Angesichts der neuen Konjunktur von Ultranationalismen auch in Europa und einer wachsenden Zahl von Ländern weltweit arbeitet der Philosoph Jason Stanley aus einer historischen wie gegenwärtigen Doppelperspektive die allgemeinen Muster und Rhetoriken, die Stoffe und Mythen des Faschismus heraus. Stanley ist sich Nur wenn wir faschistische Politik erkennen, können wir ihren schädlichsten Auswirkungen widerstehen und zu demokratischen Idealen zurückkehren.
Was diese bemerkenswert vielschichtige, fundierte und argumentativ überzeugende Studie auszeichnet, ist ihr dezidiert praktischer Ansatz, der nationalstaatliches Agieren auf seinen Faschismusgehalt hin überprüft.
Im Zentrum steht daher nicht die staatstheoretische oder geschichtsphilosophische Auseinandersetzung mit einem sich immer weiter verbreitenden Phänomen. Im Kern geht es um die Identifikation faschistischer Herrschaftsmechanismen in nationalstaatlichen Systemen und Organisationsstrukturen, gesellschaftlichen Handlungsorientierungen und politischen Ordnungsgefügen.
Faschismus innerhalb nationalstaatlicher Strukturen funktioniert:
als Evozierung einer mythischen Vergangenheit – die es zwar nie gegeben hat, die als positiver Gegenentwurf zu einer vorgeblich defizitären Gegenwart aber permanent aufgerufen wird
als Propaganda – die Faktizität und rationalen Diskurs delegitimiert
als Antiintellektualismus – dessen Gegenteil insbesondere im universitären und öffentlichen Bereich als antagonistisches System verstanden wird und das eine Kluft zwischen Stadt und Land, zwischen „uns“ und „denen“ erzeugt
als Unwirklichkeit – die im Postulat subjektiver Fakteninterpretation die Grenze zwischen Evidenz und Uneindeutigkeit verwischt und in epistemologischer Beliebigkeit mündet
als Hierarchie – die auf eine häufig kultisch verehrte Führerfigur ausgerichtet ist und dieser die Fähigkeit übergeordneter, prognostischer Erkenntnis der gesellschaftlichen, politischen, ökonomischen und kulturellen Realität zuschreibt
als Opferrolle – die infolge der Agitation von Minderheitsgruppen als Unterdrückung der Mehrheitsgesellschaft behauptet wird
als Rekurs auf die Duplizität von Recht und Ordnung – deren Umsetzung sich häufig in der Inhaftierung und/oder gewaltsamen Ausschaltung politischer Gegner manifestiert
als Erzeugen von sexuellen Ängsten – die einen Zustand moralischer Zügellosigkeit postulieren und die völkische Normierung von Geburtenzahlen fördern
als Metapher von Sodom und Gomorrha – die globale Migration ausschließlich als Auflösung bestehender gesellschaftlicher Strukturen beschreibt
als zynische Behauptung „Arbeit macht frei“ – die menschliche Wertigkeit auf die Befähigung und die Bereitschaft zur Ausübung gesellschaftlich relevanter Arbeit reduziert
als Emotionsgenerator – der sachliches Urteilen auslöscht
“Mit der Normalisierung wird das moralisch Außergewöhnliche in das Gewöhnliche verwandelt. Sie versetzt uns in die Lage, das zu tolerieren, was einst unerträglich war, indem sie den Anschein erweckt, dass die Dinge schon immer so gewesen sind. Hingegen hat das Wort „faschistisch“ die Anmutung des Extremen angenommen und funktioniert wie eine Art Alarmruf. […] Schließlich bedeutet der Begriff, dass die Leute heraufziehende ideologisch extreme Zustände nicht mehr als solche erkennen, weil sie normal geworden sind.“
Das Kapitel „Arbeit macht frei“ über den faschistischen Leistungsbegriff fand ich sehr eindrücklich.
An manchen Stellen im Buch hat mich allerdings die theoretisch nicht fundierte antithetische Gegenüberstellung von Faschismus vs. Liberalismus gestört. Hier schien Stanley sich mehr mit einer Kritik der Form als der Inhalte zu befassen. Zur theoretischen Vertiefung empfehle ich Spätfaschismus: Rassismus, Kapitalismus und autoritäre Krisenpolitik von Alberto Toscano.
Wieder ein super interessantes Buch. Es wurde 2018 veröffentlicht und der Autor spricht darüber, wie Trump ein Glück nur einmal zum Präsidenten gewählt wurde und wie man sich nicht vorstellen kann was mit der Demokratie passieren würde wenn er ein zweites Mal gewählt würde. Well... ☠️ Oh und Pizzagate wurde erwähnt als "Verschwörungstheorie" an der offensichtlich nichts dran war. Es hittet different, weil mit den Release der Epstein files sehr deutlich wurde dass Pizzagate sehr wohl echt war. Was mein Herz bricht.