1978, ein Dorf in der Sanne und Ulrike haben Osterferien. Wenn sie nicht auf dem Hof helfen müssen, düsen sie mit ihren Fahrrädern durch die Gegend und kriegen alles mit. In zwei Monaten ist Fußball-WM, die Mädchen bekommen aber einfach nicht genug Hanuta-Bilder für ihre Sammelalben. Also schneiden sie ein paar Männerköpfe aus dem Fahndungsplakat in der Post. Denn das ganze Land ist gerade in Aufruhr über drei Buchstaben. RAF. Und dann geschieht tatsächlich ein Bankraub. Festgenommen wird der einzige Langhaarige im Dorf. Dass er es nicht gewesen sein kann, wissen Sanne und Ulrike genau. Und sie wissen noch viel mehr, Sachen, die nicht nur die Polizisten in der nächsten Kleinstadt interessieren würden …
"Das Dorf sieht aus wie ein Ort, an dem nie etwas geschieht. Wir wissen es besser." Und der Leser dieses fulminanten Romans ebenfalls. Er erfährt aus der Perspektive zweier Mädchen, die vom Hochsitz aus die ungeheuerlichen dörflichen Ereignisse beobachten, von Terroristenjagden, Mordtaten und Sexeskapaden im Deutschland der 1970-Jahre.
Ein Dorf in der Eifel, unweit der luxemburgischen Grenze. Es sind Osterferien im Jahr 1978. Die beiden 11jährigen Mädchen Sanne und Ulrike durchstreifen aufmerksam die Gegend, ihr Lieblingsplatz ist ein Hochsitz am Waldrand. Und es passieren einige Dinge in diesen Tagen: Im Nachbarort wird eine Bank überfallen, die Grenzbeamten bereiten sich auf eine Aktion gegen Grenzschmuggler vor, ein Fremder klappert in einem Cadillac Bauernhöfe in der Gegend ab und macht unmoralische Angebote und zwei fremde Frauen fahren durchs Grenzgebiet und wollen unerkannt bleiben. Dann geschieht ein Mord, nachts mitten auf der Dorfstraße – und Sanne und Ulrike haben ihn als einzige gesehen. Doch auf sie hört natürlich niemand, sodass die beiden selber auf Spurensuche gehen.
Nach seinen beiden letzten Romanen über Mordermittlungen in der DDR, bleibt Max Annas mit seinem neuen Roman „Der Hochsitz“ in der Vergangenheit. Diesmal aber in der BRD, im Jahr 1978 ist die Angst vor dem Terrorismus der RAF auch in der Eifel hochpräsent. Doch dass zwei Zwölfjährige das Fahndungsplakat aus der Post geklaut haben, ahnt niemand. Überhaupt gibt es so einige Dinge, die an der Polizei vorbei laufen. Max Annas entwirft mit verschiedenen Perspektiven und schnellen Wechseln ein eher tristes Panorama eines Landstrichs, der von Ängsten geprägt scheint: Angst vor Terroristen, vor Fremden, vor Existenzverlust, vor der Zukunft allgemein. Ein Leben im bundesdeutschen Mief der 1970er, bis sich auf einmal die Ereignisse überschlagen. Dabei wird der Plot in einzelne Stränge zerteilt, die sich ab und an treffen, aber oft auch etwas im Ungefähren bleiben. Dennoch eine anregende Lektüre, bei der vor allem das Setting überzeugt.
REZENSION – Mit seinem neuen Roman „Der Hochsitz“, im Juli beim Rowohlt Verlag erschienen, wagt sich der für seine Kriminalromane bereits fünf Mal mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnete Schriftsteller Max Annas (58) in die entlegensten Niederungen westdeutscher Provinz gegen Ende der Siebziger Jahre und widerlegt mit seiner facettenreichen Geschichte die gängige Meinung, auf dem Land sei die Welt noch in Ordnung. Doch dieser Schein trügt: In einem kleinen Eifel-Dorf an der Grenze zu Luxemburg werden Banken ausgeraubt, Drogen geschmuggelt, zwei RAF-Terroristinnen verbergen sich im Wald, ein Deutsch-Amerikaner bietet Bauern für ihre Höfe überhöhte Summen und dann gibt es sogar noch einen Mord. Der Dorfpolizist fühlt sich von Amts wegen nicht zuständig, den Kriminalbeamten aus der Stadt fehlt der nötige Durchblick. Zum Glück sind gerade Osterferien. So haben die Schülerinnen Sanni und Ulrike viel Zeit, sich neben ihrer Jagd nach Fußballer-Klebebildern fürs selbstgebastelte Sammelalbum – die WM '78 in Argentinien steht bevor – auch noch den Mörder zu jagen. „Wir sind elf Jahre alt. Aber wir sind nicht blöd. Würden sie [die Erwachsenen] uns ernster nehmen, wenn wir Jungs wären? Vielleicht. Wahrscheinlich. Ganz sicher eigentlich.“ Sanni ist die Forschere von beiden und Erzählerin, braucht aber die Besonnene: „Ulrike ist schlau. Sonst wäre sie auch nicht meine beste Freundin.“ Von den Erwachsenen unverstanden, ziehen sie sich in ihre eigene Welt zurück: „Wenn man sich ernsthaft unterhalten will, muss man einen Ort haben, an dem das überhaupt möglich ist. [….] Zum Glück haben wir den Hochsitz. [….] Wir stehen lange auf der Plattform und gucken auf unser Dorf. Einfach so.“ Sanni und Ulrike beobachten im Dorf viel, auch wenn sie nicht alles verstehen. Aber dass der einzige Langhaarige nicht der Bankräuber sein kann, das wissen sie genau, denn ihn haben sie zum Tatzeitpunkt mit einer Blondine im Heuschober beobachtet. Doch den Mörder des Motorradfahrers vom Petershof wollen sie finden. So machen sie sich beim Austragen des Anzeigenblattes bei Abwesenheit der Hausbewohner auf detektivische Suche nach dem schwarzen Anzug, dem Umhang und Schlapphut und vor allem dem Drillingsgewehr des Täters. Aus Andeutungen bastelt Max Annas ein schillerndes Kaleidoskop des Jahres 1978: Es ist die Zeit des RAF-Terrors, der im Krimi durch zwei junge Frauen in die Provinz vordringt. Wir erfahren von dunklen Machenschaften in der NS-Vergangenheit, die erst jetzt ihren Rächer finden. Schließlich erfahren wir, dass mit dem Drogenschmuggel die organisierte Kriminalität auch in diesem beschaulichen Winkel Westdeutschlands bereits Fuß gefasst hat. Doch all dies verstehen Sanni und Ulrike nicht und sie interessieren sich nicht dafür. Sie schneiden lieber ein paar Fotos aus einem Fahndungsplakat aus und kleben das Porträt des gesuchten Christian Klar neben Rainer Bonhof ins Sammelalbum, weil ihnen noch Bilder deutscher Fußballer fehlen. „Der Hochsitz“ ist ein ungewöhnlicher, in seinem Aufbau gewöhnungsbedürftiger, aber gerade deshalb interessant gemachter Krimi: Mehrere Handlungsstränge laufen nebeneinander, kreuzen sich gelegentlich. Es scheint anfangs an durchgängiger Handlung zu fehlen. Momentaufnahmen wirken zusammenhanglos. Beobachtungen der beiden Mädchen, von ihnen selbst oft nicht verstanden, kommen hinzu. Was nur scheinbar wie ein „Hanni&Nanni“-Roman für Erwachsene beginnt, entlarvt kaleidoskopartig die bundesdeutsche Provinz und ihre Bewohner als nicht so harmlos, wie man glauben mag.
Die Geschichte selber ist in Ordnung, es bleibt durchweg spannend auch wenn zwischendurch das Dorfleben die Handlungsgeschwindigkeit ein wenig ausbremst, zum Beispiel wegen Osterbräuchen. Was allerdings nicht in Ordnung ist sind einige der Erzähler:innen des Hörbuchs, es werden teilweise sehr viele Sprechpausen an unnatürlichen Stellen eingelegt, ich habe wirklich lange gebraucht bis ich "drin" war, und nach jeder Hörpause musste ich mich erst wieder daran gewöhnen. Woran ich mich bis zum Ende nicht gewöhnen konnte war der schreckliche fake Akzent des Erzählers, der den Luxembourger Jean gesprochen hat. Er musste scheinbar seinen Akzent so krampfhaft und ungeübt anwenden dass er sich nach jedem einzelnen Wort kurz drauf konzentrieren musste und darum weder flüssig noch überzeugend sprechen konnte. Story 4 Sterne Hörerlebnis 2 Sterne mit gutem Willen Insgesamt darum 3 für das Hörbuch, 4 für das Buch an sich.
Dieses Buch habe ich mir gekauft, weil ich selbst vom Rand der Eifel stamme, wo es spielt. Die deusch-luxemburgische Grenze kenne ich von zahlreichen Ausflügen in meiner Kindheit; Und gerade, weil das Buch in großen Teilen eben aus der Sicht von Kindern Anfang der 1970er Jahre erzählt wird, kann ich unterstreichen: Genau so war die Zeit damals und genau so haben wir Kinder uns damals gefühlt.
Atmosphärisch trifft Autor Max Annas also voll ins Schwarze und auch die Verschränkung mehrerer krimineller Ereignisse hat mir gefallen. Allerdings ist der Perspektiven-Wechsel nicht immer einfach zu lesen. Dafür sind die Personen des Dorfes so treffend geschildert wie selten. Wer Juli Zehs Unter Leuten mochte und gerne Krimis liest, der findet hier eine wirklich gelungene Mischung.
Ein grossartiges Werk. Ist schwer zu beschreiben was die Grossartigkeit ausmacht ohne zu spoilern. Vordergründig geht es um Sanne und Ulrike und den Frühsommer 1978. Fussball-WM-Bilder wollen gesammelt werden, die Osterferien wollen bewältigt werden. Die beiden haben das kleine Dorf an der luxemburgischen Grenze im Griff und wissen genau was geht.
Aber da gab es ja 1978 ja auch noch andere Geschichten an der Grenze. Und lange Haare und Drogen und das mit den Nazis war ja auch noch nicht so lange her.
Eine wunderbare Collage als wär sie von Stephen King ausgedacht worden
„Er hat eine Plattform wie ein Quadrat, fast eineinhalb Meter auf jeder Seite, ein gut abgedichtetes Dach, wo selbst bei starkem Regen kein Tropfen durchkommt, und sogar verkleidete Seiten …Von unserem Hochsitz aus kann man die ganze Welt sehen.“ Zumindest Körperich und ein Stück Luxemburg können Sanne und Ulrike von ihrem geheimen Treffpunkt aus sehen. Auf ihrem Hochsitz können sie sich besprechen, denn so klein der Ort in der Eifel auch sein mag, es passiert jede Menge. Tote gibt es, einen Banküberfall, einen ominösen Fremden in einem Luxusschlitten, der Bauernhöfe kaufen will, und einen lebhaften Schmuggel über die Grenze zu Luxemburg. Aber so viel Sanne und Ulrike auch beobachten, wer glaubt schon zwei kleinen Mädchen? Also machen sich allein weiter auf die Spur, denn schließlich haben sie das Gespenst mit dem Gewehr gesehen. Beschaulich geht es zu in diesem Krimi von Max Annas. Lange Zeit war mir schleierhaft, wohin die Reise überhaupt gehen wird. Sprachlich ist der Roman allerdings so überzeugend, dass man sich geruhsam zwischen den Kirchgängen der Bewohner und den gemütlichen Ermittlungen des Dorfpolizisten Reiter treiben lassen kann. Stück für Stück erschließt sich dann die Handlung, die ins Jahr 1978 führt und sicher auch die damalige Zeit für den gewissen Charme der Geschichte sorgt. Ein Buch, das ich sehr gern gelesen habe und all denen empfehlen möchte, die Spannung auch mit leisen Tönen mögen.