Wir verspielen gerade unsere Zukunft. Denn eigentlich sollten wir alles daran setzen, dass die nächste Generation eine gute Ausbildung erhält, unsere Unternehmen in einer dekarbonisierten Welt konkurrenzfähig sind und der Kapitalismus sein Versprechen einlöst, allen ein gutes Leben zu ermöglichen. Stattdessen halten wir an quasireligiösen ökonomischen Dogmen fest und finden den Ausweg aus der Alternativlosigkeit nicht. Es wird höchste Zeit den Kapitalismus menschlicher zu gestalten. Denn er vereint Klimaschutz, den Erhalt unserer wirtschaftlichen Grundlage und die Chance auf ein selbstbestimmtes, menschenwürdiges Leben. Ein solcher Kapitalismus verteilt Wohlstand primär über Arbeit und ist Mittel zum Zweck. Wir als Gesellschaft müssen uns nur dafür entscheiden. Packen wir es an!
Man einigt sich also auf einen Wert, für den es keine Begründung gibt, der nicht besonders viel Zustimmung hat, und will eigentlich lieber einen anderen Indikator.
Sigl-Glöckners "Gutes Geld" verdient eine ganz besondere Leseempfehlung. Unter dem Titel "Gutes Geld" könnten auch Doitsch-Mark-Nostaliker und Bitcoin-Bros ein Buch veröffentlichen. Sigl-Glöckner stellt die wichtige, aber oft nicht gestellte Frage, wie unser Geld beschaffen sein sollte, damit es für uns nützlich ist. Ihre Argumentation ist grob so aufgebaut, dass sie in einem ersten Schritt klärt, in welcher Hinsicht Geld gut oder nützlich sein kann: Es muss dazu beitragen, allen ein Leben in Freiheit – verstanden als materielle Freiheit und Nichtbeherrschtwerden – zu ermöglichen. In einem zweiten Schritt untersucht Sigl-Glöckner unser derzeitiges Geld mit seinen EU-Regeln ("60%" und "3%") und den deutschland-spezifischen Regeln ("Schuldenbremse"). Spoiler Alert: Wir haben kein gutes Geld, da diese Regeln aufgrund der technischen Detailregelungen u.a. so ausbuchstabiert sind, dass Investionen selbst bei enormen Renditechancen ausbleiben, Staaten zu für sie nachteilige Finanzierungskonstrukte gezwungen werden und Vollbeschäftigung strukturell verhindert wird. Im dritten Schritt stellt sie ein paar Vorschläge vor, wie unser Geld besseres, bestenfalls gutes Geld werden kann. Das ist kein plumpes "Weg mit der Schuldenbremse!" (da hätte sie aber auch nichts dagegen), die man ohnehin schon durch andere Berechungsmethoden der Konjunkturkomponente entschärfen könnte. Wichtiger ist Sigl-Glöckner, dass wir den ganzen Diskurs verändern. Im Grunde sollten wir uns als wählende Bürger:innen nicht dafür interessieren, wie viele Schulden die jeweilige Bundesregierung macht. Ein Land kann bei ausgeglichenem Haushalt seinen Wohlstand verschleudern und bei Rekordschulden seinen dauerhaften Wohlstand mehren – und natürlich auch andersherum. Statt nach den Schulden sollten wir nach nicht mehr und nicht weniger fragen als, dass die Inflation, Reallöhne und Vermögensungleichheiten sich so entwickeln, dass wir in Freiheit leben können.
Wichtig: Das ist kein MMT-Buch. Sigl-Glöckner macht sich vorrangig auf eine empirische Recherchereise. Warum sind die EU-Regeln so wie sie sind: Warum gerade 3% Defizit und 60% Schuldenquote? Warum ist die Schuldenbremse so, wie sie ist: Warum 0,35%? Wie wird die Konjunkturkomponente berechnet? (Dazu kommt noch eine side quest zu Staatsanleihen.) Es sind die Antworten auf diese Fragen, die diese Buch informativ machen und von einer Streitschrift unterscheiden.
Ansonsten bleibt mir nur noch zu sagen: Ich finde es schade, dass der Grafiker der vorzüglichen Abbildungen nicht auch das Cover gestaltet hat. Ein Autor:innen-Foto ist ohnehin lame & lazy, hier ist es besonders schade.