Europa hat den Kolonialismus in Afrika in den 1960er-Jahren für beendet erklärt. Doch das war eine Lüge. In Wirklichkeit haben Europäer, die sich gern als Verfechter von Demokratie und Rechtstaatlichkeit in Szene setzen, nie aufgehört, die Afrikanerinnen und Afrikaner zu unterdrücken. Sie haben Fassaden-Demokratien gefördert und korrupte politische Systeme unterstützt, die ihnen dabei helfen, den Kontinent weiter auszubeuten. Doch die Menschen in vielen afrikanischen Ländern sind an einem Punkt angekommen, an dem sie sich das nicht mehr bieten lassen wollen. Issio Ehrich zeigt die komplexen Netzwerke auf, die Europa und Afrika verbinden und die allzu oft der Bereicherung Deutschlands, Frankreichs und Co. dienen; etwa wenn es um strategische Ressourcen wie Uran und seltene Erden geht. Wie kann eine Partnerschaft auf Augenhöhe gelingen?
Ehrich ist Journalist und so liest sich der Text denn auch: Er menschelt sich im Spiegel-Stil durch die Materie. Aber immerhin hat der Spiegel Erfolg, weil die Beiträge meist gut lesbar sind, und das kann man auch dem Autor von "Putsch" bescheinigen. Das Buch liest sich gut und bietet dem mit der Materie nicht vertrauten Leser den einen oder anderen wichtigen Hinweis. Das war es dann aber auch schon. Eine wirkliche Analyse z.B. neokolonialer Ausbeutungsmechanismen wird allenfalls angedeutet, z.B. wenn es um die Verwaltung der Währungen durch Paris geht. Wie kommt es jedoch dazu, dass 100 Mrd. Dollar "Entwicklungszusammenarbeit" einen Rückfluss von 1000 Mrd. Dollar (vgl 228) generieren? Das muss man doch erklären, wenn man nicht will, dass die AfD weiter davon faselt, dass unser Volksvermögen verschenkt würde, obwohl es doch gewinnbringend 1:10 "investiert" wird. Nun ja, der Steuerzahler investiert vor allem in Militärhilfen und so was, während der "Rückfluss" natürlich in privaten Taschen verschwindet. Aber dazu gibt der Text keine weiteren Aufschlüsse; es wird nicht einmal erwähnt, welche europäischen/ deutschen Firmen zu den Gewinnern gehören. Außer, wenn es um das nigerianische Uran geht- da gibt es Zahlen zu den Gewinnen des französischen Konzerns und die Beschreibung der ökologischen und menschlichen Verwüstungen, die die Uranausbeutung hinterlassen hat.
In diesem Zusammenhang wäre auch positiv hervorzuheben, dass der Autor mit viel Sympathie über die Menschen und ihre Frustrationen mit Blick auf Frankreich, Deutschland und Europa schreibt. Am Ende hat er durchaus nachvollziehbar gemacht, warum Frankreich sich als politischer Akteur in der Sahel-Zone disqualifiziert hat und warum der Bundesrepublik mit ihren bekannten Doppelstandards in Sachen Moral und Geld dasselbe Schicksal droht. (Vgl. 241)
Habe ich was gelernt, der ich mich aus biografischen Gründen kontinuierlich mit den Vorgängen in Mali, Guinea und "Umland" beschäftigt habe? Ja, mir war vorher nicht so klar, welche Beschränkungen das Minusma-Mandat der Bundeswehr auferlegt hatte. Nun weiß ich, dass wir einen Einsatz finanziert haben, der nicht einmal symbolisch effektiv war und am Ende das Ansehen unseres Landes zu Recht ramponiert hat. Wozu sind jahrelang schwerbewaffnete Elitesoldaten in Kampfklamotten durch 40 Grad Hitze gestolpert, wenn die nicht mal jemanden kontrollieren geschweige denn zugunsten gefährdeter Zivilisten in den Konflikt eigreifen durften? Abgesehen davon, dass sie im Camp eine Kletterwand hatten, an der sie aber dann doch nicht üben durften, weil die kein TÜV-Zertifikat hatte. (131) Deutscher Schwachsinn- wie immer und (fast) überall. Aber vielleicht diente die ganze "Mission" auch nur dazu, a) Frankreich irgendwie zu Diensten zu sein und b) ein paar Kontakte zu knüpfen, was die USA sich immerhin 5,5 Mrd. Dollar kosten ließen. Hat aber auch nicht geklappt. (161)
Positiv schlägt noch zu Buche, dass der Autor anfangs halbherzig, dann aber doch vehement abstreitet, dass alles Putins Schuld wäre. Die Überlegungen, die zur Hinwendung zu Russland und China geführt haben, sind einleuchtend beschrieben. Man lernt, dass die Chinesen nicht "die Bösen" sind, wenn sie den Ländern in Afrika Kredite gewähren (was "wir" schon seit fast 70 Jahren tun!). Wenigstens würden die sichtbare Projekte finanzieren und an die kleinen Leute denken, weil die Erhöhung des Wohlstands "die potentielle Zahl an Käufern für chinesische Massenprodukte vergrößert" (167). Europa bediene sich hingegen schamlos an afrikanischen Rohstoffen und sichert sich durch Erpressung und Korruption Niedrigstpreise, exportiere aber nur in begrenzter Zahl Luxusgüter für die korrupten Eliten. (ebd.) Selbst schuld, wenn die einfachen Leute über Kochtöpfe, Bratpfannen und Taschenlampen, alles sehr nützliche Dinge in der Savanne, Affinitäten zu China und nicht zu Rolex oder Mercedes exportierenden Staaten entwickeln. Das war übrigens schon 1968 so, als auf den Märkten vom Kochtopf bis zum batteriegetriebenen Transistorradio alle "Konsumgüter" chinesischer Herkunft waren, währenddessen auch die seinerzeit DDR auf einer Propaganda- Schau ihrer Errungenschaften einen Farbfernseher präsentieren wollte, der dann allerdings nichts zeigen konnte, da Mali damals nicht einmal über einen Schwarz-Weiß-TV-Sender verfügte. ;-) Aber so doof, schreibt Ehrich, sind die Europäer und Amerikaner immer noch. Sie haben von Afrika einfach keine Ahnung und es sieht so aus, als wollten sie auch keine Ahnung haben. Arroganz und Hochnäsigkeit (=Rassismus) über alles.
Damit ist gesagt, für wen das Buch eine Bereicherung darstellen kann. Wer von den Sahel-Saaten nicht mehr weiß als die Namen und von den Tuareg noch nie was gehört hat, ansonsten alle Putschisten für Terroristen und für böse und Afrikaner für dumm oder so was hält, dem sei die Lektüre ans Herz gelegt. Wer schon ein bisschen mehr Ahnung von der Geschichte dieser Länder und den Strategien neokolonialer Ausbeutung und Abhängigmachung hat, der kann, muss das Buch aber nicht lesen. Es informiert über grundsätzliche Zusammenhänge, was positiv ist, leistet aber auch nicht mehr, weshalb es mich nicht zu fünf Punkten verleiten konnte. Und, ja, das habe ich fast vergessen, der Autor zitiert eine geniale Kurzdefinition von "Salafismus", die zeigt, wie eng religiöser Fanatismus und ganz normales Social-Media-Gebaren miteinander verwandt sind: "Im Salafismus treibt die Menschen vor allem um, was der Nachbar gerade falsch gemacht hat." (Ould Moma/ 201). Das kann man als christlicher, jüdischer oder säkularer Europäer gut verstehen, oder? ;-)