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Unter Beobachtung

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252 pages, Paperback

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Philip Manow

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Displaying 1 - 6 of 6 reviews
Profile Image for Martin Riexinger.
333 reviews38 followers
April 15, 2026
Die beiden Hauptthesen in Manows Abhandlung lauten, dass die liberale Demokratie selbst ihre Feinde grschaffen habe, und dass der Begriff selbst recht neu sei und einen keieswegs selbstverständlichen Zusammenhang als normal und richtig postuliere.

Mit einer begriffsgeschichtlichen Analyse im Sinne Kosellecks zeigt der Siegener Politologe auf, dass der Begriff im Zusammenhang mit dem "Konstitutionalisierungsschub" nach 1990 zu verstehen ist. Hiermit meint er die starke Stellung von Verfassungsgerichten nach deutschen Vorbild in den Staaten Osteuropas mit dem Ziel, die Exekutive einzuhegen, speziell im Falle unerwünschter Wahlergebnisse. Dabei unterstreicht er, dass solch ein Konstrukt in wohletablierten Demokratien wie dem Vereinigten Königreich, den Niederlanden und den skandinavischen Ländern unbekannt ist. Verstärkt wird diese Entwicklung durch die EU-Gerichtsbarkeit, die aus ihrer parteiischen Haltung im Sinne der "ever closer union" keinen Hehl macht.
Durch diese Entwicklung wird laut Manow Politik durch Recht ersetzt, mit der Konsequenz, dass der Machtwechsel durch Mehrheitsentscheid als das zentrale Element der Demokratie praktisch ausgehebelt wird.
Die Ursache der Entwicklung sieht er in einem fälschlich auf negative Beispiele fixierten Verständnis der europäischen Geschichte, die in Westeuropa vielfach eine distanzierte Haltung zum Nationalstaat unter der politischen Elite genährt hat. Diese kollidiert mit einer dezidiert positiven Wertung nationaler Souveränität in den Ländern des ehemaligen Ostblocks.
Die politischen Hintergründe und Implikationen in den westeuropäischen Ländern interessieren Manow weniger, anhand der in die Diskussion einbezogenen Beispiele Israel und Türkei zeigt er jedoch aud, wie die gerichtliche Kontrolle der Politik letzlich die Stellung gesellschaftlicher Eliten mit nicht mehrheitsfähifen Auffassungen sichern soll (kemalistisch bzw. aschkenasisch-säkular).*

Unabhängige Zentralbanken betrachtet Manow ebenfalls als Instrument zur Einhegung von Mehrheitsentscheidungen, sie spielen aber nur am Rande eine Rolle.

Größter Mangel: Die Schweiz als Schreckbild direkte Demokratie wird nicht behandelt.
Stärkster Punkt: Die Demontage der häufig zitierten "Liberal Democracy" und "Varieties of Democracy" Indizes als unbrauchbar, weil subjektive Werturteile einkodiert und damit als objektive sozialwissenschaftliche Wahrheiten verkauft werden.

Der letzte Punkte verdeutlicht, dass es Manow nicht allein um die beschriebene politische Problematik geht, sondern auch um den Zustand seiner Diszipli, die über aller Quantifizierungseuphorie aufgehört hat, ihre Begriffe und deren Geschichlichkeit zu reflektieren.

* Hätte er mich gefragt, hätte ich ihn selbstredend auf die kemalistische Devise "halka rağmen halk için" (dem Volk zum trotz für das Volk) hingewiesen.
Profile Image for Hilde Hîro.
3 reviews1 follower
November 24, 2025
3,5
der historisierende ansatz, die kritik an der fast selbstgefälligen und dabei kurzsichtigen geschichtsphilosophie der liberalen demokratie und ihrer verteidiger*innen, und die analyse der konstitutionalisierung liberaler demokratien und der konsequenzen dieser prozesse sind klar und überzeugend dargestellt. worauf manow damit hinaus will, bleibt aber nahezu gänzlich im unklaren, und das lässt immer wieder große lücken. das buch regt zum nachdenken an und es gibt viele schön scharf pointiert formulierte gedanken, am ende der immerhin fast 200 seiten kommt aber insgesamt trotzdem weniger als erhofft bei rum.
Profile Image for Florian Lorenzen.
169 reviews190 followers
October 18, 2024
Die Diskussion darüber, ob sich die gegenwärtige Demokratie in der Krise befindet, ist vermutlich so alt wie die Demokratie selbst. Eine interessante Einlassung zu dieser Fragestellung hat nun der Siegener Politikwissenschaftler Philip Manow vorgelegt, der eine etwas unkonventionelle, aber doch einleuchtend Position hierzu vertritt.

Manow weist daraufhin, dass die gegenwärtige Krisendiagnose der liberalen Demokratie auf einem ganz bestimmten Demokratieverständnis fußt, das so neu noch nicht ist. Anhand der Genese der sogenannten Demokratieindizes wie Freedomhouse und V-DEM zeigt Manow auf, wie sich die Messkriterien an eine (liberale) Demokratie über die Zeit verlagert und erweitert haben. Nicht mehr freie Wahlen allein werden heute als Bedingung einer „guten Demokratie“ erachtet, sondern bspw. auch die Wahrung von Minderheitenrechten, idealerweise abgesichert durch Verfassungsgerichte. Eben jene Umstrukturierungen von Verfassungsgerichten sind es dann ja auch gewesen, welche den Zustand der liberalen Demokratie in Polen, Italien oder Israel in Frage stellten. Manow konstatiert allerdings nicht zu Unrecht, dass alte, etablierte Demokratien wie Großbritannien oder den Niederlanden keine Verfassungsgerichtsbarkeit kennen. Verfassungsgerichte müssen außerdem, so Manow, nicht zwingend so zurückhaltend agieren wie in Deutschland, sondern können durchaus eine eigene Agenda verfolgen und aktivistisch auftreten. Im schlimmsten Fall werden immer mehr Politikfelder durch Restriktionen von Verfassungsgerichten beschränkt und dadurch dem Demos entzogen, was auch Phänomene wie den Populismus hervorbringen kann.

Somit wird deutlich: Es gibt vielleicht eine Krise der liberalen Demokratie, doch diese Beobachtung resultiert aus unserem veränderten Demokratieverständnis. Manow fordert nicht, dieses Demokratieverständnis rückabzuwickeln, aber doch dieses zu historisieren. Wie dieser Prozess allerdings konkret aussehen soll, bleibt weitgehend im Unklaren und das wäre auch meine einzige Kritik an dieser ansonsten lesenswerten Intervention!

Review auf Instagram: https://www.instagram.com/p/DBQcqceu-ys
Profile Image for Fabi.
21 reviews1 follower
December 21, 2025
Manows Argumente sind kohärent und überzeugen jedenfalls in (größeren) Teilen.

Allerdings bleibt der Autor eines empirischen Beweises seiner makrostrukturellen bzw. institutionalistischen These schuldig. Daher kann das Buch seine eigene These nicht wirklich belegen und nur als Ausgangspunkt einer Überprüfung dienen.

Nichtsdestotrotz war die Lektüre spannend und die gnadenlose Kritik am "liberal-demokratischen" Modell sehr erfrischend. Das Buch geht gründlich gegen den Geist der Zeit.

4/5
Profile Image for Gustav Gutschke.
86 reviews2 followers
July 22, 2024
Ein Buch, das ich mit Gewinn gelesen habe und das eine unorthodoxe Sicht auf "die Krise der Demokratie" bietet.

Philip Manow befasst sich grundlegend mit der Frage, was gemeint ist, wenn von "Demokratie" gesprochen wird. Einerseits gebe es Minimaldefinitionen ("elektorale Demokratie"), nach denen Demokratie schlicht ein System der friedlichen Regierungswechsel als Reaktion auf Wahlen sei. Demgegenüber steht die "liberale Demokratie"; sie betont ein ganz bestimmtes Institutionengefüge, das "als umso demokratischer gelten kann, je 'liberaler' es ist. Wahlen wird offensichtlich keine herausgehobene Bedeutung mehr zugemessen" (S.41). Dieser Konzeption entspricht die Vorstellung, wonach die Demokratie vor sich selbst geschützt werden müsse, d.h. vor dem Volk und seinen Mehrheitsentscheidungen. Aus diesem Gegensatz erwächst der gegenseitige Vorwurf der "Demokratiefeindlichkeit" zwischen sogenannten Populisten und sogenannten Demokraten. Es stellt sich dann die Frage, welche Demokratiekonzeption eigentlich gemeint ist, wenn "die" Demokratie verteidigt werden soll.

Hier zeichnet sich ein Schwachpunkt ab: Das Buch ist durchzogen von polemischen Spitzen, die zwar unterhaltsam sind und meistens auch der Erkenntnis dienen - aber eben nicht immer. Es ist dem Ton nach definitiv eher Essay als Sachbuch, stellenweise mutet es gar wie ein Manuskript an; wie eine zwar strukturierte, aber unfertige Gedankensammlung, in der sich inhaltliche Dopplungen finden. Dass unsere Ontologien, d.h. unsere Vorstellungen davon, was real ist, zugleich historisch bedingt und politisch umkämpft seien, wird. ca. 15 Mal ausgeführt.

Das tut dem analytischen Gehalt des Buches allerdings kaum Abbruch. Manow fragt nach den Ursachen des Populismus und erkennt ihn im Konflikt zwischen Recht und Politik. Die liberale Demokratie betont ersteres, indem sie die Macht der Verfassungsgerichte stärkt, die grundlegende Rechte auch gegen Mehrheitsentscheidungen schützen sollen. Diese Konzeption der Demokratie ist historisch sehr jung, sie nahm erst während der 1990er-Jahre Fahrt auf. Seitdem haben die höchsten Gerichte ihre Rolle nicht auf eine kontrollierende beschränkt, sondern eine aktiv-gestalterische eingenommen. So seien nicht nur viele Gesetzesvorhaben regierender Mehrheiten gestoppt worden, sondern die Gerichte haben auch die Verfassungen durch eigene Interpretationen weiterentwickelt. Manow spricht hier überzeugend von einer "Justizialisierung der Politik" und von "Entpolitisierung der Demokratie".

Das Paradox: Diese gestiegene Macht der Gerichte schafft Anreize, die Gerichte ihrerseits unter politische Kontrolle zu bringen, d.h. ihre Unabhängigkeit einzuschränken. Die Systemumbauten in der Türkei, in Ungarn und in Polen werden auf diese Weise erklärt. Der Populismus ist nach dieser Deutung also ein Resultat veränderter Institutionsgefüge und Akteurskonstellationen. Mithin liegt ihm der Konflikt zwischen Recht und Politik zugrunde, wobei der Populismus politische Handlungsfähigkeit durch Mehrheitsentscheide betont. Zugutehalten muss man Manow, dass er politische Entwicklungen aus Makrokontexten zu erklären versucht und dabei hellsichtig die Funktionslogiken und Handlungsspielräume des Rechts und der Politik beleuchtet. Das ist enorm lehrreich. Ob der Konflikt dieser beiden Subsysteme tatsächlich hinreicht, um das Phänomen des Populismus zu erfassen, ist fraglich. Ganz ohne diese Perspektive wird es aber wohl nicht gelingen.

Das Buch räumt mit Vorstellungen auf, die im Populismus nichts weiter als eine verquere Weltsicht zu erkennen vermögen, die aus dem Scheitern resultiere, die Komplexität der Moderne zu begreifen. Die populistischen Führungsfiguren seien auch nicht einfach sinister und spielten ein Skript zur Zerstörung der Demokratie ab - nein, sie haben schlicht eine andere Demokratiekonzeption, die wesentlich eine Reaktion auf die veränderten Systembedingungen seit 1989 ist. Deshalb seien Heilmittel wie politische Bildung oder gar "Wertebildung" illusorisch; mit dieser moralischen Schablone könne der Populismus nicht als das verstanden werden, was er nach Manow ist: die Artikulation von Interessen und eine Reaktion auf reale Pathologien eines historisch recht jungen Systems der "liberalen Demokratie".

Der These einer "Krise der Demokratie" steht Manow deshalb skeptisch gegenüber. Es scheint sich global betrachtet eher um eine Transformation, denn eine Regression zu handeln. Begründet wird das mit einer hellsichtigen Kritik an Datensätzen der Demokratiemessung. Die vorgebliche Objektivität eines Niedergangs der Demokratie bekommt Risse, wenn die zugrundeliegenden Variablen dekonstruiert werden. Es wird dann fraglich, ob der Unterschied zwischen "liberaler Demokratie", "elektoraler Demokratie" und "elektoraler Autokratie" tatsächlich so einwandfrei zu machen ist. Um das final zu bewerten fehlt mir die Kompetenz, aber allein die Geste der Kritik ist beachtlich, gilt doch der besonders angegriffene V-Dem-Index in der PoWi mindestens als best practice, wenn nicht gar als Heiligtum.

Manow lässt keinen Zweifel daran, dass er die Verrechtlichung der Politik ablehnt und somit auch den Demokratiemodus der "liberalen Demokratie" kritisiert. Weniger klar ist, wie weit seine Sympathien für den Populismus reichen. Mit Verve kritisiert er Zeitdiagnostiker, die sich einbilden, das politische Geschehen bloß abbilden zu können, anstatt mit ihren Beiträgen zugleich zu intervenieren - was bedeutet das hinsichtlich Manows eigenem Beitrag? Aber das ist wohl eine normative Frage, die zunächst irrelevant für die Bewertung des analytischen Gehalts des Buches ist. Und der ist ohne Zweifel hoch.
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