TASCHLER, Judith W.: „Nur nachts ist es hell“, Wien 2024
Die Hauptperson dieser Geschichte ist die 1895 geborene Elisabeth. Wie bei wissenschaftlichen Werken üblich, hatte Frau Taschler in diesem Roman gleich zu Beginn eine Zusammenfassung des Lebens, das sich über den Ersten und Zweiten Weltkrieg erstreckte geliefert. In den folgenden Kapiteln geht es dann ins Detail des Lebens der Frau. Mit der Zusammenfassung behält man aber einen leichteren Überblick über die sehr weitverzweigte Erzählung. Elisabeth, nun als alte Frau, erzählt der Großneffin Christina ihr Leben.
Elisabeth ist am Land aufgewachsen. Der Vater betrieb ein Handelsgeschäft und die Familie war wohlhabend. „Mein Vater, ein erfolgreicher Kaufmann, konnte seiner Familie vieles bieten, mehr als es damals in einem kleinen Dorf üblich war. Mir fehlte es an nichts und außerdem war ich geliebt.“ (Seite 15) Sie hatte drei Brüder. Einer studierte in Wien und der Vater kaufte dazu eine Wohnung in der Hauptstadt. Später schickte er auch das Mädchen in eine höhere Schule nach Wien. Es war das erste Gymnasium, an dem Mädchen studieren durften. Die Mutter versorgte die Kinder in Wien und der Vater blieb bei seinem Geschäft in der Provinz zurück. Während des Ersten Weltkrieges meldete sich Elisabeth zu einer Krankenschwesterausbildung und arbeitete in verschiedenen Lazaretten. Die Brüder meldeten sich zum Entsetzen der Eltern zum Kriegsdienst. Einer von ihnen – Gustav – fiel an der Ostfront. Ein russisches Artilleriegeschoss traf das Sanitätszelt, in dem er arbeitete. Ein zweiter Bruder war nach Amerika ausgewandert. Der dritte war an der Front zu Italien verletzt worden und hatte Probleme mit einem Vorgesetzten. Er musste untertauchen, um nicht vor ein Kriegsgericht gestellt zu werden. Unter falschem Namen lebte er dann zu Hause. Als der Bruder aus Amerika heimkam, tauschten die beiden ihre Identitäten. Eine sehr komplizierte Angelegenheit, bei der es auch zu Überschneidungen in den Beziehungen und den Vaterschaften kam.
Elisabeth begann ein Medizinstudium, das damals für Frauen nicht einfach war. „Man duldete Frauen bei den Kursen und Übungen, um nicht zu sagen: Man ignorierte sie. Wenn man sie beachtete, schwang oft Geringschätzung mit, Unfreundlichkeit gepaart mit zynischen Kommentaren.“ (Seite 96) Sie verliebte sich in den Sohn einer traditionellen Arztfamilie. Georg kam verwundet aus dem Krieg heim. Er hatte eine Hand verloren. 1923 kam ein Sohn zur Welt, was das Studium nicht gerad erleichterte. Nach der Geburt des zweiten Sohnes nahm sie sich eine Auszeit und schloss 1925 das Medizinstudium ab. Der Mann arbeitete in der Ordination des Vaters und Elisabeth begann in der Station für Frauenheilkunde am Sophienspital. Später haben sie gemeinsam eine Ordination betrieben, wobei aber jeder seine eigenen Patienten hatte. Sie bekamen zwei Kinder. Die Buben wurden im Zweiten Weltkrieg eingezogen. Der Ältere kam an die Ostfront und wurde bereits ein Jahr später als vermisst gemeldet. Tatsächlich kam er in russische Kriegsgefangenschaft. Nur einmal kam ein Brief. 1944 teilte er den Eltern mit, dass er in einem großen Lager in der Kohlestadt Stalinsk gefangen sei. 1949 kam er frei. Von den 217 Gefangenen seiner Einheit hatten nur 19 überlebt. Der jüngere Sohn meldete sich auf Grund seiner Französischkenntnisse als Dolmetsch und wurde nach Paris versetzt. Als Paris von den Alliierten erobert wurde, schlug er sich zu Fuß nach Hause durch. Elisabeths Ehemann, der schon den Ersten Weltkrieg erlebte und als Invalide von der Front zu Italien heimkam, konnte sich mit den Ereignissen im Zweiten Weltkrieg nicht abfinden und beging Selbstmord. Am Ende des Krieges zog Elisabeth aus Sicherheitsgründen in ihr Heimatdorf. Nochmals kommt sie in Kontakt mit dem geliebten Bruder, der im Elternhaus eine jüdische Familie versteckte. Der Sohn des Bruders wurde als Jugendlicher eingezogen. Eugen machte sich auf den Weg ihn zu finden und brachte ihn heim. Man hatte ihn „als Flakhelfer in einer Scheinwerferstellung nördlich von Linz eingesetzt.“ (Seite 282)
Nach Kriegsende führte Elisabeth die Ordination in Wien weiter und baute eine Nachfolgerin auf. Die Nachkriegsjahre waren schwierig, weil es an allem fehlte.
Der jüngere Sohn übersiedelte nach Innsbruck, wo er bei den französischen Besatzungstruppen als Dolmetsch arbeitete und blieb in Tirol, wo er eine akademische Karriere begann.
Mit 65 zog sich Elisabeth schrittweise aus der Ordination zurück und mit 67 war sie endgültig in Pension gegangen. Sie ging keine Beziehung mehr ein und blieb allein. Sie engagierte sich in einer Frauenrechtsbewegung und genoss ihren Alltag mit Freundinnen.
Judith Taschler beschreibt sehr einfühlsam die Beziehungen der einzelnen Familienmitglieder und das Leben der Vorfahren. Sie hat viele Geschichten im Roman verpackt. So etwa das Leben des Bruders von Elisabeth in Amerika, als er zum zweiten Mal in die USA ausgewandert war. Elisabeth hatte alle Briefe des Bruders aufgehoben und übergab sie der Enkelin des Großvaters. Der Grund seiner neuerlichen Auswanderung war das starke Schuldgefühl, weil er mit seiner Schwägerin, der Frau seines Zwillingsbruders Kinder gezeugt hatte, die jetzt als Kinder des Bruders aufwachsen. Auch haben sie ihre Identität getauscht. Mit falschem Namen kehrte er nach Amerika zurück. Als erfolgreicher Holzunternehmer mit seinem echten Namen Eugen Brugger hatte er das Land vor langem verlassen. Als Tom Danek kehrte er zurück. Er nahm viele Jobs an. Arbeitete in einem Hotelrestaurant. War Kellner in einem italienischen Restaurant. War Bauarbeiter in San Francisco. Wieder zurück in Boston stieg er beim Betrieb eines Freundes ein. Später kaufte er ein Hotel, renovierte es, und nannte es nach seiner geliebten Schwester „Elisabeth“. Das Geschäft lief gut, bis zum Börsenkrach. Er schrieb der Schwester: „Die Dinge stehen schlecht. Die Gäste werden immer weniger und die Bank wird immer lästiger. Ich kratze jeden Monat alles zusammen, nur um die Kreditrate zu zahlen.“ (Seite 186) Er muss Angestellte entlassen und muss selbst Arbeiten wie Betten beziehen und putzen übernehmen. Ein Angestellter blieb ihm: ein Schwarzer, der ihm anbot zum halben Lohn zu arbeiten. Das Leben dieses Menschen würden wieder ein Buch füllen. Seine Familie kam vor 150 Jahren als Sklaven nach Amerika. Mit ihm versucht Eugen das Hotel über Wasser zu halten. Sie geben auch Prostituierten Quartier (was verboten war) und brannten Schnaps, worauf hohe Strafen standen. Mit diesen illegalen Einkünften überlebten sie, bis sie ein Gast angezeigt hatte und sie in den Kerker kommen. 14 Monate war er im Gefängnis. Sein Freund starb durch Folterungen.
Seiner Schwester Elisabeth offenbarte er sich in diesen Briefen und erzählte ihr von seiner großen Liebe. Er hatte als Portier in einem Waisenhaus gearbeitet. In eines der Mädchen verliebte er sich und warb um sie, als sie dann älter war. Die Herkunft und das Leben dieses Mädchens, dieser Frau würde einen eigenen Roman füllen können. Nur so viel: der Vater war ein irischer Auswanderer. Die Mutter eine Indigene. Bei einem Überfall wurden die Eltern und Geschwister erschlagen. Sie überlebte schwerverletzt und kam über Umwege ins Waisenhaus.
Die beiden kamen aber nicht zusammen. Die Geliebte fand ein Zuhause bei einem Witwer im Holzgeschäft und zog dessen Kinder auf. Eugen hatte sie versprochen, mit ihm auszuwandern, sagte aber in letzter Minute ab. Nach dem Gefängnisaufenthalt rissen die Briefe an die Schwester ab. Er nahm 1932 eine schwere Arbeit in einer Mühle an, in der er 30 Jahre vorher seinen ersten Job gefunden hatte.
In ihren Erzählungen beschreibt Elisabeth auch zwei Liebschaften in ihrem Leben. Einerseits ein Instrumentenbauer, mit dem sie eine Italienreise machte. In einer Zeit, in der die Beziehung zu ihrem Mann etwas abgekühlt war, weil sie Engelmacherinnen mit Medikamenten und Instrumenten versorgt hatte, ja diese sogar einschulte. Elisabeth musste dafür sogar ins Gefängnis.
Am Ende des Buches springt sie in der Erzählung wieder zurück zu ihrer Schulzeit, in der sie sich in einen Geschichtsprofessor verliebt hatte. Sie hatte sich nach einer Ausbildung als Krankenschwester in ein Lazarett an die Front gemeldet. Zuerst in der Ukraine und dann in Rumänien, wo sie den Geschichtsprofessor wieder traf. Er wurde verwundet und sie betreute ihn speziell. Die Liebe der beiden wurde für alle sichtbar. Als er genesen wieder an die Front geschickt wurde, kam er einige Wochen später zurück und starb an seinen neuerlichen Verletzungen. Elisabeth kehrte nach Wien zurück, um sich an die Südfront in Italien zu melden.
Neben den menschlichen Schicksalen werden auch die allgemeinen geschichtlichen Ereignisse beschrieben. So wird wird in einem eigenen Kapitel die Situation der Zwischenkriegszeit beschrieben.
Ich habe die literarische Karriere von Judith Taschler all die Jahre verfolgt, habe alle ihre Bücher gelesen und auch rezensiert. Sie hat intensiv an ihrer schriftstellerischen Entwicklung gearbeitet. Anfangs hatte sie noch neben ihrem Beruf als Deutsch- und Geschichtslehrerin gedichtet und irgendwann hat sie den Sprung gewagt, um vom Schriftstellerinnentum auch leben zu können. Die Hauptperson des vorliegenden Romans „Nur nachts ist es hell“ ist Elisabeth, eine Ärztin.
Beeindruckend ist es auch, wie sie viele Geschichten in diese Erzählung verpackt. Wie bei einer russischen Matroschka Puppe tauchen immer wieder neue Romanfiguren auf. Die große äußere Puppe ist Elisabeth, die Ärztin und in ihr stecken Figuren wie das Leben des Bruders in Amerika, ein Waisenkind, das lesbische Leben der Mutter, die Geschichte eines Liebhabers von Elisabeth, und viele Menschenbilder mehr.