Trinidad und Tobago, das hört sich an wie Sandstrand, Cocktails, Palmen und Steel Drums. Martin R. Dean kann sich daran kaum erinnern. Er hat als sehr kleines Kind eines indisch stämmigen Vaters und einer Schweizer Mutter auf Trinidad gelebt. Entspannt ist das Leben aber nicht, und seine Mutter flieht mit ihm erst nach London und dann in die Schweiz. Dort ist der Junge immer in einer Sonderposition, als Sohn ohne Vater, und vor allem als Kind dunkler Hautfarbe.
Als die Mutter stirbt, ist das einzige was dem Sohn bleibt, ein Familienalbum. Nichts anderes erbt er. Alles geht an die „neue“ Familie seiner Mutter.
Über die Fotos begibt er sich auf Spurensuche. Er reist nach Trinidad, um die Familie seines brutalen und alkoholabhängigen Vaters kennen zu lernen und versinkt in Erinnerungen die er versucht, mit Leben zu füllen. Die Fotografien helfen ihm dabei. Aber auch sein Leben in der Schweiz nimmt er genauer unter die Lupe.
Wir werden akribisch über die Familienverhältnisse informiert. Die Tante, die promiskuitiv war und irgendwann auf dem Abstellgleis landet, lernen wir genauso kennen, wie den immer Zigarre rauchenden Großvater aus dem Aargau. Der Stammbaum am Ende des Buches half zwar ein wenig, doch oft verlor ich mich in den Namen und Verwandtschaftsbeziehungen von Tanten und Coucousinen und entschloss irgendwann, dass mir wirklich egal sein sollte in welchem Verhältnis sie zu Dean stehen. Fragmentarisch reihen sich Erlebnisse und Erinnerung aneinander. Ein Deep Dive in die Migrationsheschichte Trinidads war für mich sehr interessant. Ich wusste nicht, dass die Bevölkerung in einem Großteil aus Nachfahren indischer Kontraktarbeiter besteht. Überrascht war ich, dass Tabak und Schokolade erst in der Schweiz ihren Schwerpunkt in der Geschichte fanden, obwohl es natürlich Bezüge zu den karibischen Inseln gibt.
Der Autor wird nicht müde zu wiederholen, wie sehr er beim Erbe benachteiligt wurde, was verständlich ist, aber bisweilen etwas larmoyant wirkt.
Er konnte gut transportieren, dass die Sonderstellung als einzige POC Einfluss auf seine Entwicklung genommen hat. Ich stelle es mir wirklich schwierig vor, wenn die Identität nur in der Gegenwart zu finden ist und die Vergangenheit eher im Dunkeln bleibt.
Stilistisch pflegt der Autor einen abschweifenden Stil und füttert uns mit einer Menge Informationen. Mir wurde das häufig zu viel, und ich musste mir über einen längeren Zeitraum Kapitel für Kapitel erarbeiten. Dabei gab es immer wieder Ankerpunkte, die mich fesselten, wie zum Beispiel die atmosphäreische Darstellung der Karibik, die Beschreibung der Kolibris oder welche Bedeutung Schokolade in Deans Kindheit hatte, doch alles in allem konnte mich die Biografie des Autors nicht fesseln. Es verschwimmen jetzt schon die Eindrücke zu einer wirren Zuckerwatte die mich nicht satt gemacht hat. Vielleicht ist das für Schweizer Eidgenossen interessanter, da sie einen Teil ihrer Identität, hier wieder finden und sich mit der Geschichte von Rassismus und Kolonialismus auf ihrem Terrain auseinandersetzen können.
Ich empfehle dieses Buch allen, die sich in die Biografie eines Jungen versetzen möchten, der auch heute noch mit seiner Hautfarbe und seiner Familie hadert, und den Ablehnung und Marginalisierung geprägt hat.