Dörte Hansen erzählt in ihrem neuen Roman „Zur See“ in ihrer unverwechselbaren Sprache von den Bewohnern einer namenlos bleibenden deutschen Nordseeinsel. Im Mittelpunkt ihrer Erzählung steht die Familie Sander, deren Mutter Hanne noch ein altes Kapitänshaus mit Reetdach und Walknochenzaun bewohnt, das als Fotomotiv bei den Touristen beliebt ist.
Hanne heiratete als junge Frau Jens Sander, der genau wie die Generationen vor ihm große Teile des Jahres auf See verbrachte und die Frau allein Zuhause ließ. Doch Hanne wartet nicht gerne. Sie hat das Warten und die Schwermut vertrieben, indem sie ständig in Bewegung blieb, die Hände immer arbeitend, den Blick bloß nicht zum Horizont schweifen lassend. Und wenn der Mann nach Hause kommt, gibt es kein warmherziges Willkommensheißen, sondern bloß stille Wut und unausgesprochene Vorwürfe, weil er sie allein ließ.
Kein Wunder, dass diese Ehe nicht ewig hält. Heute lebt Familienvater Jens Sander als Vogelwart auf einer unter Naturschutz stehenden Insel vor der Insel. Beobachtet und kartiert das Kommen und Gehen der Vögel und merkt gar nicht, wie einsam er ist, bis er auf einmal unerwartet Gesellschaft bekommt.
Ryckmer Sander ist der älteste Sohn der Familie, der zur See fuhr wie der Vater, weil weder er noch seine Eltern auf die Idee kamen, dass ein anderes Leben für ihn möglich wäre. Doch es bekam ihm nicht: Kapitän Ryckmer Sander verlor in einem schweren Sturm die Kontrolle über sein Schiff, geriet in Panik, als er das Wasser wie eine weiße Wand über ihm aufragen sah. Er überlebte, doch seitdem graut ihm vor den Stürmen und er soff sich von der Kommandobrücke seines Frachters zum Decksmann einer Inselfähre hinab. Mit 40 Jahren zieht er wieder bei der Mutter ein.
Auch von der Tochter Eske wird erzählt, Altenpflegerin und Death Metal Fan, und dem jüngeren Sohn Henrik, ein Künstler, der den Strand und die See mehr braucht als jeden Menschen und der aus dem, was er im Spülsaum findet, gefeierte Skulpturen bastelt. Und auch der Inselpastor findet Erwähnung, dessen Frau es auf einmal ans Festland zieht und der von Selbstzweifeln geplagt die Insel- und Tagesränder entlang joggt, als würde er von jemandem gejagt.
Von den Leben all dieser Menschen erzählt Dörte Hansen in wundervollen Bildern und einer Sprache, die mich von der ersten Seite an verzaubert hat. Den ganz eigenen Ton, den sie dabei findet, zu beschreiben, fällt mir nicht leicht, auch wenn ich ihn noch im Ohr habe. Sie setzt wenige, prägnante Worte, nutzt Ellipsen und treffende Metaphern und schafft es irgendwie, zugleich bildhaft und nüchtern zu klingen.
Sie erzählt von einer Insel, die sich wandelt, während die alten Generationen zusammen mit ihrer „Inselsprache“ aussterben. An den Touristen und Wochenendhausbewohnern die die Insel einnehmen und für immer verändern, lassen die Alteingesessenen Inselbewohner, aus deren Sicht erzählt wird, kaum ein gutes Haar. So wird das Buch auch zu der Chronik einer Gesellschaft und eines Ortes im Wandel. Denn noch ehe Klimawandel und Extremwetter die Insel verschlucken werden, so macht die Geschichte glauben, wird das wahre Herz der Insel längst verstummt und verkauft sein, die alten Traditionen vergessen, die Fischkutter zur Ausflugsbooten umgerüstet, die alten Trachten nur noch Kostüme, das Kapitänshaus der Familie Sander eine Touristenattraktion.
„Zur See“ reicht für mich nicht an Hansens Roman „Mittagsstunde“ heran – vielleicht liegt es daran, dass die Erzählung hier Einblick in das Seelenleben so vieler Personen geben möchte und dadurch nicht dieselbe Tiefe erzielt? Dennoch ist es wieder ein wunderbar gelungenes Buch, das ein treffendes Bild des Strukturwandels auf den Nordseeinseln zeichnet und gleichzeitig mit großem Feingefühl persönliche Schicksale auslotet.