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Videotime

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Väter, Mütter und Dämonen – Roman Ehrlich beschreibt eine Jugend in den Neunzigern

»Videotime«, so hieß die Videothek, in der Roman Ehrlichs Erzähler mit seinem Vater zahllose Filme auslieh, um sie zu Hause auf Leerkassetten zu überspielen. Es sind die neunziger Jahre in einer bayerischen Kleinstadt, deren scheinbar friedliche Ordnung vom Unheimlichen der Filme in ein anderes, fremdartiges Licht getaucht wird. Was zum Beispiel war damals mit den Vätern und Müttern los, die in Justizvollzugsanstalten oder Autohäusern arbeiteten und in ihrer Freizeit die eigenen Kinder auf dem Tennisplatz mit harten Drills trainierten oder hoffnungslos dem Zucker verfallen waren? Welche Rolle spielte man selbst dabei, wenn man jung war und die eigene Welt nur so zu wimmeln schien von Außerirdischen und Besessenen? »Videotime« ist eine Geschichte in auffallend schöner Sprache über die Gesichter und Leerstellen, die sich hinter unseren Masken und Selbstbildern verbergen. Ein beeindruckender, mit großer Souveränität erzählter Roman, der die Frage aufwirft, in welcher Zeit und Welt wir eigentlich leben – und in welcher Haut.

357 pages, Kindle Edition

First published August 28, 2024

5 people are currently reading
134 people want to read

About the author

Roman Ehrlich

10 books6 followers
Roman Ehrlich, geboren 1983 in Aichach, aufgewachsen in Neuburg an der Donau, studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und an der Freien Universität Berlin. Bislang sind von ihm die Bücher ›Das kalte Jahr‹ (2013), ›Urwaldgäste‹ (2014), ›Das Theater des Krieges‹ (2017, mit Michael Disqué) und ›Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens‹ (2017) erschienen.

Literaturpreise:

Bremer Literaturpreis (Förderpreis) 2014
Robert Walser-Preis 2014
Ernst Toller-Preis 2016
Alfred Döblin-Medaille 2017

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Displaying 1 - 8 of 8 reviews
Profile Image for Meike.
Author 1 book5,121 followers
September 14, 2024
When a pirated VHS library suddenly starts playing over your own childhood memories, a whole new level of meaning opens up for small-town dramas: Roman Ehrlich's novel “Videotime” shows the construction of the past in the context of media staging. The protagonist returns to the small Bavarian town of his childhood to visit his father, who is suffering from dementia. Places such as the abandoned video store allow him to relive in his mind the stages of growing up in the 1990s, while the reconstruction of the past is repeatedly overlaid by the films he saw back then: his father illegally copied borrowed tapes onto VHS and amassed a considerable collection. The novel's protagonist decides to hold on to the films as an anchor of memory.

Inspired by film editing, Ehrlich employs narrative montage: In the narrated present, the protagonist delays meeting his father, with whom he has always had a difficult relationship, and instead walks to the abandoned video store of his childhood; friends and family, places and experiences from the past enter the novel via the memory of the films, the meaning of which he reinterprets from his adult perspective and through the lens of the film fictions. At the same time, the childhood scenes vividly evoke West Germany in the 1990s. An important aspect is the treatment of women and the kind of masculinity exemplified by the father, a failed soldier who drills the protagonist's brother on the tennis court. Friends from different classes create a social topography, their families illustrate different models of life in the small town at the end of the last millennium, and they too are steeped in media narratives.

The skillful montage and elegant language give the text a character all of its own, combining content and form in an innovative and convincing way. This is the kind of novel that would be deserving of the German Book Prize.

You can now listen to Roman and me talking about it in my radio piece: https://www.sr.de/sr/sr2/themen/liter...
...and here's our entire conversation:
https://papierstaupodcast.de/special/...
....and our podcast discussion: https://papierstaupodcast.de/podcast/...
Profile Image for Anika.
970 reviews326 followers
September 13, 2024
Ein ganz großes Lesevergnügen, das unfassbar clever konstruiert ist. Während der Erzähler auf dem Weg zum Vater durch die heimatlichen Kleinstadt seiner Kindheit spaziert, passiert er diverse Orte, die er zum nostalgischen Erinnern an Personen, Ereignisse, Gefühle und vieles mehr nutzt. Dreh -und Angelpunkt ist das Gebäude der früheren Videothek, aus der der Vater Filme auslieh und raubkopierte. Die Filme, die Gefühle beim Schauen, die Verhältnisse zu den Mitzuschauenden, die Story des Films und Behind-the-scenes-Infos, das alles (und noch mehr, ich habe sicher was vergessen), ergänzen die Handlung auf zig Ebenen - und alles ist stimmig, es besteht quasi kein Zwang zum Vorspulen. Ein Lesehighlight 2024.

Mehr zum Buch in unserer ausführlichen Besprechung @ Papierstau Podcast: #307: Der Pixel-Pilz-Pullunder
1 review
January 1, 2026
Ich habe noch nie eine Satz gelesen, der eine ganze Seite lang ist. Schon alleine dafür hat es sich gelohnt.
2 reviews
September 18, 2024
Der mit 'Familienroman' betitelte Erzähltext von Roman Ehrlich gibt die Geschichte eines Protagonisten auf dem Weg zu seinem dementen Vater in seiner Heimatstadt wieder. Der Weg durch die bayrische Kleinstadt wird von der Erzählinstanz als Anlass genommen, Erinnerungen an Orte und Situationen zu beschreiben. Somit entsteht neben dem Erzählstrang der Basiserzählung ein kontinuierlicher Erzählstrang aus Analepsen, die zumeist thematisch an Filmbeschreibungen gebunden sind. Die Filme - Raubkopien auf Videokassetten aus der väterlichen Privat-Videothek - werden detailliert nacherzählt, wobei rezeptionsästhetische Auffassungen des Protagonisten als Anlass zur Analogiebildung genutzt werden und mit Interpretationen des Erzählers zu seiner familiären Vergangenheit verschmelzen. Immer wieder tauchen in den rückblickend erzählten Abschnitten analytische Passagen auf: Der erwachsene Erzähler deutet rückblickend das Verhalten und Geschehen in seinem kindlichen Umfeld, wodurch eine Verbindung zweier Zeitebenen stattfindet. Auf narrativer Ebene wird diese Relation zwischen Vergangenheit und Gegenwart durch die Verwendung des epischen Präteritums in den analeptischen Abschnitten aufrechterhalten, wodurch die Vergangenheit zur präsenten Zeit heranwächst. So gelingt ein Übergang zur im Präsenz erzählten Basiserzählung und insgesamt zwischen den verschiedenen Erzählsträngen im Fließtext ohne explizite (graphische) Hinweise.
Wenn auch wenige Übereinstimmungen mit den Merkmalen des traditionellen Familienromans bestehen, da nur selten über die zweite Generation hinausgehend erzählt wird, können Übereinstimmungen des Textes mit dem Genre aufgefunden werden. Allen voran das Thema Familie und die Aufarbeitung von Erinnerungen an diese. Die Erinnerungsthematik steht in Ehrlichs Roman im Vordergrund, um die Kindheit seines Protagonisten aufzuarbeiten. Hierbei dienen die Filmbeschreibungen und Erinnerungen an das gemeinsame Filme sehen mit Freunden oder Familie als Anlass zur Interpretation von Familienmitgliedern und familiären Ereignissen. Das Verhalten der Elterngeneration kann so zentralisiert und kritisch eingeordnet werden, ohne textintern explizit Kritik äußern zu müssen. Besonders durch Aussagen wie "glaube ich" oder "denke ich", die Annahmen der kindlichen Auffassung indirekt anzweifeln, entsteht zusätzlich ein Spiel mit der Erinnerungskraft der Erzählinstanz bei der nachzeitigen Reflexion der eigenen Erinnerungen.
Wie der Protagonist in Ehrlichs Text selbst reflektiert, eignen sich die "Filme und die in ihnen dargestellten Figuren nur allzu gut [dazu], eine dunkle Dynamik, die in den Verhältnissen unserer Eltern am Werk war, zu veranschaulichen" (S. 342). Der Grund der Verwendung intertextueller Multimedialität wird textintern durch die Erzählinstanz herausgearbeitet: Anstelle die gesamte Familiengeschichte zu erläutern, werden spezielle Situationen der familiären Vergangenheit hervorgehoben, die sich in den fiktionalen Beschreibungen der Filme spiegeln. Die Analogiebildung im Roman stellt sich als sein hervorstechendes Erzählmuster heraus.
Durch die Integration von Filmen wird gleichermaßen implizit auf Fiktionalität hingedeutet. Rezipierende werden dazu angeleitet, sich vor Fiktion trotzende, offensichtlich nicht reale Situationen vorzustellen, während sie eine fiktive Geschichte lesen. Diese visuellen Fiktionen in Form von Filmbeschreibungen, die in eine fiktionale Erzählung integriert werden, dienen als Zugang zur Reflexion und ggf. zum Verständnis realweltlicher Verhaltensmuster, die wiederum in einer fiktionalen Erzählung, dem Roman, für Lesende zugänglich werden. Ehrlich erschafft so auf narratologischer Ebene einen interessanten Familienroman.
Profile Image for Jenny Witt.
21 reviews9 followers
August 28, 2024
Eine bayerische Kleinstadt in den 90er Jahren, eine Videothek, eine sehr besondere Erzählweise und eine Familie, die ganz langsam auseinanderfällt.

„Im Streit zwischen meinen Eltern über die Spezifikationen einer besonderen Sportlerernährung warf mein Vater meiner Mutter vor, sie würde die Tenniskarriere meines Bruders sabotieren, aus bloßem Egoismus, wie er meinte, weil ihr die Härte des hochklassigen Wettkampfs persönlich fremd sei und sie wohl eher ein friedfertiges, häusliches, gemütlich vom eigenen Speck gewärmtes Familienleben für sich und uns im Sinn habe. Im Verlauf dieses Streits, daran kann ich mich noch sehr gut erinnern, weil ich den völlig unerwarteten Stich, den mir diese Aussage versetzte, auch heute noch ganz deutlich zu spüren meine, deutete mein Vater einmal auf mich und fragte meine Mutter, ob sie denn zwei Kinder haben wolle, die so aussehen. Er hat sich später allerdings, wenn auch wahrscheinlich von meiner Mutter dazu aufgefordert, bei mir entschuldigt und gesagt, er habe es nicht so gemeint.“

‚Videotime‘ ist eine berührende, schonungslose, „gewöhnlich unglückliche“ Familiengeschichte. Anhand von gegenwärtigen Beobachtungen und Rückblicken des Ich-Erzählers taucht Roman Ehrlich tief in das abgründige Geflecht eines Familienlebens ein und lässt uns auf beeindruckende Weise eine schmerzhafte Kollision von Fantasie und Realität erleben. Es begegnen uns Filme, die sich zwischen Himmel und Hölle bewegen – zwischen realen und fantastischen Erinnerungen, in Träumen und am helllichten Tag. Diese Filme prallen hart auf den Alltag der Kindheit des Erzählers und hinterlassen dabei ein Gefühl von Verlorenheit und Sehnsucht.

Videotime findet in zwei zeitlich um die Dauer des Erwachsenwerdens des Ich-Erzählers getrennten Erzählsträngen statt. Der Ich-Erzähler als junger Mann, der zurückkehrt auf den Parkplatz der Videothek, die er früher mit seinem Vater besuchte. Eigentlich auf dem Weg zurück in die Wohnung seines Vaters geht er dabei alle willkommenen Umwege an früher bedeutenden Orten vorbei und bemerkt, dass nichts mehr ist, wie es einst schien. Rückblickend reflektiert er Geschehnisse aus seiner Kindheit, immer eng verschränkt mit Filmen, die er damals mit und ohne das Einverständnis seiner Eltern gesehen hat.
Das Erlebte im Kindesalter, das durch Rückblicke geschildert wird, - Zurückweisung, Ausgrenzung, Isolation - macht die Geschichte teils schwerer erträglich und gleichzeitig enorm faszinierend: gerade das Miteinander von erzählenden Passagen und reflektierend analytischen Teilen ist herzzerreißend, da erst durch den erwachsenen Erzähler eingeordnet wird, was er in jungen Jahren nur hinnehmen konnte.

Die besondere Stärke des Romans liegt in seiner Fähigkeit, Bilder so scharf und präzise zu zeichnen, dass ich mich als Leserin wie an die Hand genommen durch die Szenerien führen lasse und in die teils skurrilen Elternhäuser der Freunde des Ich-Erzählers abtauche, als wären sie Teil der eigenen Erinnerung und als hätte ich sie selbst betreten. ‚Videotime’ zeichnet sich nicht nur durch seine narrative Tiefe, sondern eben auch durch seinen bildhaften Reichtum aus.
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