Mit den Tuareg durch die Sahara auf den Berg des Einsiedlers
Tief in der algerischen Wüste steht ein Haus, roh auf einem Hochplateau, es hat einen einzigen Raum. Eine Klause, ein Rückzugsort. Der Mann, der es baute, war glücklich dort. Immer tiefer hatte es ihn in die Wüste gezogen; nun war er ganz allein. Nachts mit den Sternen, und wenn er früh aus der Tür trat, sah er in eine unendliche Landschaft aus gelben Bergen.
Wie oft bei seinen Büchern, war es auch diesmal ein Bild, das bei Wolfgang Büscher den Wunsch auslöste, dorthin zu gehen. Eine Reiseerzählung aus der Sahara – und über Charles de Foucauld, den Mann, der dort in den Hoggar-Bergen sein Haus gebaut hat.
Bin ich ungerecht? Vielleicht. Ich bin Büscher gerne bis nach Moskau gefolgt und habe da Vieles wiedererkannt. Im Vertrauten konnte ich seine Fähigkeit bewundern, sich auf Menschen und Situationen einzulassen und dem unvermutete Seiten abzugewinnen. Auch rund um Deutschland ging ich mit ihm und fand diese Fähigkeit wieder, den sogenannten "einfachen Menschen" ihre Geheimnisse, ihre Lebensart und ihr - bei aller Bescheidenheit - Besonderes abzulauschen. Das war wirklich eine Neubegründung der deutschen (?) Reiseliteratur.
Büschers Weg in die Sahara hingegen hat mir nichts gegeben. Die Beschreibungen der Gebirgszüge, der merkwürdigen Felsformationen usw. sind gewohnt stilsicher und literarisch angemessen. Aber die ellenlange Beschäftigung mit einem religiösen Spinner - nein, ich kann mit Eremiten nichts anfangen, wenn mir ihre Motive nicht klar werden - trägt das Buch nicht. Zu gerne hätte man doch etwas vom Leben der Tuareg erfahren, von ihrer Geschichte und ihrer Motivation, sich den Franzosen gegenüber loyal zu verhalten. Aber hier kommt Büscher über ein paar Beobachtungen, die er während einer Einladung machen konnte, nicht hinaus. Nichts zum Verhältnis der Männer zu den Frauen, nichts zu ihrem Verhältnis zu den ehemaligen Sklaven, nichts zu den heutigen Spannungen mit dem IS usw. Selbst noch die Goldsuchergeschichten und die Bemerkungen zur Ressourcenausbeutung in der Wüste kommen seltsam unkritisch-romantisch daher.
Das Ganze war für mich also eher ein Reiseprospekt, der zum Besuch einer Eremitage einlädt, als ein Reisebuch, von dem ich mindestens ein paar Informationen über die Kolonialzeit erwartet hätte, ein bisschen Aufklärung darüber, wie es zum Algerienkrieg kommen konnte und was die Tuareg da getan haben. Stattdessen geht es um die Zeit um den WK I herum, als die Franzosen noch mit dem Auf- und Ausbau ihrer (im Buch kaum spürbaren) Herrschaft beschäftigt waren. Am Ende sagt einer der Patres, es kämen Leute auf seinen Berg, die eine Woche blieben und dann ein Buch schrieben, was er verachte, weil die weder etwas verstanden noch etwas zu sagen hätten. Büscher hätte sich diese Sätze zu Herzen nehmen sollen. Wer nichts anderes zu sagen hat, als dass ihm die Einsamkeit gefällt, der sollte darüber kein Buch schreiben. Kann man lesen, muss man aber nicht.
Die Wüste hat mich schon immer fasziniert. Da war schnell klar, dass ich mit dem Buch "Der Weg" von Wolfgang Büscher zumindest per e-reader in der Sahara unterwegs sein wollte. Der Autor war in Begleitung einheimischer Führer/Fahrer wochenlang im algerischen Ahoggar unterwegs, zwischen Bergen und Wüste, auch auf den Spuren von Charles de Foucauld, auf dessen Leben er immer wieder eingeht.
Unterwegs sein in der Wüste entschleunigt und macht bescheiden - denn die Umgebung ist so viel größer als der Reisende. Das ist auch beim Lesen immer wieder zu spüren, wenn der Autor nur schaut und denkt. Aus den Gesprächen mit seinen Begleitern lernt er über die Lebensweise der Tuareg, über Traditionen, die immer noch lebendig sind, die in den wachsenden Städten wie Tamanrasset auch zunehmend bedroht sind. Eher nebenher geht es um die Migrationsrouten, aber das Schicksal der Afrikaner, die von Schleusern durch die Wüste gekarrt werden, von denen viele niemals ihr Ziel erreichen, bleibt vage. Mehr Aufmerksamkeit widmet Büscher den illegalen Goldschürfern, vielleicht, weil sie die erhabene Landschaft zerstören.
Die Naturbeschreibungen lassen die Großartigkeit der Berge in ihren vielen Formen, mit Spuren früher menschlicher Besiedlungen, als die heutige Sahara eine grüne Savanne war, ahnen. Leider ist das Buch nur äußerst sparsam bebildert, den Rest muss die eigene Vorstellungskraft schaffen. Langsam und nachdenklich erzählt ist auch in diesem Buch der Weg das Ziel.