"Perfect purity is possible if you turn your life into a line of poetry written with a splash of blood." Es gibt einen Idealtyp, eine Bilderbuchbeschreibung, wie ein Mensch aussehen sollte. Seit ich denken kann, wollte ich so sein, wie die großen Männer auf den Werbetafeln. Das perfekte Profilbild in einer Welt der Unvollkommenheiten und Schwächen. Ich muss mich rein halten, ich muss meinen Körper formen, ich will mich selbst neu erschaffen. Wahre Schönheit ist etwas, das angreift, überwältigt, raubt und schließlich zerstört.
Sebastian Schwaerzels Debutroman als große Anleitung der Selbstbehauptung: Der Protagonist, ein Kind dieser Zeit, verfällt in eine Abwärtsspirale der Selbstbesessenheit. Vom monotonen Stemmen der Eisengewichte getrieben, wandelt sich die Selbstbesessenheit in Selbstzerstörung. Irgendwo zwischen Internetpornografie und Fundamentalismus, fasst er den einen großen Plan: Was in der masochistischen Beziehung zu seiner queeren Mitbewohnerin beginnt, gipfelt in der Entscheidung, sich als Amokläufer und Selbstmordattentäter zu verewigen.
"Ich habe nur ein Leben und damit nur eine Chance, es mir kaputtzumachen."
Es geht aber nicht um die stereotype und absolut peinliche Darstellung eines romantischen Selbstzerstörertums. Der Protagonist ist vielmehr bereit, Blut für die Sache zu geben. Nur welche Sache, ist unklar. Die Sache könnte gerichtet sein gegen die moderne Welt, gegen Schwule oder nur gegen sich selbst. Jedoch ist er kein depressiver Versager. Vielleicht ist Normalität der Treiber in den Nihilismus. Noch nicht einmal einen verstorbenen, jüngeren Bruder hat er, der ihn im Character-Development-Style immerhin zu boring white trash mit Trauma machen könnte. Was ihm bleibt sind Selbstoptimierung in Form von Kraftsport, eine missbräuchliche Beziehung sowie ab und zu ein bisschen Saufen, wodurch auch belanglose Scheiße interessant wirken kann.
Der Roman berührt den Wunsch nach Größerem, nach Sinn und Zweck in einer Welt, in der der Mensch beliebig und austauschbar erscheint. Die Eltern lehren uns Demokratie gut zu finden, nur einmal in der Woche Fleisch zu essen, kaufen sich ein Lastenfahrrad mit handgeklopfter Lithiumbatterie. Wer angesichts dessen trotzdem Weltschmerz spürt, gibt sich nur der Lächerlichkeit preis, haben wir doch durch unsere Beliebigkeit auch maximale Freiheit. Trotzdem werden wir bald vernichtet: durch den Klimawandel oder durch den großen Austausch. Je nach dem wo man steht. Auf diese Ausweglosigkeit ist jede Reaktion angemessen - auch der Plan, sich in die Luft zu sprengen. Schließlich leben wir in einer Welt ohne Konsequenzen. Der Bundespräsident zeigt sich betroffen, im Baumarkt wird kurz kritisch geguckt beim Kauf bestimmter Zutaten, aber dann fliegt Deutschland ausgerechnet gegen die Türkei in der WM-Vorrunde aus. Alles ist vergeblich. Unser Weg zu leben und Wohlstand für alle zu erzeugen ist unaufhaltsam. Nicht mehr lange bis zum ersten Starbucks in Nordkorea.
Natürlich ist das Buch eine Ted Kaczynski Referenz, ein Fight Club Abklatsch, außerdem wirkt der Protagonist nervig und dämlich. Gleichwohl spricht Schwaerzel aus, was ich nur dumpf empfinden kann. Ein grundsätzliches Unbehagen mit der Welt, jedoch keine Wut. Kein unbedingter Zerstörungswille. Nur die diffuse Hoffnung, dass alles auch anders sein könnte. Jedoch nicht eine bessere, es geht wirklich nur um eine andere Welt. Eine Welt, in der Beanie-Mützen-Träger ihre verdiente Prügelstrafe bekommen.
Erzählungen und Erlebnisse, die jedem Zoomer bekannt sein dürften, paaren sich mit nahezu psychotisch anmutenden Gedankeneinschüben des Protagonisten. Dadurch wird das Buch ziemlich lustig. Wenn ich doch manchmal betroffen wurde, machte dies die in irgendeiner Weise unbeholfene Art des Protagonisten schnell wieder zu Nichte. Was bleibt, ist der Gedanke, dass der einzige Weg hinaus auch hindurch führen muss. Der Roman zerstört diesen Gedanken. "Comfort forever".
Lang ersehnt und gebangt, dass es großer Cringe sein würde… aber doch, gerade so 4 Sterne, weil Gestaltung und Schriftsatz sehr ansprechend sind. Ein Buch, dem Linke viele Triggerwarnungen voranstellen würden (zB Selbstverletzung, Ageism, Transfeindlichkeit). Das macht es nicht automatisch gut. Hat mich aber schon unterhalten, vermittelt glaubwürdig, dass es nicht hohl provozieren will, sondern die nihilistisch-abgefuckte Gleichgültigkeit des Protagonisten spiegelt. Ein bisschen Houellebecq, ein bisschen Kracht - auf jeden Fall Schnoddrigkeit, Skandal und Krawall. Thematisch nicht unbedingt originell, Adoleszenzkrise eben, Ausdruck eines nihilistischen Lebensgefühls, Leiden an der Moderne, aber in der Umsetzung doch gelungen und in den Überspitzungen treffend. Irgendwie auch ein faszinierendes Psychogramm einer männlichen Gen-Z-Subkultur. Stilistisch auch nicht übel. Aber: Wo war bitte das Lektorat?! Zahllose Kommafehler, „Tolstoy“ falsch geschrieben und sogar ein das/dass-Fehler… unglaublich, müsste das nicht mittlerweile sogar mit KI besser gehen?
Der Protagonist ist recht jung, Mitte Zwanzig, und völlig desillusioniert; der McDonalds-One World überdrüssig, von alten, übergewichtigen, hässlichen Menschen angeekelt. Er betreibt exzessiv Bodybuilding und nimmt Steroide, jagt das Ideal, aber ist sich der Sinnlosigkeit des eigenen Tuns bewusst; alles ist Schein, das ganze Gerede über geringen Körperfettanteil, optimale Trainingspläne, Low-Carb-Ernährung… nur Oberfläche, ohne Sinn. Trotzdem muss man sich ja irgendwie beschäftigen. Ein moderner Zyniker, ein selbsternannter Faschist - steckt in dem Wort vielleicht der letzte Rest des ersehnten Ernstes?-, ein abgewrackter, psychotischer, aber doch noch irgendwie funktionierender junger Mann, der einer völlig verkommenen Welt gegenübersteht und zugleich Teil und Ausdruck von ihr ist. Er will doch nur jung sterben - aber wofür? In dieser gezähmten Zivilisation, in der jeder archaische Trieb ausgelöscht ist oder unterdrückt wird, kann der männliche Drang nach einer großen Aufgabe, nach der heroischen Tat nicht erfüllt werden. So findet nur eine diffuse, richtungslose Radikalisierung statt; frei flottierende Ideologien, die aufgesogen, ausprobiert, kombiniert und doch nicht ernst genommen werden. Klimaschutz, RAF, Dschihad, Ted Kaczynski, Rechtsextremismus - ganz egal, Hauptsache Selbstaufopferung.
Er befindet sich in einer nur angedeuteten masochistischen Zweckbeziehung mit Diana, seiner Mitbewohnerin, die offiziell trans ist, um die verschriebenen Hormone an Bodybuilder zu verkaufen. Sie verstümmelt den Protagonisten, nicht gegen seinen Willen, es wird aber gar nicht richtig klar wieso, vielleicht kann er sich nur so spüren, vielleicht ist das Ausdruck einer absoluten Gleichgültigkeit, vielleicht kommt er damit dem nicht umsetzbaren heroischen Tod etwas näher. Seine Eltern sind reiche Gutmenschen, ihnen liegt das Wohl der Welt am Herzen, deshalb adoptieren sie ein Kund, das aus einem IS-Terrornetzwerk gerettet wurde: „Wenn meine Eltern ihn adoptieren, kann er jeden Tag Müsli mit Chia-Samen essen und an einer freien Kunsthochschule studieren. Was für eine Verschwendung.“ Im Verlauf wird es psychotischer; der Protagonist dissoziiert (stilistisch schön gelöst!), die Mitbewohnerin ist plötzlich ein/e genderfluide/r Lola (oder bildet er sich das nur ein?), er will sich in einer Schwulenbar in die Luft jagen, weil er homosexuell vergewaltigt wurde (ok) und er ritzt sich ein Hakenkreuz in die Stirn (alles klar). Später zündet er eine Bibliothek an: „Das ergibt überhaupt keinen Sinn. Wieso sollte jemand all unser tolles Wissen zerstören wollen? Die Antibiotika, die Pockenimpfung, das iPhone, den Rechtsstaat. Ich selbst könnte nicht einmal ohne Insulin überleben. Absolut sinnlos. Aber das ist nicht mein Problem.“ Lust an der Destruktivität, weil es kein Konstruktives mehr gibt. Wenigstens überhaupt ein Ausbruch aus der Normalität, sowas wie eine große Tat, wenn schon kein Ideal.
Der Plan eines Sprengstoffanschlags scheitert am Ende vollkommen unheroisch; es wird keine perfekte Momentaufnahme geben, kein Bild auf einer großen Leinwand, keine Verewigung seines Namens. Konsequente Sinnlosigkeit. „Ich könnte im Himmel neben Yung Lean und Yukio Mishima sitzen, stattdessen hilft mir eine Krankenschwert den Arsch abzuwischen.“
Hat sich sehr mishima - fight club inspiriert angefühlt. Etwas zu prätentiös ohne viel politischen Inhalt zu haben außer - „ich lehne irgendwie die bürgerliche Gesellschaft ab“. Trotzdem teilweise sympathisch und amüsant. Die Geschichte, die Charaktere unterhalten.
Irgendwie… wenig überraschend. Ein Autor, der unbedingt gerne jung und subversiv sein möchte. Aber letztendlich doch nur fantasieloser Verschnitt anderer männlicher Autoren wie Houellebecq in Gen Z-Tonalitäten. Vielleicht ist das tragischste an der Figur, dass sie so vorhersehbar ist.