Kurzgeschichtensammlungen können wie Probierpackungen wirken, die Appetit auf die Originalpackung machen. Mit seinem Klassiker, der unter dem Titel Some Other Country: New Zealand's Best Short Stories auf der südlichen Seite der Erdkugel erstmals 1984 erschien, ist das dem Herausgeber und mehrfach ausgezeichneten Autor Bill Manhire gelungen. Er versammelt Kurzgeschichten aus über 50 Jahren von weltweit bekannten Autoren wie Keri Hulme (*1947, Unter dem Tagmond) und Witi Ihimaera (*1944) bis zur jüngsten aufgenommenen Autorin Eleanor Catton (*1985, Die Anatomie des Erwachens). Weitere Autoren/innen sind Pip Adam (*1970), William Brandt (*1961), Craig Cliff (*1983), Joy Cowley (*1936), Tim Corballis (1971), Fiona Farrell (*1947), Maurice Gee (*1931), Tina Makereti (*1973), Owen Marshall (*1941), Kirsten McDougall (*1974), Vincent O' Sullivan (*1937), C.K. Stead (*1932), Anna Taylor (*1982), Alice Tawhai und Damien Wilkins (*1963). Einige der Autoren sind keine gebürtigen Neuseeländer, sondern Einwanderer, einige sind Maori, ein großer Teil von ihnen hat bisher nur Kurzprosa veröffentlicht. Erklärt wird die hohe Anzahl der Autoren von Kurzprosa damit, dass viele Autoren neben einem Brotberuf schreiben und weil Kurse in Kreativem Schreiben in Neuseeland wachsenden Zulauf hätten.
Die thematische Klammer, die diese Sammlung zusammenhält, ist die hier nicht enthaltene Geschichte von Dan Davis "The Quiet One", in der es um die Sehnsucht nach dem idealen Ich geht, laut einer der Übersetzerinnen, S. Bontjes van Beek, bezeichnend für jüngere neuseeländische Texte. Schnappschussartig zeigen uns die Autoren Alltagsszenen, in denen es um das Familienleben, Erinnerungen, Trauer, Ängste und Rollenbilder geht. In "Kopien" vermittelt Craig Cliff einen direkten Blick auf das Vater-Sohn-Verhältnis und die Bedeutung von Bildern; der Icherzähler "liest" das Tattoo seines Vaters, ehe er Buchstaben lesen kann. In meiner Lieblingsgeschichte "Zwei Gezeiten" geht es um Aberglauben, Erwartungen an die weibliche Rolle und Beziehungsknatsch. Die Handlung findet an Bord eines Schiffes statt und gefällt mir aufgrund der geheimnisvollen Atmosphäre und des üppigen maritimen Wortschatzes. "Der Kuss" führt uns zurück in den militärischen Einsatz in Ottimor; er erzählt von einem Soldaten, der die Kriegsbilder seiner Alpträume nicht mehr von der Gegenwart unterscheiden kann. "Eine Geschichte über Skinny Louie" zeigt aus mehreren Blickwinkeln den Tag des Jahres 1954, als Elizabeth II. Neuseeland besuchte. Weitere Stories stellen die Maori, Krankheit, Alter und Schuld in den Mittelpukt.
Ein biografischer und bibliografischer Anhang informiert über die Autoren.