Transparenz ist wichtig: Ich habe das Buch nicht beendet, sondern es - oder viel eher das Hörbuch - nach einigen Stunden entgeistert abgebrochen. Ich erkläre in dieser Rezension weshalb und sicherlich wird auch deutlich, wieso ich trotzdem eine Sternebewertung vorgenommen habe.
Was habe ich erwartet? Einen historischen Roman über Griechenland im 19. Jahrhundert, über die Anfänge der Archäologie und vor allem über Sophia Schliemann (geboren als Sofia Engastroménou in Athen), die zweite Ehefrau des deutschen Archäologen Heinrich Schliemann.
An sich "vertraue" ich diesen Romanbiografien über reale historische Frauen, die vor der Kulisse großer historischer Ereignisse die Liebe finden und "ihren Weg gehen" schon lange nicht mehr, da sie mich viel zu oft enttäuscht haben. Der "Sophia" wollte ich jedoch noch einmal eine Chance geben, da mich das Thema und Sophia als Person so sehr angesprochen haben. Leider macht "Sophia und die Suche nach Troja" jedoch nichts anders, als andere Romane dieses Genres: Geschichte ist nur ein sehr blasser Hintergrund, der von reißerischen Klischees lebt, nicht von tatsächlich recherchierten historischen Details und Besonderheiten. Gerade in einem Roman wie diesem, der unter anderem in Griechenland spielt. Griechenland um 1870, die Entdeckung Troja, frühe Archäologie, das hätte ein spannendes Setting werden können, ist aber leider sehr trocken und farblos erzählt. Atmosphäre, griechisches Flair oder gar ein Einblick in diese Kultur kommt nicht auf.
Viel schlimmer finde ich jedoch den Umgang mit Heinrich und Sophia Schliemann als historische Personen. Leider geht der Roman besonders an Heinrich Schliemann sehr unkritisch heran und verspielt damit jegliches Potential, eine spannende Geschichte zu erzählen, die er hatte. Der Elefant im Raum ist natürlich nicht zu übersehen: Heinrich Schliemann war dreißig Jahre älter als Sophia. Geheiratet haben sie, als Sophia erst siebzehn Jahre alt war. Siebzehn! (Bevor das wieder anfängt: Nein, es wurde auch im 19. Jahrhundert nicht als normal angesehen, dass mittelalter Männer Teenager heiraten. Dass dieses Klischee existiert, haben wir dem Umstand zu verdanken, dass in dieser Zeit viel über solche Ehen geschrieben und gesprochen wurde, gerade weil sie als sonderbar und eben nicht normal angesehen wurden.)
Tatsächlich ist historisch belegt, dass der 47-jährige Schliemann seinen Griechischlehrer damit beauftragte, ihm bewusst eine "homerbegeisterte, schwarzhaarige Griechin" als zweite Ehefrau zu suchen. Als dieser ihm einige Fotos vorlegte, suchte er sich die 17-jährige Sophia aus wie beim Online-Shopping. Über die Exotisierung und Sexualisierung griechischer Frauen ist seit dem 19. Jahrhundert sehr viel gesagt worden, leider aber kaum in diesem Roman. Nötig gewesen wäre es. Sehr nötig sogar. Genau wie ein komplexerer, ernsterer Umgang mit dem krassen Altersunterschied. Stattdessen präsentiert der Roman uns Heinrich und Sophia als eine ungewöhnliche Liebesgeschichte. Dass dieser fiktive Schliemann sich dieser fiktiven Sophia gegenüber im Roman durch die Bank weg als Oberlehrer aufspielt, der sie fordert und scharf kritisiert und in sein Idealbild der griechischen Gelehrten, die er zur Frau haben will, zu verwandeln versucht, wird anscheinend überhaupt nicht als negativ verstanden.
Generell ist Heinrich Schliemann in diesem Roman viel zu sehr strahlender Held, während die historische Forschung ihn nicht erst seit gestern durchaus auch kritisch betrachtet. Ja, natürlich hat er zur Entwicklung der Archäologie viel beigetragen. Die Ausgrabung von Troja war für ihn aber vor allem eins: Medienspektakel, um sich selbst in den Mittelpunkt zu rücken - Schliemann fabriziert abenteuerliche Geschichten über seine Funde und schickt sie selbst an Zeitungen. Seine Funde sind für ihn nicht antike Artefakte, mit denen vorsichtig umzugehen war, sondern Beute: Viele seiner Grabungen fanden illegal statt, auf die Meinung der griechischen Bevölkerung, auf dessen Land er arbeitete, gab er nicht viel. Hat Schliemann Troja gefunden? Ja. Hat er gleichzeitig viele wertvolle Siedlungsschichten einfach auf den Müll werfen lassen, um an die "Schätze" zu gelangen? Auch ja. So etwas gehört in eine Romanbiografie Schliemanns genauso hinein, wie seine Verdienste für die Archäologie.
Leider geht "Sophia und die Suche nach Troja" auf diese Dinge sehr wenig ein, traut sich sehr selten Heinrich Schliemann kritisch zu sehen und verfängt sich zudem in historischen Mythen: Sophia Schliemann war nach heutigem Wissensstand bei kaum einer Ausgrabung ihres Ehemanns dabei. Als er Troja entdeckte, besuchte sie zum Beispiel gerade ihren schwerkranken Vater in Athen. Schliemann aber wusste, wie medienwirksam seine junge Ehefrau war und nannte sie nicht nur als einzige Zeugin für die Entdeckung Trojas, sondern versuchte sie ebenfalls als talentierte Archäologin darzustellen, die ihm beiseite stand. Genau das greift auch der Roman auf. Ist die junge Sophia, die an der Ausgrabung Trojas teilnimmt, die spannendere Geschichte für einen historischen Roman? Vielleicht. Aber es ist nicht die Wahrheit. Und Sophia Schliemann ist eben keine fiktive Romanfigur, sondern war eine reale Frau, der dieser Roman nicht gerecht wird.
Am Ende traut sich "Sophia und die Suche nach Troja" leider einfach nichts - Genau wie viele Genrekollegen. Hier gibt es keinen interessanten Einblick in griechische Geschichte oder in die Geschichte der Archäologie, hier gibt es vor allem überbordende Schliemann-Romantik und historische Klischees. Ärgerlich ist das, weil die "Sophia" kein Einzelfall ist, sondern diese Herangehensweise an Roman"biografien" auf dem deutschen Buchmarkt mittlerweile Standard. Ein komplexer historischer Roman, der sich bemüht ein vollständiges Bild von Schliemann und dem Leben und der Rolle Sophias zu zeichnen, wäre eine richtige Bereicherung für den Buchmarkt gewesen. Dieses Buch ist "Sophia und die Suche nach Troja" aber auf keinste Weise.