Dieses Buch hat mich in meinem Innersten berührt.
Ich wollte es eigentlich vermeiden, mit einer für Rezensionen von Heavy Metal - Alben üblichen Formulierung zu beginnen. Der Soziologe Prof. Dr. Hartmut Rosa amüsiert sich an zwei Stellen dieses Buches liebevoll (!) und zu Recht ein wenig über deren pathetischen Stil. Leider komme ich aber nicht daran vorbei. Heavy Metal höre ich seit fast 35 Jahren, und nicht wenige der Gedanken in diesem Buch waren so nahe bei mir und dem, was mir wichtig ist, dass ich das Buch nicht nur einmal kurz beiseite legen musste. Keine Ironie. Aber Gänsehaut und fast Tränen in den Augen.
Strukturell hat der Autor das Buch wie ein Album aufgebaut, mit Intro und Outro und 9 Tracks/Kapiteln dazwischen. Die ersten fünf Tracks und das letzte Kapitel sind dabei ziemlich eingängig und potentielle Hits auch außerhalb der Szene. Hier geht es um folgende Fragen: Was ist Heavy Metal musikgeschichtlich? Welche Menschen hören eigentlich Heavy Metal? Was passiert in uns, wenn wir Metal hören? Wie zeigte der Heavy Metal Mitte der 90er der Musikindustrie mit Erfolg nicht die Pommesgabel, sondern den Mittelfinger?
Zwei zentrale Aspekte des Heavy Metal - Fan - Daseins arbeitet Prof. Rosa in diesen Kapiteln besonders heraus. Zum einen die ungewöhnlich intensive Identifizierung der Fans mit ihrer Musik. Dies zeigt sich zum Beispiel darin, dass die eigene Biographie ganz natürlich in Beziehung zum Werdegang der großen Rock- und Metalbands wie Iron Maiden oder Metallica gesetzt und erlebt wird. Zum anderen - und das ist eine der Kernaussagen des Buches - beschreibt er die große Bedeutung der Höhepunkt- oder Gipfelmomente beim Musik hören. Sei es zu Hause oder auf Konzerten, Heavy Metal - Hörer erinnern sich intensiv an erlebte Gipfelmomente (können sie auf einem Album auf die Sekunde genau festmachen) und suchen wie die alten Entdecker in neuer Musik immer wieder neue Zugänge zu solchen Momenten. Prof. Rosa schreibt von diesen beiden und anderen Phänomenen auf eine Weise, wie es nur ein echter Fan (in Abgrenzung zu einem Journalisten oder einem Wissenschaftler mit angelesenem Wissen) kennen und beschreiben vermag. Er kann als Soziologe aber noch einen Schritt weitergehen und findet auch eine wissenschaftliche Beschreibung, Einordnung und Erklärung für dieses Verhalten. Was genau suchen und finden wir z. B. in diesen Gipfelmomenten? So erhält die Leserin und der Leser - trotz oder vielleicht gerade weil Worte wie "ontologisch" oder "dispositional" verwendet werden - das Vokabular dafür, selbst auszudrücken, was man da eigentlich tut und an sich wahrnimmt. Das Buch hilft auf diese Weise dabei, die eigene Gefühlswelt beim Hören von Heavy Metal besser zu verstehen. Es bleibt dabei sehr authentisch und ganz nah an der Musik. Die vielen Musik - und Textbeispiele von Judas Priest über Metallica zu Iron Maiden, aber auch (etwas unbekannter) von Arena, zu Leprous und zu Savatage helfen beim Andocken an den Text. Heavy Metallische Fehler im Haupttext wären mir aufgefallen, sind es aber nicht. Gefehlt hat mir in diesem Zusammenhang lediglich eine Erwähnung der Prog-Metal Band Fates Warning, die mit ihrem Song "Guardian" einen Klassiker in Sachen körperlich spürbarer Höhepunktserfahrung (Gänsehaut und Tränendrüse) geschaffen haben. Man liest immer wieder, dass dieser Song "auf meiner Beerdigung gespielt werden soll". Neben einer mangels Nennung von Fates Warning zwangsläufigen Überbetonung der anderen großen klassischen Prog-Metal Band, Dream Theater, fiel mir noch der zu hohe Stellenwert auf, den Prof. Rosa der Zeitschrift Metal Hammer einräumt. In meiner Metal-Welt handelt es sich hierbei um ein ab Werk weichgespültes und wendehälsisches Magazin, das seit 1998 sogar zum Springer-Verlag gehört. Haben wir nie gebraucht, werden wir nie lesen. Wichtig ist in Deutschland allein das im Eigenverlag herausgegebene RockHard aus Dortmund. Dachte ich zumindest. Muss nicht stimmen.
Das Highlight dieses Albums ist dann das Triple der zentralen Tracks 6 bis 8, wobei Kapitel 6 ("Näher als Dein eigener Atem: Metal als Tiefenresonanz") meiner Meinung nach den Kern und Höhepunkt des Buches darstellt. Prof. Rosa gibt hier eine Zusammenfassung des in seinem bisherigen Werk als Soziologe zentralen Begriffs der "Resonanz" wieder und überträgt ihn auf den Heavy Metal. Man kann sich sein 800 Seiten starkes Buch von 2016 zu diesem Thema durchlesen, oder man lässt es sich (als Metal-Hörer exklusiv) am konkreten Beispiel des eigenen Musik-Erlebens erklären. Das ist Fan-Service der ganz besonderen Art. Resonanz zeichnet sich nach Rosa durch die vier folgenden Elemente aus: Man wird von außen - hier: durch die Musik - berührt (1). Wenn man die Berührung zulässt, erfolgt aus einem selbst heraus eine Antwort (2), und im Wechselspiel zwischen der Berührung von außen und der Antwort von innen kommt es zu einer Veränderung (3). Etwas Neues ist entstanden, vielleicht eine neue Erfahrung, eine neue Erdung, vielleicht auch nur eine geheimnisvolle neue Ahnung. Das vierte und letzte Element ist dann noch die "Unverfügbarkeit". Damit ist gemeint, dass sich dieser Vorgang (1 bis 3) weder planen noch erzwingen lässt. Manchmal hört man sich mit Vorfreude mal wieder sein Lieblingsalbum von damals an, erwartet einen erneuten Höhepunktmoment, und es passiert... nichts.
Kapitel 7 beschreibt dann die vielleicht besonders intensiven, im Grunde religiösen Resonanzen, die während eines Heavy Metal - Konzerts entstehen. Es folgt Kapitel 8, in dem endlich die Frage beantwortet wird, die wir alle schon von unseren Eltern gestellt bekommen haben: Meinen die (gemeint: die Bands) das eigentlich ernst? Die Antwort ist übrigens "Ja und Nein" und hat etwas mit der Romantik und mit Ironie zu tun. Vermutlich auch, weil ich den Fachbegriff der "romantischen Ironie" nicht ganz verstanden habe, habe ich hier ehrlich gesagt etwas mit dem Text, zumindest mit der Wortwahl, gefremdelt. Ironie ist etwas Schönes und hilft in der Kommunikation mit anderen und mit sich selbst. Aber unreflektiert ist Ironie doch eine nicht zu durchbrechende Schutzmauer vor echter Berührung. Zumindest diese Ironie ist daher eigentlich ein klassischer Feind der mit Berührungsbereitschaft beginnenden Resonanz.
Weitere wichtige Gedanken aus dem Buch:
Heavy Metal wird körperlich (Prof. Rosa spricht von "leiblich") erfahren. Rein passives Zuhören reicht dabei nicht aus.
Heavy Metal stellt Fragen, gibt aber - anders als die institutionalisierten Religionen - keine Antworten. Er wirkt nicht kognitiv. Und das ist gut so. Heavy Metal lässt stattdessen ehrfürchtige Ahnungen ("awe") zu, dass da mehr ist, als uns der starre, resonanzlose und von Konsum und vom kapitalistischen Wachstumsmantra geprägte Alltag zeigen möchte. Man kann Verbindungen zur Romantik des 19. Jahrhunderts, aber auch zu den Mystikern der Religionsgeschichte ziehen.
Die verzerrten Gitarren und der im Metal besonders umfangreiche Stimmumfang - vom Growlen bis zum engelsgleichen Frauengesang ("Monsters and Angels") - vermitteln ein nicht in Worte fassbares Gefühl dafür, dass die Welt beides ist, dunkel und hell, gut und böse. Es gibt dabei einen ambiguitätstoleranten Grat zwischen beiden Extremen, auf der die Musik besonders erfahrungsoffen für den Hörer ist. Bass und Schlagzeug geben bei dieser Gratwanderung die nötige ontologische (das Sein betreffende) Sicherheit.
Am Schluss des Buches findet sich ein link, der zu einem etwas erweiterten Glossar führt, außerdem zur fast 6 1/2 Stunden langen Spotify Playlist, die wirklich alle im Buch erwähnten Stücke beinhaltet.
Eigentlich möchte ich an dem Buch nur das Cover kritisieren. Die Dame ist zwar böse tätowiert und wohl zusätzlich noch ein wenig gesichtsbemalt, aber mal ehrlich, ich sehe da weder ein Monster, noch einen Engel-Monster-Hybrid! Das ist einfach nur eine attraktive, gestylte Frau. Sie sieht für mich genauso wenig nach Heavy Metal aus (eher nach Gothic?), wie sie das Monster-Engel-Thema des Buchs zu transportieren vermag. Hier hätte der Verlag ruhig etwas mutiger sein können. Dann sind mir im Glossar beim groben Durchlesen dann doch zwei Fehler aufgefallen. Der ehemalige RockHard Schreiber Frank Albrecht ist sicher nicht 1979 geboren. Ich weiß zwar nicht, wann er tatsächlich das Licht der Welt erblickte, aber ich habe hier mein erstes RockHard von Sommer 1990 vor mir liegen. Seine dort veröffentlichten Texte stammen sicher nicht aus der Feder eines 11-jährigen. Das möchte ich ausschließen. Und noch zum Thema RockHard: Das ist nicht 1999, sondern 1983 gegründet worden. Weniger Metal Hammer lesen, lieber Herr Prof. Rosa! :-)
An wen richtet sich WMRAES? Wer kann es mit Freude, aber auch mit Erkenntnisgewinn lesen? Ich kann es jedem Metal-affinen Leser, der keine Angst oder Abneigung vor Fremdwörtern und wissenschaftlichen Begriffen hat, nur sehr empfehlen. Wie auf die Musik, muss man sich auf das Buch aber einlassen. Ich verspreche jedoch, es ist ein klassischer "Grower". Außerhalb der Szene sehe ich eher weniger Potential für das Buch. Ich kann mir zum Beispiel gut vorstellen, dass musikinteressierte Soziologen (z. B. Resonanz-Fans) nicht verstehen werden (werden wollen?), warum das ganze jetzt gerade beim Heavy Metal so besonders sein soll. Ich weiß allerdings ehrlich gesagt auch nicht, ob ich ein vergleichbares Buch über Jazz nachvollziehen könnte. Wobei ich zugebe, eines über den Post Rock würde ich gerne lesen. Herr Prof. Rosa, bitte übernehmen Sie! Sie haben doch bestimmt einen Doktoranden, der Ihnen mal davon erzählt hat, dass nicht Iron Maiden, sondern Godspeed You! Black Emperor sein Leben verändert hat…