Jocks erster Fall – ohne Käse ein Krimi wie ein Stück Appenzeller Käse
Die Fünfsternebewertung kommt natürlich nicht aus heiterem Himmel. Sie ist wohlbegründet, so wie man es getrost erwarten darf. Und so wie ein Krimi von Twists und Rätseln lebt, die keinesfalls gespoilert werden sollen. Dies will ich ausnahmsweise auch in meiner Besprechung nicht tun, das Spoilern meini. Die Besprechung aber ist im Grunde eine Begründung meiner fünf Sterne und fällt deshalb etwas epischer und weniger kurz aus als gewohnt, voilà.
1. Der süffige Soundtrack.
Was bleibt von diesem Krimi, das mich auch zwei Wochen nach der Lektüre wohlig daran erinnert, wie gern ich dieses Buch gelesen habe, ist die Tonspur. Kommissar Jock summt, wenn er sich konzentrieren muss. Er geht ins «Mötli»-Pub, weil dort Heavy Metal läuft. Und er hört Rockmusik, wenn er mit seinem alten Auto durchs Appenzell fährt und ermittelt. Aber vor allem funkt viel Musik durch Jocks Kopf. Hier wellen Hits von den 80ern bis in die Neuzeit durch die Hirnwindungen, was beim Lesen eine zusätzliche Dimension eröffnet. Eben, die Tonspur.
2. Das ADHS des Ermittlers.
Sherlock Jock Kobel hat einen liebenswürdigen Vornamen und er ist auch liebenswürdig. Vertrottelt, oft verkatert und mitunter schlecht gelaunt, weil er halt einen Fall lösen muss, der kein Kinderspiel ist. Jock ist eine Mischung zwischen Inspektor Colombo, Robin Hood und dem Tatortkommissar aus Münster, dem Proll mit der St. Pauli-Schärpe, wie heisst er schon wieder. Thiel! Es kommt sogar eine Art Appenzeller Boerne vor, allerdings eine Frau mit welschem Akzent, ja. Ohne Witz! Im Ernst: Jock hat auch. Schwierige Seiten. Er ist ohne Zweifel ein Macho, er hat seine Launen, er ist etwas abgelöscht im Beruf. Insofern ist Jock ein untypischer Polizist, der auch wenig übrig hat für die Dienstordnung. Er bricht ständig in Privaträume von Verdächtigen ein, lässt sich dabei erwischen und stolpert über seine eigenen Füsse. Kurz: Jock ist ein Dilettant mit dem Herz auf dem rechten Fleck, was der Spannung guttut. So muss es doch sein, in einem Krimi. Man sieht über die Alkoholkrankheit, Depressionen und Ausfälligkeiten des gutmütigen Polizisten hinweg und freut sich schon auf den nächsten Fall, den Jock Kobel lösen wird.
3. Die Landschaft – kein Käse.
Das Appenzellerland ist eine Wucht. Mit Säntis, Alpstein und Dörfern wie Hundwil, von denen man vielleicht noch nie gehört hat. Aber sie sind echt und sie liegen so ab von der Welt, dass es diese Krimireihe gebraucht, hat, um sie uns näher zu bringen. Man möchte sofort alles liegen lassen und nach Hundwil reisen, um die Hundwiler Höhi zu erklimmen. Gerade wenn man wie der Schreibende nur einen oberflächlichen Bezug hat zum Appenzellerland, ständig Innerrhoden mit Ausserrhoden verwechselt, zum Beispiel, gehört die Kulisse zu den Köstlichkeiten dieser Geschichte. Ich hoffe, dass Appenzell Tourismus dem Krimiautoren dringend weitere Fälle vorfinanziert. Es lohnt sich!
4. Die Twists der Handlung.
Nebst dem Plot, der handwerklich hübsch verklausuliert ist, gibt es in der Appenzeller Abrechnung viel unverhoffte Wendungen, die dem Krimi die nötige Würze geben. Selbst im letzten Viertel überschlägt sich die Handlung noch ein paar Mal, macht Kapriolen, ohne dass es absehbar wäre. Das ist Tatort-alike, absoluter TV-Standard und man fragt sich, ob Käser die Filmrechte schon verkauft hat oder ob er da noch einmal etwas herausschlagen könnte. Wann beisst Hollywood an? Das Buch schreit nach einer Verfilmung und ich stelle mir einen Claus Theo Gärtner vor, der den Polizisten Jock Kobel spielt. Matula, wir brauchen dich!
5. Die Geschichte unter der Geschichte.
Der Teppich der Handlung dieses Krimis ist die echte Geschichte. Vielleicht kennt jemand den Spielfilm «Die Göttliche Ordnung», der im Buch auch kurz zitiert wird. Dort geht es um den Kampf der Appenzeller Frauen für das Stimmrecht. Um erkämpfte Politik also, Gleichberechtigung, umd die Schlacht zwischen den Geschlechtern. Dieser Kampf der Männer gegen Frauen, gegen die alte Göttliche Ordnung im Appenzell eben, wo sich Hase und Fuchs gute Nacht sagen, klingt im Krimi an. Doch dies ohne schulmeisterlich zu sein oder dass es stört. Ich will wirklich nicht spoilern und nichts verraten. Aber es ist wahr, ohne Ironie: Ich muss aufhören, lest selber.
Kurz: Die Appenzeller Abrechnung ist absolut empfehlenswert, dieser Krimi geht runter wie Butter und ist rezent wie ein Stück Appenzeller Schnaps oder Käse, was man gern haben muss, gerade wegen der Würze – kein Käse.