"Wir" ist ein 1920 fertiggestellter, dystopischer Roman des russischen Autors Jewgeni Samjatin. Es ist das erste Buch, welches offiziell in der Sowjetunion verboten wurde. "Wir" war dabei eine direkte Entgegnung des als fortschrittlich apostrophierten Romans "Der rote Planet" von Alexander Bogdanow. "Wir" spielt im "Vereinigten Staat", einem Gebilde, das nach einem 200-jährigen Krieg und der "allerletzten Revolution" entstand. Dieser Staat besteht aus einer von einer Mauer geschützten Stadt, die Häuser dieser Stadt besitzen Wände aus Glas. Heerscharen von "Beschützern" wachen über das "Wohl" der Einwohner, deren Leben bis zum kleinsten Handgriff reglementiert ist, über allen steht ein übermächtiger "Wohltäter". "Nummern" – gemeint sind Menschen –, die sich gegen diese "Fürsorge" wehren, werden öffentlich hingerichtet. Der Einzelne zählt nicht, was zählt, ist das Kollektiv. Im Laufe der Erzählung wird unter anderem eine Gehirnoperation entdeckt, die das Fantasiezentrum entfernt und somit Gedanken des Widerstands unmöglich macht. Der Roman schildert die Ereignisse in Form eines Tagebuchs von D-503. D-503 ist Konstrukteur der Rakete Integral, eines Raumschiffes, das den Weltraum erobern und die Errungenschaften der "letzten Revolution" exportieren soll. D-503 verherrlicht seinen Staat – so lange, bis er die Staatsfeindin I-330 und andere Rebellen kennenlernt. Immer wieder taucht im Roman der Name Taylor auf, der für seine "Wissenschaftliche Betriebsführung" vom Regime verehrt wird.
Der folgende Text basiert auf Notizen, die ich vor Jahren bei der Lektüre von „Zamiatine et nous autres“ von Jean-Luc Gautero in der Zeitschrift Alliage (Nr. 3, Frühjahr 1990) angefertigt habe. Der russische Ingenieur und Schriftsteller Evguéni Zamiatine (1884–1937), der nach einer Phase revolutionärer Begeisterung 1931 aus der UdSSR emigrierte, schuf mit seinem 1920 verfassten Roman „Wir“ (Nous autres) ein Schlüsselwerk der dystopischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Gautero liest diesen Text nicht primär als antisowjetisches Pamphlet, sondern als weitreichende, philosophisch zugespitzte Auseinandersetzung mit der Tyrannei der Rationalität und der Wissenschaft. Im Zentrum steht der Mathematiker D-503, loyaler Bürger des Einzigen Staates (État Unique), dessen Ordnung auf mathematischer Perfektion, totaler Transparenz und vollständiger Berechenbarkeit beruht. Ziel dieses Regimes ist es, menschliche Freiheit zugunsten eines „glückseligen Jochs der Vernunft“ zu eliminieren; die Individuen sind auf maschinenhafte „Nummern“ reduziert. D-503s unerschütterliche Überzeugung gerät ins Wanken, als er sich in I-330 verliebt, eine charismatische Rebellin, die einer Untergrundbewegung angehört und sich offen gegen den Wohltäter stellt. In Gauteros Deutung verkörpert sie keine irrationalistische Gegenwelt, sondern die Dialektik der Wissenschaft selbst: die Einsicht, dass Erkenntnis nur dort lebendig bleibt, wo das Unbekannte zugelassen wird. Besonders eindringlich arbeitet Gautero die doppelte, spannungsvolle Rolle der Wissenschaft im Roman heraus. Einerseits fungiert sie als Instrument totaler Herrschaft, andererseits trägt sie in sich das Potenzial des Widerstands. Dieser innere Bruch materialisiert sich in D-503s obsessiver Beschäftigung mit der Wurzel aus minus eins (√−1), die das scheinbar geschlossene logische System des Staates unterläuft und das Unkalkulierbare symbolisiert. I-330 steht dabei nicht für die Ablehnung wissenschaftlichen Denkens, sondern für eine dynamische, offene Forschung, die sich der permanenten Grenzüberschreitung verschreibt – im Gegensatz zur erstarrten, dogmatischen Rationalität der staatlichen Ordnung. Der Roman, der deutliche Parallelen zu Dostojewskis „Aufzeichnungen aus dem Untergrund“ aufweist, endet bewusst offen. Der Konflikt zwischen den Rebellen und dem Einzigen Staat bleibt ungelöst und verweist auf die tieferliegende, bis heute aktuelle Frage nach Wesen, Grenzen und gesellschaftlicher Verantwortung der Wissenschaft selbst.