Nora Bossong zeichnet in ihrem neuen Roman das intensive Porträt der Frau, die Magda Goebbels wurde, und das ihres jungen Liebhabers. Zwei Menschen in der Maschinerie der historischen Ereignisse, unterschiedlich verstrickt, unterschiedlich schuldig geworden. Auch an sich selbst.
Als Hans die junge und schöne Stiefmutter seines Schulfreunds Hellmut Quandt kennenlernt, ahnt er noch nicht, welche Rolle Magda in seinem Leben spielen wird, für ihn persönlich, aber auch Jahre später als fanatische Nationalsozialistin und Vorzeigemutter des »Dritten Reichs«. Noch ist die Weimarer Republik im Aufbruch und Hans so heftig wie hoffnungslos in Hellmut verliebt. Doch nach einem Unglücksfall beginnen Hans und Magda eine Affäre, von der sie sich Trost und Vorteile versprechen: Sie will aus ihrer Ehe ausbrechen, er seine Homosexualität verbergen. Erst als Magda Joseph Goebbels kennenlernt und der NSDAP beitritt, kommt es zwischen Hans und ihr zum Bruch. Während Magda mit ihren Kindern bald in der Wochenschau auftritt, gerät Hans zunehmend in Gefahr. Ein Roman, der über zwanzig Jahre den Weg zweier Menschen und eines Landes erzählt, der nicht unausweichlich war.
Bossong studied literature at the German Institute for Literature, as well as cultural studies, philosophy and comparative literature at the Humboldt University of Berlin, the University of Potsdam, and the Sapienza University of Rome. She was a 2001 Fellow of the first Wolfenbüttel literature laboratory.
Bossong's poetry and prose have been published in individual newspapers, anthologies and literary journals. In 2006, she published her debut novel. In 2022, she published a non-fiction book about her generation, Die Geschmeidigen: Meine Generation und der neue Ernst des Lebens (The Smooth Ones: My generation and life's new seriousness).
An advocate for democracy, peace and human rights, Bossong was also a member of the presidium of the PEN Centre Germany for two years.
Man darf nicht den Fehler machen, hier von einer Romanbiografie über Magda Goebbels auszugehen. Ich finde, da weckt das Marketing für das Buch falsche Erwartungen. Vielmehr ist "Reichskanzlerplatz" ein historischer Roman über eine fiktive Figur, einen Nazi-Mitläufer, der sich seit seiner Jugend immer wieder im Umfeld von Magda Quandt, später Goebbels, bewegt und ihr zeitweise sehr nahe kommt. Tatsächlich hatte Magda Goebbels wohl eine Affäre während ihrer Ehe mit Günther Quandt. An diese angelehnt erschafft Nora Bossong ihre Figur Hans, der homosexuell und eigentlich in Magdas Stiefsohn verliebt ist, sich dann aber auf eine Affäre mit Magda einlässt. Mir gefällt diese Herangehensweise und entsprechend gut hat mir das Buch gefallen. In der zweiten Hälfte bewegt sich die Handlung etwas weg von Magda, die erste Hälfte hat mir besser gefallen. Ich habe durchaus einiges über Magda Goebbels erfahren durch dieses Buch, ich wusste nicht, wie brüchig ihre Ehe mit Joseph Goebbels war und dass nicht festteht, ob sie ihren Kindern das Gift mit eigenen Händen verabreicht hat. Das ändert nichts daran, dass sie ein Monster gewesen sein muss, aber es hat meinen Blick auf sie sicher bereichert. Die Lektüre einer Biografie über Magda Goebbels ersetzt das Buch nicht, die werde ich noch nachholen, aber das habe ich auch gar nicht erwartet.
Now Longlisted for the German Book Prize 2024 Bossong tells the story of how Magda Goebbels slept her way up to the first row of the Nazi state: The stepdaughter of a Jewish merchant who would later be murdered in Buchenwald, she was first engaged to Jewish socialist politician Chaim Arlosoroff before marrying industrial tycoon Günther Quandt who was a massive supporter and profiteer of the Nazis (currently, the two richest Germans are members of the Quandt dynasty). When Magda got bored from Quandt, who was double her age, she started an affair with a friend of her stepson, which led to her divorce. Two years later, she became the wife of Joseph Goebbels. You can’t make this shit up.
What Nora Bossong does make up though is the perspective of Magda’s young lover, whose true identity has remained contested. Here, his name is Hans, and he is gay and in love with Magda’s stepson, who died aged 19. To hide his homosexuality, Hans starts an affair with Magda, and we only see her through his eyes, so the eyes of an unreliable narrator who becomes a soldier and later a state worker at the Ministry of Economics. While he knows that the Nazi ideology is wrong and that he himself could be deported any time due to his sexual orientation, he is the most common type of citizen during the German Reich, part of the class that kept the slaughter running: A Mitläufer, a person who follows the pack while trying to remain in the background of history.
Hans remains directly connected to Magda in different capacities, also during her marriage to Goebbels, and as a soldier turned state official who sees Jewish people and queers around him disappear in concentration camps, he actively works for a state that aims to destroy him. He is a minor player in the grand scheme of things, but he is definitely a player, a small wheel in a big machine that is made up of millions of such small wheels.
And weak Hans and his reasonings are well-rendered, as is the social situation at the time that is illustrated in individual vignettes and destinies that stand pars pro toto. Bossong's language is once more very traditional, but also elegant and evocative. It’s super readable and interesting, BUT: A book about Magda Goebbels this is not. Not really. The only attempt to explain her allure is the statement made by Hans that the men saw themselves reflected in her, but the text does not at all tell that story, it’s just a statement that comes out of the blue. Rather, Magda appears horrible, ignorant, power-hungry and vain throughout. It’s a mystery how she became a Nazi icon, at least judging from this novel.
And that’s not enough for a novel that proclaims to tell Magda Goebbel's story. In "Reichskanzlerplatz", she remains nothing more than a chiffre.
Das dimmt in der zweiten Hälfte völlig weg. Hans, der Icherzähler ist eine passive Figur, die die Umstände und Ereignisse nur beobachtend wahrnimmt. In der ersten Hälfte ist das durch die feinen psychologischen Ausarbeitungen und Bilder kein Problem. Ehr eine Stärke. In der zweiten Hälfte läuft das Buch damit völlig ins Leere. Sein ereignisloses Privatleben nimmt zu viel Raum ein. Die Gedanken hängen fest. Er sitzt Hitler aus und berichtet immer mehr wie ein fernes Echo einer Zeit, an die viel näher herangezoomt werden müsste.
Das Buch verhält sich wie folgendes Zitat, von Braun im Schweizer Exil: „Die meisten wollen ihre Ruhe“. Hans jubelt nicht, wie im Zitat folgt. Er lässt Situation um Situation verstreichen. Gut gelungen sind seine Paradoxien, die er reflexiv ausfechtet. Aber auch die, strecken gegen Ende immer mehr die Waffen. Da fehlt jegliche Tiefenschärfe und Intensität zum Schluss. Das liest sich wie eine einzige breiige Masse, in der alles verschwindet. Das ganze nebulöse, geheime Leben, bleibt unklar und versinkt nichtssagend in dieser seltsamen Apathie Hans‘ und seines Erzählens. Ein Gefühl der Betäubung legt sich über die Erzählung. Leider nicht nur auf die Protagonisten und die Szenerie, sondern auch auf die Sprache. Bossong scheint sich selbst mit der Tristesse weggespült zu haben. Irgendetwas läuft schief. Sie scheint die symbolische Ordnung der NS Zeit und all den Kodex der mitschwingt aushebeln und auflösen zu wollen, sie auf Distanz zu bringen und setzt keine starke Imagination dagegen. Das Loch der Symbolik bleibt wie eine Leere im Text stehen, ohne dass der Erzähler sich dahinter bewegt und ohne das Verdrängte, das Unaussprechliche heranzurücken. Überhaupt keine Möglichkeitsräume, die sich ergeben.
Hier eins der energetischeren Zitate. Hans im Gespräch mit Braun:
„Wer will denn die Regierung gestützt sehen? Ein paar unverbesserliche wie wir, die längst im Exil sind. Die Deutschen haben die Demokratie so schnell vergessen wie eine Vokabel aus ihrer Schulzeit. Das hier, hat sich besser durchgesetzt. Gefressen werden muss immer.“ Braun rieb mit dem Daumen Erde von einer Knolle und hielt sie prüfend in die Sonne. „Seit meinem Rückzug aus der Politik verstehe ich wie naiv wir damals waren.“ „Sie waren Politiker, keine Hellseher.“ „Aber wir haben ja hell gesehen. Viel zu hell! In Weimar haben wir gedacht, wir könnten mal ebenso die Demokratie einführen. Wir würden den Menschen einen Gefallen damit tun. Und was ist daraus geworden? Die meisten wollen ihre Ruhe. Sie wollen Sauberkeit, Ordnung, eine Frau die ihren die Kinder groß zieht und sie wollen hören, dass sie etwas sind. Irgendetwas. Darum jubeln sie Hitler zu.“
Das Buch ist konventionell geschrieben. Schöne gleitende Sprache. Wie man am Zitat erkennen kann, jedoch ohne große Kunstfertigkeit. Das ist gutes Handwerk, dem in der zweiten Hälfte die Luft ausgeht. Als Hörbuch wunderbar geeignet. Aber wirklich nichts, das ich auf der Longliste des deutschen Buchpreises sehe.
Aus Sicht des fiktiven Ich-Erzählers Hans Kesselbach schildert uns Nora Bossong den allmählichen Zerfall der Demokratie in der Zeit zwischen 1919 und 1945.
Während seiner Schulzeit freundet er sich mit Hellmut an, dem Sohn des ebenso wohlhabenden wie einflussreichen Industriellen Günther Quandt. So kommt es auch zur Begegnung mit Magda - ist sie zunächst noch Hellmuts sehr junge Stiefmutter, wird sie später zu Magda Goebbels, in zweiter Ehe. Sie ist nicht die Hauptfigur des Romans, wie der Klappentext vermuten ließ - das scheint Hans Kesselbach zu sein, ihr sieben Jahre jüngerer Geliebter. Das würde ich auch als einzigen Kritikpunkt anführen: Ein etwas in die Irre führender Klappentext, der falsche Erwartungen bezüglich Magda Goebbels schürt.
Die reale Person Fritz Gerber (ein Liebhaber Magda Goebbels) bildet die Vorlage für den fiktiven Erzähler. Es gibt außer einem Abschiedsbrief keine schriftlichen Hinterlassenschaften von ihr und so hat Nora Bossong die Möglichkeit ergriffen, diese Lücken im Roman kreativ zu füllen - sehr gelungen meiner Meinung nach. Doch ich möchte Euch an dieser Stelle nicht die ganze Handlung des Romans vorwegnehmen, es sei nur gesagt: Ihr werdet gut unterhalten - ein Highlight für alle historisch Interessierten Leser*innen.
Wie kam der Roman zu seinem Titel? Der heutige Theodor-Heuss-Platz hieß von 1933 bis 1945 Adolf-Hitler-Platz und davor war es der Reichskanzlerplatz. Nach ihrer Scheidung von Quandt lebte Magda Goebbels dort und stellte den Kontakt zwischen wohlhabenden Industriellen und Hitler her. Das faschistische Regime entwickelte sich fortschreitend durch eine zunächst instabile und schließlich auseinanderfallende Demokratie.
Nora Bossong zeigt uns mit „Reichskanzlerplatz“, wie wichtig die Vergangenheit ist, um die Gegenwart zu verstehen. Sie überzeugt auf allen Ebenen, denn der Roman ist ebenso gut recherchiert, wie handwerklich versiert und sprachlich als auch literarisch eine absolute Glanzleistung! Ich bin gespannt, ob er auf der Shortlist landet oder gar den Buchpreis gewinnt - ich drücke die Daumen für Nora Bossong! 🍀💚
Bossong schreibt in ihrem neuesten Roman Reichskanzlerplatz von einer unerfüllten Liebe zwischen Hans Kesselbach und Hellmut Quandt in den frühen Jahren der Weimarer Republik. Hans verliebt sich in seinen Mitschüler, dieser sich aber nicht in ihn. Dieser verliebt sich nämlich stattdessen in seine Schwiegermutter Magda, die nur sieben Jahre älter als sie beide ist und nicht gerade eine glückliche Ehe mit Hellmuts Unternehmervater Günther führt:
Als ich etwas später von der Toilette zurückkam und aus Versehen nicht links, sondern rechts in den Flur einbog, sah ich [Magda] hinter einer der verglasten Türen in einem Clubsessel, den nicht sie, sondern wie alles im Haus die Vorgängerin ihrer Vorgängerin ausgewählt hatte. Sie saß so allein, als habe sich die ganze Welt von ihr abgewandt, und ich hätte mich gern zu ihr gesetzt, meine Hand auf ihren Arm gelegt, aber sie war sieben Jahre älter als ich, und auch wenn sie in diesem Moment verletzlich wirkte, sie hätte meine große Schwester sein können, und sie war bereits verheiratet.
In diesem Gefühlswirrwarr geht bald alles drunter und drüber, und die Familie zerfällt, Hellmut stirbt und Magda und Hans gehen ihre eigenen Wege, die sich wieder und wieder kreuzen, mal länger, mal kürzer. Magda begeistert sich bald für die Nationalsozialisten und wird zur ersten und Vorzeigefrau des Staates, zur Gattin von Joseph Goebbels. Hans derweil lebt seine Lüste im Tiergarten aus und arbeitet an seiner Karriere als Jurist im Dritten Reich. Mit dem Aufstieg und Fall der Nationalsozialisten parallelisiert verarbeitet Hans seine unglückliche Jugendliebe:
Ich öffnete den Reisekoffer, die Kisten warteten noch am Grenzbahnhof Chiasso auf den Zoll, und hängte die vergilbte Fotografie von Waldemar inmitten meiner schattenhaften Vorfahren im Salon auf. Die ‚Buddenbrooks‘-Ausgabe mit der Widmung einer unleserlichen Tante stellte ich auf den Schreibtisch. Dann setzte ich mich und schrieb einige Zeilen an meine Mutter.
Die Buddenbrooks-Ausgabe erhielt Hans von Hellmut und Waldemar erinnert an sein Lieblingsstofftier, an die heile Kindheit, die er retrospektiv vielleicht gar nicht gehabt hat. Reichskanzlerplatz gestaltet eine sentimentale Ich-Erzählung einer unentschiedenen, unsicheren Figur, die niemals zu sich hinaufgestiegen ist und ein inneres Gleichgewicht gefunden hat. Hans entgleiten die Situationen, die Begebenheiten, die Lügen, Wahrheiten, eigene wie fremde, nur die Sehnsucht, die unmögliche, bleibt ihm: Er hätte gerne die Gelegenheit gehabt, mit Hellmut länger und intimer Zeit zu verbringen.
Hellmut stieg dicht vor mir auf den Sprungsockel, seine Jungenbeine waren über das Schuljahr muskulöser geworden, und Flaum lag auf seinen Waden. Dann wieder wartete ich am Ufer und sah ihm zu, wie er in den Knien federnd an der Kante stand, die Arme erst zur Seite ausstreckte und dann bereits im Absprung über seinen Kopf zusammenführte. Ich blinzelte gegen die Sonne und verlor mich im Glitzern des Wassers, das beim Eintauchen seines Körpers aufspritzte.
Reichskanzlerplatz schließt an Günter Grass‘ Katz und Maus an, besitzt dieselbe Sentimentalität einer verlorenen Nähe, kriegszerwüstet, aber nicht die narrative Geschlossenheit und stilistische Sicherheit. Es nimmt auch Momente von Erich Kästners Fabian auf, vermag aber nicht wie dieses eine innere Dramatik und Aussichtslosigkeit zu gestalten, die die Berliner 1920er Jahre vor Augen führen, brilliert dafür aber, anders als Kästners moralisches Lehrstück, mit ausgewogener Komposition ohne pädagogische Hintergedanken. Leider bleibt vieles Historische nur angedeutet, wie die Personalie des Widerstandskämpfers Hans Bernd Gisevius oder auch die von Magda Goebbels selbst, so dass zu dem kargen und unentschiedenen Erzählstil und der einfallslosen Sprache zudem noch wenig inhaltlicher Schwung über das erste Drittel hinaus erreicht wird.
--------------------------------- --------------------------------- Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich): --------------------------------- ---------------------------------
Inhalt: 5 Teile: 1919-27: Hans Kesselbach erhält einen neuen Mitschüler, Hellmuth Quandt; seine Eltern motivieren ihn, sich mit dem Spross dieser erfolgreichen Familie zu befreunden; als Hans aber Hellmut bei einer Trachtprügel, nachdem Hellmut sich über den Schwächsten in der Klasse, Karl, lustig gemacht hat, in der Schule durch den Lehrer beisteht, beginnt eine Freundschaft, und Hans lernt Hellmuts Stiefmutter, Magda, kennen. Er verliebt sich in ihn, die Freundschaft zerbricht aber nach einem Annäherungsversuch. Hans beschließt zum Militär zu gehen. Später verliebt sich Hellmut in Magda, Hans als Alibi dabei, auch in London, wo er Hellmut wiedertrifft; Hellmut fährt mit Magda nach Paris, dort stirbt Hellmut an einer Sepsis. 1927-31: Hans studiert und erlebt wilde Nächte im Tiergarten, ausgelassene homosexuelle Orgien, mit Lulu, der plötzlich verschwindet. Magda und Hans finden durch die Trauer um Hellmut zueinander, beginnen eine Affäre. Es kommt zur Scheidung. Magda zieht in eine Wohnung am Reichskanzlerplatz und beginnt eine Affäre mit Goebbels. 1933-38: Leben im Nazi-Regime, Judenverfolgung, erzwungene Emigrationen, Hans macht Karriere, hört von anderen Affären von Goebbels, Magda gebiert viele Kinder, wird erste Frau des Staates, gerät aber mehr und mehr in Depression. Schwägerin trifft sich mit Hans, hofft auf ihn, sie aufzuheitern. Unterdessen stirbt Hans‘ Vater. 1943: Hans mittlerweile in Italien, der Krieg geht verloren, benötigt eine Alibi-Ehe, trifft sich mit Klassenkameraden Karl, der auch homosexuell ist. Hans unterbreitet Nina einen Heiratsantrag, die annimmt. Hans erhält Diplomatenstelle in Zürich. 1944: Besuch Magdas in Dresden, gelähmtes Gesicht; unfreiwillige Verbindung zum Attentat auf Hitler, sein Kollege Hans Bernd Gisevius aus Zürich ist darin verstrickt, veranlasst Hans zur Flucht. Er entkommt und geht am Ende zum Grab von Hellmut… nicht sehr dichte, nicht sehr eindringliche Charakterbeschreibungen, eher oberflächlich, assoziativ, eher fragmentarisch, wenig detailfreudig. Hans als Hedonist, dennoch wohlproportioniertes Zeitporträt. Hier vergleichbar mit Kästners „Fabian“; Christoph Heins „Staub der Zeit“, Heinrich Manns „Der Untertan“ (beide andere Zeit). Vor allem aber: Günther Grass‘ „Katz und Maus“ --> 3 Sterne
Form: Seltsame Schreibtechnik, die teilweise unzusammenhängende Anschlüsse erzeugt; Abstraktionsebenen mixt; keine interessanten Wörter; eher Klischees in den Metaphern; teilweise völlig weit her geholte Vergleiche („schwebende Baiser“); ohne Intensität; kurze Sätze; sehr abgehackt; hakelig; unflüssig. --> 2 Sterne
Erzählstimme: Erzählinstanz spricht aus einer unbekannten Erzählgegenwart heraus. Klar: nach dem Krieg irgendwann. Erzählgegenwart findet nur kurz Eingang (Rekonstruktion von Magdas und Hellmuts Paris). Unzuverlässig, viele „Vielleichts“, viele seltsame Immersionen, als wüsste er nicht, was sich ereignet hat, also unglaubwürdige Spekulation in der Retrospektive. Ärgerliche Zeitfaltung hierdurch; unklar. Reflexionsvermögen der Ich-Instanz nicht genutzt. Unbewältigtes Schlingern. --> 1 Stern
Komposition: Dreh- und Angelpunkt des ganzen Romans die Erlebnisse mit Hellmut. Erste Liebe mit ihm, Zurückweisung. Versöhnung mehr oder weniger schiefgegangen, da Hellmut ihn nicht als Homosexueller akzeptiert. Hans lügt und fabuliert eine Freundin. Hans liebt in Magda die Liebe von Hellmut, und in Karl die Versöhnung mit dem jungen Hellmut, durch Karl fanden Hans und Hellmut zur Freundschaft. In dieser Fokussierung sehr konsequent. Die Erlebnisse mit Hellmut, das Schwimmengehen, das Abtauchen, die Bücher wie Buddenbrooks oder Oscar Wildes Gedichte, all das findet immer wieder Eingang in die Narration und erzeugt so eine glaubwürdige Sehnsucht und Nostalgie. --> 5 Sterne
Ich verstehe einfach nicht, was dieses Buch will, wozu es gut ist. Es ist flüssig geschrieben und es gibt einige gute Sätze und Betrachtungen. „Er fragte mich, ob ich schon einmal getrauert hätte. Kurz dachte ich an Hellmut, dann sagte ich ihm, dass ich noch keinen nahen Verwandten verloren hätte….Das tut mir leid, sagte der Stadtinvalide. Bald werden wir keine Zeit mehr für Trauer haben. Ja, ich glaube, sie wird sogar verboten.“
Aber ansonsten? Braucht es einen Roman über diese Leute, die das Elend, die Not und den Tod von Millionen von Menschen mitverursacht haben? Mich interessieren deren kleine Ängste, Wehwehchen nicht, ihre Affären und Liebeskummer ist bedeutungslos. Die Gleichgültigkeit, der Fanatismus, der Egoismus und spätere der Katzenjammer sind doch hinlänglich bekannt, ebenso wie die geschichtlichen Tatsachen.
Zeitlich in Abschnitte unterteilt erfährt der Leser durch den fiktiven Erzähler Hans, wie Magda Friedländer zu Magda Quandt wurde und diese wiederum zu Magda Goebbels. Fiktion und Fakten werden auf spannende aber vor allem erschreckende Art miteinander verknüpft. Dieser Roman war zu Recht für den Deutschen Buchpreis 2024 nominiert - meinerseits eine große Empfehlung.
Mehr möchte ich gar nicht vorwegnehmen, deswegen noch ein paar Zitate, welche mir im Kopf geblieben sind:
„Meine Fußnote in der Geschichte wird die eines Mannes sein, der Magda Quandt so wenig zu unterhalten verstand, dass sie zu Magda Goebbels wurde." - Zitat S. 145
„Wer wollte, konnte sehen, dass den Machthabern nicht mehr genügte, was sie bis hierher erreicht hatten. Es war ja nicht so, dass wir nichts sahen oder hörten oder wussten. Wir wussten und sahen und hörten allerhand, aber man dachte doch vor allem über das nach, was einen interessierte [...]" - Zitat S. 169
„Die einen zögern, und die anderen reden sich heraus, und die Dritten können Gewalt gegen die Mörder mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren. Dabei gibt es überhaupt nichts anderes mehr als Gewalt, aber alle hadern und sind so gute Christen, während sie dabei zusehen, wie Hunderttausende Zivilisten einfach vernichtet werden." - Zitat S. 233
Ein intensives Buch....nicht unbedingt einfach zu konsumieren...und doch fesselnd!
Allerdings wurden meine Erwartungen insgesamt etwas enttäuscht, denn die beworbene Roman Biografie über Magda Göbbels habe ich in diesem an sonsten wirklich interessanten Buch nicht gefunden.... Die unfassbare Persönlichkeit dieser unbegreifbaren Frau bleibt im Buch ebenso nebulös wie schwammig....einzig die historischen Abläufe von der jungen Industriellen Gattin zur Vorzeigefrau der Nationalsozialisten wird nachgezeichnet.
Für mich lag der Fokus des Romans eher auf der fiktiven Person des unbekannten Erzählers.....der mit seiner Homosexualität an den Vorgaben seiner Zeit zu zerbrechen droht....
Der Roman erzählt die Geschichte von Hans Kesselberg in der Zeit nach dem 1. Weltkrieg bis zum Attentat auf Hitler durch die Stauffenberg-Gruppe. Hans ist verliebt in seinen Klassenkameraden Hellmut Quandt. Homosexualität ist jedoch verboten. Nach seinem frühen Tod beginnt er eine Affäre mit seiner Stiefmutter Magda Quandt, die im Verlauf Joseph Goebbels heiratet. Hans ist für mich der Protagonist, das Buch zeigt seinen beruflichen Weg über Berlin, Mailand, zuletzt als deutscher Konsul in der Schweiz und den Zwiespalt bzw. Gefahr seiner Gefühle. Kurze Kapital, die für mich das Interesse am Fortlauf der Geschichte befördert haben. Ich habe das Buch sehr gern gelesen.
Nicht schlecht, wurde meinen Erwartungen aber nicht gerecht. Wenn man das Buch wegen Magda Goebbels liest, wird man enttäuscht. Die steht zwar irgendwie im Zentrum, wird aber nicht wirklich beleuchtet, sondern dient nur als Schlüsselfigur für den Protagonisten Hans, der selber aber auch mehr Beobachter als Akteur ist.
Gefallen haben mir Schreibstil und Erzählweise, die Charaktere und deren Schicksale, auch wenn sie mir gerne mehr aus ihren Archetypen hätten ausbrechen können, und es gab allgemein ein paar gute Gedanken und Aussagen. Es ist ein angenehm ruhiges Buch. Die Homosexualität von Hans steht klar im Fokus und das Thema würde ich auch als Stärke des Buches sehen. Von der Darstellung Magdas habe ich mir aber sowohl als historische Figur als auch wegen ihrer Rolle in Hans Leben mehr erhofft. Sie bleibt relativ blass, Entwicklungen geschehen abseits der Seiten. Allgemein habe ich mir erhofft, dass der Roman mehr zu sagen hat: Die Geschichte war angenehm zu lesen, wirkte aber doch eher banal und austauschbar.
Nicht wirklich etwas, was mich gestört hat, aber das Buch hat zwei sehr unterschiedliche Hälften, die sehr vage zusammenhängen. Der Fokus der ersten liegt dabei auf dem Privaten, während der Fokus in der zweiten Hälfte auf dem Historischen/Politischen liegt.
Für mich zu dieser jetzigen politischen Lage ein sehr wichtiges und gutes Buch.
Zuerst sei gesagt, es geht hier nicht darum, erschreckende Bilder des 2. Weltkrieges zu zeichnen.
Zu Beginn dieser Geschichte begegnen wir dem Hauptprotagonisten Hans Kesselbach.
Hellmut Quandt kommt nach dem Tod seiner Mutter in Hans Klasse. Er freundet sich mit ihm an und so werden wir als Lesende etwas in die Familie Quandt eingeführt. Wir lernen gemeinsam mit Hans Hellmuts Stiefmutter Magda kennen. Später besser bekannt als Magda Goebbels.
Diese taucht sporadisch immer wieder durch das ganze Buch hinweg auf und wir erkennen einige Stationen ihres Lebens. Für mich bleibt sie in dieser Geschichte unnahbar, kühl und berechnend . Trotzdem wird sie zum Opfer des eigenen so hoch gelobten Systems innerhalb der Diktatur. Zum Symbol der deutschen Frau und Mutter innerhalb der Propaganda Maschinerie aufgebaut, verharrt sie in dieser regelrecht konstruierten Scheinwelt. Vieles wird angedeutet und man versteht sofort, dass sie benutzt wurde; sich hat benutzen lassen.
Vielmehr jedoch geht es in Bossongs Roman aber um Hans. Er muss seine Homosexualität verstecken, da es damals strafbar war, wenn bekannt wurde, dass ein Mensch gleichgeschlechtliche Neigungen auslebte. Hans kann dies nur unter größten heimlichen Anstrengungen tun und findet nie eine erwiderte Liebe.
Außerdem ist ein großes Thema dieses Romans das Wegschauen der deutschen Bevölkerung. Hans schlägt eine Beamtenlaufbahn ein und versucht seiner Heimat loyal gegenüber zu sein. Es geht ihm selbst innerhalb dieses Systems nicht schlecht. Er fügt sich, ordnet sich unter, hinterfragt nicht. Er möchte eigentlich so unauffällig wie möglich bleiben. Das einzige Unangenehme, was ihm passiert,ist, dass er immer mehr von außerhalb den Druck verspürt, zu heiraten und “Soldaten“ für Deutschland zu produzieren.
Hans benimmt sich regelrecht lethargisch. Er hat mehr mit sich selbst zu tun, als dass er wahrnehmen würde, was um ihn herum passiert.
Ich mochte, dass hier Fiktion und Historisches sehr zart miteinander verwoben wurden. Magda Quandt hatte tatsächlich eine Affäre mit einem Studenten während ihrer Ehe. Der Name des Studenten taucht sogar in dem Roman auf. Ganz kurz als sehr kleine Nebenfigur. Wir begegnen kurz Otto Braun, der zum Glück damals ins Exil geflohen ist. Es wird aufgegriffen, dass Goebbels seiner Frau untreu wurde, sich sogar scheiden lassen wollte.
Außerdem lesen wir, wie langsam und schleichend sich die politische Situation gedreht hat. Wie aus einer Demokratie eine Diktatur wurde. Wie sich das gesellschaftliche Leben dahin gewandelt hat, dass man kein Vertrauen zu seinen Mitmenschen mehr fassen konnte, dass jeder Satz zur falschen Person tödliche Konsequenzen hatte. Die Macht, die Personen über andere Menschen hatten, da diese etwas wussten, dass umgehend zu Strafe und Tod für die Betreffenden hätte führen können und bekanntermaßen zur damaligen Zeit auch dazu führte.
Doch das Erschreckendste an dieser Geschichte war die Erkenntnis, dass unsere Gesellschaft nicht mehr weit davon entfernt ist. Propagandisten erschleichen sich ihre Macht, nutzen die Unzufriedenheit der Bevölkerung und installieren sich durch falsche und leere Versprechungen.
Sprachlich war das Buch nichts Besonderes. Für mich war der Inhalt wichtig.
„Die meisten wollen ihre Ruhe, sie wollen Sauberkeit, Ordnung, eine Frau, die ihnen die Kinder großzieht, und sie wollen hören, dass sie etwas sind. Irgendwas. Darum jubeln sie Hitler zu.“
Ein Satz, der Gänsehaut macht und der sich leicht durch einen anderen Namen ersetzen lässt.
"[...]und vielleicht waren auch gar nicht die Zeiten schlecht, sondern nur die Menschen. Die Sonne ging ja trotz allem mit solcher Pracht unter. Sie tut es auch jetzt noch. Sie schert sich nicht darum, was wir tun. Und wir denken so leicht, wir wären allmächtig [...]"
Ein solides Buch, das einen Teil von Magda Goebbels’ Lebensgeschichte durch die Augen von Hans Kesselbach beschreibt. Allerdings ist dieser Teil nicht so ausführlich, wie man vielleicht auf den ersten Blick erwartet, denn das Buch handelt auch viel vom Protagonisten selbst, von seiner Familie und seiner Sexualität. Einen Aspekt, den ich sehr interessant fand, war die Untätigkeit des Protagonisten gegenüber dem NS-Regime. Es wird deutlich, dass er diesem sehr kritisch gegenübersteht, sich jedoch nicht dagegen einsetzt, im Gegenteil, er arbeitet sogar für das Regime.
Das Buch besteht aus fünf Teilen und die Kapitel sind sehr kurz. Die Sprache ist leicht verständlich, allerdings wird der Lesefluss durch die fehlenden Anführungszeichen unterbrochen. Die Autorin verwendet keinerlei Anführungszeichen, was an manchen Stellen die Unterscheidung zwischen Monolog und Dialog erschwert.
Alles in allem ein durchschnittliches Buch, das sich recht leicht lesen lässt und die Geschehnisse des Dritten Reichs aus einem anderen Blickwinkel betrachtet.
Ein solider, historischer Roman, erzählt von einem Studenten, der versucht, seine Homosexualität während dem Erstarken des NS-Regimes zu verbergen (u.a. mit einer Affäre mit Magda Quant, spätere Goebbels, deren Ehe deswegen endet). Leider hat der Roman, entgegen des Marketing, zu wenig Magda und plätschert ansonsten eher dahin. Hab's gern gelesen, wäre aber mehr möglich gewesen.
Mehr zum Buch in unserer ausführlichen Besprechung @ Papierstau Podcast: #305: Chicks & Politics
Ich weiß nicht, was ich zu diesem Buch fühle. Irgendwie war der Schreibstil unangenehm und gleichzeitig total flüssig. Irgendwie war mir Hans (ein Mitläufer des Nationalsozialisten) gleichgültig, und doch wollte ich, dass er Liebe findet. Irgendwie stand in diesem Buch nichts, was ich nicht schon wusste, und doch habe ich noch nie über das Dritte Reich aus dieser Perspektive gelesen. Irgendwie habe ich es gehasst und irgendwie habe ich es geliebt.
Die Mutter seines Schulkameraden Helmut ist früh gestorben. Erst viel später traut sich Hans, einen Kondolenzbrief zu schreiben. Daraufhin werden er und Helmut Schulfreunde. Eine Stiefmutter namens Magda gibt es für Helmut, die seine Mutter in keiner Weise ersetzen kann. Mit den Jahren empfindet Hans mehr für Helmut. In den 1920ern hätte man darüber vielleicht noch hinweg gesehen. Helmut beginnt aber, sich für die nur wenige Jahre ältere Stiefmutter zu interessieren. Ein tragischer Todesfall bereitet aber allen Träumen ein Ende. Hans geht für einige Zeit zum Militär und beginnt dann sein Jurastudium. Als er Magda wieder trifft, hat diese den Joseph Goebbels kennengelernt.
Hans Kesselbach erzählt von seiner Zeit mit Helmut, die ihm im Leben die Wichtigste war. Doch auch Magda Quandt, später Goebbels, spielt eine große Rolle in seinem Leben. Natürlich kommt die Zeit, in der er seine Homosexualität noch mehr verbergen muss. Die Nazis gewinnen immer mehr an Einfluss, es scheint erst nicht so schlimm, Irgendwann werden sie sich selbst ausmerzen. Doch Hans erkennt, niemand unternimmt etwas. Und so wird es schlimmer und schlimmer. Hans ist nicht überzeugt, aber er will nicht verschwinden, also macht er soweit mit, wie es ihm notwendig erscheint. Magda jedoch, ist mit Überzeugung bei der Sache.
Wie beklemmend ist diese Beschreibung zunächst des Niedergangs der Weimar Republik, des Aufstiegs des dritten Reichs und schließlich dessen Untergangs. Spannend ist dabei die gewählte Sichtweise des Homosexuellen Hans, der sich nach der relativen Freiheit in der Weimarer Republik immer mehr verstecken muss. Warum greift niemand ein? Die Birten, die Franzosen? Haben sie wirklich geglaubt, die Sache werde sich selbst totlaufen? Hat sie irgendwie, allerdings mit den schlimmsten und größtmöglichen Verlusten. Irgendwann war es zu spät, etwas zu unternehmen. Welche Rolle spielten Frauen wie Magda Quandt? War sie durch ihre Geltungssucht so vernebelt, dass sie gar nichts gemerkt hat? Und immer schwingt diese immer weiter anwachsende Beklemmung mit. Die Mitläufer sind auch mitschuldig geworden. Nach der Lektüre muss man doch einmal durchatmen.
Der Roman steht auf der Longlist des Deutschen Buchpreis 2024 und da hat die Jury eine gute Wahl getroffen.
Bis jetzt ist es für mich das beste Buch des Jahres. Obwohl ich etwas müde bin über die ständige Verarbeitung der Hitlerzeit in Romanen zu lesen. Ich finde der Focus sollte auf unsere gefährdete Demokratie liegen. Im Roman spielt Magda Goebbels die Hauptrolle, steht aber nicht im Mittelpunkt.
Alle schienen damals nur auf ihr blondes arisches Aussehen zu stehen und "eine schöne Frau" (als Jugendliche fand ich die gar nicht schön) gelangte an die Spitze des unpolitischen Frauen Daseins. Sechs Kinder für Deutschland. Ja, diese verehrte Frau hat dann ihre 6 Kinder getötet. Inwieweit durch Joseph Goebbels und Hausarzt verursacht bleibt ungeklärt. Der männliche Ich Erzähler bleibt relativ uninteressant erst ab der Mitte des Buches hat er eine interessante Persönlichkeit. Er ist ja kein Held des Widerstandes, sondern ein ängstlicher Mitläufer, da er vorwiegend homosexuell ist fürchtet er die Entdeckung. Ich finde den Roman gut strukturiert und unsentimental erzählt. Die Liebe ist nicht besonders leidenschaftlich und wird ebenso Vernunftbestimmt und ängstlich dargestellt. Es wird deutlich wie den meisten Männern während des Krieges jedes Mitgefühl für das schwere Schicksal anderer abhanden kommt. Sehr gut der Satz nicht wörtlich Das Demokratie hätten die Deutschen schnell vergessen, wie eine Vokabel aus der Schulzeit und sie jubelten den Nazis und ihrem Führer zu. Wehren wir uns heute, dass das nicht wieder passiert.
Nach dem Klappentext soll es ein "intensives Porträt" von Magda Goebbels sein. Fand ich gar nicht. Mich hat das Buch nicht überzeugt, am Ende frag ich mich, worum ging es denn jetzt eigentlich...
Halbzeit! Boah, ich kann bald nimmer. We can do this, we can see this through.
Dieses Buch war… interessant. Wahrscheinlich muss ich dieses Buch doch am ehesten mit „Eine Frage der Chemie“ vergleichen, das - wie manche, die mir hier folgen, wissen - eines der schlechtesten Bücher war, die ich jemals gelesen habe. „Reichkanzlerplatz“ ist auf keinen Fall schlecht zu nennen (ich hab immerhin 4 Sterne gegeben), aber es fällt für mich in dieselbe Kategorie an Literatur.
Welche Art von Literatur ist das? Nun; revisionistische Fanfiction über eine Zeit, bei der man sehr, sehr vorsichtig sein muss, welche fiktionalen oder fiktionalisierten Charaktere man einbringt, bevor es bisschen reißerisch wird. Wo „Frage der Chemie“ auf ganzer Linie versagt hat, funktioniert Reichskanzlerplatz fast. Aber auch nur fast.
Warum ich einen Stern abziehe, ist, weil ich es im Grunde nicht mochte, dass Magda Goebbels Leben auf diese Art beleuchtet wurde. Zwar hat das Buch deutlich gemacht, was für eine unsympathische, selbstbezogene und ja doch irgendwie dumme Frau sie war - aber ich hatte teilweise das ungute Gefühl, dass das in die Richtung Girlboss Feminism Magda Goebbels Style ging.
Magda, deren Körper von dem irren Ideal des nationalsozialistischen Tradwife-Breeder-Fetischismus ausgenutzt und zerstört wurde, könnte einem natürlich aus einer feministischen Perspektive beinahe leid tun. Aber war sie halt auch maßgebend darin, das Ideal der deutschen Mutter zu propagieren, und ich hab große, große Schwierigkeiten, sie zu bemitleiden.
Ich glaube auch nicht, dass das Buch das von mir wollte. Aber es hat mich frustriert, dass ihr so viel Platz eingeräumt wurde. Ja, klar, ihre Geschichte muss wahrscheinlich auch mal beleuchtet werden — aber ich denke mir dann: auf diese Weise?
Ist es wirklich der richtige Ansatz, einen schwulen Studenten zu erfinden, der durch die Liebe zu Magdas Stiefsohn in ihre Umlaufbahn gerät? Das ist schon etwas arg.
So rabiat wie Elizabeth Zotts überschlaues, altkluges Kind in „Frage der Chemie“ mich gemacht hat, die als Zeichen ihrer überbordenden Intelligenz „e = mc^2“ in den Sandkasten malt (BOAH, das macht mich immer noch so wütend) — so schwierig fand ich auch Magdas und Hans‘ Beziehung. Es erschien mir teilweise einfach wahnsinnig konstruiert - der schwule Student, der was mit einer Frau hat, weil er der Erinnerung ihres Stiefsohns nahe sein will, nur um dann später von ihr erpresst zu werden, dass sie ihn ja, wenn sie mag, sofort an die Nazis verpfeifen kann.
Warum diese Geschichte Magda Goebbels anhängen, über die sich so viel anderes auch sagen lässt?
Naja, trotzdem 4 Sterne weil es mich unterhalten hat, ich viel gelernt habe, und in den letzten 20 Prozent von einem SS-Massaker an Jüd*innen erfahren habe, 20 km vom Ort entfernt, an dem ich aufgewachsen bin - und von dem ich noch NIE gehört hatte.
Fazit: Sehr in Ordnung, aber fällt für mich in eine super schwierige Sparte an historischer Fiktion, die ich eigentlich nicht ausgeweitet sehen möchte. Bei meinem Glück landet das wahrscheinlich eh auch auf der Shortlist.
Angeblich ist Reichskanzlerplatz ein Buch über Magda Goebbels. Darum habe ich es mir gekauft. Stattdessen heißt unser Protagonist aber Hans Kesselbach – ein Mann, der Magda Goebbels ihr Leben lang kannte und der vor allem komplett erfunden ist. Die Sprache des Buchs ist sehr authentisch. Es liest sich tatsächlich wie ein Buch aus der Zeit, was mir gefallen hat. Leider wird durch die Erzählform, die eher an einen Bericht als an einen klassischen Roman erinnert, eine Distanz zum Erzählten hergestellt. Diese Distanz wird dadurch noch vergrößert, dass nicht, wie ich ursprünglich dachte, Magda Goebbels unsere Hauptfigur ist, sondern ein Mann, der Magdas Entscheidungen und Lebenswege – teils aus großer Ferne – beobachtet. Wenn ich das gewollt hätte, hätte ich auch Wikipedia öffnen können. Was bei Wikipedia nicht steht, sind Affären unseres Protagonisten, die zum Teil in die Familien Quandt bzw. Goebbels hineinreichen. Hans Kesselbach ist schließlich frei erfunden. Wenn man schon den Mut hat, über das Beziehungsleben und intime Gedanken historischer Persönlichkeiten zu spekulieren, hätte man doch auch den Mut haben können, Magda Goebbels gleich zur Protagonisten zu machen. Wenn man schon mutmaßt, wäre es doch viel spannender gewesen, aus Magdas Sicht zu erfahren, wie sie sich von der Macht verführen lassen hat und wie sie tatsächlich zum Nationalsozialismus stand. Die Perspektive eines fiktiven(!) externen Beobachters macht das Buch für mich völlig banal. Durch die Figur des Hans Kesselbach kann Nora Bossong Themen wie das Alltagsleben im Dritten Reich, die Zwanzigerjahre oder Homosexualität zu dieser Zeit abhandeln. Dazu hätte es aber die Figur der Magda Goebbels in diesem Buch nicht gebraucht, was dazu führt, dass auch diese Themen nur oberflächlich behandelt werden können. Was möchte Reichskanzlerplatz überhaupt sein? Für mich war es leider nichts.
Hans ist kein Mitläufer, aber auch kein Held. Er ist Beobachter, manchmal Liebender, oft Zaudernder und in Nora Bossongs Roman „Reichskanzlerplatz“ ist er vor allem eines: Die Projektionsfläche einer untergehenden Gesellschaft. Als fiktiver Geliebter von Magda Goebbels steht er am Rand der Macht, sieht zu, wie die Weimarer Republik taumelt und schließlich kippt.
Bossong gelingt das Kunststück, große Geschichte durch kleine Gesten zu erzählen: Durch Blicke, Gespräche, verschobene Zuneigungen. Wenn das Buch ganz bei seinen Figuren ist, wenn es sich Zeit nimmt für die feinen Risse zwischen Hans und Magda, ist es berauschend, manchmal schmerzhaft präzise und immer nah dran. Doch wie so viele historische Romane verliert auch Reichskanzlerplatz irgendwann den Takt. Im letzten Drittel beginnt Hans zu wandern, gedanklich wie geografisch und der Text verliert dabei etwas die Richtung. Man hätte dem Buch gut und gern hundert Seiten streichen können, ohne dass seine Kraft gelitten hätte.
Trotzdem: Ein Roman, der etwas wagt. Und einer, der zeigt, wie gefährlich das Schweigen in der Nähe der Macht sein kann
Hans Kesselbach ist einer, bei dem es irgendwie immer geht. Auch wenn es eigentlich nicht mehr geht, macht er weiter. Weil er leben, ja überleben möchte. Und das ist als schwuler Mann in den Jahren 1933 bis 1945 nicht einfach. Hans weiß, dass er wie einige seiner Freunde jederzeit verhaftet werden könnte. Verfolgt, wie ehemalige Geliebte sich aus Verzweiflung das Leben nehmen. Doch er ist gut im Verbergen, gut im Anpassen, gut im Vortäuschen. Schon als junger Mann konnte er das. Damals verliebte er sich in seinen Klassenkameraden Hellmut. Als die erhoffte Gegenliebe ausbleibt, erfindet er eine imaginäre Fernbeziehung mit einem Mädchen, um seinen Liebeskummer zu erklären. Später beginnt er eine Affäre mit Hellmuts Stiefmutter Magda. Damals noch Magda Quandt, später Magda Goebbels. Wie viele Männer ist auch er ehrlich fasziniert von der schönen, selbstbewussten Frau, sexuell anziehend findet er sie allerdings nicht - und hat trotzdem Sex mit ihr. Auch wenn die Affäre nicht hält, die Verbindung zu ihr reißt nie ganz ab. Hans beobachtet ihren Aufstieg zur Nazi-Vorzeigefrau, in seine Faszination mischt sich Abscheu, trotzdem bleibt eine Sympathie.
"Die Angst war da, auch die Abscheu. Beides löste sich nicht auf, nur, weil es Momente gab, in denen ich mir eine Nachricht von ihr erhoffte, ihr etwas mitteilen wollte. Es ist paradox, natürlich, aber handeln wir immer schlüssig, ohne Sprünge, ohne Widersprüche. Haben wir für einen Menschen nur exakt ein Gefühl?" (Seite 225)
Auch Hans macht Karriere, wenn auch eher im Stillen. Seinen sicheren Posten im Verwaltungsamt will er nicht aufgeben, irgendwo ist da noch die Hoffnung auf eine baldige bessere Zeit, eine andere Regierung. Doch sein Protest bleibt stumm, bleibt innerlich. Um des Überlebens willen.
"Es war ja nicht so, dass wir nichts sahen oder hörten oder wussten. Wir wussten und sahen und hörten allerhand, aber man dachte doch vor allem über das nach, was einen interessierte [...]. Über den Rest lebten wir so hinweg." (Seite 169) Nora Bossong hat mit "Reichskanzlerplatz" einen Roman über einen Mann geschrieben, der es sich - aus verschiedenen Gründen - selbst nicht erlaubt, tiefe Verbindungen einzugehen oder klare Haltung zu beziehen. Der zwar Leben möchte, aber sich gleichzeitig nicht traut zu leben. Einer, der zwar gegen das Nazi-Regime ist, aber trotzdem für den Staat arbeitet. Einer, der es zwar verabscheut, eine Lüge zu leben und sich trotzdem mit einer Frau verlobt, um den Schein zu waren. Einer, der in seiner Zeit durchaus klug handelt, aber eben auch irgendwie ein Mitläufer ist. Ein Durchschnittsbürger, dem wir auch heute begegnen könnten - vielleicht sogar im eigenen Spiegel. Wir folgen Hans von 1919 bis 1944, viel Einblick in seine Gefühle bekommen wir nicht. Auch die Leser:innen hält er auf Abstand - er ist da konsequent. Das liegt an Bossongs nüchternem, modernen Ton, den ich sehr mochte und der für diese Geschichte genau der richtige ist. Weil er gleichzeitig eine Distanz zu der Historie aufbaut und eine Brücke zu heute schlägt. Denn auch wenn die gesellschaftliche und politische Lage heute nicht exakt die gleiche ist, sind die Parallelen doch erschreckend. Steigende Queerfeindlichkeit, steigender Antisemitismus, steigender Rassismus. Besonders mit Blick auf die anstehenden Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg und den gruseligen hohen Stimmen für die AfD, kann man die Überschneidungen gar nicht wegargumentieren. "Was ihr seid - das waren wir. Was wir sind, das werdet ihr", so wird ein Friedhofsspruch am Anfang und Ende des Buches zitiert. Hoffen wir, dass es nicht so weit kommen wird - denn wie schlimm es werden könnte, daran erinnert uns dieses Buch. Und Hans erinnert uns daran, vielleicht ein bisschen mehr zu tun, als nur abzuwarten - damit eben alle leben können. Ein wichtiges, eindringliches Buch, das entgegen dem Klappentext kein Portrait über Magda Goebbels ist, sondern vielmehr eins über uns als Gesellschaft - damals wie heute. Dringende Leseempfehlung!
Ich war mir beim Lesen nicht sicher, welche Geschichte eigentlich erzählt werden sollte. War es wirklich die von Magda Goebbels, wie die Inhaltsangabe sagt, oder war es vielleicht doch die von Hans, dem Erzähler? Für mich kommt das nicht klar heraus.
Beide Handlungsstränge hätten interessant sein können. Hat Magda Goebbels ihre Ehen nur geschlossen, weil der jeweilige Ehemann ihr den gesellschaftlichen Aufstieg bedeutet hat, oder doch aus Liebe? Wie war das Verhältnis zu ihrem Stiefsohn wirklich? Was waren ihre Beweggründe für das Verhältnis mit Hans? Diese Fragen hat mir das Buch nicht beantwortet.
Auch Hans' Geschichte blieb leider farblos. Ein homosexueller Mann im dritten Reich und ein Mitläufer aus was? Angst? Bequemlichkeit? Über seine Motive hat er nichts erzählt. Er beschränkt sich auf Schilderung von Begebenheiten und Gesprächen, ohne sie wirklich zu hinterfragen.
Trotz aller Kritikpunkte hat mir das Buch nicht schlecht gefallen. Der Schreibstil ist schön und trotz aller Oberflächlichkeit der Erzählung ist es eine nette Geschichte, aber mehr auch nicht.
Der Roman konnte mich weder sprachlich noch inhaltlich abholen und überzeugen. Es fehlt ihm an poetischer Überzeugungskraft, die Sätze weisen so gut wie nie über sich selbst, über die plane Inhaltsebene hinaus und erinnern an enzyklopädische Einträge. Manche Aussagen und Formulierungen sind klischeebehaftet und floskelhaft, die Figuren bleiben blass und oft auch langweilig. Der Stil ist eher journalistisch als dichterisch. Ich hätte gern mehr über Magda Goebbels erfahren, weniger über Hans.
„Sie war nicht einfach nur verliebt in diesen Mann, und ich habe erst später Worte dafür gefunden: Mit ihm glaubte sie in den Himmel aufzusteigen und alles darunter überließ sie der Hölle.“ (Zitat Pos. 1552)
Inhalt 1919 ist Hans Kesselbach zwölf Jahre alt, als er von seinem gleichaltrigen Schulfreund Hellmut Quandt in die Villa der Industriellenfamilie eingeladen wird und dessen Stiefmutter kennenlernt. Magda Quandt ist damals erst neunzehn Jahre alt, und obwohl Hans heimlich in Hellmut verliebt ist, beeindruckt ihn auch dessen junge, schöne Mutter. Als er diese nach beinahe zehn Jahren auf Grund eines schweren persönlichen Verlustes, der sie beide betrifft, wieder besucht, beginnen sie eine Affäre. Zwischen Hans und Magda entsteht eine Verbindung, die trotz aller Konflikte auch bestehen bleibt, als aus Magda Quandt Frau Magda Goebbels geworden ist und Hans diese Verbindung und die völlig veränderte Magda nicht verstehen kann. Hans verlässt Deutschland im Herbst 1938 und ist als deutscher Diplomat im Mailänder Generalkonsulat tätig. Er passt sich an, ist vorsichtig und versucht, sie möglichst unauffällig zu verhalten. „Weniges wollen wir so sehr wie betrogen werden, und Meisterschaft bedeutet ja nichts anderes, als zu wissen, wie man täuscht.“ (Zitat Pos. 2362)
Thema und Genre Im Mittelpunkt dieses Roman, Fiktion mit zeitgeschichtlichem Hintergrund, stehen die Menschen, Familiengefüge, Konflikte, zwischenmenschliche Beziehungen, Freundschaft und die Facetten der Liebe. Die Kernthemen persönliche Entscheidungen, die Möglichkeit, dass eine andere Wahl des Lebensweges das gesamte nachfolgende Leben vielleicht hätte verändern können, Schuld, Mitschuld und Mitwissen ziehen sich durch den gesamten Roman. „Es war ja nicht so, dass wir nichts sahen oder hörten oder wussten.“ (Zitat Pos. 1923)
Erzählform und Sprache Die Handlung dieser Geschichte umfasst die Jahre 1919 bis 1945, doch es geht nicht um historisch bekannte Ereignisse und Fakten, sondern Nora Bossong will mit diesem Roman die Entwicklungen dieser Jahre aus der Sicht der Menschen, besonders ihrer beiden Hauptfiguren Hans und Magda, nachvollziehen und legt ihren präzise beobachtenden Blick auf die persönliche Haltung der Menschen. Magda Goebbels aus unterschiedlichen, nuancierten Blickwinkeln darzustellen, nahe an den bekannten Fakten, aber mit erzählerischer Freiheit, die sich aus einigen vagen Einträgen in Goebbels privaten Tagebüchern ergab, wonach Magda bereits während ihrer Ehe mit Quandt eine Affäre mit einem jungen Studenten hatte und diese Beziehung weiterführte, als sie bereits mit Joseph Goebbels zusammen war. Daraus entstand die fiktive Figur Hans Kesselbach, der die Ereignisse als Ich-Erzähler schildert, ergänzt durch seine Erinnerungen, seine Beobachtungen und die eigenen Gedanken, mit denen er sein Verhalten und auch das seiner Umgebung hinterfragt und die Entscheidungen, die sie treffen. Somit ist er die eigentliche Hauptfigur dieses Romans. Die Handlung verläuft chronologisch und die einzelnen Kapitel sind in übergeordneten Abschnitten zusammengefasst, die den jeweiligen Zeitrahmen angeben und die teilweise einige Jahre überspringen, da es kein historischer Roman ist. Auch die nachdenkliche, präzise Sprache, mit der Nora Bossong auf ihre Figuren blickt und ihnen folgt, ist interessant und packend zu lesen.
Fazit Ein sehr kluger, vielschichtiger und auf Grund der Erzählform und der Figuren überzeugender Roman zwischen Fakten und Fiktion, in dessen Mittelpunkt die Menschen stehen, ihr Verhalten und die Entscheidungen, die sie treffen. Die Konflikte, Fragenstellungen und Themen sind gerade heute wieder von brisanter Aktualität und regen zum weiteren Nachdenken an. „ ... und man entkommt nicht der Geschichte, die man selbst schreibt.“ (Pos. 3231)
3/5 ⭐️ Meine Erwartungen an das Buch wurden leider nicht erfüllt.
Magda Goebbels wirkt eher wie eine immer wiederkehrende Nebenfigur, im Mittelpunkt steht ganz klar der fiktive Ich-Erzähler Hans. Jegliche Geschehnisse des 2. Weltkriegs werden nur leicht angeschnitten und man erlebt die Person Magda Goebbels nur sehr passiv. Wirkt eher wie ein fiktiver Roman mit Schauplatz im 2. Weltkrieg, nicht wie ein biografisches Porträt.
Seit 1963 trägt der Reichskanzlerplatz in Berlin einen neuen Namen, den des ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss. Es gibt noch einige Bilder aus der Zeit als der Platz 1907 fertiggestellt wurde, mitten in einer unbebauten Gegend, am Rande Charlottenburgs, mit Springbrunnen und Bänken zum Ausruhen. Die U-Bahn hatte dort eine Haltestelle. Und einige Jahre später entstanden dort schöne, elegante Häuser und die Highsociety Berlins zog dort ein. Unter anderem Magda, die man später als Frau Goebbels ansprach. In dem Buch "Reichskanzlerplatz" von Nora Bossong spielt der Platz ebenso wie die "erste Frau der Nation" eigentlich nur eine Nebenrolle.
In dem Roman "Reichskanzlerplatz" erzählt Hans Kesselbach aus seinem Leben. Er ist der Sohn wohlhabender Eltern. Der Vater war in einer führenden Position im Ersten Weltkrieg. Er kam, wie viele der Männer, versehrt aus dem Krieg zurück, seiner Position enthoben, wurde er für Hans zu einer verstaubten, altmodischen Person. Die Mutter, immer um den Vater bemüht, redete dem Jungen Hans gut zu, eine gute Schulbildung und eine ordentliche Ausbildung zu machen. Die Eltern hatten keine Ahnung, dass der Junge sich zu Jungen hingezogen fühlte. Hans lernte schnell, dass man sich bedeckt halten muss, wenn man nicht ausgegrenzt werden möchte. Er verliebt sich in den Klassenkameraden Hellmut Quandt. Als Hans seinen besten Freund zu Hause besuchte, traf er auch auf Magda, wenig älter als die Jungen und schön anzusehen. Magda, (unehelich) geborene Behrend, adoptiert von Richard Friedländer, und nun verheiratet mit Günther Quandt. Bevor Magda den Großindustriellen heiratete, hatte die hübsche junge Frau eine Beziehung zu Chaim Arlosoroff, für den sie fast zum jüdischen Glauben konvertiert wäre.
Hans beging einen Fehler und verlor fast den besten Freund. Und dann geschieht doch noch ein Unglück und der junge Quandt verschwindet aus dem Leben Hans Kesselbachs. Hans leidet sehr unter dem Tod seines besten Freundes und er besucht oft Magda und beginnt eine Affäre mit der Frau, die bald an den Reichskanzlerplatz ziehen wird. Die Menschen wenden sich immer mehr den Nationalsozialisten zu und Magda findet einen neuen Spielgefährten, der ganz oben in der neuen Rangordnung steht. Joseph Goebbels. Hans hat nur noch selten Kontakt zu Magda und erzählt, wie er sich durchschlägt, wie verborgen er seine Lust auslebt, sich verstecken muss, dass man seine homosexuelle Neigung nicht gegen ihn verwenden kann. ... Vorhang auf
Es war mir ein großes Vergnügen, die Sätze von Nora Bossong zu lesen. Sie hat eine tolle Art, die Dinge zu beschreiben, sie nicht direkt auszusprechen und doch versteht man sehr genau, was sie dem Leser sagen möchte. Sie schreibt Sätze wie Vorhänge, die man beiseiteschieben und sich seine eigene Wahrheit vorstellen kann. Nur ganz selten wird erwähnt, dass Hans schwul ist und was er dort im Tiergarten zur nächtlichen Stunde treibt. Zwischen den Zeilen wird es aber deutlich und man hat Bilder im Kopf, die unmissverständlich sind. Aber auch andere Situation werden so beschrieben und regen gnadenlos die Fantasie an. Die Gedanken schreiben im Kopf sozusagen die Geschichten weiter, ohne dass Nora Bossong sie niederschreiben musste.
Ich mag auch ihre Art, wie sie den Roman aufgebaut hat. Sie verarbeitet auf 296 Seiten zwanzig Jahre im Leben eines jungen Mannes, der unter Lebensgefahr im Nationalsozialismus lebt. Magda spielt sicherlich eine Rolle, aber Hans finde ich in diesem Moment auch viel spannender. Was mir nicht gefallen hat, ist der Klappentext, denn der suggeriert, dass es in diesem Roman um Frau Goebbels geht. Doch sie hat eigentlich nur eine Nebenrolle, ist der rote Faden, der sich durch die Geschichte zieht. Auch der Reichskanzlerplatz hat eine Nebenrolle, nur weil die ehemalige Frau Quandt einige Zeit dort exklusiv gewohnt hat. Es ist Hans, der seine Geschichte erzählt. Eine fiktive Geschichte. Denn niemand weiß, wer der Student war, der Magdas Liebhaber gewesen sein mag.
Nora Bossong hat für mich einen besonderen Roman geschrieben. Sie steht mit "Reichskanzlerplatz" auf der Longlist des Deutschen Buchpreises, der am 14. Oktober 2024 verliehen wird. Ich finde, sie hat einen Preis mit diesem Buch verdient. Rubi und ich sind uns einig, das waren 🐭🐭🐭🐭🐭!
„Der Himmel über dem See lag in gleißendem Orange, mit einem rötlichen Hauch um die Wolken, und auf der anderen Uferseite hatte die SS die Hotels durchkämmt und jeden erschossen, den sie für falsch befunden hatte.“
Das ist für mich der Ton dieses Romans: es geschehen schreckliche Dinge, aber sozusagen in Nebensätzen und nicht dem Protagonisten, der sie genauso hinnimmt wie einen Sonnenuntergang am See.
Der Hauptcharakter ist der Student Hans Kesselbach (sein Vorname fällt erst nach etwa 50 Seiten, sein Nachname noch später).
Als Schüler freundet er sich mit seinem Klassenkameraden Hellmut an und lernt seine Stiefmutter kennen, die junge, schöne und intellektuelle Magda Quandt, spätere Magda Goebbels. Hans ist homo- bzw. bisexuell und fühlt sich zu Hellmut hingezogen. Jahre später beginnt er eine Affäre mit Magda. Es ist belegt, dass Magda Goebbels vor ihrer Heirat mit Joseph Goebbels eine Affäre mit einem Studenten hatte. Nora Bossong porträtiert eine Figur, die dieser Student gewesen sein könnte.
Es fiel mir schwer, diesen Charakter zu verstehen. Alles in seinem Leben scheint ihm einfach so zu passieren, auch die Affäre mit Magda. Hans träumt kaum, hadert kaum, zweifelt kaum. Bis zum Schluss konnte ich ihn nicht nachvollziehen, er blieb für mich passiv und abstrakt. Das liegt sicherlich daran, dass sein Charakter bewusst ein farbloser, stummer Mitläufer ist. Durch diese Passivität und Antriebslosigkeit fiel es mir jedoch schwer, ihn zu verstehen.
Die Rolle seiner Bi-/Homosexualität habe ich nicht ganz verstanden. Natürlich hat er berechtigte Angst, dass dies öffentlich werden könnte, er weiß, was ihm droht. Auseinandersetzungen mit dem inneren Coming Out in jungen Jahren oder internalisierter Queerfeindlichkeit kamen für mich zu kurz. Ich verstehe nicht ganz, warum die Autorin den Liebhaber von Magda Goebbels als queere Figur angelegt und das dann so wenig ausgearbeitet hat.
Hans ist privilegiert, er könnte Deutschland verlassen und dem Nationalsozialismus entfliehen. Er entscheidet sich zu bleiben und wird zum stummen Mitläufer. Hier hätte ich mir mehr Zweifel, mehr innere Aushandlungen gewünscht. Warum bleibt er? Was treibt ihn an?
Es hat mir gefallen, dass es gerade kein Porträt von Magda Goebbels ist, sondern dass es um ihren jungen Liebhaber geht, der dem Nationalsozialismus am Anfang noch kritisch gegenübersteht und bald schon zum willigen Mitläufer wird.
Ein kluges und stilistisch hervorragend geschriebenes Buch. Der Roman hat vielversprechend begonnen, in der zweiten Hälfte hat mich der Protagonist allerdings gelangweilt. Nach dem starken Anfang und den Rezensionen hatte ich noch mehr erwartet.
2,5⭐️ Hatte viele gemischte Gefühle beim Lesen. Das Thema an sich ist natürlich sehr bewegend & heftig, und ich fand auch die Idee des Buches sehr interessant. Es war für mich dann auch wirklich zügig wegzulesen. Besonders spannend fand ich insgesamt die Stellen mit Hans' Vater. Der Erzählstil war leider eher weniger mein Fall. Ich bin eh häufig mal kein Fan des Ich-Erzählers in Rückblenden, und hier hat’s mir ein bisschen die Spannung zerschossen. Sehr blass hab ich insgesamt die Protagonisten empfunden, Magda Goebbels hätte man für mich ziemlich ersatzlos rausstreichen können; der Erzähler blieb, wie ich finde, das ganze Buch übermäßig glatt. Selbst unter Zugrundelegung einer stilistischen Spiegelung seiner äußeren Umstände, hätte ich mir hier doch einen etwas kantigeren Protagonisten oder zumindest mehr Spiel mit der gewählten Erzählperspektive gewünscht. Mir ist es stellenweise schwer gefallen, mir nur irgendeine Emotion dem Erzähler gegenüber abzuringen. Die Sprache hab ich an vielen Stellen als ziemlich hyperbolisch empfunden, war auch nicht so ganz mein Fall, und fand das häufig auch nur schwer mit dem Erzähler und der Handlung in Einklang zu bringen.
Leider war das so gar nicht mein Fall, vielleicht auch weil ich mir etwas ganz anderes erwartet hatte. Die Geschichte fing gut an, aber dann ging es bergab und – Hand aufs Herz – ich musste mich ab der Hälfte wirklich eher zwingen weiterzulesen.
Magdas Perspektive und Figur, um die es ja eigentlich primär gehen sollte, ging für mich gänzlich unter. Generell konnte ich keinen der Charaktere richtig greifen und empfand beim Lesen (trotz der ernsten und schrecklichen Thematik) nicht viel für die Figuren. Der Schreibstil war einfach nicht meins, zu nüchtern und sachlich. Schade, denn die Idee des Romans fand ich wirklich sehr interessant und hatte Potential.
Die Zeit, in der es spielt, oft gut getroffen. Leider häufig sehr am Kitsch kratzend.
Wie sehr sich die Autorin wohl die Verfilmung ihres Buches wünscht? Vermutlich sehr. (Das Drehbuch bereits in der Schublade liegend, im Kopf bereits Regie und Hauptdarsteller:innen besetzt.)