltern gegenüber, (zunächst) kritiklos ergeben jedoch dem Großvater.
Nick ist die erzählende Kraft im Roman; dazu haben es auch andere Enkel-Großvaterpaare der Finckschen Dynastie der Autorin Monika Zeiner angetan. Anhand dieser Paarungen erzählt sie, chronologisch verzwickt, von den Fincks über die Jahrhunderte.
Der Kommentar und das Leseerlebnis:
Mein Leseerlebnis war nach den ersten 100 Seiten schon extrem frustrierend und ist es bis Ende geblieben und das, obwohl die Autorin extrem gekonnt komponiert. Und formulieren kann sie natürlich auch sehr gut. Es gibt keine Phrasen in diesem Buch. Monika Zeiner ist schon eine geniale Schriftstellerin!
Doch. Monika Zeiner schreibt einen belehrenden Roman mit zahlreichen Bildungselementen, in welchem sich Nürnberger Reiseführersentenzen mit Monologen und Dialogen, die jedoch ebenfalls verkappte Monologe sind, über alles Deutsche und Deutschtümelndes abwechseln. Abhandlungen über Musik und Kunst, vor allem aber über Philosophie und Religion alterieren, wobei Christentumbashing viel mehr Wucht gegönnt wird als dem Nationalsozialismus und dem Holocaust. Es geht doch nichts über reine Theorie! Die Gesprächspartner von Nick und Nick selbst sind extrem entsetzt über die Abraham-Isaak-Fastopfergeschichte im Alten Testament und das viel mehr als über den Holocaust selbst. Schließlich kulminiert der Roman in einem zynischen Aufschrei über den Zeitgeist und dem Familienmotto: Tempora mutantur et nos mutamur illis.
"Als es Zeitgeist war, Zwangsarbeiter zu haben, haben wir Zwangsarbeiter gehabt, als es Zeitgeist war, Zwangsarbeiter zu entschädigen, haben wir Zwangsarbeiter entschädigt, als es Zeitgeist war, Juden zu enteignen, haben wir Juden enteignet, und jetzt, wo es Zeitgeist ist, die Enteignung von Juden von einer Historikerkommission wissenschaftlich aufarbeiten zu lassen, werden wir natürlich eine Historikerkommission einsetzen, die wir sogar von der Steuer absetzen können."
Monika Zeiner arbeitet sich am Christentum ab wie viele Schriftsteller, obwohl wir alle vom Grundgesetz der Republik Deutschland profitieren, das bekanntlich auf den Zehn Geboten gründet. Das Christentum, obwohl über die Jahrhunderte von vielen oft in sein krasses Gegenteil verzerrt wie alle Religionen und/oder Ideologien, das ist wahr - ist es jedoch nicht, das die Weltordnung momentan gefährdet! An zeitgemäße Islamkritik aber trauen sich die Schriftsteller nicht heran!
Was an deutscher Hochliteratur und -Kultur Rang und Namen, hat wird von Zeiner in ihren Roman „Villa Sternbald oder Die Unschärfe der Jahre“ eingepflegt, zitiert und stilistisch imitiert: insofern ist Villa Sternbald ein großer Roman, weil er einen großen Bogen schlägt und tatsächlich viel Bildung intus hat: Mit Eichendorff geht man durch die Natur, man erwandert die Nürnberger Umgebung, immerzu den Moritzberg im Blick, der Faustsche Osterspaziergang wird nachgestellt, man musiziert ähnlich wie die (Thomas)Mannschen Frauen inniglich, preußisches Pflichtgefühl hat Kants Imperativ im Blick, vaterländischer Gehorsam wird durch Erziehung und die Schulmöbel kolportiert, deutsches Liedgut verkörpert sich durch Franz Schubert, auch das gemeine Volkslied hat seinen Auftritt und stellt das natürliche deutsche arische Volk. Der versponnene Hölderlin und mit ihm die ganze Romantik, das Todesmotiv und das Nachtdunkel, der vergeistigte Heidegger, deutsche Sagen und heilige Legenden taumeln durch die Köpfe davon verängstigter Kinder und dienen den Abendgesellschaften als höhere Konversation. Luther darf auch nicht fehlen beziehungsweise seine Verteufelung und das in Abrede stellen der Errungenschaften der Reformation. Dass wir Luther die einheitliche deutsche Sprache zu verdanken haben, wird unter den Tisch fallen gelassen. Noch darf Schillern fehlen mit seinem Gegensatzpaar Pflicht versus Neigung. Der Wald. Der Werther. Man kann sie gar nicht alle aufzählen. Gedanken über die Nationen. Und überall ist der Antisemitismus zuhause im guten deutschen Reich, manchmal offen zutage tretend und oft verborgen - den man zu Recht und für wahr anprangern muss und niemals damit aufhören bitte. Aber.
„Villa Sternbald oder die Unschärfe der Jahre“ ist vor allem und in erster Linie ein dozierender Bildungsbürgertumroman per se, wie ich lange keinen mehr gelesen habe bis hin zur Läuterung des Protagonisten – aber das zieht sich!
Monika Zeiner lässt ihre Figuren über Descartes, Horkheimer und Adorno reflektieren, wann begann die Erziehung, wurde Gott wirklich abgeschafft, wie hängen Unterwerfung, Autorität, Ordnung und Freiheit zusammen und sind die Menschenrechte nicht auch nur eine Definition, eigentlich eine rein koloniale Erfindung der Weißen? Humanismus, Absolutismus, Weltgeist – so geht es Seite um Seite, Kapitel um Kapitel. Die Protagonisten sind bloße Plattform fürs Zeiners Vorlesungen beziehungsweise derer Interpretationen. Todlangweilig ist das. Und widersprechen kann man auch nicht, wenn man anderer Meinung ist und ich bin oft anderer Meinung!
Eine Figuren-Entwicklung dagegen gibt es kaum und bei aller gelehrten Theorie und Reflexion ist die Handlungsebene armselig. Daran ändern weder ein Silvestermaskenball etwas noch ein paar amouröse Verfehlungen noch die Rückgriffe und Erinnerungen in die jeweilige Jugend der männlichen Linie, noch eine schlussendliche Umkehr bzw. ganz klassische Läuterung. Das Dozieren, Reflektieren und monologisierende Einarbeiten (hauptsächlich) deutscher Literatur und Philosophie nimmt viel zu viel Raum ein. Ein bisschen Dramatik gibt es in den Schlusskapiteln, verpufft jedoch alsbald. Schade.
Fazit: Hauptsächlich dozierend und belehrend! Gestelzte Gespräche sind regelrechte Miniabhandlungen mit vielen Kulturelementen, von Wagner über Goethe und die Bibel bis Kant. Dazu Christentumbashing aufs Feinste und Nürnberger Sightseeing plus Abrechnung bezüglich der Nichtaufarbeitung der NS-Zeit: Dies durchaus berechtigt – aber so? Es ist ein Roman fürs Bildungsbürgertum und fürs Feuilleton – ziemlich abgehoben, an einer Familiendynastie entlanggearbeitet. Überhaupt nicht mein Fall, obwohl ich die Kunstfertigkeit der Autorin nicht in Abrede stelle! Bestimmt gewinnt dieser Roman Preise. Und trotzdem: ich mag ihn nicht.
Kategorie: Anspruchsvoller Roman
Verlag, Dtv, 2024