Prag 1910. Kisch ermittelt in seinem ersten Fall Prag ist in Aufruhr. Der Weltuntergang steht bevor. Im Mai 1910 soll die Erde den Schweif des Halley'schen Kometen kreuzen – ein jeder blickt zum Himmel, und die Verbrecher auf Erden haben leichtes Spiel. Egon Erwin Kisch, berühmt-berüchtigter Reporter der »Bohemia«, ermittelt auf eigene Faust in seinem ersten Fall. Er lässt sich sogar als Schwerverbrecher ins Gefängnis sperren, um mit dem Kopf der Prager Unterwelt Portwein zu trinken. Zum Glück bekommt Kisch Vom tschechischen Zöllner Novák, der sich mit Panikattacken herumschlägt, dem schüchternen Sonderling Brodesser und natürlich von seiner kongenialen Partnerin Lenka Weißbach, eigentlich Medizinstudentin, die sich fürs Böse interessiert und wie ihr Kumpel Kisch in den engen Gassen von Prag zu Hause ist. – Der furiose Auftakt einer neuen Krimi-Serie um Egon Erwin Kisch und Lenka Weißbach als Ermittlerduo. »Martin Becker und Tabea Soergel lieben das alte Prag und bringen es zum Leuchten! Eine magische Zeitreise durch die engen Gassen der goldenen Stadt – und zu einem genialen Ermittler und Reporter, noch dazu mit Humor. Das ist Babylon Praha!« Jaroslav Rudiš
„Die Schatten von Prag“ möchte gern „Die Totenärztin“ sein, kommt aber weit nicht an den Humor, an die Lebendigkeit und die Spannung von René Anour heran. Das ist schade, denn es hätte cool werden können. Immerhin basiert der Prota Kisch auf einer realen Persönlichkeit.
Historischer Hintergrund: Laut des Autor*innenduos haben sich die beiden wund recherchiert und das merkt man der Geschichte auch an. Ich recherchiere gerne noch einmal nach, wenn ich einen historischen Fakt in einem Buch interessant fand. Und hier wurde ich nicht böse überrascht. Es wäre für die Story aus meiner Sicht jedoch besser gewesen, nicht mit Fakten um sich zu werfen, sondern sich in wenige zu vertiefen und diese dann atmosphärisch einzubauen. Dies finde ich hier nicht wirklich gelungen. Prag kam mir deutlich zu kurz. Zwar werden mal hier und da Orte eingestreut, aber kaum beschrieben, sodass ich keine Ahnung hatte, wie es da aussieht und wie die Stimmung da ist. Die Story hätte auch in jeder anderen Stadt spielen können. Ab und zu wird Tschechisch gesprochen, was mir aber gefallen hat.
Queernes: Ich freue mich, dass der Roman mit Lenka eine lesbische Prota hat und mit Brodesser einen Nebencharakter auf dem Ace-Spektrum. Ich finde die Repräsentation durch gelungen dargestellt und beschrieben. Es wird deutlich, dass es hier wirklich um Liebe geht, nicht nur um Sex, wie es in vielen anderen Romanen getan wird. Und es stirbt auch niemand dieser Charaktere. Im Verlauf der Story bahnt sich auch eine Liebesgeschichte zwischen Lenka und ihrer Haushälterin Yana an, die ich aber aufgrund des distanzierten Schreibstils nicht nachvollziehen konnte, auch wenn ich diese Wandlung gut und schön fand.
Die Darstellung von Clair, der ersten Liebe Lenkas, die aus Berlin extra nach Prag kommt, um Lenka zu besuchen, finde ich dagegen sehr unglücklich. Clair ist eine furchtbar egozentrische Person, sie blickt auf alles und jeden herab und behandelt selbst Lenka schlecht. Eine queere Frau so eklig darzustellen, finde ich nicht gut. Das hätte nicht mal sein müssen. Clair spielte für den Plot absolut keine Rolle und hätte daher als Sehnsuchtsperson im Hintergrund bleiben können. Es wäre so gar ein bisschen dramatischer für Lenka mit Yana geworden, wenn die Lesenden nicht wüssten, dass man Clair gut und gerne in den Wind schießen kann. Szenen mit Claire sind ohnehin überflüssig und tun nix für Story oder Charakterentwicklung.
Schreibstil: Ich glaube, der Schreibstil ist das, was mich an dem Buch am meisten stört. Er ist emotionslos und distanziert, sodass kaum Atmosphäre geschaffen wird. Ich habe nie gewusst, wie sich die Figuren fühlen, bis es direkt im Text stand: „Sie fühlte sich müde“, „Sie war erschrocken“, „Sie mochte ihn.“, oder auch von den Protas gesagt wird: „Ich bin schockiert.“ „Ich fühle mich schlecht.“ Die Charaktere wirken dadurch enorm emotionslos und ich war häufig über die Reaktionen der Figuren überrascht oder konnte sie nicht nachvollziehen. Beispiel: Lenka erhält einen Brief aus Berlin von ihrer ersten Liebe Claire. Sie öffnet den Brief, legt ein Foto beiseite. Was in dem Brief steht, erfahren wir nicht. Plötzlich fängt Lenka an zu weinen und ist tot unglücklich. Warum? Keine Ahnung.
Alles, was irgendwie Emotionen ausgelöst oder Atmosphäre geschaffen hätte, wurde hier gestrichen. Die Figuren unterhalten sich drei Sätze, schon sind sie die engsten Vertrauten. Lenka und Heinrich Brodesser z.B. arbeiten zusammen und reden gerade mal 1 Pause miteinander, schon vertraut ihm Lenka ihre tiefsten Geheimnisse an und er hilft ihr ohne mit der Wimper zu zucken in privatesten Angelegenheiten aus, ein paar Cut-Scenes später, sind sie sogar verlobt. Es gibt null Chemie zwischen den Charakteren. Überhaupt keine. Die Dialoge zwischen den Figuren sind hölzern und wirken unecht auf mich – sehr konstruiert.
Gerade dass sehr viel Off-Screen/Off-Page gelöst wird, machte es mir schwer, die Handlungen der Protas nachzuvollziehen. Es wird viel nacherzählt, was diese oder jene Person erlebt oder in Erfahrung gebracht hat. Beispiel: Lenka erhält Nachricht, dass Brodesser von Kisch geboxt wurde und dieser nun inhaftiert ist. Erst am nächsten Tag fragt sie Brodesser, was passiert ist und er hält einen Monolog darüber, was er über den Fall herausgefunden hat, dass dies Kisch nicht gefiel und dieser ihn daraufhin vermöbelte. Why? Warum sind wir Lesenden bei dieser Szene nicht dabei? Warum müssen wir den nächsten Schritt zur Lösung des Problems aus zweiter hat als lange Nacherzählung erfahren?
Dadurch gibt es eben auch unendliche Monologe, die sämtliche Hinweise und Lösungen auf dem silbernen Tablett liefern, ohne dass Lesende auch nur einen Millimeter nachdenken müssen. Brodesser als wandelndes Lexikon weiß auch komischer alles, was Kisch zur Lösung seines ersten Falles benötigt. Die Protas machen nix, außer saufen und rauchen und Brodesser liefert ihnen alles frei Haus.
Das Ende fand ich dementsprechend. Dadurch, dass auch hier nix vorbereitet wird, kommt das Ende überraschend und ich hatte keine Ahnung, was eigentlich los ist. Erst als Kisch monologisiert, dass er in einem Gespräch mit einer anderen Person die Pläne von XY erhalten hat und was diese bedeuten, war ich im Bilde. Da war der Showdown allerdings schon vorbei. Nicht selten habe ich mich während der Story gefragt: WTF ist hier eigentlich los? Ich habe mehrere Stellen doppelt gelesen, weil ich dachte, ich hätte irgendwas verpasst. Aber es stand einfach nicht drin.
Charaktere: Nun, der emotionslose und distanzierte Schreibstil macht es quasi unmöglich, wirklich mit den Charakteren mitzugehen. Ich fand alle Figuren meh, außer Brodesser, der halt einfach ein lieber Kerl ist. Lenka und Kisch fand ich sogar eher unsympathisch.
Kisch hält sich grundsätzlich für etwas besseres: was besseres als die Reichen und was besseres als die Armen gleichzeitig. An einer Stelle amüsiert er sich z.B. darüber, dass es in der Armenküche nicht genügend Teller gibt und die Leute dort schnell essen müssen, um den Teller an die nächste Person weitergeben zu können. Trotzdem betont er immer wieder, dass er ja eigentlich zu den einfachen Bürgern gehört und die Reichen verabscheut. Sehen tun wir allerdings nicht viel davon. Er redet halt nur gern drüber.
Lenka will eigentlich gar nicht nach Prag, muss aber wegen ihrer dementen Mutter. Die Demenz wird übrigens sehr gut und respektvoll dargestellt – allerdings nicht durch Lenka, die die Fürsorge ihrer Mutter ständig jemand anderen überlässt, z.B. Yana und Brodesser, um selbst feiern zu gehen. Sie betont das ganze Buch über, dass sie kein Gespür für die Leiden anderer Leute hat, will dann aber Psychologie studieren. Ich weiß nicht, Diggi. Lenka hält sich außerdem für eine sehr moderne Frau und Feministin und schwingt ständig Reden über Unterdrückung, Befreiung und Bildung. Dabei verurteilt sie andere Frauen für ihre Entscheidungen und will auch Yana einreden, ihre Schwangerschaft vorzeitig zu beenden, weil moderne Frauen ja SOWAS nicht tun. Dabei ist sie dann ganz entsetzt, dass Yana das nicht möchte.
Dieser Fake-Feminismus ging mir eh auf die Eierstöcke. Es gibt Soirees bei Lenkas Freunden, wo es um FEMINISMUS ™ geht und um WISSENSCHAFT ™. Was da genau besprochen wird, erfahren wir aber nur schwammig. Außerdem war die ganze Zeit von Frauen und ihrem Männerhass die Rede. Die Antagonistin ist natürlich eine Frau, die Männer für die Wurzel allen Übels hält. Feminismus ist nicht = Hass auf Männer!
Alles in allem fand ich das Buch nicht gut und würde es auch nicht weiterempfehlen. Es fehlt an lebendigen Charakteren und Dialogen, an Atmosphäre und Prag.
Egon Erwin Kisch, der rasende Kriminal-Reporter, der für die renommierte Prager Tageszeitung Bohemia arbeitet, hat in diesem Buch eine Hauptrolle. Diese historische Figur sorgte dafür, dass ich mir den Krimi ausgesucht habe. Neben dem 1910 (realen) noch recht jungen Reporter, spielt eine fiktive Frauenfigur eine Rolle. Es ist die junge Medizinstudentin Lenka. Die junge Frau hatte vorübergehend in dem quirligen Berlin gelebt und als eine der wenigen Frauen Medizin studieren können. Aber als ihre Mutter langsam immer mehr in eine Demenz abdriftete, kam sie nach Prag zurück. Im Zug nach Prag traf Lenka auf eine faszinierende Frau, die ihr zum Ende eines Gesprächs, gegen das Heimweh ein Fläschchen mit Berliner Luft schenkte. Diese Frau sah Lenka in Prag wieder, als ein Mensch um Leben gekommen war. Hatte die vornehme Dame was mit dem Mord zu tun?
Kisch ist fast immer der Erste bei einem Mord. Er hat sich einige Prager Jungen als Nachrichtendienst organisiert, die ihm immer schnell Meldung machen, wenn wieder etwas passiert ist. Seine Reportagen sind spannend geschrieben und verhelfen dem Tageblatt zu einem guten Absatz. Kisch ist nicht unbedingt bei seinem neuen Vorgesetzten beliebt. Der Reporter darf sich bald nicht mehr mit den Kriminalfällen befassen und wird degradiert. Jetzt hat er noch mehr Zeit sich in Kaschemmen herumzutreiben, viel zu viel zu trinken und eine nach der anderen zu rauchen. Der junge Reporter ist hübsch und keine junge Frau mag ihm widerstehen. Das Morden hört aber nicht auf und Kisch versucht auf eigene Faust herauszubekommen, wer hinter dieser Mordserie steckt. Lenka wird ihm dabei (widerwillig) helfen.
Wenn ich nicht …
… zufällig im Radio ein Interview der beiden Autoren von „Die Schatten von Prag“ gehört hätte, hätte ich das Buch zugeschlagen, denn ich finde, es ist weit entfernt von einem Krimi. Ich habe statt einer Mordermittlung sehr viel über die damalige Zeit gelernt. 1910 zog der Halleysche Komet gerade seinen Schweif über die Erde und die Menschen waren recht irritiert. Sie vermuteten einen Weltuntergang oder andere Katastrophen. Die Welt war ohnehin im Umbruch und darüber wurden Bruchstücke der damaligen Geschichte immer wieder in dem Buch erwähnt. Kisch ist mir persönlich eine unangenehme Figur. Seine überhebliche Art machte es mir nicht leicht. Lenka fand ich schon viel sympathischer. Diese Figur zeigte, dass auch die Frauenwelt im Aufbruch war und sich nicht mehr alles gefallen lassen wollte.
Nur die Morde, eigentlich eine Mordserie, stand an hinterster Stelle. Viel drumherum, aber weniger ein Krimi. Sicherlich ist „Die Schatten von Prag“ ein Buch, dass wenn man es liest, sehr informativ ist, mir fehlte es aber an Spannung. Es ist bestimmt auch richtig gut recherchiert, doch kenne ich mich mit Prag und der tschechischen Geschichte gar nicht aus. So erklärte sich mir auch nicht der Umstand, dass die in Prag lebenden Menschen mal Tschechisch, mal Deutsch sprachen und das diese beiden Nationalitäten sich 1910 so gar nicht mochten.
Man hätte „Die Schatten von Prag“ nicht als Krimi deklariert sollen. Vielleicht hätte er mich dann abgeholt. So habe ich immer auf eine Mordermittlung gewartet. Meine Erwartungen waren anders. Ansonsten hatte der Roman seine wirklich informativen und unterhaltenden Seiten. Somit gibt es von Rubi und mir 🐭🐭🐭 und man findet es eher unter den historischen Büchern.
Das alte Prag wird in diesem Buch so lebendig, dass ich das Buch stellenweise gar nicht mehr aus der Hand legen wollte. Martin Becker und Tabea Soergel schaffen in "Die Schatten von Prag" eine Atmosphäre, die eine richtige Sogwirkung auf mich ausgewirkt hat. Auch die Begegnung mit einigen Personen der Prager Geschichte wie Else Fanta oder Franz Kafka haben mich total abgeholt. Kisch als Protagonist ist auch einfach wunderbar und eine ganz tolle Verschmelzung aus Geschichte und Fantasie. Wer nach der Lektüre dieses Buches keine Pragreise plant, dem ist auch nicht mehr zu helfen.
Der Anfang: «Die Burg thronte müde über der Stadt. Der Mond blendete die Moldau, damit sie nicht auch noch einschliefe. Selbst die verrufenen Spelunken in den verwinkelten Gassen der Altstadt, letzte Zufluchtsorte für alle, die nicht nach Hause konnten oder wollten: wie leergefegt. Am endlos gewölbten Himmel leuchteten die Sterne stumm um die Wette. Die kälteste Nacht des Jahres 1910 war hell und frostig.»
Der Journalist Kisch ermittelt in seinem ersten Fall um geheimnisvolle Suizide. Er kann sich nicht vorstellen, dass all diese Leute freiwillig aus dem Leben scheiden wollten. Prag ist in Aufruhr, denn der Weltuntergang steht bevor, da im Mai 1910 die Erde den Schweif des Halley’schen Kometen kreuzen soll - ein jeder blickt zum Himmel, und die Verbrecher auf Erden haben leichtes Spiel. Hilfe bekommt Kisch er von der klugen Lenka Weißbach, vom tschechischen Zöllner Novák, der sich mit Panikattacken herumschlägt und dem schüchternen Sonderling, Redakteur Brodesser.
«Ab dem Sommer würden sich die Besseren und Betuchten dort amüsieren. Novák verstand nicht, warum alle ständig ins Wasser wollten. So sehr er seine Moldau auch liebte: Es wäre ihm nicht eingefallen, auch nur einen Fuß in die vom Abwasser verseuchte Brühe zu setzen.»
Was gelungen ist, die Autor:innen schaffen Atmosphäre, man nimmt ihnen die historische Beschreibung von Prag ab. Schlagzeilen in Zeitungen mit weltweiten Ereignissen runden dies ab, ebenso die Spannungen, die zwischen der deutschen, österreichischen, tschechischen und jüdischen Bevölkerung herrscht – das Zentralthema des Krimis. Die lesbische Lenka Weißbach ist aus Berlin angereist, um sich um ihre Mutter nach dem Tod des Vaters zu kümmern, sie hat deshalb ihr Medizinstudium auf Eis gelegt. Kisch besorgt ihr einen Job bei der Zeitung und sie werden ein Ermittlerduo. Im Nachtleben trifft Kisch auf eine Menge Schriftsteller, wie Kafka, Hašek und Rilke im legendären Montmartre. Eine tiefe Figurenzeichnung und ein atmosphärisch dichtes Setting ist zwar interessant, doch für meinen Geschmack ist das alles sehr auserzählt, worunter die Spannung leidet, da die vielen Nebenhandlungen um Kisch und Lenka dominieren, die Ermittlung in den Hintergrund tritt. Und ich fragte mich ständig, wohin die Geschichte laufen soll bei dem vielen Beiwerk. Mich konnte der Roman nicht packen, auch wenn er gut geschrieben ist – ein Krimi benötigt für mich mehr.
«‹Ich bin nicht die Assistentin›, sagte sie. ‹Ich bin deine Partnerin.› ‹Erst mal machen wir eine ordentliche BOHEMIA-Angestellte aus dir›, sagte er. ‹Bis Punkt 2 Uhr in der Poritscher Straße.›»
Egon Erwin Kisch, 1885 - 1948, war ein österreichischer, später tschechoslowakischer Schriftsteller, Journalist, bekannt durch seine Reportagebände als «der rasende Reporter». Er gilt als einer der bedeutendsten Reporter in der Geschichte des Journalismus und als wichtiger Vertreter der Prager deutschen Literatur. Zu den Schriftstellern, mit denen er damals verkehrte, gehörten Paul Leppin, Rainer Maria Rilke, Max Brod, Franz Kafka und Jaroslav Hašek (Autor der Abenteuer des braven Soldaten Schwejk). Kisch war häufiger Gast in der Gaststätte «Zum Weißen Hasen», dem Treffpunkt der Prager Boheme, und im Nachtcafé «Montmartre».
Tabea Soergel, geboren 1983, ist Absolventin des Deutschen Literaturinstituts in Leipzig. Sie schreibt Rezensionen und Radiofeatures, auch immer wieder zu tschechischen Themen.
Martin Becker, geboren 1982 im Sauerland, rezensiert, porträtiert und schreibt Glossen und Kommentare für den WDR. Mit Tabea Soergel hat er eine Podcast-Soap für den MDR geschrieben. Becker hat am Literaturinstitut in Leipzig studiert und war in der Autorenwerkstatt 2005 des Literarischen Colloquiums Berlin. Er lebt in Berlin.
Was macht einen guten Kriminalroman aus? Natürlich eine spannende Geschichte, ein Verbrechen, das es zu lösen gilt, einen Ermittler, der trotz aller Widrigkeiten nicht nachgibt, vielleicht sogar einen Partner von diesem, der jedoch nicht nur eine Randfigur ist, einen Ort, der düster ist und der so gut beschrieben wird, dass man selbst die modrige Luft riechen, den Nebel sehen und den kalten Rauch der Zigarren von unheimlichen Gestalten auf der Zunge schmecken kann. All das findet sich in dem Auftakt dieser Reihe. Wir finden uns im Prag von 1910 wieder. Die „Goldene Stadt“ wird vom herannahenden Halleyschen Kometen erhellt und die Gemüter erhitzt, denn der Weltuntergang wird befürchtet. Neben all dem finden unerklärliche Morde statt, denen der rasende Reporter Egon Erwin Kisch auf den Grund geht. Zunächst ausgebremst lässt er sich nicht beirren, da er glücklicherweise auch Unterstützung vorbereitet jungen ehemaligen Medizinstudentin Lenka Weißbach erhält. Die Geschichte nimmt schnell an Fahrt auf und erhält durch die vielen Handlungsstränge und die unterschiedlichen Charaktere eine Spannung, die sich durchweg hält. Mir war es eine Freude, im Prag der 1910er unterwegs zu sein (war ich es doch zuletzt im Jahr 2005) und gemeinsam mit Egon und Lenka diese abscheulichen Verbrechen aufzudecken. Der flüssige Schreibstil, die durch eine wundervolle und spannende Sprache geschaffene Atmosphäre und die Darstellung der Stadt haben mir es leicht gemacht, das Buch in wenigen Tagen zu verschlingen. Auch die Aufmachung des Buches selbst hat mir sehr gut gefallen. Ich kann diese Reihe weiterempfehlen und freue mich auf den nächsten Band, der im Oktober erscheinen wird.
„Die Burg thronte über der Stadt. Der Mond blendete die Moldau, damit sie nicht auch noch einschliefe … Am endlos gewölbten Himmel leuchteten die Sterne stumm um die Wette. Die kälteste Nacht des Jahres 1910 war hell und frostig.“
Trotzdem droht der „Goldenen Stadt“ Prag düsteres Ungemach.
Alle blicken zum Himmel hinauf, wo nach 75 Jahre wieder der Halleysche Komet an der Erde vorbeiziehen wird. Das öffnet skrupellosen Geschäftemachern und dem organisierten Verbrechen sowie zudem Verschwörern Türen und Tore. So wird die multikulturelle Prager Bevölkerung wegen des vermeintlich giftigen Schweifes des Himmelskörpers und dem prophezeiten Weltuntergang in größte Aufregung versetzt.
In dieser aufgeheizten Stimmung sorgen seltsame Todesfälle für weitere Beunruhigung, wobei wegen der bei den Leichen befindlichen Glasfläschchen alles auf Selbstmorde hindeutet. Das mag besonders ein Mann nicht recht glauben: Egon Erwin Kisch arbeitet bei der deutschsprachigen Prager Zeitung Bohemia und stößt als Polizeireporter auf das Geschehen.
Während er sich in die Ermittlungen stürzt, muss er sich zeitgleich mit Veränderungen bei seinem Arbeitgeber auseinandersetzen. Den Posten des Chefredakteurs übernimmt nämlich Gruber, ein Mann, der augenscheinlich über einflussreiche Beziehungen, nicht aber über Kenntnisse in der Zeitungsbranche verfügt. Mehrfach wird Kisch von ihm ausgebremst.
Hilfreich hingegen ist die Unterstützung von Lenka Weißbach, einer jungen Frau, die ihr Medizinstudium in Berlin aufgegeben hat und wieder in Prag lebt, weil sie ihre Mutter betreuen muss. Auch die Beziehungen von Kisch zur Halb- und Unterwelt sorgen dafür, dass er den einen oder anderen Hinweis erhält.
Als eine Verschwörung enormen Ausmaßes immer eindeutiger wird, ist die Suche nach den Urhebern nicht nur dringend, sondern auch lebensbedrohend.
Der von Tabea Soergel und Martin Becker in Gemeinschaft geschriebene Roman „Die Schatten von Prag“ liest sich wie ein Kaleidoskop der Ereignisse des Jahres 1910. Dank einer intensiven Darstellung der Örtlichkeiten werden wir mitten hineingeworfen in die lebhafte Atmosphäre der historische Metropole an der Moldau, in der sich die Vergangenheit mit der Zukunft, das Traumhafte mit der Wirklichkeit, Schönheit mit Bizzarem verbindet.
Das Autoren-Duo jongliert mit den Fakten und findet die Balance zur Fiktion, erzeugt Spannung und entwirft ein zeitlich und inhaltlich stimmiges Porträt der Stadt, in der durch das Nebeneinander vieler Nationalitäten in unterschiedlichen Klassengesellschaften und damit verbundenen Hierarchien Konfliktpotential herrscht, Licht und Schatten dicht nebeneinander liegen.
Als geglückt erweist sich die Idee, den realen Egon Erwin Kisch in den Fokus von kriminellen Ermittlung zu stellen. Ja, der später in Deutschland als „rasender Reporter“ Gerühmte, der mit einem instinktmäßigem Gespür für Situationen punktet, couragiert agiert, zur Übertreibung neigt und einen Hauch Melancholie versprüht, fügt sich hier tadellos ins Geschehen ein, zumal ihm die Autoren die fiktive Lenka Weißbach mit einem scharfen, logisch analysierenden Verstand an die Seite gegeben haben. Die junge Frau, die Medizin nur in Erinnerung an ihren verstorbenen Vater studiert, ist aus der schillernden Großstadt Berlin, dessen wilde Nächte und die erste große Liebe sie schmerzlich vermisst, zurück nach Prag gekommen, weil ihre Mutter sie braucht. Adieu Selbstverwirklichung! Adieu Claire!
Dem Medizinstudium widmet sie sich in Prag nicht mehr. Stattdessen übernimmt sie einen Job als Schreibmaschinenfräulein bei der „Bohemia“, jener Zeitung, die Kisch ebenfalls beschäftigt. Plötzlich bietet auch das in ihren Augen eher provinziell anmutende Prag mehr Reize als angenommen und die Chance, sich gegen das herrschende Frauenbild zu wehren.
Anspruchsvoll sind nicht allein die vielen Figuren, deren Zuordnung das eine oder andere Mal neu überdacht werden muss, sondern die Fülle an Informationen, die die Autoren in den Handlungsablauf einfügen. Dadurch erhält das gesamte Werk eine Komplexität, die es gelegentlich erschwert, dem Verlauf der Ereignisse konsequent zu folgen, die Beteiligten konkret zuzuordnen und dadurch zum Treibenlassen bei der Lektüre animiert. Kompliziert sind auch einzelne Beziehungsverflechtungen, so dass es bisweilen an der Nachvollziehbarkeit von Empfindungen mangelt. Dies wird jedoch hier und da durch das Aufblitzen von Ironie und Witz gelockert.
Schlussendlich bietet „Die Schatten von Prag“ gelungene Unterhaltung im Gewand eines historischen Kriminalromans, die gern eine Fortsetzung erfahren darf. Und tatsächlich erscheint der zweite Fall im Herbst diesen Jahres.
„Die Schatten von Prag“ entführt die Leser*innen in ein lebendiges und detailreiches Prag des Jahres 1910. Die Autoren schaffen es, die Stadt und ihre Bewohner so plastisch darzustellen, dass man das Gefühl hat, selbst durch die Gassen zu schlendern. Besonders hervorzuheben ist die Darstellung der Ermittler, allen voran Egon Erwin Kisch und seine Partnerin Lenka Weißbach. Ihre alltäglichen Verpflichtungen – sei es die Sorge um die Familie, berufliche Aufgaben oder einfach der Bedarf an Schlaf – werden realistisch in die Handlung eingebettet. Dies verleiht den Charakteren Tiefe und Authentizität und hebt den Roman von typischen Krimis ab, in denen Ermittler oft ausschließlich am Fall arbeiten.
Allerdings empfand ich die Vielzahl an Details und die zahlreichen Figuren auch gleichzeitig als herausfordernd. Die Komplexität der Handlung machte es mitunter schwierig, dem Fall durchgängig zu folgen oder die Beteiligten klar einzuordnen. Dennoch war das Leseerlebnis insgesamt sehr unterhaltsam, und ich würde mich freuen, Kisch und Weißbach in weiteren Abenteuern wiederzutreffen.
2 Sterne für das Buch, welches ohne jegliches Interesse am Innenleben seiner 'Hauptprotagonisten' um selbige drum herum schreibt und dennoch keine Zeit findet, Spannung oder Atmosphäre zu erzeugen. Minus 4 Sterne für die Hörbuchfassung, in der Martin Becker das Buch mit einer gewagten Mischung aus vollkommener Atonalität und Tagesschau-Intonation endgültig zum Erliegen bringt.
Den Gang durchs nächtlich-flimmernde historische Prag sehr genossen, den "Kriminalfall" eher unspektakulär gefunden. Die Weltuntergangsstimmung angesichts der Ungewissheit wegen des Halley'schen Kometen ist gut eingefangen. Als Unterhaltungsroman recht solide.
Ein Buch, ein Auftakt einer interessanten Verbindung zwischen Kisch, dem Lebemann, Lenka, die moderne Frau, die noch ihren Weg sucht und den sehr sympathischen und hilfsbereiten, aber nicht zu unterschätzenden Bodesser. Man erfährt viel über deren Vergangenheit in Prag und auch ihre Geschichten die sie begleitet haben. Auch politisch wird man hier eingeführt und lernt die goldene Stadt auch mal von den Schattenseiten kennen. War eine interessante Geschichte, die vielleicht manchmal paar Längen hatte. Ich verspreche mir aber in den nächsten Bänden noch mehr Augenmerk auf die Morde und noch mehr über die Menschen die hier leben. Prag und seine Schatten können einen durch die dunklen Gassen führen. Wer also auch gerne politisch informiert wird, während ein Mörder, oder vielleicht mehrer? Ihr Unwesen in Prag treiben, ist hier aufgerufen zuzugreifen. Parallel zum Buch ist auch ein Hörbuch geplant.
Prag im Jahr 1910 spielt die Hauptrolle in diesem historischen Roman. Kisch ist eine Nebenfigur und Kafka, Brod, Gellner und Hašek sind nur Statisten. Jede Seite ist vom Geist der Zeit durchdrungen. Die Mordermittlungen sind nebensächlich. Stattdessen werden viele Themen behandelt, die in unserer Zeit stark diskutiert werden. Die ganze Geschichte ließ mich das Gefühl haben, in Babylon Prag zu sein.
Das Zauberhafteste ist vielleicht, dass alle Straßen unter ihrem deutschen Namen angegeben sind, aber ihr tschechischer Name sofort erkennbar ist. Mir gefiel sehr, dass die Autoren auch Tschechisch im Text verwendet haben. Sie begnügten sich nicht nur mit der trockenen Feststellung - diese Figur sprach Tschechisch.
Von der Titelfigur Kisch blieb mir aus dem Literaturunterricht nur eines im Kopf - der rasende Reporter. Und hier macht er seinem Spitznamen alle Ehre. Ich denke, dass "Schatten von Prag" eine gute Möglichkeit ist, sich unter einem Namen aus dem Schulstoff einen Menschen vorzustellen.
Mein einziges Problem mit dem Buch sind die Figuren Lenka und Jana. Ihre Namen passen für mich gefühlsmäßig nicht ins Jahr 1910. Bei Lenka habe ich auch über ihre Nationalität gezweifelt. Sie bezeichnet sich selbst als Deutschböhme. Aber sie haben eine tschechische Dienstmagd und ihre Mutter spricht in schwachen Momenten Tschechisch.
"Schatten von Prag" ist ein sehr gutes Buch, an dem sich die Autoren viel Mühe gegeben haben. Jeder Liebhaber des alten Prag wird darin etwas für sich finden.
Vielen Dank an NetGalley und Kanon Verlag für ein kostenloses digitales Rezensionsexemplar. Dies ist meine ehrliche Rezension.
In „Die Schatten von Prag“ treffen wir auf die junge Lenka die aufgrund familiärer Geschehnisse von Berlin zurück ins, für sie, einengende Prag ziehen muss. Dort schließt sie mit dem Redakteur Kisch einen Pakt, der sie gemeinsam in die Bohemia zieht - mitten hinein in die dunklen Gassen von Prag.
Leider habe ich das Buch bei rund 38% abgebrochen, ich wurde damit einfach nicht warm. Mir wurde viel zu sehr, zumindest zu diesem Zeitpunkt, Nebensächliches hochtrabend thematisiert und ich habe keinerlei roten Faden in den gesamten Abläufen gefunden. Auch der Schreibstil hat es mir leider etwas schwer gemacht, er ließ sich für mich nicht sehr flüssig lesen - passte aber sehr gut in das alte Prager Setting. Hervorzuheben für mich ist die Einsetzung der Frauenfigur in die damalige Zeit und auch die zweiseitige Sichtweise war in der Grundidee interessant gestaltet!