Keine Ahnung von Mythologie und klassischen Regeln, doch Wolken malen kann dieser Friedrich«, ereifert sich Geheimrat von Goethe über den jungen, wilden Romantiker. Im Jahr 1810 begegnen sie sich Goethe, berühmter Dichter und alterndes Universalgenie, und Friedrich, der Maler, der sich weder aufs Reden noch aufs Schreiben richtig versteht. Der eine ist diplomatischer Minister, der andere Habenichts ohne Manieren. Ein betuchter Frankfurter Großbürgersohn und ein Seifensiedersprössling aus Greifswald. Goethe ist auf dem Zenith seines Ruhms, während Friedrich mit allen Konventionen seiner Zeit bricht. Doch eines verbindet Beide sind gebannt von den Wolken.
Lea Singer erzählt von der Begegnung zweier großer Künstler, die einander fremd bleiben, obwohl sie die Größe des anderen erkennen.
Das titelgebende Motiv sind die Wolken, die Caspar David Friedrich malt und die Goethe wissenschaftlich systematisieren will. Ich las diesen Roman an einem extrem trüben, kühlen Sonntag, in Decken eingewickelt auf dem Balkon – und sah ab und zu in den bewölkten Himmel und fragte mich, ob sie wohl Friedrichsche Dimensionen haben.
Im Roman treffen der nicht mehr ganz junge Goethe und der noch recht erfolglose Caspar David Friedrich aufeinander. Leser, die empfindlich darauf reagieren, wenn mit solchen Meistern auch etwas respektlos umgegangen wird, sollten das Buch vielleicht besser nicht lesen. Goethe ist so selbstgefällig und herablassend wie man es erwartet und noch darüber hinaus; und Friedrich ist ungebildet und gebärdet sich manchmal wie der Urvater des Umweltaktivismus. Dass man Letzterem dennoch mehr Sympathien entgegen bringt als Goethe liegt einfach an der David-Goliath-Situation.
Es geht aber um viel mehr als um zwei rivalisierende Männer. Es geht darum, dass der eine älter wird, an Bedeutung verliert, in seinem eigenen Ruhm gefangen ist, kränkelt und neidvoll den Jüngeren beobachtet. Und der Jüngere, der nichts hat außer seiner ideellen Freiheit, der von keinen Konventionen gehemmt wird und künstlerisch revolutionär sein kann. Es geht außerdem um eine Epochenwende, die über diese beiden Menschen hinausgeht. Die großen Genies, die Klassiker sind vom Aussterben bedroht; die aufstrebende Generation prägt ihre eigenen Begriffe von Bedeutung, Kunst und Schönheit. Vor diesem Hintergrund hat man dann doch auch Sympathien mit dem alten Goethe, dessen Leben, dessen Vermächtnis zu zerbröseln scheint. So sind die Lächerlichkeiten, denen die Autorin Goethe preisgibt, nie nur gemein, sondern man spürt die Traurigkeit dahinter, die Vergeblichkeit jedes menschlichen Tuns (kennt ihr die Serie Boston Legal? Wenn ja, wisst ihr, zu wem ich da eine gewisse Nähe entdecke. Und dass sich hinter sehr viel lauter Lächerlichkeit ein tiefer Schmerz verbergen kann).
Die Geschichte bringt mir indes vor allem Friedrich näher; sicher auch deshalb, weil ich bislang wenig von ihm wusste: Dass er aus sehr einfachen Verhältnissen stammte, kaum über Bildung verfügte, in Armut und Bescheidenheit lebte. Seine Unsicherheit, aber auch seine Unbeirrbarkeit. Ich hätte große Lust, eine gute Biografie über ihn zu lesen. Oder, noch besser: Einen guten biografischen Roman (zweckdienliche Hinweise bitte an mich!).
Und der Witz ist ganz wunderbar. Nicht so fein und ausgeklügelt wie ich das zuvor annahm. Sondern leicht und so, dass ich herzhaft lachen musste. Beispiel gefällig? Goethe will Friedrich auf die Probe stellen, indem er die Polonius-Probe aus Hamlet anwendet. Zur Erinnerung: Hamlet testete seinen Freund, indem er nacheinander unterschiedlichste Dinge in eine einzige Wolke hineindeutete und Polonius immer sofort erwiderte, genau das und nichts anderes zeige die Wolke. Goethe fragt nun Friedrich, ob die Wolke da nicht genau so aussehe wie der Markusdom. Da Friedrich noch nie in Italien war, kann er das nicht beantworten. Na „wie eine Suppenterrine“, ergänzt Goethe. Worauf sich Friedrich darüber lustig macht: „Ein Suppentopf! Da liegt Gott dann in der Suppe!“ Auch die Juno Ludovisi kann Friedrich nicht kennen und daher nicht erkennen. Goethe greift entnervt auf das Shakespearsche Beispiel des Wiesels zurück. Da ist Friedrich sehr entschieden; wenn dann sehe die Wolke doch wohl wie der viel fettere Dachs aus, da kenne sich Goethe wohl mit Wieseln nicht aus, obwohl man doch sage, er wüsste alles. Und fügt hinzu: “Ganz sympathisch, dass Sie auch mal blödes Zeug schwätzen.“ Das mag man platt finden, ich finde es köstlich.
Nachdem mir "Vier Farben der Treue" und "Konzert für die linke Hand" sehr gut gefallen hatten, ist die "Anatomie der Wolken" eine ziemliche Enttäuschung.
Goethe ist hier ein altersgeiler Misanthrop, der alles daran legt, die jungen Romantiker zurückzudrängen. Friedrich ein derber Plebejer, der mit dem Leben nicht fertig wird und sich allein seinen Werken widmet. Insgesamt wirken alle Charaktere, auch die Nebendarsteller, wie Karikaturen und werden weder der durchaus interessanten Grundkonzeption, noch der historischen Realität gerecht.
Weimar um 1810, Goethes 61. Geburtstag - auch wenn er es nicht wahrhaben will: Alt ist er geworden, füllig, ja auch schwerfällig. Zwar umschwirren ihn noch junge Damen wie die Schriftstellerin Bettina von Arnim und die Malerin Louise Seidler , doch schwärmen sie eher für Kleist, Brentano und Friedrich, dem Wolkenmaler. Auch Goethe interessiert sich für Wolken, allerdings mehr im wissenschaftlich-meteorologischen Sinne. Für den verarmten Maler Friedrich hat er nur Mitleid. Kunst soll den Betrachter erfreuen, ihn zerstreuen. Casper David Friedrichs Bilder jedoch sind karg, nur kahle Landschaften, Friedhöfe und Luft. Nein, das ist nichts für ihn, denn Goethe hat sein eigenes „Wolkenvorhaben“ . Er trifft sich dazu mit Wilhelm von Humboldt bei der Kur in Karlsbad , doch ist der Dichter zu beschäftigt, Klimabeobachtungen systematisch voranzutreiben, schließlich muss der West-östliche Divan zum Druck vorbereitet werden. Und dann – die Welt scheint sich nun endgültig nicht mehr um den alten Goethe zu drehen - erscheint in England eine Schrift zur Einteilung von Wolkenformationen, sie kommt mit nur drei Begriffen aus Cirrus, Cumulus, Stratus . Das Unfassbare ist nun fassbar, das Formlose hat eine Form. Goethe will dies aufklärerisch illustriert dem Volke näher bringen. Wer wäre besser geeignet als der einst geschmähte Friedrich …
Diese Geschichte – und noch viel mehr – beschreibt Lea Singer in ihrem außerordentlich gut gelungenen Roman „Anatomie der Wolken“. Dabei ist die Autorin genauso sicher im Duktus, wie in historischen Details. Die Lektüre macht einfach nur Freude, und – was das Beste ist – regt zu eigenen weiteren „Forschungen“ an. Die „Wahlverwandtschaften“ liegen schon auf meinem Nachtisch. Goethe bleibt – alt oder nicht – eben Goethe.
Nachdem mir die humorvolle und leichtfüßige Schilderung der Begegnung von Friedrich und Goethe in „Zauber der Stille“ sehr gut gefallen hat, wurde mir dieses Buch empfohlen - leider enttäuschend. Beide Protagonisten erscheinen oberflächlich und einseitig: Während Friedrich als miesepetriger Simpel dargestellt wird, kommt Goethe immer wieder als alternder, lüsterner und narzisstischer Gockel rüber. Ob historisch korrekt oder nicht - über 277 Seiten eher quälend.
Anatomie der Wolken ist so eines der Bücher, in denen alles einfach so passiert. Ich als Leserin war da nicht besonders involviert. Einzig bei der Erkenntnis, dass zur gleichen Zeit die Humboldt Brüder, Kleist, die Brentano Geschwister, Friedrich und Goethe durch die Lande schlawenzeln, verspürte ich die Lust, mich auch dort irgendwo aufzuhalten. Ansonsten sind die zwischenmenschlichen Beziehungen der Figuren schwer greifbar, schwer nachzuvollziehen oder einfach schwer. Anatomie der Wolken regt aber definitiv zu weiteren Recherchen zu Personen und literarischen und gesellschaftlichen Strömungen an.
Lea Singer lässt den Leser am Aufeinandertreffen des Dichterfürsten Goethe und der Speerspitze der romantischen Malerei Friedrich teilhaben. Der Geheimrat auf dem intellektuellen Stand seiner Wahlverwandtschaften und der Farbenlehre, Caspar David der Solitär und Ausnahmekünstler. Mit Spannungsbögen wei bei einem Thriller und messerscharfer Recherche wie beim Sachbuch zieht es den Interessierten förmlich durch die Seiten. Mit hoher literarischer Gewandtheit und großem schriftstellerischem Geschick erzählt die Autorin die Geschehnisse rund um die zwei damaligen Größen ihres jeweiligen Faches. Definitiv ein Werk von dem man wünscht es nähme kein Ende. „Eine reine Seele wird ruhig im Angesicht der Unendlichkeit.“
Sehr intimes Buch über ein sinnliches Porträt zweier Genies. Es war unglaublich interessant für mich, mit der Autorin in ihr Haus zu gehen, mit ihnen zu frühstücken, ihre Gedanken zu lesen, ihre Ängste kennen zu lernen.
Zwei Genies aus verschiedenen sozialen Schichten, mit unterschiedlichen Charakteren, Wissen und Bildung, die in nur einer Sache zusammenkommen - ihrer Liebe zu den Wolken.
Die ganze Zeit denke ich über, dass unser Leben während des COVID-19 immer mehr wie das Leben im Jahr 1810 wird. Das Tempo unseres Lebens verlangsamt sich, wir sind immer mehr mit uns selbst allein. Und wir haben viel von Goethe und Friedrich zu lernen, sie wussten eine Menge über dieses Leben. Also, Expertentips von 1810 für 2020 sind: essen zu Hause, langsam essen, über das Essen nachdenken und darüber reden; alles über den trinkenden Wein wissen; lange Spaziergänge im Garten, im Park, entlang des Flusses; schreiben; viel lesen; denken, und die Wolken anschauen.
Der alternde Goethe ist gefangen im Denkmal seiner selbst, innovative Texte wie »Die Wahlverwandtschaften« stoßen auf Unverständnis, die »Farbenlehre« wird als Dilettieren abgetan. Sein dichterisches Vermögen stumpft vermeintlich ab, kann sich an regelmäßig bestellten und pünktlich gelieferten Huldigungsversen nicht länger entzünden. Der Gesichtskreis wird enger und ist mit den immergleichen Personen bevölkert. Belebung verschaffen da nur junge Frauen und – da das Reisen inzwischen als zu unbequem empfunden wird – ein neues Werk. Doch thematische Neuanfänge, andere Fachgebiete, neue Formen – Goethes Denken, seine Natur und Konstitution sind dazu nur noch in Grenzen bereit, ein echtes Ausbrechen wird schlußendlich mehr gescheut als ersehnt. Mehr auf meinem Blog "Notizhefte": https://notizhefte.com/2016/03/29/wol...
Spannender Ausflug an den Anfang des 19. Jahrhunderts. Es wird irgendwie viel Kenntnis der Figuren vorausgesetzt, sodass sich das Buch, nachdem ich alle Personen noch mal gegoogelt hatte, viel besser las. Der Stil mit den kurzen Sätzen war nicht so meins. Aber nach ner Weile war ich drin in der Goethe-Zeit, der sich selbst als echter Unsympath durchs Buch schleppt. Großes Kompliment für die umfangreiche Recherche, die diesem Buch vorausgegangen sein muss.
Historischer Roman, der die Geschichte vom Dichter Goethe und dem Maler Friedrich illustriert und dabei die wissenschaftliche Sicht auf Wolken (die Goethe vertritt) von der romantischen Sicht auf Wolken (die Friedrich vertritt) trennt. Auch aus heutiger Sicht spannend :)
Ich hab nach 1/3 des Buches abgebrochen. Das war nicht meins. Ich habe keinen Zugang zu dem Buch gefunden, es hat mir wirklich keinen Spass gemacht beim lesen. Schade.
Goethe hätte ihn nicht so gefeiert wie wir heute. Den großen deutschen Romantiker. Goethe lehnte alles Romantische ab. Es sei „kein Natürliches, Ursprüngliches, sondern ein Gemachtes, ein Gesuchtes, Gesteigertes, Übertriebenes, Bizarres“. Mit Sicherheit hatte er noch mehr solche Gemeinheiten parat. Aber die Wolken haben ihn schon fasziniert. Er hat den Maler sogar in Dresden aufgesucht.
Allein diese Episode in Lea Singers Roman „Anatomie der Wolken“ ist die Lektüre wert. Ein Kabinettstück der Erzählkunst! Der Hungerleider Friedrich empfängt Goethe mitsamt seinem Anhang im kargen Atelier, ist ganz nervös wegen des hohen Besuchs, hat Käse und Bier auf Pump gekauft, um außer Schlehensaft etwas anbieten zu können. Die feinen Herrschaften bevorzugen aber Tee, sehen Wolken, Himmel, Ruinen. Er kann ihnen wenig Auskunft über seine Kunst geben, denn er sei „kein sprechender Maler“. Er kommt sich auf einmal so klein vor. Erfrischend zu lesen, wie die Herrschaften sich vor der Kunst lächerlich machen.
Lea Singer kann wunderbar erzählen und die Gegensätze zwischen den beiden Protagonisten herausholen. Auf der einen Seite der bodenständige Friedrich, der von der Hand in den Mund lebt, seine Reden gern mit Kraftausdrücken würzt, wandert, malt und in Anbetung der Natur, seiner Religion, aufgeht. Auf der anderen Seite der arrivierte Dichter und Staatsmann, der von allseitiger Bewunderung lebt, aber Neues nicht anerkennen mag.
Große Leseempfehlung! Am besten verbunden mit einem Besuch in einer der großen Caspar David Friedrich-Ausstellungen.
Im neuen Nachwort der Autorin zur Neuausgabe 2024 rückt Singer auch ein paar Aussagen Illies‘ zurecht.
Es gibt wohl einige ganz persönliche Gründe, die erklären, warum mir dieses Buch so gefallen hat. Bei einem Aufenthalt in Weimar vor einem Jahr habe ich mich ein bisschen mit Goethe beschäftigt und auch sein Haus und Gartenhaus besichtigt. Bei aller Achtung verspürte ich eine gewisse Entzauberung, nicht im Bezug auf sein Werk, eher auf seine Persönlichkeit und sein Verhalten in der Gesellschaft. Dieses Jahr waren wir an der Ostsee, unter anderem in Greifswald. Hier ist Caspar David Friedrich aufgewachsen und sein Museum steht mitten in der Stadt. Danach hat meine Frau dieses Buch gelesen, mir immer wieder begeistert Sätze vorgelesen und es mir dann zum Lesen zugeschoben. Und ich war ebenso begeistert davon. Frau Signer beschreibt mit einer eigenen, unverblümten Sprache fast kann man sagen den Zusammenprall von Goethe und Friedrich, deren Charaktere verschiedener nicht sein könnten. Goethe verstand sich als berühmter Universalgelehrter, welcher der Welt den Wert und die Gültigkeit nicht nur der Kunst, sondern auch mancher Wissenschaft erklärte. Friedrich war ein Niemand, der einfach seinen Weg ging in der Malerei, kaum Erfolg hatte und von Goethe alles Andere als gelobt wurde. Sogar Neid ist bei Goethe zu erkennen, weil er nicht als erster die Wissenschaft der Wolken erkannt hatte, sondern ein Religiöser aus England (seine Wolkenbezeichnungen Cumulus, Cirrus usw. sind heute noch Standard) , der sie bobachtete und beschrieb, und ein ruppiger, armer Maler, der sie eigensinnig malte. Ein wunderschönes Buch, das die beiden Protagonisten plastisch und farbig schildert und sowohl Nebensächlichkeiten wie grössere Zusammenhänge ausgezeichnet darstellt.