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Sobald wir angekommen sind

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Ben Oppenheim balanciert zwischen Ex-Frau, zwei Kindern und seiner Liebe zu Julia. Er hat Rückenschmerzen und Geldsorgen – sein neustes Drehbuch scheint niemanden zu interessieren. Aber was ihn wirklich beunruhigt, ist der Krieg in Osteuropa. Ben fürchtet sich vor einem Atomschlag. Getrieben vom jüdischen Fluchtinstinkt steigt er eines Morgens kurzerhand in ein Flugzeug nach Brasilien. Mitsamt Ex-Frau und Kindern. Doch das Exil fühlt sich an wie ein falscher Familienurlaub – und Julia ist weit weg.

274 pages, Kindle Edition

First published July 24, 2024

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Micha Lewinsky

3 books1 follower

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Displaying 1 - 30 of 36 reviews
Profile Image for Ellinor.
805 reviews377 followers
August 27, 2024
Manchmal ergibt es sich durch Zufall, dass ich kurz hintereinander Bücher lese, die thematisch ähnlich sind. Im Juli las ich Das Lied des Propheten, ein recht düsteres Buch, in dem eine Familie auch dann nicht fliehen möchte, als ein Bürgerkrieg droht bzw. bereits ausgebrochen ist. In Sobald wir angekommen sind geht es ebenfalls um eine Flucht. Nur dass diese sehr überstürzt ist: eine Familie flieht aus der (sicheren) Schweiz nach Brasilien, weil sie befürchtet, dass durch den Ukrainekrieg ein NATO-Bündnisfall eintreten und somit ein dritter Weltkrieg ausbrechen könnte.
Der Kontrast zwischen beiden Büchern könnte also nicht größer sein. Das gilt auch für die Sprache: Sobald wir angekommen sind ist ein eher heiteres Buch. Micha Lewinsky amüsiert sich ein wenig über seinen Protagonisten Ben. Dieser ist ein relativ erfolgloser (Drehbuch-)Autor, seine Ehe ist am Ende, auch mit seiner Geliebten läuft es nicht ganz so, wie er das gerne hätte. Nebenbei macht er sich sehr viele Gedanken über alles mögliche, vor allem auch über das jüdisch sein und natürlich über Stefan Zweig. Auf dessen Spuren versucht Ben in Brasilien zu wandeln. Aber selbst das funktioniert nicht wie geplant.
Ich mochte den Humor in diesem Buch wirklich gerne. Nach einiger Zeit ging mir Ben jedoch derart auf die Nerven, dass ich gut verstehen kann, warum seine Frau ihn verlassen hat. Jeder hat so seine Schrullen, doch hier sind sie gepaart mit mangelnder Selbstreflexion ein wenig Zuviel des Guten (wobei Ben sich natürlich ganz anders sieht). Ich habe das Buch insgesamt gerne gelesen, war aber am Ende doch froh, mich von Ben wieder verabschieden zu dürfen.
Profile Image for Wandaviolett.
489 reviews70 followers
August 10, 2024
Kurzmeinung: Der Autor hat gute Anlagen - wenn er weiter schreibt, werden wir wieder gute jüdische Satire bekommen.
JÜDISCHER FLUCHTREFLEX
Micha Lewinsky hat jüdische Wurzeln, nur deshalb kann er es sich erlauben, sich über das Jüdischsein lustig zu machen. Sein Antiheld nennt sich Ben Oppenheim und ist ein hypochondrischer, selbstbezogener, verschlampeter Hallodri, der sich quasi über alles selbst belügt, sich also, trotz krasser Gegenbeweise, für einen tollen Hecht hält. Quasi stündlich ändert er seine Meinung und strapaziert damit seine Umwelt und die Leserschaft. In seinem Leben bekommt er rein gar nichts auf die Kette, das muss er auch nicht, da begüterte Eltern als Sicherheitsnetz fungieren.
„Sobald wir angekommen sind“ rangiert unter tpyischem jüdischen Humor, alldiweil auch diverse jüdische Witze erzählt werden. Jüdischer Witz geht immer haarscharf am gerade noch Erträglichen vorbei und manchmal über das Sagbare hinaus.
Der überspannte Ben, der seine Ehe in den Sand gesetzt hat, schiebt es auf den generationenlang erlernten und vererbten Fluchtreflex, als er Hals über Kopf wegs ein paar schlechter Schlagzeilen in den News in heller Panik Zürich verlässt und quasi „als Flüchtling“ nach Brasilien fliegt, innert einer Stunde oder so sind sie alle weg. Ex-Frau, Kinder, er. Zurück bleibt eine Geliebte und ihr vierjähriger Sohn, der sehr gern „und dann bist du tot“ mit ihm spielte. Selber schuld, wenn sie die Zeichen der Zeit nicht erkennen und in Zürich bleiben. Aber als seine Freundin Julia mit dem Kind nachkommen will, blockt er ab. Als sie den Wunsch, ihm nachzureisen, dann zu früh aufgibt, ist er beleidigt. Sie schätzt ihn also nicht genug, um um ihn zu kämpfen.

Der Kommentar und das Leseerlebnis:
Ich mag Antihelden. Aber tumbe Toren mag ich nicht. Ich mag Kishon als gewitzten Satiriker und mag, wohl dosiert, Charles Lewinsky als großen Erzähler Mag ich auch Micha Lewinsky als Autor?
„Sobald wir angekommen sind“ knüpft eher an Kishons Satire an als an Vater Lewinskys Erzählungen. Ich mag Micha Lewinskys Buch ein bisschen. Zu laut auf die Kacke gehauen für meinen Geschmack. Ben hat mich zuerst amüsiert, dann nur noch genervt. Hypersensibel, wenn es um ihn selber geht, unsensibel, wenn es um die Bedürfnisse anderer geht. Es gibt freilich solche Menschen. Man mache einen Bogen um sie!

Fazit: Amüsiert und genervt. Am Schluss fehlt noch etwas Pfiff und Pfeffer.

Kategorie: Satire
Verlag: Diogenes, 2024

Profile Image for Niclas Grabo.
88 reviews2 followers
October 25, 2024
Mit herausragendem Humor erzählt der Autor die Geschichte eines Mannes, welcher - nicht ganz unfreiwillig - aufgrund seines vermeintlich angeboren Fluchtinstinkts in die Fußstapfen seines Idols tritt.
Nur sind diese Fußstapfen nicht zu groß für die Hauptfigur sondern fühlen sich eher an als ob der Charakter Handschuhe an den Füßen statt Schuhe tragen würde.

Dabei hat Ben - unser Hauptcharakter - nicht nur seine zerbrechende Ehe und die „Last“ einer neuen Freundin zu tragen, er muss sich dabei auch mit seiner eigenen Vergangenheit und seiner mal gewollten und mal ungewollten Rastlosigkeit auseinandersetzen.

Zeitgenössisches werden (ir)rationale Ängste mit einem unverbesserlichen Egomanen, welcher sich stets in der Opferrolle sieht und dabei sein Umfeld ständig falsch einzuschätzen vermag verbunden.

Sprachlich gewitzt und dennoch mit gewisser Sentimentalität verbunden erzählt Micha Lewinsky für mich eine der wichtigsten Geschichten des Jahres, die aktueller nicht sein könnte.

Ohne zu viel vorweg nehmen zu wollen sind die Gespräche mit dem Vater des Hauptcharakters über dessen letzte Ruhestätte sowie der Kampf und den Sitzplatz auf einem Sessel die wohl besten Szenen, die ich dieses Jahr gelesen habe.
Profile Image for Melanie.
526 reviews5 followers
July 26, 2024
"Sobald wir angekommen sind" hat mir wirklich sehr gut gefallen.
Zur Geschichte:
Der Protagonist Ben Oppenheimer ist Ende 40, lebt in Zürich mit seiner Familie im Nestmodell, seine Noch-Ehefrau Marina und er wohnen abwechselnd in der gemeinsamen Wohnung mit den Kindern. Er hat eine jüngere ebenfalls von ihrem Partner getrennt lebende Freundin, Julia, mit 4 jährigem Sohn. Seine Karriere als Schriftsteller und Drehbuchautor stockt schon länger und ihn plagen Rückenschmerzen und Geldsorgen (so steht es auch im Klappentext). Zudem befürchtet er den Ausbruch des 3. Weltkriegs, eine Sorge, die Marina teilt. Sie reisen daher mit den schulpflichtigen (!) Kindern in einer Nacht-und Nebel-Aktion nach Brasilien, um sich vor dem sicherlich bald ausbrechenden Krieg in Sicherheit zu bringen.
Die Geschichte ist ausschließlich aus Bens Sicht geschildert, was für mich manchmal schwer erträglich war, denn Ben ist definitiv kein "Held" oder Sympathieträger. Träge, passiv, ohne Empathie, antriebslos, unorganisiert, unordentlich, vollkommen auf sich bezogen und voller Komplexe regt er mich streckenweise richtig auf und besonders seine Interaktionen mit den Frauen in seinem Leben sind für mich als Frau echt schwer erträglich gewesen.
Mehrmals dachte ich, was ist los mit dir? Reiß dich zusammen und TU ENDLICH mal was, statt immer nur andere Menschen für dich entscheiden zu lassen. Auch seine Einstellung zur Sexualität ist wirklich fragwürdig und ich musste sehr lachen, als Marina ihm an einer Stelle vorwirft, mit ihm sei es wirklich am allerschlechtesten von allen im Bett.
Der Autor schafft es aber, bei mir dennoch Empathie für Ben zu wecken und das liegt daran, wie er geschickt die Gedanken Bens mit seinen Handlungen oder auch Nicht-Handlungen verknüpft. So erinnert sich Ben an seine Kindheit, in der er, immerhin einziges Kind seiner Eltern, von seinen Eltern nur am Rande wahrgenommen wurde und nie nach seinen Gefühlen, Freunden usw gefragt wurde. Er vermutet, dass seine Ex-Frau gerne mehr Aufmerksamkeit von ihm hätte und nimmt Anlauf, ihr eine persönliche Frage zu stellen. Und als sie ihn erwartungsvoll und gespannt anschaut, fragt er - wie sie sein neues Drehbuch findet! Solche Stellen findet man einige im Roman und auch, wenn es eigentlich traurig ist, wie wenig Ben versteht und wie unfähig er sich anstellt - die Lektüre macht das auf jeden Fall sehr unterhaltsam!
Ich würde sagen, Ben ist ein absolut ehrlicher Anti-Held. Er reflektiert durchaus, dass er im Grunde ein Loser ist und sich mitnehmen lässt, statt selbst zu handeln. Sei es, wenn seine Agentin ihm Themen vorgibt, über die er schreiben soll und seine eigenen Ideen abbügelt, sei es, wenn seine Ex-Frau ihn und die Kinder einpackt und sich auf den Weg zum Flughafen macht oder - eine sehr starke Szene! - der Moment, als sein Sohn in Brasilien im Hotelzimmer eine Vogelspinne sieht und Ben als Familienvater sich als Retter sehen möchte, dann aber am Ende alleine auf dem Bett sitzt und zittert, während seine Familie die Spinne beobachtet und eine Hotelmitarbeiterin das Tier mit Insektizid tötet. Auch bei seiner Freundin Julia ist er definitiv der Passive und zu ihrem Sohn, der ihn ablehnt, versucht er nicht mal, eine Beziehung aufzubauen. Sein bester Freund ist derzeit in stationärer Therapie wegen einer Angststörung. Wenn die beiden sich unterhalten, fühlt Ben sich verstanden, wenn er auch immer mal wieder argwöhnt, dass sich verstanden fühlen von einem traumatisierten Angststörungspatienten vielleicht nicht wirklich gut ist. Zu seinen Eltern hat er noch immer keine echte Bindung - er schafft es lange nicht, seinem Vater von der Trennung von Marina und seiner neuen Freundin zu erzählen und seine Mutter ignoriert ihn am Telefon.
Ben fühlt sich irgendwie als Jude, lebt es aber nicht und hat auch seine Kinder nicht mal ansatzweise im jüdischen Glauben erzogen, obwohl seine Frau ebenfalls Jüdin ist. Im "Exil" gibt es dann eine skurrile Szene, in der er mit seinem Sohn in einer Synagoge die Toilette aufsucht und sich schämt, dass sein Sohn nicht beschnitten ist. Auch hier - er erwähnt, dass Marina und er sich bewusst gegen die Beschneidung entschieden haben, aber jetzt zweifelt er wieder daran.

Es gibt so viele gute Stellen in dem Roman, die ich jetzt nicht erwähnen möchte, um nicht zu spoilern. Man muss das wirklich er"lesen", ehrlich, es ist ein Genuss! An vielen Stellen dachte ich daran, wie Ben am Anfang der Geschichte darüber sinniert, dass er keine Komödien schreiben kann, weil ihm die Protagonisten immer Leid tun und er nicht erträgt, wie sie sich lächerlich machen. Und genau das macht der Autor des Romans mit Ben!

Der Schreibstil des Autoren, das muss ich unbedingt hervorstreichen, hat mir wirklich sehr, sehr gut gefallen. Die Sprache ist niveauvoll und sehr gut lesbar und der Aufbau des Textes insgesamt sehr gut gemacht bis hin zu einem für mich sehr guten Ende!

Uneingeschränkte Leseempfehlung für alle, die gerne niveauvolle zeitgenössische Literatur lesen und eine wirklich perfekte Sommerlektüre schon allein aufgrund der Szenen in Brasilien, finde ich.
Profile Image for Ulrike Sikorski.
124 reviews2 followers
April 4, 2026
Ben Oppenheim - „Aus dem Leben eines Taugenichts“ oder „Verfolgungswahn für Anfänger“.
Alter Falter, ich glaube, ich habe noch nie ein Buch über so einen gottverdammten Lappen gelesen. 🤦🏻‍♀️
104 reviews
August 4, 2024
Die Ängste der Vorfahren leben in den folgenden Generationen fort
Zweitausend Jahre Anfeindung, Hass, Verfolgung und Pogrome hinterlassen deutliche Spuren in einem Volk. Überlegen wir mal, was allein ein Bürgerkrieg in der Seele eines Volkes für Schaden anrichtet, bis das Volk wieder zusammenfindet und das Trauma überwindet. Sei es der Sezessionskrieg in den USA, der Krieg zwischen Bolschewiki und Weißgardisten in Russland, General Francos Krieg gegen seine Landsleute, Pinochets Krieg in Chile gegen Salvador Allende, oder vor ein paar Jahren der syrische Bürgerkrieg, der bis heute andauert. Die Zäsuren die da entstehen sind gewaltig und schwer zu überwinden.
Aber wenn ein ganzes Volk fast zweitausend Jahre unausgesetzt dem Hass der Mitmenschen ausgesetzt ist, wie kann der einzelne Angehörige dieses Volkes das verkraften? Dieses Volk durfte nie sesshaft werden, es musste ständig bereit sein zu fliehen, oft mit dem nackten Leben nur davonkommen. Ende des 13 Jahrhundert wurden die Juden aus England vertrieben, 1492 wurden sie aus Spanien expulsiert, In anderen Ländern durften sie zwar bleiben, waren aber ständig Pogromen, ausgesetzt und mussten sehr hohe Steuern und Abgaben zahlen, um bleiben zu dürfen, so in den deutschen Ländern, Portugal, Russland, Polen, Frankreich, usw. In den meisten Städten durften sie nur in eigenen Vierteln leben, die bei Nacht abgesperrt wurden und die Juden durften sie bei Todesstrafe nicht verlassen, die Ghettos gehen auf diese Viertel zurück. Sie durften nur einige wenige Berufe ausüben, die meisten der Handwerkstätigkeiten waren ihnen untersagt. ,
Und dann kam das 20. Jahrhundert. Hitlers Schergen starteten eine noch nie dagewesene Kampagne der Judenverfolgung und Deportierung. Zu Millionen wurden sie aus ganz Europa zusammen gekarrt und in Viehwaggons in die KZs und Todesfabriken gebracht.
Die Überlebenden und ihre Kindeskinder haben das bis heute noch nicht überwunden. Leider ist das Thema der Judenverfolgung wieder - oder noch immer - so aktuell wie zur Zeit der ersten Pogrome in Nürnberg 1298 oder in Köln 1349.
Ich wiederhole meine Frage: wie kann ein gesamtes Volk, und jeder einzelne Angehörige dieses Volkes das überwinden?
Micha Lewinsky setzt uns mit Benjamin Oppenheim einen einzelnen Vertreter des jüdischen Volkes vor. Der aktuelle Krieg in Europa beunruhigt ihn, lässt ihn nicht zur Ruhe kommen. Aus einem Impuls heraus und als Folge von zwei Kriegsnachrichten flieht er mit Martina und den Kindern nach Brasilien. Ben Oppenheim ist labil, ängstlich, immer bereit zur Flucht, unentschlossen, ich-zentriert, ständig zaudernd und überlegend, voller Angst, das Falsche zu sagen, um dann doch kein Fettnäpfchen auszulassen. So will er seiner Frau Marina mal eine persönliche Frage stellen, nicht weil er wirklich neugierig wäre, sondern um ihr das Gefühl zu geben, gesehen zu werden. Und nach langen Überlegungen, während Martina darauf wartet, ‘Ben beschloss, aufs Ganze zu gehen. Er musste die Frage stellen, die ihm wirklich auf dem Herzen lag: “Wie findest du meine Drehbuchidee?” ‘ (S. 179). Er schafft es einfach nicht, sich auf andere Menschen wirklich einzustellen, sei es Martina, sei es seine Geliebte Julia oder seine Eltern. Er betrachtet alles nur von seiner Sicht aus und welchen Impakt die Taten und Meinungen der anderen auf ihn haben. Manchmal hätte ich ihn schütteln und ihm zurufen können, er solle mit der Nabelschau aufhören und wirklich auf andere Menschen zugehen, die Nähe zulassen. Er will mit seiner Geliebten Julia Schluss machen, aber als sie einwilligt und keine Einwände hat, sondern lapidar sagt: “Dann machen wir halt Schluss” (S. 209) und auflegt, ist er beleidigt. und schreibt ihr eine lange E-mail, “Julia, ich bin traurig und enttäuscht…” (S. 210), weil sie ihn als Trostpflaster instrumentalisiert hatte.
Ben ist ewig auf der Flucht, vor politischen Regressionen, dabei lebt er in der Schweiz, eines der sichersten Länder Europas und vor seinen Mitmenschen. Er steht sich selbst im Weg, kann einen einmal gefassten Entschluss nicht halten, überlegt, verwirft, ändert, tritt die Flucht nach vorn oder nach hinten an. Aber er kann nicht auf der Stelle bleiben.
Sein Sohn Moritz hat nächtliche Alpträume mit Monstern, obwohl er nie welche gesehen hat oder je in bedrohliche Situationen geraten war. Ich frage mich, was von den vielen Phobien des Vaters da auf den Sohn vererbt wurde? Bens Verhalten verstört Moritz: ’ “Ich habe Angst", sagte Moritz. Ben strich ihm übers Haar. “Du hattest doch immer schon Angst.” “Aber nur vor Monstern”, sagte Moritz. “Jetzt habe ich auch Angst vor Menschen.” ‘ (S. 262).
Als der Atomkrieg ausbleibt, beenden Ben und Martina mit den Kindern das brasilianische Abenteuer und kehren in die Schweiz zurück.
Bens Faszination für Stefan Zweig, über den er ein Drehbuch schreiben wollte, findet in Petropolis, in Zweigs Haus sein Ende: “Was suchte er hier eigentlich” (S. 276)
Salcia Landmann hat ein unübertroffenes Buch über den jüdischen Humor geschrieben und darin auch erklärt, wie und welche tiefen Wurzeln dieser besondere Humor hat. Lewinsky wirft ab und zu Pointen und Bemerkungen ins Buch, die Paradebeispiele des jüdischen Witzes sind: ‘Ein Museumswärter kam auf Ben zu. Er schien etwas sagen zu wollen. Vielleicht eine Botschaft des Hausherren? Ein letztes Geheimnis? Er sagte: “É proibido fumar!” ‘ (S. 276)
Profile Image for Dunja Brala.
680 reviews62 followers
October 12, 2024
Wenn das Flucht- Gen von Generation zu Generation weitergegeben wird, kann das bei manchen Menschen, in einer relativ sicheren Gesellschaft, zu merkwürdigen Auswüchsen mutieren. Man folgt dann irgendwann nicht mehr seiner Bestimmung, sondern der Angst.
Ben Oppenheim ist so einer, permanent auf der Suche, ständig auf der Flucht und immer in Angst, von der er gar nicht so genau weiß, wo sie herkommt und wo sie hin will.
Seine Frau hat sich von ihm getrennt und er praktiziert mit ihr wegen der beiden Kindern das „Nestprinzip“. Sie teilen sich weiterhin eine Wohnung allerdings nacheinander und zwischendurch lebt er bei seiner neuen Freundin Julia oder in seinem Schreib-Atelier, wo er an einem Buch über das Leben von Stefan Zweig arbeitet.
Aber nichts will ihm so richtig gelingen und die Welt, scheint für ihn ein einzig großer Escape Room zu sein. Er, als Mensch jüdischen Glaubens, ist immer in „Hab-Acht“ Stellung. Als der Konflikt im Osten Europas zu eskalieren droht, flieht er mit Frau und Kindern nach Brasilien. Julia lässt er zurück und es scheint mit seiner Familie alles auf Neuanfang zu stehen. Doch so einfach ist das nicht.

Micha Lewinsky hat einen Roman voller gut gezeichneter Charaktere verfasst, in der die Hauptfigur aus Mosaiksteinchen zusammengesetzt scheint, die jeden Moment auseinanderzubrechen drohen. In Ben manifestiert sich ein transgenerationales Trauma, das durch ein unaufmerksames Elternhaus und überzogene gesellschaftliche Ansprüche verstärkt, in seinem Selbstbewusstsein breitmacht. Er läuft mit geschärftem Blick und gespitzten Ohren durchs Leben, immer auf der Suche nach jemandem, der ihn klein macht, ansteckt (großer Hypochonder!), oder angewidert von ihm weg dreht. Seine zukünftige Exfrau scheint in ähnlichen Gewässern zu schwimmen, und die beiden wirken wie Magnete, die sich anziehen, aber im letzten Moment dreht einer von Ihnen den Pol herum, und sie stoßen sich voneinander wieder ab. Recife in Brasilien ist dabei der Place to be und dient als exotische Kulisse, nicht mehr und nicht weniger. Hauptsache weit weg von zu Hause und ein bisschen näher dran an Stefan Zweig.
Auch die Kinder Rosa und Moritz gehören dazu, übernehmen aber nur die Rolle des Kitts, der die Eltern mehr schlecht als recht zusammenhält. Dabei gibt es ein paar kluge Dialoge mit den Nachkommen, genauso wie mit dem Vater von Ben, der seinem Sohn ein Buch über Rassenideologie in die Hände drückt und unkommentiert lässt.
Lewinskiy spickt seinen Roman mit vielen Anekdoten, verwebt ihn mit einem ganz besonders feinen Humor, der mir sich leise heran schleicht um mir, dann unerwartet lautes Lachen zu entlocken. Der Autor kommt immer wieder mit Tiefgang zum Ursprung Thema zurück - „Wer bin ich?“ „Warum bin ich?“ und „Wo will ich hin?“
Mir hat das Ende ganz besonders gut gefallen und der nicht immer so sympathische Protagonist gewinnt auf einmal an Format, das ihm vorher verloren gegangen, oder nie ein Teil seiner Persönlichkeit war.
Ein feiner, kleiner Roman der eine Geschichte über die jüdische Identität einer Generation erzählt, die die Shoa nur aus den Erinnerungen Anderer kennt und trotzdem ein Teil von ihr ist, und der das männliche Selbstverständnis in seiner heutigen Ambivalenz deutlich macht.
Profile Image for Lotte Woess.
Author 3 books10 followers
July 24, 2024
Im Mittelpunkt des Buches steht Ben Oppenheim, ein Mann mittleren Alters und jüdischer Abstammung, der in der Schweiz lebt. Er ist Autor, hat jedoch nach einem erfolgreichen Erstling nichts mehr zustande gebracht. Er arbeitet an einem Drehbuch über Stefan Zweig, den im 20. Jahrhundert freiwillig aus dem Leben geschiedenen Schriftsteller, von dem Ben regelrecht fasziniert ist. Sein Privatleben spielt sich zwischen seinen Kindern, die er in einem Nestprinzip abwechslungsweise mit seiner Ex Marina betreut, und seiner neuen Freundin Julia, deren vierjähriger Sohn Prince ihn ablehnt. Zudem hat er noch seinen Freund Joachim, der wegen Depressionen in der Psychiatrie behandelt wird.
Bens Ängste führen dazu, dass er bei Ausbruch des Ukrainekriegs fest an den Dritten Weltkrieg glaubt und daher mit den Kindern und Marina nach Brasilien fliegt, weil auch sein Idol Stefan Zweig dort Zuflucht gefunden hat. Wollen sie für immer dortbleiben?

Der Autor hat eine wortgewandt niveauvolle Sprache, die es mir leichtmachte, sofort mittendrin im Geschehen zu sein. Mit einem Augenzwinkern werden historische Tatsachen erwähnt über die Ben resümiert. Die Figur Ben ist ein von ihren Ängsten getriebener Mann, der mir oft vorkam, wie ein Schiff ohne Anker. Dies zeigt sich in allen seinen Handlungen und Gedanken, an denen man reichlich teilhaben darf. Der Roman ist ausschließlich aus Bens Perspektive in der dritten Person geschrieben und manchmal wollte ich ihm einfach mal einen Schubs geben in seiner Unentschlossenheit. Die Geschichte lebt durch die starken Charaktere, wie ein Film, bei dem sämtliche Figuren bis in die kleinste Nebenrolle mit erstklassigen Schauspielerinnen und Schauspielern besetzt sind. Dass die Lesenden alles nur durch Bens Augen sehen können, hatte für mich einen speziellen Reiz, weil seine Einschätzung nicht unbedingt die richtige sein muss. Ben liebt seine Kinder und möchte irgendwie zu seiner Frau zurück, die widersprüchliche Signale sendet. Freundin Julia stärkt sein Selbstwertgefühl, das von Prince wieder niedergemacht wird, er kommt jedoch nicht auf die Idee, sich um den Jungen auf irgendeine Art zu bemühen. Es sind herrliche Szenen mit Joachim und ihm, der die Weltsituation in gleicher Weise negativ sieht. Auch seine Agentin Ute hatte ich sofort vor Augen, die zuerst über Banalitäten spricht, ehe sie zum Punkt kommt. Ebenfalls eine interessante Persönlichkeit ist Bens Vater Jacques, ein steinreicher Unternehmer. Sein Ärger darüber, dass ein »russischer Rohstoffhändler« nun seinen Platz am Friedhof erhalten würde, und dass er nun erwägt, sich lieber in einer anderen Stadt beerdigen zu lassen, war köstlich zu lesen. Die beste Szene war für mich zwischen einem Deutschen und Ben, die sich um einen Stuhl streiten und der auf ungewöhnliche Weise beendet wird.
Ein wortgewaltiges Buch, mit zahlreichen tiefsinnigen Gedanken, das ich sehr gern weiterempfehle.
711 reviews13 followers
July 30, 2024
Fluchtinstinkt und Weltschmerz

Als Stadtneurotiker ist Ben Oppenheim, der Protagonist in Micha Lewinskys Roman "Sobald wir angekommen sind" ein naher Verwandter der Figuren aus Woody Allan-Filmen - voller Unsicherheiten, Selbstmitleid, erotischen Verwirrungen und innerer Nabelschau. Allerdings nicht im hektischen New York, sondern im vergleichsweise beschaulichem Zürich. Doch was heißt schon beschaulich? Von Noch-Ehefrau Marina lebt Drehbuchuchautor Ben getrennt, bei seiner neuen Freundin Julia ist der kleine Sohn offen feindselig eingestellt, und in Europa herrscht Krieg.

Zwar sind weder Ben noch Marina religiös, Sohn Moritz ist noch nicht mal beschnitten und eine Synagoge haben die Kinder auch noch nicht von innen gesehen - aber das Thema Jüdischkeit und Identitä, Zugehörigkeit und die stets unterschwellige Angst, Opfer von Gewalt zu werden, zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch, allerdings auf durchaus selbstironische Weise.

Denn all die Streitereien um die finanzielle Regelung der bevorstehenden Scheidung sind plötzlich vergessen, als Marina in den frühen Morgenstunden samt Kindern im Taxi vor Bens Atelier auftaucht, mit Flugtickets nach Recife. Mit einer neuen russisch-ukrainischen Eskalation könnte ein Atomschlag folgen, also nichts wie weg!

Damit sieht sich Ben plötzlich in einer Tradition: "Wenn in Regensburg die Schwaben an die Tür klopften, in Odessa die Kosaken oder in Warschau die Nazis, dann stellte sich immer dieselbe Frage: Fliehen oder Kämpfen? Einige Juden mochten sich in der Vergangenheit entschieden haben, zu bleiben und sich zur Wehr zu setzen. In der genetischen Auslese hatten diejenigen, die rasch flohen, meist die besseren Karten gehabt. Und so war Ben eben nicht einfach nur ein singulärer Feigling, der die Beine unter den Arm nahm, sobald er Gefahr witterte. Er war Kind, Enkel und Urenkel von erfolgreich Geflüchteten."

Brasilien als Fluchtort, das ist zwar einerseits der erste verfügbare Flug gewesen. Für Ben, der sich seit Jahren mit dem Autor Stefan Zweig beschäftigt, aber auch eine Möglichkeit, sich dem literarischen Vorbild anzunähern. Nur dass das selbstgewählte Exil ein instagramtauglicher Touristenort ist, gefällt Ben weniger. Seine emotionale Verwirrung hält auch in Brasilien an - soll er einen neuen Versuch mit Marina wagen? Was hält er von Julias Idee, ebenfalls nach Brasilien zu kommen? Und wie kann er das Leben in der vielleicht neuen Heimat überhaupt finanzieren?

Zwischen Selbstmitleid, Weltschmerz und Liebessehnsucht befindet sich Ben auf einer emotionalen Achterbahnfahrt. Dass Autor Lewinsky Drehbuchautor ist, merkt man dem bildhaft geschriebenen Roman durchaus an. Zwischen Hoffen und Scheitern ist dieser tragikomische Roman bei allem ernsten Hintergrund ausgesprochen unterhaltsam.
1,514 reviews8 followers
September 2, 2024
Ein Roman der zum Nachdenken anregt

Klappentext.
Ben Oppenheim balanciert zwischen Ex-Frau, zwei Kindern und seiner Liebe zu Julia. Er hat Rückenschmerzen und Geldsorgen, aber was ihn wirklich ängstigt, ist der Krieg in Osteuropa. Getrieben vom jüdischen Fluchtinstinkt steigt er eines Morgens kurzerhand in ein Flugzeug nach Brasilien. Mitsamt Ex-Frau und Kindern, aber ohne Julia. Im Krisenmodus läuft Ben zur Hochform auf. Nur der Atomkrieg lässt auf sich warten. Ben dämmert, dass er sich ändern muss, wenn sich etwas ändern soll.

„Sobald wir angekommen sind“ ist der Debütroman von Micha Lewinsky.
Der Autor hat schon einige Drehbücher und ein Kinderbuch geschrieben.

Ben Oppenheim ist ein bemerkenswerter Charakter der im Laufe der Geschichte eine große Entwicklung durchlebt.
Im Berufsleben wie auch im Privatleben läuft es zurzeit nicht gut. Von seiner Frau lebt er getrennt. Da es finanziell nicht gut um das Paar bestellt ist, können sie sich keine 2. Wohnung leisten. So ist Ben Montag und Dienstag bei den Kindern und schläft in der gemeinsamen Wohnung, Marina, seine Ex-Frau ist Mittwoch und Donnerstag dran. Die Wochenenden wechseln sie sich ab. Marina hat ein WG Zimmer und Ben hat sein Atelier.
Die Weltsituation und der Krieg in Osteuropa bedrücken Ben sehr. Mit seiner Ex-Frau beschließt, wenn es ernst wird nach Brasilien zu flüchten. Brasilien ist das Land in das Stefan Zweig, sein liebster Autor und sein Vorbild einst geflüchtet ist.
Als der Krieg im Osten eskaliert reisen Ben, Marina und die 2 Kinder nach Brasilien. Seine Freundin lässt Ben in der Schweiz zurück.
In Brasilien erlebt die Familie unbeschwerte Tage. Ben der erst von einem drohenden Atomkrieg überzeugt ist, zweifelt immer mehr, ob die Flucht so sinnvoll war.

Micha Lewinsky erzählt die Geschichte sehr anschaulich. Ich hatte schnell Bilder im Kopf.
Auch die Charaktere sind gut gezeichnet. Ben ist Jude, seine Vorfahren haben einst flüchten müssen. In diesem Roman kann man spüren wie die Angst auch noch in der nachfolgenden Generation steckt. Ein Trauma der Eltern und Großeltern manifestiert sich meist auch in der nächsten Generation. Ben hat die Flucht zwar nicht miterlebt aber immer gespürt was die Ängste aus den Eltern und Großeltern gemacht haben. So ist seine Flucht nach Brasilien vielleicht etwas überstürzt und unüberlegt aber für seine Kinder nimmt er jede Strapaze in Kauf.

Der Schreibstil von Micha Lewinsky ist flüssig und gut verständlich, manchmal fast philosophisch. Mit Humor lockert er die Geschichte immer wieder auf.
Das Thema das, das Buch begleitet ist sehr aktuell. Über Flucht und Migration hört man fast täglich.

„Sobald wir angekommen sind“ ist eine interessante Geschichte mit Humor an den richtigen Stellen. Ich habe das Buch mit Freude gelesen.
11 reviews7 followers
August 5, 2024
Benjamin Oppenheim ist Schriftsteller, der einmal einen Bestseller schrieb und darin nicht mehr anschließen konnte. Er sucht Parallelen zwischen seinem großen Idol Stefan Zweig und seinem eigenen Leben und meint dort viele zu finden. Wie Zweig lebt auch er in Zürich und wie Zweig ist auch er Jude. Den Juden ist nach seinem Verständnis der Fluchtinstinkt in die Gene geschrieben. Juden sind Reisende und wenn es zu Konflikten kommt, dann reisen sie weiter. Während der Krieg in Europa zu eskalieren droht, überlegt Ben, wohin man fliehen kann, wenn der Atomkrieg droht. Zweig floh damals vor den Nazis nach Brasilien und das scheint ihm auch eine vernünftige Idee zu sein. Als der Krieg weiter eskaliert, packt er seine Ehefrau, von der er sich getrennt hat, und seine Kinder ein und flieht nach Brasilien. Seine Freundin mit ihrem Kind lässt er zurück und er findet, sie müsse dafür auch Verständnis haben. Er rettet schließlich seine Familie von der Atombombe. Die Situation ist irgendwie surreal, weil alle anderen ihr Leben weiterleben wie bisher. Die Geschichte ist spannend erzählt und lässt einen immer weiterlesen, weil man wissen will, was eigentlich passiert, wenn auch Ben Oppenheim merkt, dass er überzogen reagiert hat und der gefürchtete Atomkrieg nicht kommt. Bleibt er in Brasilien oder zieht es ihn zurück nach Zürich zu seiner Freundin, die er feige im Stich gelassen hat?
Ben ist ein absolut egozentrischer Charakter. Die Welt dreht sich nur um ihn. Nur schwer kann er nachvollziehen, dass die Verlage und Produzenten sich für seine Schriften nicht interessieren, weil sie den Nerv der Zeit nicht treffen. Er hadert mit der Branche, er hadert mit dem Judentum, er hadert mit seiner familiären Situation und mit seiner Freundin. Er ist ein nerviger Protagonist, den man an manchen Stellen einfach nur schütteln möchte, weil es unfassbar ist, was er denkt und von sich gibt. Er war mir absolut unsympathisch, aber absolut passend für diese Geschichte, denn nur mit solch einer Figur wirkt der Plot glaubhaft. Dieser Protagonist wird mir noch lange im Gedächtnis bleiben.

Eine empfehlenswerte Geschichte.


443 reviews4 followers
September 11, 2024
Wir landen zunächst in Zürich und glauben „nur“ Schaulustige in einer zerrütteten Beziehung zu sein. Zaungast bei Ben und Marina Oppenheimer, die mit dem Nestprinzip ihren gemeinsamen Kindern die bestmögliche Weiterführung ihres bekannten Lebens geben wollen. Aber weit gefehlt. Dies ist nicht nur ein Roman mit einem Protagonisten in der Züricher Bio-Intellektuellen-Bubble sondern auch ein Roman eines generationsübergreifend geprägten Schweizer Juden, der nun mit Kriegsängsten sich seiner Prägung tief im Inneren stellt.
„Er war Kind, Enkel und Urenkel von erfolgreich Geflüchteten.“ wie es auf Seite 87 so treffend heißt.
Hinzu kommt seine Unfähigkeit sich was anderem zu widmen als sich selbst und sich auch sonst in so mancher Situation als Lebensunfähig herausstellt. Ein Mann über den man viel lachen kann und zugleich seufzen.
Also, diese beiden im Jahr 2022 (wenn ich mich hier nicht irre). Getrennt im Nestprinzip und er wieder verbandelt mit einer jüngeren Frau namens Julia. Beides starke Frauen, denen Ben mit schwächelndem Selbstwertgefühl nicht gewachsen ist.
Und nun passiert es, oder Ben und Marina glauben es zu wissen: Der Krieg in der Ukraine droht in einem dritten Weltkrieg zu eskalieren, da Nato-Territorium getroffen wurde. Flucht statt Angriff ist hier der jüdische Instinkt und so, trotz Trennung fliehen Marina & Ben gemeinsam mit den Kindern nach Brasilien.
Ben, von Beruf Drehbuchschreiber ohne Pacht auf die Sonnenseite des Erfolgs, würde gerne einen Film über Stefan Zweig verkaufen, der auch seinerzeit nach Brasilien ins Exil ging. Daher auch viele humorig reflektierte Stellen, wenn Ben sich mit Zweig vergleicht. Spoiler alert: Es ist weitaus weniger romantisch als Ben es sich ausmalte.
Ein Roman voller schwarzem Humor, der mich sehr begeistern konnte. Wenn es da heißt: „Sie wirkte erleichtert, und Ben schöpfte wieder Hoffnung. Noch war Polen nicht verloren. Zum Glück gab es diesen Krieg.“ auf Seite 71. Galgenhumor, der eigenen wahnsinnigen Situation entfliehend.
Dieses Buch gehört gelesen! Mir fallen auch nur wirklich wenige Menschen ein in meiner Bubble, denen ich dieses Buch nicht empfehlen könnte.
Profile Image for Magnolia .
631 reviews3 followers
July 24, 2024
Ben, der Anti-Held

Ben Oppenheim ist eher Anti-Held denn strahlender Sieger. Er ist liebenswert verpeilt, sieht sich immer in der Opferrolle und entzaubert sich dabei immer wieder selbst. Julia ist seine Freundin, seine Geliebte, auch wenn er noch mit Marina verheiratet ist und trotz Trennung mit den beiden Kindern überwiegend in der gemeinsamen Wohnung in Zürich lebt. Für zwei Wohnungen fehlt schlichtweg das nötige Kleingeld. Er lebt vom Schreiben, seit seinem letzten Roman ist jedoch schon einige Zeit verstrichen. Ach ja, Jude ist er auch und als solcher sieht er sich dem nahenden Krieg hilflos ausgeliefert. Nichts wie weg, auch Marina ist dieser Ansicht. Kurzentschlossen kauft sie für die Kinder, für Ben und für sich selbst Flugtickets. Schon heute geht es gen Brasilien. Dabei ist ihm, dem Schriftsteller, Stefan Zweig ein leuchtendes Vorbild, wenngleich er nicht wie dieser im Exil in Petrópolis landet, sondern im nördlich davon gelegenen Recife.

Ben wandelt auf Stefan Zweigs Spuren – was will ein Schriftsteller mehr. Wenn ihm dabei nicht ständig das profane Leben dazwischenkommen würde. Außerdem ist er hin- und hergerissen zwischen seiner Noch-Ehefrau und seiner Geliebten. Er lechzt nach Anerkennung, setzt dabei Prioritäten, die sich viel zu oft als falsch gesetzt erweisen.

Das Buch ist ein Quell aus köstlichen Dialogen, nicht immer witzig für Ben, eher für Außenstehende, für die Leser. Der drohende Atomkrieg ist Thema, genau so das Judentum an sich, wenngleich Ben hier mit allzu großen Wissenslücken glänzt. Sein dominanter Vater, seine kaputte Ehe und die damit einhergehenden prekären Wohnverhältnisse machen seine Situation nicht gerade angenehmer. Und da ist noch Julia, die er zurückgelassen hat. Ben ist ein Getriebener seiner selbst.

„Sobald wir angekommen sind“ ist amüsant zu lesen, das Buch ist trotz des aus Bens Sicht beängstigendem Hintergrundes launig erzählt. Ein gar kurzweiliger, vergnüglicher Lesespaß.
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571 reviews2 followers
July 24, 2024
Ein wenig skurril und dennoch authentisch

„Sobald wir angekommen sind“ ist ein ungewöhnliches Buch des Autors und Filmregisseurs Micha Lewinsky.

Ben Oppenheim fürchtet den Dritten Weltkrieg, hat das Worst-Case-Szenario schon lange im Kopf und nun ist es soweit – denkt er. Als einzigen Ausweg sieht er Brasilien, dem Ziel, dass auch sein Lieblingsautor Stefan Zweig gewählt hat. Zusammen mit seiner Exfrau Marina und den gemeinsamen Kinder Rosa und Moritz will er von Zürich aus dorthin flüchten. Seine neue Freundin Julia mit ihrem Sohn Prince plant er dabei nicht ein. Schließlich handelt es sich um eine Flucht und nicht um einen Urlaub.

Der Schreibstil von Micha Lewinsky liest sich sehr angenehm. Er ist klar, lebendig und amüsant. Tiefgründiges, Gedanken, die nachdenklich machen und leichter hintergründiger Humor wechseln sich ab.
Mit Ben Oppenheim hat der Autor einen eigenwilligen Protagonisten erschaffen, der sich viele Gedanken über die Entwicklung in der Welt macht. Die Handlung beleuchtet ganz alltägliche Begebenheiten und obwohl Bens Gedanken durchaus nachvollziehbar sind, wirkt das ganze Szenario ein wenig skurril.

Thematisch birgt der Roman einiges in sich. Es geht um die jüdischen Wurzeln des Protagonisten und den damit verbundenen Fluchtinstinkt, Ängste, Familie, Selbstfindung, Atomkrieg und vieles mehr.

Ich habe das Buch gerne gelesen, es ist einfach mal etwas Anderes und alles andere als Mainstream.
165 reviews
July 30, 2024
Das Buch „Sobald wir Das Buch „Sobald wir angekommen sind“ von Micha Lewinsky kommt im typischen Stil des Verlags daher. Schlichtes Cover mit dem weißen Rand und ein buntes Bild. Für mich ist das zum einen einfach der Wiedererkennungswert, persönlich finde ich es aber nicht wirklich überzeugend oder ansprechend.

Inhaltlich geht es um Benjamin Oppenheim. Er lebt zusammen mit der von ihm getrennten Frau im Nestmodell, der Kinder zu Liebe. Wirklich zufrieden ist er mit der Situation nicht, denn obwohl er bereits einige Zeit eine neue Freundin hat, wünscht er sich das Familienleben zurück. Gesundheitlich ist er nicht komplett fit, sein Job ist auch nicht das was er sich vorstellt, zudem bringt es nicht ausreichend Geld. Die politische Situation in Osteuropa macht ihm Sorgen. Es ist bereits geklärt, dass er mit seiner Familie fliehen will, sollte Krieg ausbrechen. Nach den kleinsten Anzeichen dieser Entwicklung flieht er nach Brasilien… Jetzt wird es dann kompliziert.

Gut nachvollziehbar ist für mich die Schilderung des Protagonisten Ben. Der Schreibstil ist angenehm zu lesen, lebendig und bisweilen amüsant. Thematisch geht es vorallem um die zerrissene Familie, das Leben als Jude in ständiger Unsicherheit und die Angst vor einer Eskalation in Richtung Atomkrieg.

Ein ganz interessantes Buch, das ich gerne weiterempfehle.
103 reviews
July 31, 2024
Ein typisch schlichtes, jedoch schönes Cover vom Diogenes Verlag. Diese Geschichte hat einen unglaublich ernsten Hintergrund, ist jedoch mit viel Feingefühl und einer Prise Augenzwinkern sehr ansprechend geschrieben. Man kann oftmals Schmunzeln, aber nicht immer, auch empfand ich des Öfteren Mitgefühl. Man merkt, dass der Inhalt von einem jüdischen Autor stammt, natürlich könnte Insiderwissen recherchiert werden, aber die gesamte Erzählweise wäre eine andere.
Der jüdische Hauptprotagonist Benjamin Oppenheim ist eine absolut gelungene Mischung aus einem stets für alles Ausreden Suchenden, dem sein privates Schlamassel langsam, aber stetig über den Kopf wächst und immer (auch in andere Beziehungen) Flüchtenden, wenn es zu viel wird. Und nebst dem Privaten (Finanzielles, Gesundheit und Beziehungsprobleme….) werden ihm auch alle Sorgen dieser Welt (Atomkrieg, Russland/Ukraine …..), die er sich tiefschwarz ständig vor Augen hält, zuviel und er setzt sich mit Familie – ohne Freundin - ab nach Brasilien, um dort sein Leben zu ändern. Dies gelingt jedoch nicht so ganz.
Die Handlung ist absolut kurzweilig und trotz aller Problematiken amüsant geschrieben, dieses Buch ist daher sehr gut für die schönen Sommerabende geeignet, trotzdem muss ich hinzufügen, dass man diese Art von (leicht schwarzem) Humor mögen muss.
Profile Image for Maria.
651 reviews14 followers
August 3, 2024
“Sobald wir angekommen sind” von Micha Lewinsky ist eines der Bücher, bei dem ich nach dem Lesen nicht so recht einordnen kann, ob es mir gefällt oder nicht. Es hat mich ambivalent zurückgelassen, insbeondere aufgrund des wahrlich interessanten Protagonisten Ben Oppenheim.
Ben ist Jude, jedoch nicht sonderlich gläubig, Stefan-Zweig-Fanboy und in meinem Augen unheimlich unsympathisch durch seine Unentschiedenheit und Selbstbezogenheit, durch seinen Wankelmut. Er ist ein Opportunist. Eine spannende Mischung, wobei mir die im Klappentext angedeutete Änderungseinsicht im Buch nicht aufgefallen ist, vielleicht hätte mich das mit ihm versöhnt... Man muss Ben nicht mögen, um den subtilen Humor des Autors zu spüren. Das hat mir gut gefallen und ich beim Buch gehalten. Sprache und Schreibstil harominierten gut und zeichnen ein Setting, das sich auch durch ernste Töne und der Auseinandersetzung mit jüdischer Geschichte auszeichnet. Nebencharaktere blieben mir teils zu eintönig, insbesondere Marina hätte ich mir facettenreicher gewünscht - anbdererseits spiegelt dies, wie Ben sie wahrnimmt, was wiederum an Bens Charaterzeichnung teilhat.
Micha Lewinsky baut einen guten Spannungsbogen, der mich das Buch hat beenden lassen - ich wollte dann doch immer wiessen, wie es weiter geht - nicht ums Bens Willen, sondern wegen der Menschen um ihn herum.
Profile Image for Ritja.
621 reviews
September 15, 2024
Ein erfolgloser jüdischer Drehbuchautor mit Rückenschmerzen sieht in allem und jeden Gefahr. Sein Fluchtinstinkt ist sehr stark ausgeprägt und ihm wohl schon in die Wiege gelegt worden. Der Ukrainekrieg schürt seine Angst immer mehr und so beschließt er mit seinen Kindern und der Ex-Frau aus der neutralen und sicheren Schweiz zu fliehen.

Nach Brasilien. Auf den Spuren von Stefan Zweig.

Wenn Stefan Zweig in Brasilien zurecht kam, dann kann es Ben Oppenheim in Brasilien auch nur gut gehen. Durch die kopflose Flucht hat er einige Dinge nicht beachtet und landet dadurch recht schnell auf dem harten Boden.Der Humor ist deutlich zu erkennen und Micha Lewinsky überspitzt so manche Szene. Trotzdem ging mir Ben Oppenheim mit seinen wirren Gedanken, seiner unreflektierten Art und der Unselbständigkeit nach einigen Seiten auf die Nerven. Einzig die Frauen (Ex-Frau und Freundin) waren für mich der Grund zum Weiterlesen. Zwischen den Zeilen konnte man durchaus auch die traurige Thematik der ewigen Flucht der jüdischen Bevölkerung und der Heimatlosigkeit herauslesen. Das Ende hatte ich herbeigesehnt, da nur die Ironie und die Frauen mich unterhalten haben. Der Abschied von Ben Oppenheim fiel mir dagegen nicht schwer.
Profile Image for Britta.
17 reviews
July 31, 2024
Ich gebe zu, Diogenescover sprechen mich immer an. Auch hier
Aber kommen wir zur Geschichte. Ben geht auf die 50 zu und ist gesegnet mit 2 Kindern , Exfrau Marina und Freundin Julia. Und obwohl er kein religiöses Leben führt, steckt die jüdische Tradition in ihm. Insbesondere die Angst vor Unheil und Verfolgung. Das Leben ist insgesamt schwierig. Finanzsorgen belasten ihn und nach frühem literarischem Ruhm will sich der Erfolg nicht mehr einstellen. Und zu allem Überfluss herrscht auch noch Krieg. Ok, nicht in der Schweiz. Aber irgendwie fast vor der Haustür. Da hilft nur noch die Flucht.
Darin sind sich Ben und seine Exfrau einig. Und während sich Ben noch in der Theorie übt und sich ansonsten besonders gern selbst bemitleidet, organisiert Marina kurzerhand das brasilianische Exil.
Eh er sich versieht, ist er ein Exilant. Doch das Exil bringt nicht nur Sicherheit für die Familie, Ben muss entscheiden, in welche Richtung sein Leben verlaufen soll.
Mich hat die Geschichte begeistert. Ein moderner Roman mit Tiefe, Bezug zu aktuellen Themen und Witz. Von mir aus eine klare Empfehlung

Profile Image for yellowdog.
879 reviews
July 24, 2024
Die Leiden des Ben Oppenheim

Sobald wir angekommen sind ist ein Roman eines Filmemachers und der nutzt auch filmische Elemente. Die Dialoge sind ausgezeichnet. Das Buch wirkt locker wie eine deutsche Filmkomödie, wenn auch mit tragischkomischen Momenten.
Ben Oppenheim ist ein Schweizer Jude, der als Schriftsteller und Drehbuchautor mehr von früheren Ruhm zehrt. Von seiner Frau Marina ist er geschieden, aber da die Situation mit 2 Kindern nicht einfach ist, leben sie noch zusammen. Ben hat aber mit Julia eine neue Freundin.
Beunruhigt vom Krieg in Osteuropa fliehen Ben und Marina mit den Kindern panikartig nach Brasilien, wie es einst Stefan Zweig tat, über den Ben recherchiert und schreibt.
Immer wieder gibt es Annäherungen von Ben zu Martina, dann wieder driften sie gefühlsmäßig auseinander. Ben ist eigentlich ständig in Selbstzweifeln. Mal ist sein Selbstbewusstsein angekratzt, dann wieder wirkt er überheblich.
Es gibt viele komische, sogar witzige Episoden. Das Buch ist sehr unterhaltend und geradezu ein Meisterwerk der Ironie.
2,376 reviews14 followers
July 25, 2024
Zum Inhalt:
Ben und Marina sind getrennt, kümmern sich aber regelmäßig um die beiden Kinder im Nestprinzip und Ben liebt seine Freundin Julia. Ben ängstigt sich über den Krieg in Osteuropa, ist gesundheitlich nicht fit und hat Geldsorgen. Eines Tages flüchten Marina und Ben mit den Kindern nach Brasilien, Julia bleibt zurück.
Meine Meinung:
Die Geschichte hat was. Gerade Ben ist als Protagonist in seiner Art irgendwie verschroben aber dadurch auch irgendwie liebenswert. Man fragt sich auch, wie man wohl als Freundin damit umgeht, wenn der Freund mit Kindern und getrennter Frau in ein weit entferntes Land flieht ohne einen in Kenntnis zu setzen oder gar mitzunehmen. Ben und Marina sind immer wieder hin und her gerissen zwischen Trennung oder möglichem Neubeginn. Ben reflektiert immer wieder sein Leben, kommt aber nie so wirklichen vom Fleck, weiß aber dass er etwas ändern muss. Das Buch ist äußerst unterhaltsam, auch wenn man mitunter den Faden verliert, weil die Geschichte schon auch sehr springt, insgesamt aber gute Unterhaltung ist.
Fazit:
Unterhaltsam
Profile Image for Joanna.
14 reviews
August 4, 2024
Durch dieses Buch habe ich ein neues Lieblingsgenre entdeckt!

Angefangen mit der Optik, ich habe mich in dieser Ausgabe verliebt! Das Bild auf dem Cover passt sich der Thematik des Buches an. Das Cover an sich gibt ein tolles Handgefühl, sogar das Papier ist hochwertig.

Der Schreibstill, welches der Autor verwendet hat, war fesselnd, nicht langweilig, auch wenn es um ernste Themen ging.

Die Figur von Ben hatte einiges mit mir zu tun, obwohl ich einige Jahre junger bin, konnte ich mich sehr gut in seiner Gefühlslage versetzten und somit seine Handlungen besser nachvollziehen können. Ich habe noch nie so viele Zitaten eingemerkt, wie in diesem Buch!

Wenn man sich bisschen mit dem Autor auseinandersetzt, bekommt man das Gefühl, dass er in der Rolle von Ben, auch seine Erlebnisse und Gefühle beschrieben hat.

Das Buch gibt gut die Probleme wieder, die viele Menschen an einem Punkt im Leben entweder schon erleben oder erleben werden.

Das Buch beinhaltete einige lustige Momente, die die angespannte Situationen auflockerten.
Profile Image for Julie Aha.
53 reviews1 follower
July 30, 2024
Die Story hat mir grundsätzlich gut gefallen, die jüdische Perspektive war sehr interessant und ich mochte den Humor.

Schwer getan habe ich mich allerdings mit der Figur von Ben - selten einen wehleidigeren Protagonisten erlebt. Nicht in Bezug auf das Thema Krieg, Flucht usw, sondern in Beziehung zu seinen Mitmenschen, gepaart mit einer tiefen Egozentrik, die er leider nicht wahrnimmt. Ist das die „old (white?) men fragility“ oder übersehe ich da was? Er und sein Schaffen haben mich stark an unzählige Bücher von männlichen (klassischen) Autoren erinnert, die ihre Perspektive für einzigartig, überlegen und unbedingt erzählenswert erachten. War das eine Parodie auf ebendiese? Es erschließt sich mir leider nicht ganz, wo genau die Geschichte hin will - zumal Ben für mein Empfinden nur einen minimalen Erkenntnisprozess durchläuft.

Bin offen für weitere Perspektiven & Diskussion in den Kommentaren!
Profile Image for Anne Dietrich.
219 reviews
August 2, 2024
Ungewöhnlich

Ängste sind in der heutigen Zeit nichts Ungewöhnliches. Benjamin Oppenheim lebt in Zürich und hat Angst vor dem Dritten Weltkrieg. Aber er hat nicht nur einfach Angst, er hat sich auch entsprechend vorbereitet. Er will mit seiner Ehefrau, von der er inzwischen getrennt lebt, und den beiden gemeinsamen Kindern nach Südamerika. Wobei die beiden nicht wirklich getrennt leben, sondern weiterhin beide in der gemeinsamen Wohnung, aber sich immer nur einer dort aufhält. Benn hat diese Lebensform das Nestprinzip getauft.
Ich denke, dass inzwischen deutlich geworden ist, dass es sich um einen Roman mit außergewöhnlicher Handlung handelt.
Der Plot ist interessant, irgendwie auch spannend und obwohl er der Fantasie des Autors entsprungen ist erstaunlich aktuell. Er passt in unsere Zeit mit ihren Unsicherheiten und Unwägbarkeiten. Mir gefielen die Dynamik und Dialoge. Er hatte trotz des bedrohlichen Hintergrundes etwas Erfrischendes.
28 reviews1 follower
September 1, 2024
Das Buch hat mir aufgrund des Coverbildes sofort gefallen, welches erstmal nicht zur Geschichte passte - dann aber doch.
Micha Lewinsky hat mit seinem Roman 'Sobald wir angekommen sind' einen tollen Roman geschrieben, der mich aber so manche Nerven kostete.

In dem Roman geht es um einen Mann, Familienvater, mit seiner Exfrau noch zusammenlebend, dennoch schon eine neue Liebe verfolgend. Er hat stetig Angst vor dem Ausbruch eines Weltkrieges und fliegt letzten Endes mit seiner Exfrau und Kind nach Brasilien. Der Roman erzählt dabei die Geschichte und vor allem die Überlegungen sehr detailliert, auch die Dialoge sind sehr verständlich niedergeschrieben. Der Leser bekommt hautnah mit, wie unentschlossen, zerissen und verloren man sich ggf im Leben fühlen kann - dem Hauptcharakter fiel es schwer sich zu entscheiden, seinem Bauchgefühl nachzugehen und letzten Endes eine klare Meinung zu haben.
Profile Image for Hannah.
110 reviews11 followers
September 4, 2024
In "Sobald wir angekommen sind" von Micha Lewinsky begleiten wir Ben Oppenheim, der gemeinsam mit seiner Ex-Frau und den gemeinsamen Kindern vor einem Krieg fliehen, der sich im Osten Europas anzubahnen droht.
Der Protagonist ist mir sehr unsympathisch, er wirkt, als ob er mitten in der Midlife-Crisis steckt. Die ganze Welt versteht ihn nicht, er ist nie Schuld und alles ist unfair.
Die Grundprämisse hat mir nicht schlecht gefallen, aber meine Abneigung gegenüber Ben Oppenheim hat mir das Buch etwas vermiest.
Die anderen Personen in der Geschichte waren mir deutlich sympathischer und über diese Personen hätte ich gerne mehr gelesen.
Gut hat mir allerdings der Schreibstil gefallen. Er ist gut zu verstehen, leicht zu lesen und packt einen. Der gewisse Witz der immer dabei ist, verbirgt nicht die Ernsthaftigkeit, die die ganze Thematik des Buches mit sich bringt
Profile Image for Pepi.
14 reviews3 followers
April 6, 2026
3 1/2 Sterne würde ich gerne vergeben

Tragikomische Geschichte, man bekommt ein Verständnis für innerjüdische Narrative, die zugleich schmunzelnd aufs Korn genommen werden. Ich habe einige Male herzhaft gelacht, es gibt herrliche Passagen im Buch, in denen man sich auch selbst mit den eigenen Unsicherheiten und Ängsten erwischt, mit denen auch die Hauptfigur sich herumschlägt. Eine Hauptfigur, mit deren Denken man nicht immer einverstanden ist, an der man sich reiben kann, mit der man ins Zwiegespräch gehen kann, das mag ich besonders gerne.
Leider gibt es 1-2 Passagen im Buch, die ich eher trashic und albern fand, die Hauptfigur auf Drogen zum Beispiel hat eher an billige deutsche Sonntagnachmittag-Familienkomödien erinnert und passte igendwie nicht zum sonstigen Humor des Buches.
Möchte trotzdem mehr von diesem Autor lesen :)
Profile Image for Andreas Riedl.
143 reviews1 follower
August 12, 2024
Überraschend rund und überzeugend

Da hat Micha Lewinsky einen rausgehauen. Bei Olympia entspräche sein Roman einer überraschenden Goldmedaille. Die große Qualität dieses Romans liegt an den Figuren und deren inneren Zerrissenheit. Die inneren Konflikte der Hauptfigur Benjamin Oppenheim sind schmerzhaft mitfühlbar. Auch bei seinen Mitstreiter:innen in diesem Entwicklungsroman wird klar, dass sie sich diversen inneren Zwängen und Widersprüchen gegenüber sehen. Dies bettet Lewinsky in eine spannende, aber nicht überbordende Handlung, die mit genau der richtigen Erzählgeschwindigkeit daherkommt. Es geht voran, aber auch nicht zu schnell. Und ja, es kommt noch besser: Lewinsky hat das Ganze zudem mit Meta-Elementen hinterlegt, die der Story das nötige Glitzern geben und bereichern. Fertig ist der Fünf-Sterne Roman und von mir gibt es eine klare Empfehlung.
Profile Image for Bruno Laschet.
730 reviews22 followers
April 11, 2026
Ben lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in der Schweiz. Er hat nebenbei noch eine geheime Geliebte. Er ist ist Jude und das führt dazu, dass beim Ausbruch des Ukraine-Krieges er nur noch an Flucht denkt. Er sieht alles nur noch schwarz und will weit weg. Die Familie ist in Gefahr und so flüchten sie kurz entschlossen nach Brasilien. Er merkt aber bald, dass er etwas überreagiert hat. Bleiben oder heimkehren? Weiter mit Frau und Familie oder mit der Freundin? Ben denkt viel und entscheidet wenig. Leichte und lustige Unterhaltung...
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