Auf Merkels Autobiografie habe ich schon aufgrund ihrer Länge keine rechte Lust und die Rezensionen haben mir dann die Lust darauf endgültig ausgetrieben. Eckart Lohses "Die Täuschung" ist aber eine lesenswerte Alternative, wenn eine kritische Bilanz willkommener ist als die volle Geschichte von Geburt bis Ende der Kanzlerschaft. Der Titel gibt die Richtung vor: "Dieses Buch will an den zentralen Themen zeigen, wie durch das Zusammentreffen einer Gesellschaft, die sich weigert, die Herausforderungen des neuen Jahrhunderts mit der nötigen Schärfe zu sehen, und einer Politikerin, die im Bemühen um die Unterstützung durch die westdeutsch geprägte Mehrheitsgesellschaft deren tatsächliche oder auch nur vermeintliche Wünsche erfüllt, die Veränderung auf Gebieten ausbleibt, auf denen sie dringend geboten wäre." (16) Die Versäumnisse, die Lohse anspricht, sind die altbekannten: Wirtschaftspolitik mit dem Fetisch Schwarze Null, fehlende Investitionen in Infrastruktur, Erosion der Verteidigungsfähigkeit, misslungene Energiewende, Rückstand in der Digitalisierung, Abhängigkeiten von Russland und China. (Rentenversicherung und Sozialabgaben kommen erstaunlicherweise gar nicht vor.) Mit seiner Analyse werden von Lohse Merkels Leistungen nicht geschmälert: Sie hat keinen groben Unfug angestellt und Deutschland durchaus durch Krisen gesteuert. Spannend an dem Buch sind neben den Zitaten aus Gesprächen mit vor allem Unions-Politikern die Einblicke in die Entscheidungsprozesse bei Schuldenbremse, Wehrpflicht, dem Ausstieg aus dem Ausstieg vom Atomkraftausstieg, die sog. Flüchtlingskrise u.v.m. Bemerkenswert ist auch, wie Lohse herausarbeitet, dass Merkels ostdeutsche Herkunft doch durchaus relevant für Merkels politisches Selbstverständnis war.
Ich frage mich nach der Lektüre, ob sich nicht nur die Deutschen in Merkel getäuscht haben, sondern auch Merkel sich in den Deutschen getäuscht hat: Mit ihrem modus operandi, Entscheidungen dann zu treffen, wenn sich eine Mehrheit in Gesellschaft und eigener Partei abzeichnet, übersah Merkel, dass die Deutschen mehr Gestaltung und Transformation mitgetragen hätten, wenn Merkel darum geworben und Mehrheiten erstritten hätte. Vielleicht ist diese gegenseitige Täuschung von Lohse auch mitgemeint. Gewundert hat mich dann aber Lohses Diagnose des Aufstiegs der AfD. Zu dessen Erklärung gehört sicherlich mehr als Merkels Entscheidung 2015, die Grenzen offen zu lassen, und ihre "Weigerung, Verständnis für den sorgenvollen Blick vieler Deutscher auf den großen, vielfach ungesteuerten Zustrom von Migranten aufzubringen" (316). Das ist nicht nur zu monokausal als Erklärung, sondern läuft auch auf einen klassischen Double Bind hinaus: Wenn Merkel zu sehr schaut, was die Deutschen über Flüchtlinge denken, gestaltet sie zu wenig, wenn Merkel beim Umgang mit Flüchtlingen sich von einem moralischen Kompass leiten lässt, ist sie gleich schuld am Aufstieg der AfD.