Chantal Jaquet widmet sich in „Les transclasses ou la non-reproduction“ einem lange vernachlässigten Thema der Sozialphilosophie: nicht der Klassenfrage als solcher, die seit Marx und Bourdieu intensiv diskutiert wurde, sondern dem Ausnahmephänomen der Nicht-Reproduktion. Während klassische soziologische Theorien – allen voran Pierre Bourdieu – eindrücklich gezeigt haben, wie stark Klassenlagen über Kapitalformen weitergegeben werden, richtet Jaquet den Blick auf die Ausnahmen. Sie fragt: Was geschieht mit Individuen, die nicht im Herkunftsmilieu verharren, sondern den Sprung in ein anderes Milieu vollziehen? Diese Frage stellt sie nicht normativ als „Erfolgsgeschichte“, sondern als philosophisch-soziologische Untersuchung der Brüche, Spannungen und Metamorphosen, die den Klassenwechsel begleiten.
Das Buch beginnt mit einer Analyse der Mechanismen der sozialen Vererbung, um dann die „Nicht-Reproduktion“ als Sonderfall zu thematisieren. In dichter Sprache entfaltet Jaquet anhand von biographischen und literarischen Beispielen – etwa Didier Éribon oder Richard Wright – die Lebenswege von Menschen, die ihre Klasse verlassen haben. Ambition, Mimikry, familiäre Muster und sozioökonomische Bedingungen bilden dabei die Folie, auf der sich die transclasses abzeichnen. Besonders eindrücklich ist Jaquets Betonung der „sozialen Scham“ (honte sociale), die ebenso Motor der Abwendung vom Herkunftsmilieu wie Quelle existenzieller Zerrissenheit sein kann.
Philosophisch originell ist Jaquets Konzept der „complexion des transclasses“. Angelehnt an Spinozas Begriff des ingenium beschreibt sie die Transklasse als ein komplexes Geflecht aus Determinationen – ökonomischen, affektiven, familiären, historischen –, das eine große Plastizität und Anpassungsfähigkeit ermöglicht. Die Dynamik der Nicht-Reproduktion lässt sich daher nicht monokausal erklären, sondern erfordert eine kombinatorische Denkweise. Ehrgeiz, Scham, Liebe oder auch Begegnungen mit Lehrerfiguren wirken dabei zusammen und eröffnen neue Räume. Der Aufstieg ist hier kein linearer Prozess, sondern eine fragile Metamorphose.
Besonders prägnant wird das Konzept des entre-deux, des Dazwischen-Seins, das die Identität der Transklassen prägt. Sie sind weder fest im Herkunftsmilieu verankert noch vollständig im Ankunftsmilieu integriert. Diese Zwischenstellung ist Quelle von Distanz, von ständiger Anpassung, von Oszillation zwischen Anziehung und Abstoßung. Jaquet macht deutlich, dass der soziale Aufstieg mit tiefen Identitätskrisen verbunden ist: Ethnologischer Schock, Mimikry und das Verbergen eigener Unzulänglichkeiten gehören ebenso dazu wie die fragile Aneignung neuer Codes.
Jaquets Buch überzeugt durch die Verbindung philosophischer Konzepte mit soziologischen Beobachtungen und literarischen Stimmen. Sie verschafft den Transklassen einen theoretischen Raum, in dem deren Komplexität sichtbar wird – jenseits von simplen Erfolgserzählungen oder soziologischen Statistiken. Dass sie Spinozas Affektenlehre fruchtbar macht, um die widersprüchlichen Triebkräfte von Ambition, Scham und Liebe zu fassen, zeigt die Originalität ihres Ansatzes. „Les transclasses ou la non-reproduction“ ist somit ein Beitrag zur Philosophie der sozialen Differenz, der sowohl für Soziologie als auch für Sozialpsychologie von Bedeutung ist.
Und doch bleibt am Ende die bedrückende Einsicht, dass unsere modernen Gesellschaften nur wenig zu einem kollektiven conscience de classe beizutragen vermögen. Während Jaquet präzise die inneren Zerrissenheiten der Transklassen seziert, zeigt sich zugleich, wie sehr diese Erfahrungen in der Gegenwart individualisiert und vereinzelt bleiben. Marx hatte den Schritt von der „Klasse an sich“ zur „Klasse für sich“ als entscheidend für jedes emanzipatorische Projekt beschrieben. Heute hingegen bestehen die scharfen Linien sozialer Differenz zwar fort, doch das Bewusstsein ihrer gemeinsamen Grundlage ist brüchig geworden. In dieser stillen Vereinzelung erscheinen die Transklassen eher als isolierte Grenzgänger denn als Mittler einer solidarischen Praxis. Obgleich die Bedingungen für die Entstehung von Klassenbewusstsein – und damit kollektiven Handelns – seit Marx und seinen Nachfolgern immer wieder diskutiert wurden, bleibt auch für mich unklar, unter welchen Umständen es sich tatsächlich leicht entfalten kann. Diese Entstehung ist umso dringlicher, um dem capitalisme cognitif, dem Technofaschismus, dem Technokolonialismus und schließlich dem drohenden Technofeudalismus wirksam die Stirn zu bieten – damit die vielen nicht zu Opfern einer Geschichte werden, die nur den wenigen dient.