Die Fabrikarbeiterin Anna wird als Medium verehrt, Johanna Schellmann ist Schriftstellerin. In den Heilstätten Beelitz entsteht eine Verbindung zwischen den ungleichen Frauen, von der beide profitieren – bis der Kampf um Anerkennung und Aufstieg sie zu Rivalinnen macht. Ulla Lenze hat in ihrer unvergleichlich kristallinen Prosa einen großen Roman über die Verführungskraft der Selbsterlösung geschrieben.
Versteckt in den Kiefernwäldern vor den Toren Berlins liegen die Arbeiter-Lungenheilstätten Beelitz. Als sich die Fabrikarbeiterin Anna Brenner und die Schriftstellerin Johanna Schellmann hier im Jahr 1907 begegnen, hat das für beide Frauen existenzielle Folgen. Anna gilt als hellsichtig, und obwohl die Avantgarde der Kaiserzeit begeistert mit dem Okkulten experimentiert, wird Annas wachsende Anhängerschaft für den Leiter der Heilstätten zum Problem. In Johanna legt die Begegnung eine tief verschüttete Spiritualität frei, und sie ahnt, dass Anna eine Schlüsselrolle in ihrem literarischen Schaffen spielen könnte. Anna lässt sich nicht vereinnahmen, von niemandem. Sechzig Jahre später versucht Johanna Schellmann Worte für ihre Verstrickungen in der Vergangenheit zu finden, doch erst Vanessa, ihre Urenkelin, bringt Licht ins Dunkel – mitten in einem luxussanierten Beelitz, durch das noch die Geister der Vergangenheit wehen. Vom Kaiserreich bis in die Gegenwart porträtiert Ulla Lenze drei Frauenleben, die Befreiung und Aufstieg erfahren und sich doch nicht vor dem drohenden Bedeutungsverlust retten können.
Ulla Lenze, born in Mönchengladbach in 1973, studied Music and Philosophy in Cologne and now lives in Berlin and Buckow (Märkische Schweiz). Her debut novel Schwester und Bruder (Sister and Brother) has won several awards, including the Jürgen Ponto Prize for the best debut novel in 2003, the Rolf-Dieter-Brinkmann-Förderpreis and the Ernst-Willner-Prize at the Ingeborg Bachmann-Competition. The novel Archanu was published in 2008, followed in 2012 by Der kleine Rest des Todes (What Little Remains of Death) and in 2015 by Die endlose Stadt (The Endless City), in which Lenze finds connections among the metropolises of Berlin, Istanbul and Mumbai. With her novel "The Radio Operator", based on the life story of her great-uncle, she achieved an international breakthrough; the novel has been translated into more than 12 languages. Lenze has been Writer-in-Residence in Damascus, Istanbul, Mumbai and Venice. In 2016 she received the Literature Prize of the Cultural Committee of German Business for her complete oeuvre up to date and in 2020 the Krefelder Literaturpreis. In spring 2023, Ulla Lenze will take up the Max Kade Professorship at Dartmouth College (USA).
"Es gab nichts Gruseligeres als verfallene Heilstätten, dachte Vanessa. Als hätte die Idee der Heilung schließlich aufgegeben." - Ulla Lenze, "Das Wohlbefinden"
Berlin, 2020: Vanessa wurde ihre Wohnung in Berlin wegen Eigenbedarf gekündigt, sie muss schnell eine Bleibe finden, was sich als höchst kompliziert im heutigen Wohnungsmarkt herausstellt. Unter anderem besichtigt sie auch eine Wohnung in den sanierten Beelitzer Heilstätten in Potsdam. Als sie dem Makler eröffnet, dass sie eine Nachfahrin der Schriftstellerin Johanna Schellmann ist, die sich auch von den Heilstätten inspirieren ließ, stößt sie unverhofft auf ein unveröffentlichtes Manuskript ihrer Urgroßmutter über deren Verbindung zu dem Medium Anna.
Beelitz-Heilstätten, 1907: Als Johanna Schellmann auf der Suche nach Material für ein neues Buch die neu eröffneten Lungenheilstätten besichtigt, trifft sie auf Anna, die dem Okkulten zugeneigt ist. Sie begreift sich selbst als von Gott geleitetes Medium, hat Kontakt zu Verstorbenen und ist Hellsichtig für die Zukunft. Johanna ist fasziniert und möchte Annas Geschichte verschriftlichen - doch diese lässt sich für den Text nicht vereinnahmen.
Rund 60 Jahre nach den Ereignissen in den Beelitz-Heilstätten resümiert die mittlerweile demenzkranke Johanna ihr Leben und deckt die Wahrheit über die Geschehnisse rund um Anna auf.
Auf drei Zeitebenen lässt Ulla Lenze ihren Roman "Das Wohlbefinden" spielen, der mich vor allem wegen seines Settings in den Beelitzer Heilstätten, die mittlerweile nach jahrelangem Verfall zu Wohnraum umfunktioniert wurden, gereizt hat. In den Heilstätten durften sich von etwa 1902 bis zum Zweiten Weltkrieg auf Kosten der Landesversicherungsanstalt von Armut betroffene Arbeiter*innen von Lungenkrankheiten, insbesondere der Lungentuberkulose erholen. Das Wohlbefinden stand im Zentrum der Therapie, es wurden beispielsweise Liegekuren und Schlammbäder verordnet. Ich fand es total interessant, in diese junge Geschichte der Beelitzer Heilstätten einzutauchen, die mir nicht bekannt war. Auch die Einbindung von Spiritismus und einer in Vergessenheit geratenen Schriftstellerin versprechen eine spannende Geschichte, allerdings hätte ich mir hier doch an einigen Stellen mehr Informationen und Tiefe gewünscht. So blieb "Das Wohlbefinden" für mich ein Buch mit unterhaltsamem und packendem Ansatz, der sich im Laufe des Romans aber nicht halten konnte. Wer sich für historische Romane und Spiritismus interessiert, sollte sich "Das Wohlbefinden" aber definitiv näher ansehen!
Ulla Lenzes Roman „Das Wohlbefinden“ bietet auf den ersten Blick ein vielversprechendes Setting: eine historische Begegnung in den Heilstätten Beelitz im Jahr 1907, eingebettet in die okkulte Szene jener Zeit, und verknüpft mit einer Rahmenhandlung in Berlin 2020. Das Potenzial, eine packende Geschichte mit Tiefgang zu entwickeln, ist also eindeutig vorhanden. Doch trotz dieser faszinierenden Prämisse konnte mich der Roman letztlich nicht vollständig überzeugen.
Im Mittelpunkt steht die ambivalente Beziehung zwischen der angeblich hellsichtigen Fabrikarbeiterin Anna und der großbürgerlichen Schriftstellerin Johanna Schellmann. Beide Frauen scheinen voneinander zu profitieren, doch gleichzeitig bleibt unklar, welche Absichten wirklich dahinterstecken: Ist Anna ein echtes Medium oder eine geschickte Betrügerin? Nutzt Johanna sie lediglich als Inspiration für ihr neues Buch? Diese Spannung zieht sich durch den Roman, blieb jedoch für mich zu blass, um wirklich zu fesseln. Besonders Annas religiös-okkulte Äußerungen erschwerten es mir, ihre Anziehungskraft auf Johanna nachzuvollziehen. Auch die Figur von Johannas Enkelin Vanessa, die im modernen Berlin auf die Spuren ihrer Familiengeschichte stößt, bleibt für meinen Geschmack zu oberflächlich. Ihre Nachforschungen und die Entdeckungen über das wahre Ende von Johannas und Annas Geschichte fügen der Handlung zwar eine interessante Meta-Ebene hinzu, konnten mich emotional jedoch ebenfalls nicht erreichen.
Trotz dieser Kritikpunkte schätze ich Lenzes Sprache und den geschickten Aufbau des Romans. Ihre Fähigkeit, verschiedene Zeitebenen miteinander zu verknüpfen, zeugt von einer literarischen Raffinesse, die mich durchaus beeindruckt hat. Auch wenn „Das Wohlbefinden“ mich nicht vollkommen in seinen Bann ziehen konnte, würde ich dennoch weitere Romane von Ulla Lenze lesen, denn ihre stilistische Eleganz und die sorgfältige Konstruktion ihrer Geschichte sind unbestritten. Insgesamt lässt sich sagen, dass „Das Wohlbefinden“ trotz seiner gelungenen sprachlichen und erzählerischen Elemente letztlich für mich daran scheitert, die Tiefe seiner Figuren und die Dynamik ihrer Beziehungen überzeugend zu vermitteln. Wer sich jedoch für die Themen Okkultismus und historische Frauenfiguren interessiert, könnte in diesem Roman trotzdem eine lesenswerte Geschichte finden.
Unter dem Druck einer Eigenbedarfs-Kündigung ist während des Lockdowns 2020 die knapp 40jährige Vanessa auf der Suche nach einer Wohnung in Berlin. Ihr Handy liefert ihr Druck und Stütze zugleich; eine Meditations-App bietet ihr Führung, aber ständige Forderungen in den Benachrichtigungen nach Entscheidungen machen deren Wirkung wieder zunichte. Vanessa ist sich bewusst, dass sie therapiebedürftig ist. Der Anruf einer Literaturwissenschaftlerin konfrontiert sie damit, dass ihre Urgroßmutter Johanna hundert Jahre zuvor erfolgreiche Autorin gewesen sein muss, deren Werke offenbar nicht erhalten sind. Bei einer Besichtigung der Lungenheilstätte in Beelitz, die nach 1945 in der damaligen DDR als russisches Militär-Krankenhaus diente, schließt sich ein Kreis in Vanessas Leben. In Beelitz wirkte Anfang des 20. Jahrhundert das Medium Anna, die zur Heilung ihrer Tuberkulose als Patientin auf „dem Zauberberg der Proletarier“ war – und über Beelitz wollte um 1900 Vanessas Urgroßmutter Johanna Schellmann ein Buch schreiben. Johanna stammte aus wohlhabender bürgerlicher Familie und genoss für ihre Zeit ungewöhnliche Freiheiten. Ihr Mann Simon forschte als Mediziner an der Entwicklung eines Antibiotikums (das zur Tuberkulosebehandlung dringend erwartet wurde), fühlte sich jedoch als Bildungsaufsteiger in seinem Beruf ausgegrenzt.
Anfang des Jahrhunderts blühte in München unter Schrenck-Notzing das Interesse an Okkultismus, und während des Ersten Weltkriegs waren Frauen nicht ungewöhnlich, die „die Gabe“ hatten, den Tod von Angehörigen vorhersagen zu können. Johanna Schellmann griff mit dem Thema Okkultismus ein aktuelles Thema auf, kam mit ihrem Roman jedoch schwer voran. Wie ihre Urenkelin ein Jahrhundert später war sie auf der Suche nach Führung und geriet offenbar unter den Einfluss der stark religiös geprägten Anna (eine fiktive Romanfigur, die an eine reale „Seherin“ angelehnt ist). 60 Jahre später, während der Anti-Schah-Demonstrationen in Berlin, wird Vanessas Urgroßmutter mit über 80 Jahren durch ihren Alltagshelfer Klaus wieder mit ihrem Manuskript von 1907 konfrontiert.
Fazit Ulla Lenze erzählt aus einer Rahmenhandlung der Gegenwart heraus auf weiteren Zeitebenen (1900, 1967) über eine für ihre Epoche ungewöhnlich erfolgreiche Autorin, von Okkultismus, der schnödem Profitstreben diente, und sehr stimmungsvoll vom Komplex der Beelitzer Heilstätten, in denen mit neuen Methoden die Arbeitsfähigkeit Tuberkulosekranker wiederhergestellt werden sollte. In Beelitz treffen die Figuren und drängende Probleme der Epoche aufeinander. In der Beziehung zwischen Anna in der Rolle des Dienstmädchens und dem bürgerlichen Arztehepaar Schellmann bringt die Autorin die damalige Klassengesellschaft auf den Punkt. Setting und Epoche wirken sorgfältig recherchiert, insgesamt haben mir jedoch ein roter Faden gefehlt, ein zentrales Thema und eine vertiefte Hauptfigur. Gerade weil Anfang des 20. Jahrhunderts Frauen mit „der Gabe“ noch häufig anzutreffen waren, hatte ich mir vom Einblick in Annas Persönlichkeit mehr versprochen als ihre Religiosität.
Berlin Anfang des 20. Jahrhunderts: Schriftstellerin Johanna Schellmann hat augenscheinlich alles, was man braucht, um ein glückliches Leben zu führen: Einen Ehemann, den sie aus Liebe geheiratet hat und der ihr Schreiben unterstützt, zwei gesunde Kinder, Ansehen und Wohlstand. Doch irgendetwas fehlt ihr, vor allem eine Definition von Freiheit, die sie selbst nicht ganz greifen kann - und die sie bei Anna Brenner zu finden glaubt. Die junge Frau aus der Arbeiterklasse befindet sich nach verschiedenen harten Arbeitseinsätzen als Dienstmädchen oder Fabrikarbeiterin zur Genesung in der Beelitzer Lungenheilstätte und gilt als hellsichtiges Medium. Ihre kurzen Visionen und Eingebungen kommen direkt von Gott, wie sie sagt - von den Mitpatientinnen wird sie dafür entweder verteufelt oder verehrt. Bereits bei der ersten Begegnung in den Heilstätten - Johanna Schellmann ist dort zu Recherchezwecken für ein neues Buch - spürt vor allem Johanna eine Anziehung, der sie sich nicht entziehen kann und eine Verbindung, von der sie zu profitieren hofft. Viele Jahre später lebt die 85-jährige Schellmann alleine in Berlin und schreibt an einem letzten Manuskript, einer letzten Würdigung für Anna, die Johanna immer wieder erscheint. Nochmal ein paar Jahre später kommt Johannas Ururenkelin mitten in der Coronapandemie an dieses Manuskript - das sie näher zu ihrer Familie und auch näher zu sich selbst bringen soll.
Ulla Lenze hat mit "Das Wohlbefinden" einen sehr dichten und wunderbar unaufgeregten Roman über (schwerpunktmäßig) zwei Frauen geschrieben, die zwar fiktiv sind, aber durchaus so wie beschrieben existiert haben könnten. Sie lässt sich und uns Zeit, die Figuren kennenzulernen, führt uns ein in eine Gesellschaft, die Okkultismus gefeiert hat, wie keine andere und lässt vor allem die Beelitzer Heilstätten in ihrer ganzen Pracht wieder auferstehen. Die Beschreibungen der, für damalige Verhältnisse, ultra modernen Einrichtung sind so plastisch, dass man den Eindruck gewinnt, selbst dort gewesen zu sein. Auch wenn die Protagonist:innen alle fiktiv sind, tauchen in dem Roman immer wieder Personen auf, die damals wirklich gelebt haben: Der Theosoph Rudolf Steiner zum Beispiel, die Okultistinnen Eva Carrière und Juliette Bisson oder der Parapsychologe Albert von Schrenck-Notzing. Anspielungen gibt es außerdem auf die Schriftstellerin Gabriele Reuter und eventuell hat Günther Grass in den 1960er Jahren einen kleinen Auftritt. "Das Wohlbefinden" ist somit auch ein Roman über den Anfang des 20. Jahrhunderts und die Selbstverständlichkeit, mit der Okkultismus in dieser Zeit Teil des Lebens und sogar der Wissenschaft war. Aber auch darüber, wie sich der Anspruch an Literatur in den ersten Jahrzehnten verändert hat und dass vor allem Frauen sich immer wieder für ihr Schreiben rechtfertigen mussten. Vor allem ist es aber ein Roman über die Sehnsucht nach Selbstentfaltung, Selbstfindung und nach Zugehörigkeit. All das bringt Ulla Lenze ganz zart und sprachlich fein komponiert (jede Zeitebene hat ihren eigenen Sprachduktus) zusammen. Dadurch entsteht ein Lesesog, dem man sich nur schwer entziehen kann. Klare Leseempfehlung!
Der Schauplatz von „Das Wohlbefinden“ sind die Beelitz-Heilstätten, einer der größten Krankenhauskomplexe im Berliner Umland, der in seinen Anfangsjahren eine utopische Vision für lungenkranke Arbeiter*innen darstellte, einen Ort der Heilung durch Klima, Luftkur und Ernährung, inklusive aller Annehmlichkeiten, mit Elektroautos und beheizten Gehwegen. Auf mehreren Zeitebenen erzählt Ulla Lenze die Geschichte mehrerer Frauen: da ist Vanessa, Anfang 40 und 2020 in Berlin auf Wohnungssuche, da sind Johanna Schellmann, Vanessas Urgroßmutter und berühmte Autorin sowie Anna Brenner, Patientin und spiritistisches Medium, die sich 1907 in den Beelitz-Heilstätten begegnen. Ein geschichtsträchtiger, einzigartiger Ort, dazu werden hochinteressante Themen behandelt: neue Formen der medizinischen Behandlung für die Arbeiterklasse, medizinischer Fortschritt Anfang des 20. Jahrhunderts, der Spiritismus in den Salons dieser Zeit, der zu Klassenaufstiegen bis dahin unbekannter Art führte.
Grandioses Sujet, leider todlangweilige Ausführung. Die Charaktere wirken eindimensional, die Geschichte dümpelt vor sich hin, die Sprache klingt hölzern, auch in der gegenwärtigen Erzählung trocken und altbacken.
"Das Wohlbefinden" von Ulla Lenze ist ein sehr lesenswertes Buch, das auf eine entspannte Art und Weise interessante Geschichten erzählt. Die Autorin führt uns durch das Leben von drei Frauen in unterschiedlichen Zeiten, und jede hat ihre eigene, spannende Geschichte.
Auf der ersten Zeitebene, Anfang des 20. Jahrhunderts, geht's um Anna, die in den alten Lungenheilstätten in Beelitz arbeitet. Sie ist nicht nur eine einfache Fabrikarbeiterin, sondern wird wegen ihrer Fähigkeiten als Medium und Hellseherin bekannt. Diese Facette des Romans bietet nicht nur eine faszinierende historische und düstere Perspektive, sondern beleuchtet auch den Okkultismus, der in diesem Zeitalter sehr verbreitet war.
In den 1960er Jahren treffen wir auf Johanna, geprägt durch ihre Einsamkeit. Sie lebt in Berlin und hat nur ihren Pfleger. Ihre Geschichte zeigt, wie sich das Leben ändern kann und manchmal nicht so läuft, wie man denkt.
Zuletzt landen wir in der heutigen Zeit, den 2020ern, wo wir Vanessa kennenlernen, Johannas Urenkelin, die in Berlin eine Wohnung sucht – mitten in der Coronazeit.
Auch wenn 'Das Wohlbefinden' nicht gerade mit bahnbrechenden Neuerungen glänzt, ist es vor allem Lenzes gekonnter Umgang mit den verflochtenen Geschichten ihrer Charaktere, der dieses Buch besonders macht. Ihre sprachliche Feinfühligkeit und tiefe Empathie für die Alltagssorgen und Gefühlswelten ihrer Figuren verleihen dem Buch eine beeindruckende Lebendigkeit.
Zusammengefasst: "Das Wohlbefinden" ist eine gute Wahl, wenn du Lust auf ein Buch hast, das menschliche Geschichten auf verschiedenen Zeitebenen und den Beelitzer Heilstätten als Handlungsort lesen möchtest. Mir hat es es in paar schöne Lesestunden beschert.
Jest rok 2020, Vanessa ma prawie czterdzieści lat i musi nagle opuścić swoje dotychczasowe mieszkanie w Berlinie. Szukanie nowego lokum w czasie pandemii jest trudne, do tego kobieta nie ma dużego budżetu. Podczas tej żmudnej czynności ogląda dużo za drogie mieszkanie poza Berlinem, a konkretnie w Beelitzer Heilstätten. To wyjątkowe miejsce, właśnie tam z końcem dziewiętnastego wieku powstało nowoczesne sanatorium i szpital dla chorych na gruźlicę.
Eigentlich eine spannende Prämisse, auch die drei Protagonistinnen sind interessante Figuren.
Deswegen ist es wirklich erstaunlich, wie uninteressant das Buch geworden ist. Sprachlich okay (nicht mehr, nicht weniger). Inhaltlich hab ich da weitaus mehr erwartet.
Hab für diese etwas mehr als 300 Seiten diesmal erstaunlich lange gebraucht. Tatsächlich, weil das Buch, obwohl nicht schlecht, über weite Teile langweilig und fad wirkt. Schade! Da hätte wirklich mehr draus gemacht werden können.
Leseempfehlung? Nein. Nicht, weil das Buch schlecht wäre, sondern, weil man es sofort wieder vergisst.
„Wenn sie an damals zurückdachte, schien ihr eigentlich alles wie ein seltsamer Traum, der auch anders hätte geträumt werden können.“ (Zitat Pos. 2360)
Inhalt Die Content-Managerin Vanessa Schellmann wohnt im Wedding, doch gerade wurde ihre Wohnung gekündigt, dies bedeutet Wohnungssuche in Berlin. Sie besichtigt auch ein aufstrebendes Neubauprojekt auf dem Areal der ehemaligen Arbeiter-Lungenheilstätten Beelitz. Dort, im ehemaligen Postgebäude, hatte sich 1908 ihre Urgroßmutter eingemietet, die Schriftstellerin Johanna Schellmann, denn sie wollte ein Buch über die Heilstätten Beelik schreiben. Als Vanessas Makler hört, wer sie ist, übergibt er ihr einen alten, mit Schreibmaschine geschriebenen Text, den Johanna Schellmann verfasst hatte, der jedoch nie veröffentlicht wurde. So erfährt Vanessa nicht nur, wer ihre Urgroßmutter war, sondern auch deren besondere Beziehung und von Spiritualität geprägte Verbindung zu der Arbeiterin Anna Brenner, eine Patientin, die Johanna in den Heilstätten kennengelernt hat und die wegen ihrer Hellsichtigkeit und philosophischen Ansichten bewundert, aber auch gefürchtet wird.
Thema und Genre In diesem Generationenroman geht es um die für den Beginn des 20. Jahrhunderts moderne und besonders unter sozialen Aspekten fortschrittliche Einrichtung Lungenheilstätten Beelitz der Arbeiterwohlfahrt. Wetere Themen sind schreibende Frauen, sowie der zu dieser Zeit im Bürgertum beliebte Okkultismus mit Séancen und Medien. Im Mittelpunkt der Geschichte stehen Frauen auf der Suche nach Selbstbestimmung und ihrem eigenen Weg im Leben.
Erzählform und Sprache Die Geschichte spielt in Berlin auf drei unterschiedlichen Zeitebenen, die jeweils chronologisch geschildert werden, Johanna und Anna 1907 – 1909, Johanna 1967 und Vanessa 2020. Die Abschnitte, die in den Heilstätten Beelitz spielen, zeigen ein eindrucksvolles, lebendiges Bild dieser weitläufigen sozialen Einrichtung und der damit verbundenen Problematiken. Das Jahr 2020 beschreibt die reale Situation einer modernen Stadtentwicklung und Bebauung von nicht museal genutzten Teilen des Areals. Im gesellschaftspolitischen Mittelpunkt stehen jedoch die Frauen. Durch Generationen getrennt sind Johanna, Anna und Vanessa auf der Suche nach Eigenständigkeit und Selbstbestimmung. Die Sprache schildert ruhig und präzise, die Wechsel zwischen den Zeitebenen unterbrechen teilweise den Erzählfluss, Ortsangabe und Jahreszahl in der Überschrift erleichtern die Zuordnung.
Fazit Ein interessanter gesellschaftspolitischer Generationenroman, ein anschauliches Bild der Entwicklungen und Bestrebungen jener Zeit. Das Wohlbefinden, Heilung durch Selbstheilung, ist nicht nur der medizinische Ansatz jener Jahre zu Beginn des 20. Jahrhunderts, sondern wird durch unterschiedliche Blickwinkel des Erzählens auf die jeweilige Lebenssituation der Hauptfiguren zur Metapher für das Streben der Frauen unterschiedlicher Generationen nach Eigenständigkeit und persönlicher Freiheit.
In diesem Roman lernen wir die Lungenheilstätte in Beelitz kennen. Zwischen 1898 und 1930 wurde das südlich von Berlin liegende Gelände als Arbeiter-Lungenheilstätte genutzt, diente während der Weltkriege als Lazarett und Sanatorium und nach 1945 als sowjetisch/russisches Militärhospital. Ab 2016 wurde dort ein sog. Creative Village mit Ateliers und Wohnungen errichtet.
Die im Roman erzählte Geschichte erstreckt sich in Anlehnung an die Historie der Heilstätten über 3 Zeitebenen. 1.) 1907/1908: Beelitz ist Arbeiter-Lungenheilstätte. Die beiden Protagonistinnen Anna Brenner und Johanna Schellmann treffen in der Heilstätte aufeinander. Anna, die Fabrikarbeiterin aus einfachen Verhältnissen, soll sich hier von ihrer Tuberkulose erholen. Johanna Schellmann, aus reichen Verhältnissen stammend, in Berlin lebende Gattin eines Arztes, besichtigt den Ort, um ein Buch darüber zu schreiben und interessiert sich zunehmend für Anna, die für ein Medium mit übersinnlichen Fähigkeiten gehalten wird.
2.) 1967: Johanna, mittlerweile alt, verwitwet und allein in Berlin Dahlem lebend, erinnert sich an ihre Zeit als Schriftstellerin und versucht mit einem neuen Roman an ihren Erfolgsroman aus der Heilstättenzeit 1907/1908 anzuknüpfen.
3.) 2020: Vanessa, eine Urenkelin Johannas, zieht es nach Beelitz ins Creative Village. Ihre Wohnung in Berlin Kreuzberg wurde ihr gekündigt. Sie erhofft sich eine neue und billigere Bleibe in Beelitz.
Den Hauptteil des Romans nimmt die Zeit um 1907/1908 ein, das Aufeinandertreffen von Anna und Johanna und den zu dieser Zeit angesagten Hype um Okkultismus und insbesondere um das Heraufbeschwören der Seelen von Verstorbenen. Der Leser erlebt Seancen mit, wird Zeuge von geisterhaften Erscheinungen, ausgelöst durch die Anwesenheit der überaus religiösen Anna.
Eine faszinierende, metaphysische Atmosphäre umgibt Anna, und dieser Aura erliegt auch Johanna. Hier wird eine gruselige, mystische Atmosphäre geschaffen, die mir gefallen hat, auch wenn die Glaubwürdigkeit Annas durchaus angezweifelt werden kann und auch wird, so vom Ehemann Johannas, als Mediziner ein Naturwissenschaftler ohne Hang zum Übersinnlichen.
Die drei Zeitebenen sind geschickt miteinander verknüpft. Es ist unterhaltsam und spannend zu lesen, wie es zu einem Unfall im Hause Schellmann in der Berliner Villa kommt, in der der Ehemann Johannas wissenschaftliche Forschungen zur Bekämpfung des Tuberkulosebazillos betreibt. Vage bleibt, was wirklich geschah. Aufschluss über die Wahrheit könnte ein Manuskript geben, das die Urenkelin Vanessa bei einer Besichtigung der ehemaligen Heilstätten 2020 zugespielt wird.
Sehr gelungen ist die Wiedergabe der Atmosphäre des Lebens in der Kaiserzeit, einerseits in der luxuriösen Villa Johannas mit Köchin, Kinderfrau etc. und andererseits die harten Lebensverhältnisse der Fabrikarbeiterin Anna. Ebenso die 1967iger Jahre, Studentenaufstände in West Berlin, der Schahbesuch und schließlich die heutige Zeit, Berlin 2020, quirlig, trendig, Großstadtfeeling. Dagegen das ruhige, wohlsituierte, spiessig anmutende Ambiente in Beelitz. Alles so überaus gepflegt, ganz anders als das "dreckige" Berlin, so empfindet es Vanessa und kann sich dennoch nicht mit Beelitz anfreunden. All das konnte ich nachempfinden, was dem wunderbaren Schreibstil der Autorin zu verdanken ist.
Das durch Anna verkörperte Okkulte und Metaphysische, das über dem Hauptteil 1907/1908 schwebt und dessen Anziehungskraft auf Johanna hätte m. E. noch mehr ausgeleuchtet werden können. Genau wie die Brücke in die heutige Zeit besser und verständlicher hätte geschlagen werden können. Wenn eine solche Brückenschlagung überhaupt gewollt war. Insofern fehlt es dem Roman an Tiefe. Was soll hier vermittelt werden, was ist die Botschaft ? Der letzte Teil des Romans gibt Anlaß zu vielfältigen Spekulationen über das, was damals wirklich geschehen sein könnte, ähnlich wie ein Krimi, nur leider ohne Auflösung. Es liest sich gut, läßt den Leser m. E. dennoch ratlos zurück.
Warum sind Romane in und um Heilstätten im Jahr 2024 so en vogue ? Wird hiermit ein Bedürfnis nach Wohlbefinden, nach Heilung und Sinngebung bedient ? Unterhaltsam war "Das Wohlbefinden" von Ulla Lenze trotz aller offenen Frage jedenfall sehr ! Ich vergebe 4 Sterne und eine Leseempfehlung für alle Freunde von Heilstätten, Kurorten und Sanatorien.
Der Zauberberg der Proletarier …so nennt ein heutiger Verleger auf S. 26 die Heilstätten Beelitz bei einem Gespräch mit Johanna Schellmann. In den Heilstätten sollten Arbeitern die in menschenunwürdigen Verhältnissen leben und arbeiten mussten, Behandlungen besonders für Lungenkrankheiten ermöglichen. Da sind wir schon mittendrin in der Geschichte über die Heilstätten, über Frauenleben in der „Kaiserzeit“ und um okkultes Wissen und Hellsichtigkeit. Dieser Roman führt uns an verschiedene Orte – Berlin, West-Berlin, Beelitz, München. Außerdem sind die Abschnitte in Zeitebenen aufgeteilt – 1907- 1909, 1967, 2020. Gerade diese verschiedenen Zeitabschnitte führen aber auch dazu, dass ständig der Lesefluss unterbrochen wird. Wir lesen als ob wir durch den Roman mäandern – und nicht nur durch die Begebenheiten sondern auch durch die Orte, an denen sie stattfinden. Zuerst treffen wir Vanessa, die Urenkelin Johanna Schellmanns, bei einem Besuch in den früheren Heilstätten Beelitz bei Berlin. Die sind in ein „Creative Village“ umfunktioniert worden mit vielen verschiedenen Baustellen. Vanessa hat eigene Probleme, sie muss ihre Wohnung verlassen – Eigenbedarf - und trifft mit einem Makler zusammen. Sehr interessant hier ist, dass der Makler, der Vanessa bei der Wohnungssuche helfen wird, ein Manuskript ihrer Urgroßmutter gefunden hat. Dabei erzählt er Vanessa, dass sein Vater als Student ihrer Urgroßmutter geholfen hat, ihr Leben im Alter zu bewältigen. Ab da tauchen wir ein in diese oft düstere Geschichte. Um 1907 treffen wir Anna, eine Fabrikarbeiterin, in den Beelitzer Heilstätten. Sie spricht eine geheimnisvolle Sprache. Oft redet sie von Gott und sagt es immer wieder zu allen, die zu ihr auf sehen, dass es Gott sei, der ihr helfe. Sie erinnert sich an ihr Dasein als Dienstmädchen und Fabrikarbeiterin, später wird sie sich wünschen, darüber zu schreiben. Das Treffen mit Johanna Schellmann wird für beide zum Schicksal. Es ist die Kaiserzeit, viele Menschen, auch Ärzte sind inspiriert von okkulten Geschehnissen. Die hellsichtige Anna wird großen Einfluss in der Heilanstalt haben, Menschen fühlen sich zu ihr hingezogen. Sie spricht mit Ärzten und warnt Professor Blomberg und Clemens Schellmann vor gefährlichen Röntgenstrahlen – „diese werden Sie töten“. Sie wird zu spiritistischen Séancen hinzugezogen und fährt dazu sogar nach München zum Arzt Schrenck-Notzing. Dieser Arzt ist damals sozusagen in „Mode“ mit seinen rätselhaften und heimlichen Sitzungen mit verschiedenen Medien, wovon Anna eines wird. Johanna nimmt Anna später in ihre Familie auf, was zur völligen Entfremdung führt mit ihrem Ehemann, dem Arzt Clemens. Er forscht mit Schimmel, der gegen Bakterien wirksam sein soll und das stößt Johanna ab. Er wiederum schätzt ihre intellektuellen Fähigkeiten in keiner Weise. Sie haben keine Gemeinsamkeiten mehr. Das führt dazu, dass Anna und Johanna sich mehr und mehr annähern. Clemens sieht dies sehr besorgt und befürchtet, dass Johanna seelisch abhängig werden könnte von Anna. Das Thema Beelitzer Heilstätten hat schon viele Veröffentlichungen hervorgebracht. Dort wurden einst Lungenkranke, Soldaten und Prominente behandelt. Im Ersten Weltkrieg waren sie ein Lazarett für verwundete Soldaten Lenze erzählt ihre Geschichte, indem sie den Schicksalen von zwei Patientinnen und Ärzten folgt. Ihre Prosa ist dicht und eindringlich, ausdrucksvoll und überzeugend. Die Rolle der Urenkelin Vanessa wird überzeugend gezeichnet, besonders die Gefühle, die die Entdeckung des Manuskripts ihrer Urgroßmutter in ihr erzeugt. Der Roman beginnt mit Vanessa und endet damit, dass sie sich entschließt, mit ihrem Vater Weihnachten zu feiern – das Fest der Freude und Erlösung.
„Das Wohlbefinden“, der neue Roman von Ulla Lenze, erschienen 2024 bei Klett-Cota und auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2024 zu finden, ist ein Roman, von dem ich im vorderen Bereich noch dachte, dass er Thomas Manns „Zauberberg“ locker auf die hinteren Ränge verweisen wird, der dann aber in der zweiten Hälfte dieses Versprechen leider doch nicht erfüllen konnte.
Klappen- und Umschlagstext des Buches versprechen und eine Geschichte zwischen zwei ungleichen Frauen, der Fabrikarbeiterin Anna und der Schriftstellerin Johanna, die sich in den Lungenheilstätten Beelitz vor den Toren Berlins begegnen und eine starke Verbindung eingehen, die sie am Ende zu Rivalinnen macht. Diese Geschichte und auch viele Informationen über die Heilstätten Beelitz hätten mich sehr interessiert, es kam jedoch anders.
Der Roman spielt auf drei Zeitebenen, 1907/8, 1967 sowie 2020 im Coronajahr, was als Thema sehr dezent und gut gemacht einfließt. Neben Johanna und Anna gibt es noch eine dritte Protagonistin, Vanessa, die durch einen Zufall 2020 auf die Spur von ihrer Verwandten Johanna gerät und das Thema dann nicht mehr loslassen kann.
Lenze deckt in ruhigem Tempo anfangs Schicht für Schicht die Geschichte und Beziehungen ihrer Figuren auf, führt ein in die jeweiligen Zeiten und stellt erste Bezüge zu prominenten Persönlichkeiten der jeweiligen Zeit und zu Themen, die die Welt beschäftigten, wie z.B. der Okkultismus, der eine große Rolle spielt in dem Roman, her. Das gelingt sehr geschickt und charmant. Die Kapitellänge ist gut, der Schreibstil für mich oft ein bisschen unnötig Schleifen-förmig (es wird etwas erwähnt, woran mensch sich sofort ein Fragezeichen macht, einen Absatz oder 1-2 Seiten später kommt die Erklärung, für mich etwas überflüssig, erzeugt nix bei mir), aber ansonsten in sich geschlossen, bildstark und gut lesbar, manchmal literarisch etwas gewollt. Es gibt viele kleine Anspielungen auf den Zauberberg für Kenner:innen und auch der Titel des Buches wird ganz wundervoll eingewoben. Henze verwebt geschickt historische und fiktive Elemente zu einem neuen Ganzen (hier hätte ich mir ein Nachwort gewünscht.). Die erste Begegnung zwischen der hellsichtigen Anna und der spröden Johanna ist kraftvoll und voller Verheißung, hier steht sofort ein Geheimnis im Raum.
Das Problem ist, dass der Roman sich von hier aus eigentlich kaum entwickelt. Es kommt keine wirkliche Handlungsdynamik auf, für mich zog immer mehr Stagnation ein, die Handlung 2020 erweist sich zunehmend als eigentlich überflüssig, die Handlung 1967 mochte ich persönlich zwar, aber auch sie ist bei näherer Betrachtung tatsächlich auch verzichtbar. Beide Handlungen nehmen aber Raum, der meiner Meinung nach besser darauf verwendet worden wäre, deutlich mehr über die wirklich spannenden Heilstätten Beelitz (und auch deren Problematik) zu erzählen und die Beziehung von Anna und Johanna mehr in der Tiefe auszuloten. Das hätte ich von der Beschreibung des Romans her erwartet – und hier wurde ich enttäuscht. Zunehmend fand ich deshalb auch Sprache und Erzähltempo anstrengend, es fiel mir persönlich schwer, bei der Stange zu bleiben. Und auch die gewählte Auflösung am Ende konnte mich leider nicht überzeugen. So ganz erklärt sich mir der Platz auf der Longlist nicht, auch wenn die Autorin streckenweise wirklich literarisch-stilistisch beeindruckend schreibt und das Grundkonzept viel Potenzial aufweist. Ich gehe mit sehr gemischten Gefühlen aus der Lektüre und empfehle auf Youtube mal ein bisschen über die Heilstätten Beelitz selbst zu recherchieren – da wird mensch fündig und kann eventuell auffüllen, was das Buch schuldig blieb.
Ein großes Dankeschön an lovelybooks.de und Klett Cotta für das Rezensionsexemplar!
Spiritualität und Okkultismus liegen sehr nah beieinander. Das merkt man in dem Buch von Ulla Lenze ziemlich schnell. Auf drei Zeitebenen wird uns die Geschichte von Johanna Schellmann und Anna Brenner erzählt. Johanna, eine trotz Ehe sehr autonome Persönlichkeit, die wohlhabend über sich selbst bestimmen kann, und als Schriftstellerin tätig ist, lernt 1908 Anna in den Heilstätten Beelitz kennen. Dort versucht Anna nach einer Lungentuberkulose wieder zu Kräften zu kommen. Sie verfügt über seherische Fähigkeiten, sagt Dinge voraus, die dann tatsächlich eintreffen. Das ruft Neugier hervor, in einer Zeit in der Okkultismus zum guten Ton der „besseren“ Gesellschaft gehörte. Die schon hochbetagte Johanna lebt 1967 sehr isoliert, ab und zu schaut Max nach ihr. Sie ist ruppig und wird zunehmend dement. Ein Manuskript, dass sie ihrem Verlag übergibt, wird abgelehnt. Sie möchte aber nun endlich die Wahrheit über Anna schreiben. Vanessa, die Urenkelin Johannas ist 2020 in der Hochphase der Pandemie auf Wohnungssuche. Da lernt sie einen Makler kennen der in den gentrifizierten Beelitzer Heilstätten Wohnungen vermittelt und über ein Manuskript verfügt, dass Johanna verfasst hat.
Alle drei Zeitstränge sind unwahrscheinlich atmosphärisch geschrieben. Sowohl die Heilstätten Beelitz - heute wie damals. - als auch die okkulten Zusammenkünfte sind erlebbar dargestellt. Jede Epoche gibt ihren Spirit authentisch Preis. Die Figur der Anna, die in ihrem christlichen Glauben eine Kraft findet, die es ihr möglich macht Dinge zu erahnen, sei es aus Intuition heraus oder Übersinnlichkeit, wirkt neugierig und zurückgenommen, doch trotzdem stark. Johanna ist nicht unbedingt eine Sympathieträgerin. Sie wirkt und steht und unzufrieden. Weder ihre Rolle als Schriftstellerin noch dir als Ehefrau und Mutter fühlt sie aus. Sie scheint ständig auf der Suche nach Distanz zu den Menschen um sich herum. Die Männer in diesem Plot, wie zum Beispiel Clemens Schellman oder Blomberg scheinen Angst vor der Kraft Annas zu haben, und kompensieren das mit abwertendemVerhalten. Vanessa ist eine ambivalente Persönlichkeit. In der Not der Wohnungssuche bleibt sie misstrauisch und abweisend gegenüber ihrem Umfeld. Sie wirkt auf mich depressiv und lethargisch.
Eins haben alle Figuren gemeinsam, sie bleiben mir sehr fremd. Das mag auch daran liegen, dass die Handlung zerfasert wirkt. Uns werden Orte beschrieben und Abläufe erzählt, aber der eigentliche Inhalt ist für mich schwer zu erkennen. Der Plot schwebt im luftleeren Raum wie ein Netz mit vielen Löchern. Mir ist es schwer gefallen zu erkennen, wo die Autorin mit uns hin will, es gibt keinen wirklichen Spannungsbogen. Ich vermisse das in anderen Rezensionen wahrgenommene Feministische und auch das Okkulte ist zwar da aber in wenig intensiver Form, so dass es nicht wie der Kern, sondern wie ein Element von vielen wirkt. Ich mutmaße mal, dass es hier um die Autonomie von Frauen geht, und um Männer, die ihr diese nicht zugestehen wollen. In dieser Version ist mir das aber zu dünn.
Sprachlich macht es großes Vergnügen, diesen Roman zu lesen. Lenze schreibt unaufgeregt, aber angenehm stilvoll. Trotzdem bleibe ich am Ende doch etwas ratlos zurück mit einem Buch, von dem ich nicht so genau weiß, wie es funktioniert.
1907. In der Heilanstalt Beelitz begegnen sich Anna und Johanna. Erstere – Patientin aus einfachen Verhältnissen – gilt als Medium, erfährt als solches gleichzeitig Anbiederung und tiefe Ablehnung. Letztere – wohlsituierte Gattin eines Arztes und ambitionierte Schriftstellerin – ist nur zu Besuch. Die Differenz dieser Frauen auf allen Ebenen ist offensichtlich, aber etwas scheint beide zu verbinden. Nach ihrer Entlassung wird Anna einige Zeit bei Johanna leben und der Einfluss sein, der es Johanna erlaubt, den wichtigsten Roman ihres Lebens zu schreiben. Und doch scheint es nur eine Frage der Zeit, bis die aus dem Ungleichgewicht entstehenden Spannungen sich zu entladen drohen.
2020. Johannas Urenkelin Vanessa verschlägt es auf ihrer Wohnungssuche ausgerechnet in die Heilanstalt Beelitz, wo ihr unerwartet durch den Makler unbekannte Aufzeichnungen ihrer Großmutter in die Hände fallen …
Ich sage es gleich vorneweg: Ich habe „Das Wohlbefinden“ von Ulla Lenze sehr gerne gelesen. Der Stil, der Aufbau, die Charaktere … alles hat eine wunderbar homogene Einheit ergeben, die einfach Freude gemacht hat. Ganz besonders hat mir die Schilderung der Beziehung zwischen Anna und Johanna gefallen. Erstaunlich, wie Lenze es schafft, hier ohne viele explizite Worte eine Atmosphäre zu schaffen, die das aus den Diskrepanzen entstandene Ungleichgewicht zwischen den beiden so unglaublich fühlbar macht. Ebenfalls besonders gut gelungen fand ich die Ebene, auf der wir 1967 der nun gealterten Johanna begegnen. Großartig, wie Lenze hier eine Frau schildert, deren Gedächtnis und Körper sie langsam im Stich lassen, die an ihrer Identität festzuhalten sucht und der doch alles zu entgleiten droht. Eine ergreifende Schilderung, die dabei ganz ohne Dramatik auskommt.
Wenn ich dann aber doch zögere, in komplett uneingeschränkte Begeisterungsstürme zu verfallen, dann hat das vor allem zwei Gründe: Der wesentlichere ist, dass mich der Roman irgendwie leicht unbefriedigt zurückgelassen hat. Das liegt zum einen daran, dass sich mir nicht komplett erschlossen hat, worum es Lenze bei der Erzählung dieser Geschichte ging, für mein Gefühl haben am Ende ein oder zwei Puzzle-Steine gefehlt. Es ist ein wenig, als wäre das große Potenzial dieser Geschichte nicht vollständig ausgeschöpft worden. Mein zweiter Grund liegt in dem Erzählstrang um Vanessa. In letzter Zeit lese ich häufiger Romane, die zu diesem erzählerischen Stilmittel greifen, zwischen den Zeiten und Generationen zu springen. Für mich funktioniert das nur sehr selten. Fast immer finde ich den Teil, der in der Gegenwart spielt, überflüssig. So ging es mir auch hier, für mein Empfinden hätte es Vanessa nicht gebraucht, die Geschichte wäre ohne sie genauso gut, wenn nicht noch besser gewesen.
Aber diese Kritikpunkte fallen nicht allzu sehr ins Gewicht. Vermutlich bin ich gerade, weil „Das Wohlbefinden“ so gut ist, besonders pikiert über jeden kleinen Flusen. Flusen des persönlichen Geschmacks noch dazu. Darum geht für diesen Roman auch eine ganz klare Leseempfehlung raus.
Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2024 und meine Daumen sind auf jeden Fall schon einmal für das Erreichen der Shortlist gedrückt.
Wohlbefinden und Selbsterfahrung – eine Versuchsanordnung in mehreren historischen Stationen. Ein interessanter Roman, der auf verschiedenen Zeitebenen spielt und mir trotz Schwachstellen (z. B. dem seicht geratenen Schluss) gefällt. Thematisiert wird dabei weibliche Erfahrung und auch weibliches Schreiben um 1900. Die Erzählstränge werden immer wieder miteinander verknüpft, manchmal schlägt allerdings die Konstruktion durch.
Zunächst einmal ist da die sehr heutige junge Frau Vanessa, die bei einer Internetfirma Texte schreibt, schlecht bezahlt, demnächst wohnungslos, aus dem Berliner Wedding. Gleich zu Beginn vergleicht sie sich mit den Arbeiterinnen der Jahrhundertwende, auf deren Wohlergehen nur Rücksicht genommen wurde, wenn sie aus dem Produktionsprozess krank herausfielen. Vanessa geht es auch um Heilung. Damals war es die der Tuberkulose, heute ist es die der Depression. Damals gab es das Sanatorium zur Wiederherstellung der Arbeitskraft, heute die Meditationsapp, den Selbsterfahrungskurs, die Therapie. Vanessa begibt sich nach Beelitz, eine Wohnung ist dort ausgeschrieben, im luxussanierten Quartier der alten Lungenheilstätten. Deren Ruinen nebenan (s. Bildhintergrund) faszinieren sie.
Damit ist die zweite Ebene im Roman angesprochen. Vanessas Urgroßmutter, die Schriftstellerin Johanna Schellmann, ist 1907 ebenso angetan von der Stätte, wo moderne Heilmethoden erprobt werden, die neben den Körperkräften auch die Seelenkräfte stärken sollen. Ein Zusammenhang zu heutigen ganzheitlichen Methoden der Heilung klingt an. Johanna wird bestärkt, einen Roman über den Ort zu schreiben und kommt in Kontakt mit einem Medium, der Arbeiterin Anna, die dort wegen der Tuberkulose behandelt wird und sich von Gott berufen fühlt.
In der etwas gewagten Romankonstruktion bekommt Vanessa ein Manuskript ihrer Urgroßmutter in die Hände, das die bedeutendste Rolle im Roman spielt. Darin geht es um die Geschichte der Verstrickung der Schriftstellerin mit Anna. Es ist die Erfahrung des Okkulten, das sie aus ihrem Wohlstandseckchen zu befreien scheint, aber fatale Folgen hat. Séancen waren groß in Mode. Es geht um Dominanz, Abhängigkeit und Aberglauben. Johanna wird auch auf einer zweiten Zeitebene 1967 vorgestellt, als alte und vergessene Schriftstellerin, zunehmend der Demenz verfallend.
Besonders gefallen haben mir die atmosphärischen Beschreibungen, beispielsweise der Umgebung der Beelitzer Lungenheilstätten. Auch die kritische Darstellung der besseren Gesellschaft und der Erziehung um die Jahrhundertwende finde ich gelungen. Amüsant ist, dass historische Persönlichkeiten nicht nur erwähnt werden, sondern tatsächlich auch eine kleine Rolle im Romangeschehen spielen, so etwa Caspar von Schrenck-Notzing, Rudolf Steiner oder Günter Grass.
Fun fact: In Inger-Maria Mahlkes Roman „Unsereins“ habe ich gelernt, dass man Perserteppiche früher mit Sauerkraut gereinigt hat, das Mittel der Wahl im Roman „Das Wohlbefinden“ sind feuchte Teeblätter, die angeblich den Staub aus den Teppichfasern lösen.
Es ist das Jahr 1907: Anna ist Fabrikarbeiterin, ihr werden besondere Fähigkeiten als Medium nachgesagt. Johanna Schellmann ist Schriftstellerin. Während sich beide in den Heilstätten Beelitz aufhalten, entsteht eine Freundschaft, die sie alsbald zu Rivalinnen machen soll. 2020 möchte ihre Urenkelin Vanessa Licht ins Dunkel bringen, natürlich vor Ort.
Es ist kein Roman, der sich mal eben nebenher lesen lässt. Ich musste mich erst auf »Das Wohlbefinden« einlassen, um in die Geschichte eintauchen zu können. Sehr interessiert hat mich der Handlungsort, da ich unweit aufgewachsen bin und mir die Heilstätten Beelitz seit meiner Kindheit ein Begriff sind. Besonders anzumerken ist hier der Schutzumschlag, der im Inneren beeindruckende Fotos und Informationen zu den Heilstätten bereithält und so Lust auf den Inhalt des Buches macht. Ulla Lenze hat drei Frauenfiguren konstruiert, darunter Vanessa, die Urenkelin der Schriftstellerin Johanna Schellmann, die der Vergangenheit ihrer Urgroßmutter auf die Spur kommt.
Die Zeitebenen wechseln zwischen 1907 und 2020, sodass wir als Leser*innen Kaiserreich und Gegenwart erleben. In den Kiefernwäldern vor Berlin befinden sich die Arbeiter-Lungenheilstätten Beelitz, wo sich die Farbrikarbeiterin Anna Brenner und die Schriftstellerin Johanna Schellmann im Jahr 1907 erstmals begegnen. Anna werden hellseherische Fähigkeiten nachgesagt, ein Umstand, den der Klinikleiter kritisch beäugt, auch, weil die Anhängerschaft des Okkulten und somit Annas Beliebtheit wächst. Johanna hingegen sieht in Anna eine Chance, ihr literarisches Schaffen voranzutreiben, was diese jedoch ablehnt. So entwickeln sich beide Frauen zu Rivalinnen. Im Jahr 2020 kommt Vanessa, Urenkelin von Johanna Schellmann, der Vergangenheit ihrer Urgroßmutter auf die Spur. Im luxuriös sanierten Beelitz erfährt sie mehr über ihr damaliges Leben und künstlerisches Schaffen.
Ein klug geschriebener Roman mit viel Hintergrundwissen und spannenden weiblichen Charakteren, intensiv und emotional. Ich brauchte ein wenig, um die Geschichte anzunehmen und mich darin fallen lassen zu können, dann aber war es ein wirklich tolles Erlebnis.
Ulla Lenze portraitiert in diesem Roman drei Generationen faszinierender Frauen vom Kaiserreich bis in die Gegenwart. Sie verbindet Freundschaft, Rivalität und Aufstieg und schafft historische Einblicke in die Heilstätten Beelitz von früher bis heute.
Ich hab relativ lange gebraucht, um mit dem Buch warm zu werden, es dann ab der Mitte verschlungen und war dann vom Ende ein wenig enttäuscht. Was schade ist, weil der Roman an sich viel hat, was mich reizt und abholt - Multipersperktivität, einen Fokus auf Frauenfiguren, ihr Innenleben und ihre Beziehungen zu einander, verschiedene Zeitebenen, eine eher understated und auf der persönliche fokussierte Erzählweise und Handlung - aber am Ende haben mir sowohl am Anfang als auch am Ende was gefehlt. Die Spannung baut sich am Anfang extrem langsam auf, was ich noch akzeptabel gefunden hätte, wenn ich am Ende das Gefühl gehabt hätte, abgeholt geworden zu sein, aber leider haben sich sowohl die Auflösung von Vanessas Problem in der Jetztzeit-Plotline als auch die Erklärung, was zwischen Anna und Johanna tatsächlich vorgefallen ist, sehr unbefriedigend angefühlt und waren für die Anspannung und das Mitfiebern, das ich zwischendrin empfunden habe, nicht ausreichend auflösend. Zum Ende haben sich die emotionalen Entwicklungen, die am Anfang sehr langsam Fahrt aufgenommen haben, auch sehr überstürzt und deshalb unterentwickelt und oberflächlich angefühlt - vielleicht liegt das aber auch daran, dass Ulla Lenze mit sehr viel Feingefühl subtile und unterbewusste Prozesse von vor allem Johanna und Vanessa beschreibt, diesen dann aber zum Ende hin nicht mehr genug Raum geben konnte. Auch die vielen verhandelten Themen wie Eltern-Kind-Beziehungen, Klasse, unterschiedliche Vorstellungen von Medizin, Wissenschaft und Spiritualität, und die Verwobenheit von Vergangenheit und Präsenz bekommen nicht genug Raum, um ihre emotionale Tragweite zu entfalten. Teilweise hatte ich auch das Gefühl, dass die Multiperspektivität - neben Anna, Johanna und Vanessa bekommen auch Johannas Ehemann und ein Heilstättenarzt eigene, sehr kurze POV-Abschnitte - eher geschadet als geholfen hat, weil sie mir die emotionalen Ankerpunkte entzogen hat.
Was jedoch eine absolute Stärke des Romans ist ist Ulla Lenzes Fähigkeit, Stimmung zu erzeugen und einzufangen. Egal, ob im Sommer der 2020er oder 1908-1909, Lenzes Prosa erzeugt so viel Sog, dass es mich bei der Stange gehalten hat.
Danke für das Rezensionsexemplar @klettcottaverlag & @netgalley 🫶🏼 ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀ „Das Wohlbefinden“ hat mir echt gut gefallen! Ich mag das Cover sehr und der Klappentext hat mich auch gecatcht. Eine dichte Geschichte, die Mystik und die Klassenbeziehungen vergangener Zeiten miteinander verwebt.
Anna wird als Medium gehandelt, sie ist Patientin in der Arbeiter-Lungenheilanstalt Beelitz und trifft zutreffende Vorhersagen für die Personen um sich herum. Johanna strebt ein Autorendasein an, doch ihr fehlt eine gewisse Ermutigung, wirklich über das zu schreiben, was sie bewegt. Vielleicht könnte Anna der Schlüssel zu ihrem Erfolg sein. Die beiden treffen aufeinander und spüren eine besondere Verbindung, worüber sich Clemens – Johannas Mann – so gar nicht freut. Vanessa ist Johannas Urenkelin und begibt sich in der Gegenwart auf Spurensuche, als ihr ein altes Manuskript von Johanna in die Hände fällt.
Die Erzählung ist auf mehrere Zeitebenen aufgeteilt, was mir sehr gut gefallen hat. Wir begleiten die Frauen auf ihrem Weg, setzen uns gemeinsam mit ihnen mit den Illusionen in ihren Leben auseinander. Anna hat mich in ihren Bann gezogen, mir ging es da ähnlich wie Johanna. Auch die unterschiedlichen „Stände“ der Charaktere wurden anschaulich dargestellt. Anna, als ehemaliges Hausmädchen und ehemalige Arbeiterin, und das Doktor-Ehepaar-Schellmann mit Personal stehen sich gegenüber – oder sollte man besser sagen, übereinander?
Ein Roman mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Perspektiven, viel Deutungsmasse und interessanten Charakteren. Von mir gibt’s eine Empfehlung! „Das Wohlbefinden“ steht meiner Meinung nach zurecht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2024!
Verschenkte Sujets Die Autorin mäandert planlos zwischen den unterschiedlichsten Themenstellungen herum, von denen manche, isoliert betrachtet, ein lohnendes Sujet abgeben könnten, deren insgesamt aber nur rudimentär durchgeführte Behandlung für den Leser unbefriedigend bis ärgerlich ist. Da ist einmal der revolutionäre soziale Aspekt, zu Beginn des 20. Jahrhunderts für die Arbeiterschicht eine Klinik für die seinerzeit noch unheilbare Tuberkulose zu schaffen. Unvermittelt wird die zur gleichen Zeit hochschwappende Mode des Okkultismus thematisiert. In einem untergeordneten Handlungsstrang wird, Jahre vor der tatsächlichen Entwicklung, die Erfindung des Penicillins vorweggenommen, scheiternd nur an den Kabalen innerhalb der Medizinerclique. In den Zusammenhang wird eine Ehegeschichte eingeflochten, garniert mit Eifersucht und Schuld, deren Protagonistin, bereits integriert in die Sphäre des Paranormalen, durch schriftstellerische Aktivität zum frühen Sprachrohr der Frauenemanzipation erscheint, bevor an eben dieser nach einem Zeitsprung die Probleme beginnender Demenz demonstriert werden. Um das Maß voll zu machen, werden an der Urenkelin alle Symptome moderner Orientierungslosigkeit durchexerziert, sinnig in die Coronaphase verlegt. Himmel, was für ein Konglomerat!
3✨ Ich finde die Idee der Geschichte super. Das Buch ist schön zu lesen und gibt einen interessanten Eindruck der Welt der Beelitzer Heilstätten vor dem 2. Weltkrieg wider. Leider wird die Verbindung zwischen Anna und Johanna schlecht entwickelt . Was genaue war die Anziehung? Hätte man die Ebene mehr ausarbeiten können außer nur die spirituelle Verbindung? Hätte man mehr familiäre Schätze ausgraben können mit Bezug zum jetzt. Warum war Johanna Schellmann nicht bei Gericht von Anna und was waren eigentlich Annas Gedanken? War Anna wirklich so skrupellos am Ende?
Die Geschichte in der Jetztzeit wirkt deplatziert. Es wird definitiv vermittelt da Vanessa verloren ist, stereotypisch für junge Menschen während der Pandemie. Wenn man einen Bezug zu Johanna herstellt und von einem festgesetzen "etwas" in der Familie Schellmann gesprochen wird, hätte man die Rolle von Vanessa auch wesentlich weiter und persönlicher entwickeln können.
Kurz gesagt: Viel Input und Potenzial, leider etwas lustlos aufgehört und etwas viel Personen miteinbezogen und wenig verteift verarbeitet.
The characters at the center of the narrative - Anne and Johanna - and their relationship to each other are captivating, as is the writing style. Johanna’s descendent, Vanessa, less so, and I struggled to determine her relevance to the story beyond a vague sense that she too was searching for some manner of Wohlbefinden and Heilung. That being said, the story ends with a dud, as important events (a trial, a falling out) are glossed over as if unimportant. A shame with such interesting and complex characters.
3,5 Sterne. Der Anfang des Romans ist interessanter als das Ende. Manche Themen, z.B. Annas Persönlichkeit und Vanessas mentale Probleme hätten mehr Details erfordert. Beide Figuren hätten mehr Aufmerksamkeit der Autorin verdient.
Anna ist Patientin in den Heilstätten von Beelitz und hat übersinnliche Fähigkeiten. »Ich sehe manchmal, wie die Dinge wirklich sind. Wie etwas wirklich ist, oder auch sein wird. Das sehe ich.« Johanna ist Schriftstellerin und findet durch Anna Inspiration für ein Buch. „Das Wohlbefinden“ wird in vier Handlungssträngen erzählt, die von Anna und Johanna Anfang des 20. Jahrhunderts, Johannas in den 1960er Jahren und der ihrer Urenkelin Vanessa im aktuellen Jahrzehnt. Dadurch fügen sich verschiedene Sichten zu einem Gesamtbild, denn die späteren Figuren reflektieren die Geschichte später anders als zum Zeitpunkt des Geschehens. So lernen wir drei Frauen intensiv kennen. Anna ist die schillerndste Figur, erleben wir sie doch bei ihren Voraussagen ganz authentisch, während sich „Wissenschaftler“ nur mit ihr schmücken wollen. Johanna ist eine zwiespältige Protagonistin, der man auch vorwerfen mag, sie würde sich persönlich an der Situation bereichern. Vanessa fungiert kaum mehr als als Rezipientin des Lebens ihrer Vorfahrin, bildet aber eine gute Rahmenhandlung. Mir hat unglaublich gut gefallen, wie die Atmosphäre des Gesundheitsinstituts mit seinen modernen Ansätzen eingefangen und wie eine mystische Stimmung verbreitet wurde. Das Hin-und-Herspringen zwischen den Zeiten fiel mir nicht schwer, vielmehr hatten sie jeweils ihre eigene spezifische Erzählweise. Zwar hatte ich nach dem Anfang einen krasseren Verlauf erwartet, doch habe ich hier einen faszinierenden Ausflug an einen besonderen Ort erhalten, der im Kopf bleibt.